Geheime Anschlüsse: Kirche und soziokulturelle Milieus
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Die kommunikativen Anknüpfungschancen für die katholische Kirche in Deutschland liegen faktisch nicht mehr im generalisierten, insbesondere durch familiale und nachbarschaftliche Kontrolle gestützten Gehorsam, etwa gegenüber den so genannten Kirchengeboten. Immer mehr Kirchenmit- glieder ignorieren sie. Auch kann sich die Kirche immer weniger auf fraglos geglaubte christliche Überzeugungen ihrer Mitglieder verlassen, die, selbst dann, wenn sie regelmäßig sonntags in die Kirche gehen, also rituell kirchennah sind, nicht-christlichen Glaubensvorstellungen huldigen und somit oder auf andere Weise auf der religiösen Überzeugungsdimension kirchenfern sein können.
Selbst ältere Kirchenmitglieder vollziehen diesen Spagat. Somit sind auch die überkommenen eschatologischen Bindungs- und Steuerungskräfte der Kirche stumpf geworden. Sogar Prediger beschweigen Himmel, Hölle, Fegefeuer und darüber die Gerechtigkeit Gottes. 1) Selbst die Kirche als Arbeitgeberin – mit ihrem gern ausgeblendeten, aber durchaus wirksamen sozioökonomisch kalkulativen Band – erfährt in nicht wenigen deutschen Bistümern und Caritasverbänden einen Schrumpfungsprozess, und die Erosion der katholischen Milieus mit ihren fraglosen Traditionsbindungen haben wir schon lange hinter uns. Mit all dem ist zwar Kirche nicht am Ende, aber zweifellos eine bestimmte Sozialgestalt, Kirche zu leben.2)
Neue Verbundenheit suchen
Wenn die alten Bindungs- und Steuerungskräfte nur noch Erinnerungswert haben und sich die Entmächtigung der Kirche nicht nur vom 'Kosmos' zur gesellschaftlichen 'Kommunität', sondern schließlich auch zum 'Körper' vollzog, auf dessen Praktiken und Techniken sie über ihre Moralverkündigung noch Einfluss zu nehmen suchte, 3) dann hat sie neue Formen der Verbundenheit zu entwickeln – in aller Ohnmacht. Gefragt sind deshalb neue Anschlusschancen der kirchlichen Kommunikation der Frohen Botschaft jenseits der Gehorsamserwartung und jenseits des aufgelösten konfessionellen Milieus. Sind nicht an die Stelle der alten weltanschaulichen Milieus neue gesellschaftliche Milieubildungen getreten, deren Kenntnis für die Kirche und ihre Teilorganisationen hilfreich sein kann?
Milieu-Verengung
In den letzten beiden Jahrzehnten hat in den Sozialwissenschaften die Erforschung solcher neuen 'Milieus' an Bedeutung gewonnen - in Erweiterung, wohl nicht Ersetzung von überkommenen Konzepten sozialer Schichtung, die immer weniger 'greifen', weil sich die gesellschaftlichen Strukturen gewandelt haben. 4) Über die katholische Medien Dienstleistungs-Gesellschaft (München) und die Katholische Sozialethische Arbeitsstelle (Hamm) hat eine (bislang noch unveröffentlichte) Studie des Instituts Sinus-Sociovision in Heidelberg, das in der Markt-Erforschung neuer sozialer Milieus führend ist und indirekt an die Arbeiten von Schulze anknüpft, im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz im letzten Jahr speziell sondiert, wie die katholische Kirche neue kommunikative Anschlussmöglichkeiten finden kann. Offensichtlich erfährt sie seit einiger Zeit eine Milieuverengung, ist sie doch – so ein wichtiges Ergebnis - von insgesamt zehn deutlich unterscheidbaren Milieus nur noch in drei Milieus verankert: im Milieu der "Konservativen", der "Traditionsverwurzelten" und der "Bürgerlichen Mitte". Sinus versucht, so heißt es auf der Homepage des Heidelberger Instituts (www.sinus-sociovision.de), "die Menschen nicht als Merkmalsträger, nicht als Typen, nicht primär bezogen auf Produkte, sondern als Menschen" zu sehen, "die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Ähnlichkeiten im Lebensstil können, müssen aber nicht in derselben sozialen Schicht auftreten. An welchen Werten man sich orientiert, was einen interessiert, oder was man schön und hässlich findet, hat in erster Linie mit dem Milieu zu tun, zu dem man gehört." Sinus verspricht (als Motto): "We help you to succeed in a changing world".
Kirchliches "Marketing"
Wie man der graphischen Darstellung der Milieulandschaft (s. letzte Seite) entnehmen kann, die zusammen mit recht detaillierten Beschreibungen der einzelnen Milieus – bis in deren Wohnzimmereinrichtungen hinein - ebenfalls auf der oben genannten Homepage zu finden ist, werden die Sinus-Milieus sowohl nach ihren jeweiligen Wertorientierungen (horizontale Gliederung: A, B, C) als auch nach ihrer Position im sozialen Raum (vertikale Gliederung nach sozialem Status 1,2,3) angeordnet. Die spezifische Qualität des hier verwendeten Milieubegriffs ist somit durch die Verschränkung von objektiven und subjektiven Daseinsmomenten bestimmt. 5)
Für jedes dieser Milieus verfügt die neue – qualitative - Sinus-Studie über ein klares Portrait unter besonderer Berücksichtigung seiner Anschlussfähigkeit für ein 'Marketing' der Kirche und kirchlicher Organisationen in Deutschland. Nach der Beschreibung seiner sozialen Lage (Bildung, Beruf, Einkommen, Generation), seinem vorherrschenden Lebenskonzept, seinem typischen Lebensstil und seinen Freizeit- und Lektüre-Interessen werden das milieuspezifische Kirchenbild entfaltet und solche Momente von Kirche genannt, die im jeweiligen Milieu auf Zustimmung und auf Ablehnung stoßen. Auch die religiösen Gesichter der sozialen Milieus gewinnen Kontur.
Anschluss verloren
Wer die Veröffentlichung der neuen Sinus-Studie nicht abwarten kann, muss nur genau die Homepage des Sinus-Instituts und die bisherigen Veröffentlichungen aus und mittels der Sinus-Milieu-Forschung studieren (zumindest allen Verantwortlichen kirchlicher Bildungsorganisationen sei hier das Werk von Barz/Tippelt 5) empfohlen), um auch so schon zu ahnen, wie und weshalb die oben genannten drei Milieus in Richtung Kirche eher positiv 'ticken'. Die 'Konservativen' als die Repräsentanten des alten Bildungsbürgertums sehen in ihr die Hüterin des Abendlandes und einen Garanten ihres eigenen Status, obwohl sie sich selbst nur selten unter den Gottesdienstbesuchern in der lokalen Kirchengemeinde finden lassen. Diese werden quantitativ am stärksten vom Milieu der sozial weniger gut positionierten 'Traditionsverwurzelten' beschickt, also vom heutigen Kleinbürgertum, das auch Träger der traditionellen Volksfrömmigkeit ist. Das Milieu der 'Bürgerlichen Mitte' ist auch nicht jeden Sonntag kirchlich präsent, aber fragt in seinem kindzentrierten Familialismus punktuell einschlägige Angebote der Kirche nach. Doch dieses Milieu bereits hat zur Kirche ein zwiespältiges Verhältnis, wie Weihbischof Thomas Maria Renz (Rottenburg-Stuttgart) bei einer ersten Vorstellung der neuen Milieustudie Anfang Februar 2006 im Rottenburger Kolpinghaus ausführte; einerseits schätze man die Gemeinde als "familiären Nah-Raum", erlebe aber andererseits die Kirche als "reformunwillig". Insbesondere in den Milieus rechts auf der Sinus-Milieu-Landkarte "haben wir den Anschluss verloren", meinte der Rottenburger Weihbischof, d. h. vor allem bei den jüngeren Generationen, die unter den dort platzierten wachsenden Milieus die höchsten Anteile stellen. Dabei ist die junge Leistungselite der 'Modernen Performer' gegenüber spirituellen Themen nicht unaufgeschlossen, allerdings kaum für die Art und Weise, wie sie in der Kirche kommuniziert werden. Ähnliches gilt für die extrem individualistische neue Bohème der 'Experimentalisten', mit der die mystische Tradition des Christentums zu erschließen wäre. Jedenfalls ist für sie Kirche immerhin, so Renz, "eine Option unter verschie- enen ... für den Zugang zum Eigentlichen". Sogar das jüngere Mittel- und Unterschichten-Milieu der 'Hedonisten' könnte in der Kirche "Geborgenheit" finden, "nach der man sich heimlich sehnt".
Ausdifferenzieren?
Ein Marketing für Mercedes hat es im Vergleich zur Kirche leicht, muss und will doch dieses Unternehmen – wie andere - nicht in allen soziokulturellen Milieus präsent sein. Was aber ist mit dem 'Unternehmen', das 'den leuchtenden Morgenstern' allen Milieus zu verkündigen hat? Will Kirche 'Profil' zeigen, was ihr ja neuerdings immer wieder angeraten wird, gewinnt sie an Attraktivität doch nur in einigen Milieusegmenten, während sie in anderen verliert. Kann und soll sie ihr Profil ausdifferenzieren, diversifizieren, ohne – paradox formuliert – an Profil zu verlieren? Und was ist mit dem ZdK? Welche Milieus kommen dort vor, welche nicht? Welche Milieus von Katholiken und Katholikinnen fühlen sich durch das ZdK repräsentiert und welche nicht? Zu welchen Milieus sollte man sich wie öffnen? Die Sorge der Bischöfe müsste auch die der Verantwortlichen im ZdK sein. Es gibt viel wahrzunehmen und tun, wenn das Geheimnis der Sinus-Studie, die freilich schon längst auf dem 'Schwarzmarkt' zirkuliert, endlich gelüftet sein wird.
Autor: Prof. Dr. Dr. Michael N. Ebertz, Professor für Sozialpolitik, Freie Wohlfahrtspflege und kirchliche Sozialarbeit an der Katholischen Fachhochschule Freiburg und Privatdozent für Soziologie an der Universität Konstanz, Mitglied des AK "Pastorale GrundfrageAusgabe: 12. Jg., Nr. 1, vom 27.02.2006
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