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St. Raphael war nur der Anfang

Hunderten von Kirchenbauten droht Verkauf oder Abriss


Abriss und Umnutzung von Kirchenbauten sind inzwischen Alltag. Ein großes Kirchen- sterben sind Bauten der sechziger Jahre. Was kann getan werden um das Wegbrechen ganzer Kulturschichten zu verhindern?

Als im Frühsommer die Bagger St. Raphael, den einzigen Berliner Sakralbau des großen Kirchenbaumeisters Rudolf Schwarz, niederrissen, ging der Protest durch die deutsche Presse. Die Gemeinde Gatow hatte in Übereinstimmung mit dem Erzbischöflichen Ordinariat das Grundstück samt Kirchensaal, Kapelle und torähnlichem Glockenturm an einen Investor verkauft, der dort einen Supermarkt errichtet. Zum ersten Mal, so schien es, realisierte die allgemeine Öffentlichkeit, was seit Jahren im Gange ist. Orte und Bauten, die das Leben christlicher Gemeinden, aber auch das Gesicht deutscher Kulturlandschaften prägten, sind in Gefahr, verkauft und sogar abgerissen zu werden.

Realität Kirchensterben

Die fatale Entwicklung hat Gründe. Die Zahl der Kirchenmitglieder und Gottesdienstbesucher geht in beiden großen Konfessionen kontinuierlich zurück, die Kirchensteuern ebenso. Die Haushaltslage der Diözesen ist desolat. Pfarrgemeinden werden zusammengelegt, Dienste zurückgefahren, Personal entlassen.

Was die “Handreichung" der Deutschen Bischofskonferenz, die sich vor zwei Jahren mit der Umnutzung von Gotteshäusern beschäftigte, noch als "ultima ratio", als allerletzten Ausweg bezeichnete, entwickelt sich zum fast alltäglichen Fall. Ein großes Kirchensterben hat eingesetzt.

Beispiele

Schon liegt die Abrissgenehmigung für St. Johannes Capristan in Berlin-Tempelhof vor, einen Bau von Reinhard Hofbauer, den bisher die polnische Gemeinde nutzte. Mit St. Agnes in Kreuzberg steht eine weitere Schöpfung der 1960er Jahre auf der Berliner Liste. Das karge Baukunstwerk aus Blöcken und Würfeln hat Werner Düttmann entworfen. In Köln geht das Gerücht, St. Gertrud solle verkauft werden, der Bau, mit dem Gottfried Böhm die gloriose Reihe seiner asymmetrischen Betonfaltwerke begann.

Seine Kirche St. Ursula in Hürth-Kalscheuren wurde bereits profaniert, desgleichen Kirchen von Emil Steffann und Hans Schilling. Steffanns eigenartiger, in eine Häuserzeile gestellter Bau St. Helena in Bonn sollte von einem kulturellen Trägerverein übernommen werden, der bisher nicht zustande kam. Bauten von Josef Lehmbrock und Erwin Schiffer machen den Denkmalpflegern ebensolche Sorgen.

Offene Fragen

Es trifft auch die besten. Die Ruhrdiözese erklärt, sich im Zuge ihrer Sparmaßnahmen von fast einem Drittel ihrer Kirchen trennen zu müssen. Darunter finden sich ein Hauptwerk des deutschen Expressionismus, Heilig Kreuz in Gelsenkirchen-Ückendorf von Josef Franke; die wehrhafte Kirche St. Engelbert in Essen, die Dominikus Böhm in den dreißiger und fünfziger Jahren gebaut hat; und nicht weniger als drei bedeutende Bauten wiederum von Rudolf Schwarz, Heilige Familie in Oberhausen, St. Anna in Duisburg und Heilig Kreuz in Bottrop.

Vorurteile

Viele dieser Kirchen sind auch Opfer von Epochen-Vorurteilen. Gewöhnlich gilt die Regel, eine Generation müsse verstreichen, bevor ein Bauwerk als denkmalwürdig erklärt werden könne. Diese Frist ist im Falle der Bauten aus den sechziger Jahren längst vergangen, ohne dass es ihrer Beurteilung zugute gekommen wäre. Noch immer gelten Produkte dieser Periode - oft Betonkonstruktionen - als brutal, rücksichtslos, lastend. Es wird Zeit sich klarzumachen, dass auch diese Epoche große Architektur hervorgebracht hat. In den Massensiedlungen jener Jahre behaupteten sich die Kirchen mit strenger Selbstgewissheit, boten in ihrer Verschlossenheit aber auchmenschenfreundlichen Schutzraum gegen ihr unwirtliches Umfeld.

Bauwerke dieser Jahre sind in jenes Lebensalter eingetreten, in dem sie - nach langer Vernachlässigung - generalsaniert werden müssen. Wo die Grundstücke der Gemeindezentren in den Vororten und Satellitenstädten reichlich bemessen waren, bedeutet die kommerzielle Vermarktbarkeit der großen Grundstücke eine besondere Verführung. Andererseits entwickelte sich bei manchen Gemeinden Skepsis gegenüber den Raumformen, die im Umfeld des Zweiten Vatikanum entstanden waren. In überkommenen Bautypen hatte sich noch immer eine Nische für den kleinen Werktagsgottesdienst finden lassen, in den allseitig auf den Altar konzentrierten, nachkonziliaren Sakralräumen nicht. Auch Investoren, die profane Umnutzungen im Sinne haben, finden historische oder neohistorische Bauten flexibler als Kirchen der Liturgiereform.

Wegbrechen einer Kulturschicht

Darüber droht eine ganze Kulturschicht wegzubrechen. Verloren geht ein selbstbewusster, manchmal mit Härte auftretender Zeitstil, der sich nach den spielerischen Gefälligkeiten der Wirtschaftswunderjahre entschlossen den Aufgaben einer Massengesellschaft zuwandte. Sakralbau stellte in den späteren fünfziger und in den sechziger Jahren eine leitende Bauaufgabe dar. Fast jeden Sonntag durften die kirchlichen Oberhirten zu einer Kirchweihe fahren. So viel wie damals gebaut wurde, lässt sich heute nicht erhalten. Umso wichtiger ist es, dass endlich die pastoralen, die gemeindlichen und die baukulturellen Argumente in einer offenen Diskussion zusammengeführt, dass überzeugende, einsichtige Kriterien für Bewahrung oder Verzicht gewonnen werden.

Das Problem gehört nicht nur in die Bau- und Kulturgeschichte. Mit jeder Kirche fällt ein Stück Identität des Ortes, geht Erinnerung ihrer Bewohner verloren, büßen Bürger Zeugen ihrer Biografien ein. Darüber zu entscheiden, darf nicht nur Sache von Landeskirchenämtern und Generalvikariaten sein. Erhalt oder Nicht-Erhalt darf nicht davon abhängen, wie gut oder schlecht eine Diözese gewirtschaftet hat. Gefordert sind neben den kirchlichen Behörden Kommunalpolitiker, Stadtplaner, Denkmalpfleger, Gemeindemitglieder, kulturbewusste Bürger.

Nutzungsphantasie

Dass ungenutzte Gotteshäuser nur an Käufer übergehen sollten, die eine würdige Nutzung versprechen, lag auf der Hand; kein Bordell in einem ehemaligen Kirchenraum. Aber bei verschärfter Lage muss man die Kriterien liberaler fassen. So viele Kulturhäuser, Bibliotheken, Konzertsäle und Museen gibt es nicht, wie nötig wären, um die sakralen Inhalte anspruchsvoll zu ersetzen. Schon heute dienen ehemalige Kirchenbauten allen möglichen profanen Zwecken, als Altersheime, Ateliers oder Wohnungen. In der Trierer Abteikirche St. Maximin wird seit einem Jahrzehnt Korbball gespielt und auf dem Barren geturnt: benachbarte Schulen verwenden sie als Turnhalle. Sollen Bauten gerettet werden, muss man sich mit ihrer Profanierung abfinden.

Und mit einer Zukunft auch dort, wo sie der eigenen Tradition widerstreitet. Doch die Leitlinien der Bischofskonferenzen schließen kategorisch die Übergabe überzähliger Kirchen an nichtchristliche Glaubensgemeinschaften aus, an Buddhisten, Hinduisten oder Muslime. Man wird den Eindruck nicht los, dem gekränkten Stolz einer zweitausendjährigen Institution würden ihre eigenen Kulturdenkmäler geopfert. Lieber wird ein Bau preisgegeben als einer anderen Religionsgemeinschaft überlassen. Wären frühere Jahrhunderte ähnlich verfahren, gäbe es heute weder die Hagia Sophia in Istanbul noch die Moschee von Cordoba.

Erinnerung statt Totalverlust

Da nichts mehr ist, wie es war, müssen die Gemeinden lernen, sich auf ihre neue Diaspora-Situation einzulassen: Nur kleine Raumteile noch nutzen, wenn das Ganze nicht mehr zu bewirtschaften ist. Lange Bedenkzeiten bei der Suche nach anderen Nutzungen einräumen; in zehn oder fünfzehn Jahren sieht vieles anders aus. Wenn Nutzungsphantasie und Verhandlungsgeschick auf Dauer nicht fruchten, wäre dann nicht das Ungewohnte zu denken? Und zu handeln, wie frühere Jahrhunderte gehandelt haben? Nämlich ein Bauwerk stillzulegen statt es abzuräumen. Es zu schließen und notdürftig zu sichern. Gelegentlich Wallfahrten zu den aus dem Gebrauch gefallenen Sakralstätten zu organisieren. Notfalls die Natur ihr Werk verrichten zu lassen. Den Verfall planend zu begleiten. Ruinen binden Erinnerung auf lange Zeit. Erinnerung angesichts eines lädierten Bestandes ist allemal besser als der bald vergessene Totalverlust.

Autor: Professor Dr. Wolfgang Pehnt, Architekturhistoriker.
Ausgabe: 11, Jg., Nr. 5, vom 31.10.2005




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