Wie stehen Christen in der Gesellschaft?
Die Herausforderungen des 2. Ökumenischen Kirchentags 2010
Vom 12. bis 16. Mai 2010 wird in München der 2. Ökumenische Kirchentag stattfinden. Er steht unter dem Leitwort "Damit ihr Hoffnung habt". Thematisch soll im Mittelpunkt der gemeinsame Einsatz der Christen in der Welt stehen.
"Christsein in der Gesellschaft – Christsein für die Gesellschaft": mit dieser doppelten Formel haben die Veranstalter des Ökumenischen Kirchentags dessen inhaltliche Vorbereitung gestartet. Eine eingängige, brave Formel? Manchen mag es so scheinen. Dass sich die christliche Existenz nicht in der privaten Lebensgestaltung und der kircheninternen Aktivität erschöpfen dürfe, war dies nicht der Tenor der immer, vor allem vor politischen Wahlen wiederkehrenden Erklärungen von Bischofskonferenzen und Laienversammlungen?
Andere sahen in der Doppelformel "Christsein in – Christsein für" den durchschaubaren Versuch, den Ball auf das ökumenisch unbelastete Feld des Sozialethik zu spielen. Die Konzentration auf gesellschaftsethische Themen solle ökumenisch entlastend wirken. Zumindest für die Tage um das Münchner Großereignis sollten – so die nicht nur gelegentlich geäußerte Meinung – die ungelösten Probleme des kirchlichen Amtsverständnisses oder der eucharistischen Gastfreundschaft in den Hintergrund treten. Mögen solche Motive im Spiel gewesen sein, so würden sie doch der Brisanz der gewählten Thematik nicht gerecht.
Solidarische Zeitgenossenschaft
Christsein in der Gesellschaft meint zunächst, dass Christen sich mit dieser Gesellschaft bewusst identifizieren. Das schließt ein Mehrfaches ein.
Es bedeutet zunächst – viele wird ein solcher Einstieg befremden – ein Wissen um die Geschichte des eigenen Landes und ein Einstehen nicht nur für deren gelungene Phasen, sondern auch für die Wegstrecken einer Verschuldensgeschichte. Hier werden sich Christen nicht dahin versteigen können, wovor Thomas Mann nach dem großen deutschen Desaster schon im Jahr 1945 gewarnt hat, "den Richter zu spielen … und sich selbst als das ‚gute Deutschland’ zu empfehlen, ganz im Gegensatz zum bösen, schuldigen …", mit dem man gar nichts zu tun habe. Christen werden nicht nur nicht abseits stehen, sondern vorangehen, wenn es um die Entwicklung einer Kultur der Erinnerung geht. Sie werden dem Vergessen der Opfer genauso entgegenwirken wie dem Verdrängen belastender Traditionsstränge, die keine vordergründige Identifikation erlauben.
"Christsein in der Gesellschaft" erfordert zugleich eine differenziert wahrzunehmende Zeitgenossenschaft. Damit ist jene Teilnahme der Christen an all dem angesprochen, was die Menschen dieser Gesellschaft bewegt: an ihren Hoffnungen und Ängsten, an ihrer Hochstimmung und Niedergeschlagenheit, an ihrem Fortschrittswillen und ihrem Sicherheitsbedürfnis und vielem anderen mehr. Die Konzilsväter haben diese Teilnahme schon im ersten Satz der Pastoralkonstitution in einprägsame Worte gegossen. Gaudium et spes, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, vor allem der Armen und Bedrängten, seien auch Freude und Hoffnung … der Jünger Christi.
Es ist eine Zeitgenossenschaft, die nicht einfach die Befindlichkeiten der Menschen registriert, um darauf pastoral angemessen reagieren zu können. Christen lassen sich ergreifen und sind ergriffen von dem, was die Menschen umtreibt. Zugleich bedeutet Zeitgenossenschaft in diesem Sinn eine Herausforderung im wörtlichen Sinn: herauszutreten aus der kleinen Welt des Nahbereichs, die Runde der Gleichgesinnten, Gleichgestellten und Ebenbürtigen zu verlassen und sich auf die anderen einzulassen und sich in ihre Lage zu versetzen.
Schließlich lenkt dieses als bewusste solidarische Zugehörigkeit gedeutete Christsein in der Gesellschaft den Blick auch in die Zukunft der Gesellschaft. Die Solidarität weitet sich und bezieht die Nachgeborenen ein. Die Überwälzung von Risiken und Kosten auf die Kinder und Kindeskinder widerstreitet diesem zeitlich entgrenzten Verständnis von Solidarität. Welche Lebensbedingungen werden die heranwachsenden und zukünftigen Generationen vorfinden? Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen tritt damit unweigerlich in den Vordergrund. Nicht weniger wird aber auch die institutionelle Gestalt von Familie und Staat, von Wirtschaft und Medien ein Erbe sein, das die Nachkommen aus unseren Händen empfangen werden.
Wenn man Christsein in der Gesellschaft als solidarisches Stehen inmitten der Gesellschaft mit ihren gegenwärtigen Gefährdungen und Chancen und der daran anknüpfenden Ängste und Hoffnungen deutet, wenn man es als solidarisches Stehen zur Geschichte und zur Zukunft der eigenen Gesellschaft interpretiert, dann verbietet sich zumindest eines: der separatistische Rückzug von Christen aus der Gesellschaft.
Es verbieten sich alle Bestrebungen, die christliche Gemeinde zu einer Art Gegengesellschaft machen zu wollen. Es verbietet sich, die Geschichte des eigenen Landes als schlechthin abgeschlossen zu betrachten und mit einem Schlussstrich versehen zu wollen. Und es verbietet sich auch jener "Separatismus", der vorgibt, dass jede Generation für sich selber sorgen müsse.
Kritische Zeitgenossenschaft
Bereits aus dem Bisherigen ergibt sich, dass Christen in der Gesellschaft immer auch zu einer kritischen Zeitgenossenschaft herausgefordert sind. Die bloße Anpassung an die gesellschaftlichen Denk- und Handlungsmuster ist ihnen nicht gestattet. Christen müssen gegenüber gesellschaftlichen Strömungen und Trends gelegentlich auch widerständig sein. Niemand bestreitet dies. Vielmehr fragt sich, woher sie ihr kritisches Potential gewinnen, was ihre Widerständigkeit begründet und was ihnen die Augen öffnen könnte, um manche gesellschaftlichen Sichtweisen zu durchschauen. Denn man sollte sich nicht täuschen. Wir Christen sind Kinder dieser Gesellschaft und dieser Zeit. Die herrschenden Leitideen sind uns nicht fremd und ergreifen von uns Besitz.
Die gesellschaftlichen Präferenzen in Zweifel zu ziehen, verlangt ein hohes Maß an Urteilskraft und einen festen Lebensstandpunkt. Sich im Trend zu wissen, beflügelt. Gegen den Strom zu schwimmen, ist schwer. Woher kommt den Christen also die Kraft zur Widerständigkeit? Die gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland hat sich vor fast 35 Jahren in einem abschließenden Wort zur gesellschaftsverändernden Kraft christlicher Hoffnung bekannt.
Christliche Hoffnung
Die Welt brauche keine Verdoppelung ihrer Hoffnungslosigkeit durch Religion, heißt es dort; sie brauche und suche das Gegengewicht, die Sprengkraft gelebter Hoffnung. "Als Christen schulden wir der Welt dies: anschaulich gelebte Hoffnung." Die Krise, die wir allenthalben in der Kirche verspürten, beruhe, so die Aussage der Synode, letztlich nicht auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber der Moderne und dem modernen Lebensgefühl, sondern auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber dem, in dem unsere Hoffnung wurzelt und aus dessen Sein sie ihre Höhe und Tiefe, ihren Weg und ihre Zukunft empfange: Jesus Christus mit seiner Botschaft vom Reich Gottes.
Christliche Hoffnung akzeptiert, dass das Werk des Menschen immer bruchstückhaft bleibt. Das gilt nicht zuletzt auch für seine Bemühungen, das gesellschaftliche Zusammenleben zu gestalten, soziale Institutionen aufzubauen und politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnungen zu entwerfen.
Christliche Hoffnung fördert eine Kultur des Lebens, welche auch die Erfahrung der unheilbaren Lage und des Zerfalls der Lebenskraft zulässt und nicht als das Unzumutbare auszuschalten versucht. Ohne diese Hoffnung ist die Versuchung groß, den Begriff des Humanen und das Verständnis einer humanen, das heißt einer an der Würde des Menschen orientierten Gesellschaft, umzudefinieren.
Und schließlich wiederum eine Sentenz aus dem Hoffnungspapier der Synode: "Die Hoffnung auf die Auferweckung der Toten, der Glaube an die Durchbrechung der Schranke des Todes, macht uns frei zu einem Leben gegen die reine Selbstbehauptung … Diese Hoffnung stiftet uns dazu an, für andere da zu sein und das Leben anderer durch Solidarität zu verwandeln."
www.oekt.de
Autor: Prof. Dr. Alois Baumgartner, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Mitglied des Vorstands des Gemeinsamen Präsidiums des 2. Ökumenischen KirchentagesAusgabe: 15. Jg., Nr. 4, vom 12.09.2009
© ZdK 2010 - Anregungen, Kritik und Feedback an
© ZdK 2010
Webdesign, technische Umsetzung, CMS und Hosting: Bauer+Kirch GmbH
Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)
Generalsekretariat
Hochkreuzallee 246
53175 Bonn
Telefon: 0228 / 38297-0
Telefax: 0228 / 38297-44
E-Mail:
Generalsekretariat
Hochkreuzallee 246
53175 Bonn
Telefon: 0228 / 38297-0
Telefax: 0228 / 38297-44
E-Mail:
Link zur dieser Seite: www.zdk.de/salzkoerner/salzkorn.php?id=451

