Migration und Integration in Thüringen: Für ein gelingendes Miteinander

ZdK-Thema des Monats Februar 2024

„Zukunft hat der Mensch des Friedens“ heißt das Leitwort des 103. Deutschen Katholikentags, der vom 29. Mai bis 2. Juni in Erfurt stattfindet. Wie geht ein „Mensch des Friedens“ mit der aktuellen Migrations- und Integrationsdebatte in Deutschland um? Die Herausforderungen des Alltags sind gerade in den Kommunen spürbar. „Als Referentin des Caritasverbandes für das Bistum Erfurt im Bereich Migration und Integration erlebe ich die Debatte hautnah“, sagt Sabine-Maria Kuchta. „Aber ich erlebe auch die konkreten Bedürfnisse der Menschen.“

Im Thüringer Integrationskonzept von 2017 mit dem Untertitel „Für ein gutes Miteinander“ ist formuliert: „Wir wissen um die wertvolle Freiheit in unserem Land, die uns ein Leben in Würde ermöglicht, und sehen es auch angesichts unserer wechsel- und leidvollen Geschichte als unsere ethische und mitmenschliche Verantwortung an, anderen Menschen in Not zu helfen. … Hilfe [darf sich] nicht auf humanitäre Leistungen beschränken. Wir wollen mit diesen Menschen…unser Leben in Thüringen gemeinsam gestalten.“[1]

Dem können sich Kirche und Caritas uneingeschränkt anschließen. Aber was bedeutet es konkret, das Leben in Thüringen gemeinsam zu gestalten?  Im Jahr 2023 stieg die Zahl der Migrant*innen in Thüringen im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der Asylsuchenden stieg um zwanzig Prozent auf 8100 Menschen, wobei die Hälfte dieser Personengruppe aus Syrien und Afghanistan stammt. Die Zahl der aus der Ukraine geflohenen Menschen lag mit 8400 jedoch unter den Zugangszahlen vom Vorjahr.

Insgesamt gelangten sowohl die Erstaufnahmestelle in Suhl als auch die Kommunen in der Unterbringung von Geflüchteten an ihre Kapazitäts- und Belastungsgrenzen. Dies führte in mehreren Landkreisen zu einem Aufnahmestopp. Die Folge waren längere Wartezeiten auf Termine in Ausländerbehörden und weiteren relevanten Anlaufstellen. Der einzelne Mensch geriet damit immer weiter aus dem Blick. Und das Integrationskonzept? Sollen nicht alle Menschen gesehen werden?

Das Leben in Thüringen gemeinsam zu gestalten, machen sich Kirche und Caritas zur Aufgabe. Für uns ist klar: Die Grundversorgung reicht nicht, um Leben und Lebenswelten zu gestalten. Unsere Beratungsdienste gehen darüber hinaus. Nicht nur Hauptamtliche, sondern auch Freiwillige kümmern sich konkret um die Menschen, die Hilfe brauchen. Flüchtlingshilfe integriert dabei die Unterstützung für jene, die Geflüchtete unterstützen. Und auch dies ist Teil unserer Arbeit: denen Antworten zu geben, die die Haltung von Caritas und Kirche hinterfragen.

Es gibt nicht wenige Menschen, die grundsätzlich bezweifeln, dass Geflüchtete in die bestehende Gesellschaft hineingenommen werden sollen und können. Was ist mit dem Teil der Bevölkerung, der so denkt? In der täglichen Arbeit brauche ich eine klare Haltung, damit ich auf diese Kritik antworten kann.

Die, die zu uns gekommen sind, sind Fremde. Fremdes verunsichert, Fremdes fasziniert. Es kann Angst machen – aber auch Räume eröffnen. Viele Räume bestehen bereits seit mehreren Jahren: reguläre Beratungsdienste, Unterstützerkreise, Begegnungscafés, die Raum zum Kennenlernen und zum Austausch geben. Jenen, die geöffnete Räume nicht betreten und Menschen, die ankommen, unter keinen Umständen entgegenkommen möchten, sage ich: Das Evangelium fordert heraus, Stellung zu beziehen, sich für Fremde einzusetzen. Christ*innen sind aufgefordert, den Anderen als Menschen anzusehen, ihn in seiner Würde und Einzigartigkeit anzunehmen und ihn in ein Miteinander hineinzunehmen: Mit-Einander.

Auch beim Katholikentag in Erfurt wird es Berührungspunkte mit diesem Themen geben. Hier kann gezeigt werden, dass ein gelingendes Miteinander möglich ist. Vor, während und nach dem Katholikentag braucht es aber mehr. Es braucht Kirchengemeinden, die das Gespräch mit jenen suchen, die Bedenken haben – und immerhin zum Dialog bereit sind. Gesprächsangebote müssen ausgebaut werden. Es kann in solchen Gesprächen deutlich werden, dass die Sorge für Geflüchtete eine gottesgebotene und im Glauben begründete Verantwortung ist. Wir kommen an einer christlichen Haltung nicht vorbei. Gerade jetzt. Gerade, weil wir dafür angegangen werden.

Sabine-Maria Kuchta (44), katholische Theologin, Referentin für Migration und Integration im Caritasverband für das Bistum Erfurt e.V., engagiert sich seit vielen Jahren für Migrant*innen. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Katholikenrats im Bistum Erfurt und Mitglied der Katholikentagsleitung.

 

[1] https://justiz.thueringen.de/fileadmin/TMMJV/Service/publikationen/IntergrationskonzeptFINAL.pdf, 12.01.2024.

 

Haben Sie Fragen?

Telefon: +49 (0) 30 166380-630
E-Mail: presse(at)zdk.de

keyboard_arrow_up