Sonntag, 30. November 2008

Das VATER UNSER - ökumenisch

Beten und Handeln auf dem Weg zum 2. Ökumenischen Kirchentag

Beten und Handeln auf dem Weg zum 2. Ökumenischen Kirchentag

Ins Gespräch gebracht vom Arbeitskreis "Pastorale Grundfragen"
des Zentralkomitee der deutschen Katholiken

EINLEITUNG

(1) Der Weg von Christinnen und Christen ist ein Weg auf die Einheit der Kirche hin. Im 20. Jahrhundert sind die Grundlagen für die Ökumenische Bewegung gelegt worden. Auf sie bauen ökumenisch engagierte Persönlichkeiten und kirchliche Institutionen weiterhin. Heute bedarf es jedoch auch neuer Zugänge, um die bewährten Anliegen der Ökumenischen Bewegung Menschen nahe zu bringen. Nicht wenige Gläubige sind entmutigt, weil ihnen die Wege zur Einheit zu weit und letztlich ohne Aussicht auf ein erreichbares Ziel erscheinen. Gleichzeitig erleben wir gegenwärtig eine hoffnungsvoll stimmende Besinnung auf die Werte der geistlichen Ökumene: Ökumenische Gottesdienste sind zu einer Tradition in den Gemeinden geworden; im Bereich der Diakonie – beispielsweise in der Hospizarbeit oder der Notfallseelsorge – ist die ökumenische Zusammenarbeit selbstverständlich geworden; gemeinsam legen Christinnen und Christen in einer Gesellschaft, in der die kirchlichen Institutionen zunehmend an Bedeutung verlieren, Zeugnis für Jesus Christus ab. Doch noch sind nicht an allen Orten alle Möglichkeiten ausgeschöpft, ökumenisch zu handeln. Die Zeit vor dem 2. Ökumenischen Kirchentag 2010 in München könnte eine Zeit der Besinnung auf einen bewährten Grundgedanken in der Ökumenischen Bewegung werden: Begründungsbedürftig ist all das, was im Leben von Gemeinden, Verbänden oder Gremien nicht bereits in ökumenischer Zusammenarbeit geschieht, obwohl es keine Gründe in der Glaubenslehre oder im kirchlich-institutionellen Selbstverständnis dafür gibt. Wir möchten dazu ermutigen, insbesondere die in diesem Text enthaltenen Anregungen für das ökumenische Handeln unter diesem Vorzeichen zu lesen. Unser Wunsch ist es, vor allem ökumenische Kreise, Gremien oder Initiativen in den Ortsgemeinden und den kirchlichen Verbänden zu einem Gespräch über einzelne Gedanken anzuregen, die in diesem Text zur Sprache kommen.

(2) Viele Christinnen und Christen sind sehr bewegt, wenn sie gemeinsam das VATER UNSER beten. Nach Ausweis alter liturgischer Quellen ist dieses Gebet von früher Zeit an das gemein-same Gebet der Getauften. Sie wagen so zu sprechen, weil Jesus selbst sie in der Bergpredigt diese Worte gelehrt hat. Ermutigt durch viele Vorbilder in der Tradition, für die das VATER UNSER einen Weg zur Bekehrung bereitete und die es daher als einen gedanklichen Grundriss für die christliche Katechese herangezogen haben, möchte der Arbeitskreis "Pastorale Grund-fragen" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) eine Auslegung des VATER UN-SER vornehmen, bei der ökumenische Gesichtspunkte leitend sind. Auf diese Weise möchten wir mithelfen, den Weg zum 2. Ökumenischen Kirchentag in München 2010 als eine geistliche Besinnung zu gestalten. Täglich sprechen viele Christinnen und Christen weltweit dieses Gebet. In ökumenischen Gottesdiensten sind die überlieferten Gebetsworte ein Bindeglied. Der reiche Schatz der gemeinsamen Gebetstradition ist jedoch noch nicht gehoben. Das VATER UNSER kann als ein Gebet entdeckt werden, mit dem sich die gegenwärtigen Herausforderungen der Ökumene verbinden lassen. Diese bestehen nicht zuletzt in der Aufgabe, bei der Gestaltung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation aus der Kraftquelle des gemeinsamen christlichen Glaubens zu schöpfen.

(3) Vor dem 1. Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 hat sich das Zentralkomitee der deut-schen Katholiken mit einer "Ermutigung zur Ökumene" [1] zu Wort gemeldet. Was damals ge-sagt wurde, ist weiterhin unsere Position. Es braucht deshalb nicht wiederholt zu werden. Gerade in unseren Tagen ist jedoch auch an die veränderten Bedingungen zu erinnern, unter denen Christinnen und Christen heute ihr Zeugnis für das Evangelium leben: die Globalisierung der Weltmärkte, die Gefahren durch die Erwärmung der Erdatmosphäre oder auch der wachsende Zweifel an einem gottgestifteten Sinn der als leidvoll erfahrenen Wirklichkeit. Mehr und mehr wird bewusst, wie wichtig es ist, in miteinander geteilter Verantwortung christliche Werte und Handlungsoptionen in das gesellschaftliche Gespräch einzubringen.

(4) Im Hintergrund unserer Überlegungen steht die "Charta Oecumenica" [2], die 2001 in Straßburg auf europäischer Ebene unterzeichnet wurde. Die Kirchen in Europa verpflichten sich darin verbindlich zum ökumenischen Handeln auf allen Ebenen. Die "Charta Oecumenica" wurde während des 1. Ökumenischen Kirchentags in Berlin 2003 von den Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) bestätigt. Konkrete Vorschläge für die Umsetzung der "Charta Oecumenica" in Deutschland liegen inzwischen vor [3]. Auf internationaler Ebene hat sie durch die 3. Europäische Ökumenische Versammlung 2007 in Sibiu / Hermannstadt [4] erneut Beachtung gefunden. Gemeinsam bemühen sich die Kirchen in Europa um ein gemeinsames christliches Zeugnis, das in Wort und Tat glaubwürdig ist.

(5) Das VATER UNSER ist in zwei neutestamentlichen Fassungen überliefert (vgl. Mt 6,9-13; Lk 11,2-4). Die Verwurzelung des Textes in der jüdischen Gebetsliteratur ist unbestritten und wird bei christlichen Auslegungen heute sehr wertgeschätzt. Ausdrücklich ökumenisch motivierte Beiträge zum VATER UNSER sind bisher selten. Die einzelnen Bitten können jedoch bei einer Suche nach gemeinsamen Anliegen in der christlichen Ökumene heute hilfreich sein. Dies aufzuzeigen, ist unser Anliegen. Jede Bitte des VATER UNSER und auch die Schlussdoxologie werden im Folgenden in einem gleich bleibenden Gedankengang aus ökumenischer Sicht betrachtet: Thematische Zugänge werden erschlossen, ökumenische Vertiefungen folgen und Konkretisierungen im Blick auf das ökumenische Handeln werden angeregt. Bewusst schließen die Auslegungen mit einem Gebet, um die Verortung der Bemühungen im Kontext der geistlichen Ökumene auch auf diese Weise zum Ausdruck zu bringen.

1.

VATER UNSER IM HIMMEL
GEHEILIGT WERDE DEIN NAME


a. Thematische Zugänge

(6) Das VATER UNSER beginnt mit einer Besinnung auf das Wesen Gottes. Die Freude da-rüber, sich von Gott angesprochen zu wissen und den Namen Gottes anrufen zu können, teilen Christinnen und Christen mit Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens. Die christlich-ökumenische Gemeinschaft steht seit geraumer Zeit vor der Herausforderung, im interreligiösen Dialog gemeinsame Wege zu erproben. Nicht nur in der Folge vielfältiger Schuldgeschichten, deren immense Tragweite durch die Erinnerung an die Kreuzzüge und an die Schoa immer wieder bewusst wird, sind die monotheistischen Religionen in besonderer Weise aufeinander hingeordnet. Die bestehende Verbundenheit im Glauben an einen personalen Gott hilft – bei allen verbliebenen Unterschieden vor allem im Hinblick auf das trinitarische Bekenntnis zu Gottvater, Gottsohn und Gottgeist - über viele Gräben hinweg.

(7) Zunehmend wird in der Ökumenischen Bewegung bewusst, wie wertvoll die christliche Gotteslehre bei der Suche nach der Einheit der Kirchen ist. Die Metapher "Vater" lässt eine gedankliche Verbindung zum Ursprung gebenden Handeln Gottes zu. In der trinitarischen Bildrede ist der "Vater" der ursprungslose Ursprung. Das schöpferische Wirken Gottes lässt sich in metaphorischer Weise mit dem Bildwort "Vatersein" umschreiben. In beiden Bereichen –Trinitätslehre wie auch Schöpfungslehre – sind Christinnen und Christen im gemeinsamen Bekenntnis miteinander verbunden. Es gilt dabei auch, im Sinne der biblischen Schriften die Vielfalt der Gottesbilder gemeinsam zu entdecken. Frauen in allen Konfessionsgemeinschaften machen auf Aspekte einer von der männlichen Bildwelt dominierten Gottesrede aufmerksam, die sich belastend auswirken können. Nicht alle Menschen haben ihren Vater so erlebt, wie die biblischen Schriften ihn vorstellen: bereit dazu, Kinder auf langen Wanderschaften am Ende auf die Schulter zu nehmen, damit sie ihr Ziel erreichen können (vgl. Dtn 1,31; Jer 31,9). Gottes schöpferisches, Leben stiftendes Wirken lässt sich auch durch das Bildwort "Mutter" erfassen. Die biblischen Schriften scheuen sich nicht, Gottes Handeln an den Geschöpfen mit dem Wirken einer Mutter zu umschreiben, die mit ihren Kindern schwanger geht, sie geboren hat, sie stillt und tröstet, sie versteht und ihnen Erbarmen schenkt (vgl. Num 11,12; Jes 49,15; Jes 66,13).

(8) Die Heiligung seines Namens betrachten die Betenden als Gottes größten Wunsch. Mit der Hebräischen Bibel, die die Scheu der Gottesfürchtigen bezeugt, Gottes Namen auszusprechen, schreiben wir den Gottesnamen in vier Buchstaben, dem Tetragramm JHWH. Der Gottesname ist eine Selbstkunde Gottes von sich: Gott stellt sich vor als der Für-Seiende, Mit-Seiende, Da-Seiende. In der Zusage seines Mitseins mit allen, die auf seine Verheißungen für Israel vertrauen (vgl. Ex 3,14), bleibt JHWH zugleich der ganz Andere, der Entzogene, der von Menschen nicht Erzwingbare, das offenbare Geheimnis für jede Glaubensgemeinschaft. In allen christlichen Konfessionsgemeinschaften gibt es Menschen, die mit ihrem ganz alltäglichen Leben ein Zeugnis für die Heiligkeit des Namens Gottes ablegen. Die Heiligung des Namens Gottes geschieht nicht nur im Wort und in der liturgischen Feier, sondern auch in der Tat. Die ökumenisch gelebte Diakonie ist ein sprechendes Zeichen für die gewachsene Verbundenheit der Christinnen und Christen in allen Konfessionsgemeinschaften. Auch in der interreligiösen Begegnung geschieht in wachsendem Maße eine Besinnung auf das übereinstimmende Handeln im Namen des einen Gottes. Von dort aus können sich auch Wege zum gemeinsamen Gebet eröffnen.


b. Ökumenische Vertiefungen

(9) Den großen Schatz einer im engeren Sinn "theologischen" (von Gott sprechenden) Ökumene gilt es noch zu heben. Ein Ansatzpunkt könnten dabei neuerliche Bemühungen um das gemeinsame Verständnis des trinitarischen Glaubensbekenntnisses sein. Ein von der "Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung" ("Faith and Order") innerhalb des "Ökumenischen Rates der Kirchen" 1991 vorgelegtes Studiendokument mit dem Titel "Gemeinsam den einen Glauben bekennen. Eine ökumenische Auslegung des apostolischen Glaubens, wie er im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel (381) bekannt wird" [5] hat zwar im deutschsprachigen Raum eine gewisse Aufnahme gefunden, neuere ökumenische Schriften zur Gottesthematik fehlen jedoch weithin. Dabei sind neben den wachsenden Herausforderungen im interreligiösen Kontext auch die untergründig wirksamen Akzentsetzungen in den christlichen Gottesbekenntnissen zu berücksichtigen. Diese betreffen zum einen das Bekenntnis zum Heiligen Geist in den zu unterscheidenden westlichen und östlichen Traditionslinien (a), zum anderen lassen sich im Blick auf das Christusbekenntnis unterschiedliche Sichtweisen der Bedeutung (auch) der Menschheit Jesu Christi im Erlösungsgeschehen ausmachen (b). (Zu a) Im Blick auf das Geistbekenntnis hat die orthodoxe Tradition, die in Entsprechung zum ursprünglichen Wortlaut des Großen Glaubensbekenntnisses den Heiligen Geist als nicht vermittelt "durch den Sohn" (filioque) aus dem Vater hervorgegangen bekennt, das Anliegen, jeder Form von geistvergessener Ämtertheologie zu widersprechen. Gottes Geist wirkt unmittelbar in der Kirche – so betonen die Orthodoxen Kirchen und erinnern an die Charismenlehre des Paulus: Jede und jeder hat Geistesgaben von Gott geschenkt bekommen. Die westliche Theologie steht dabei unter dem Verdacht, das Wirken des Geistes in der Kirche zu sehr an das besondere priesterliche Amt berufener Menschen gebunden zu haben, denen allein die Vergegenwärtigung Jesu Christi in ihrer Person vorbehalten scheint. (Zu b) Im Blick auf die Mitwirkung der Menschennatur Jesu Christi im Erlösungsgeschehen gibt es eine evangelisch-lutherische Gegenrede, die als eine bleibende Mahnung zu verstehen ist, die allein in Gottes Willen und Wirken begründete Erlösung der Geschöpfe aus ihrer tödlichen Schuldverstrickung zu bekennen: Nicht die menschlichen Begabungen Jesu sind der Grund der Hoffnung auf die Erlösung, sondern allein Gottes Wirken in und an dem Menschen Jesus. Alle Konfessionen stehen heute vor der Aufgabe, die Verantwortung auch der Menschen bei der Gestaltung einer versöhnten Welt anzuerkennen. Die beiden Beispiele zeigen, dass konfessionelle Akzentsetzungen im trinitarischen Gottesbekenntnis Folgefragen auslösen. Sie miteinander zu bedenken, kann bereichern. Wichtig wäre es, all diese Fragen in verständlicher, lebensnaher Weise miteinander zu besprechen. Dabei ließen sich manche Hintergründe von konfessionellen Prägungen des Gottesbildes entdecken.

(10) Im Bereich der geistlichen Ökumene gibt es vielfältige Bemühungen, das gemeinsame Gotteszeugnis der Glaubenden intensiver zu bedenken, als dies lange Zeit geschah. So werden zum Beispiel christliche Martyrologien - Aufzeichnungen der Lebensgeschichten von Menschen, die zum Zeugnis für ihren Glauben an Jesus Christus gestorben sind - mit ökumenischer Sensibilität vorgelegt. Als Beispiel dafür ist die auf der Tiberinsel in Rom zu betrachtende Ikone zu nennen, auf der die ökumenisch engagierte geistliche Gemeinschaft Sant'Egidio das Gedächtnis der zahl-reichen christlichen Blutzeuginnen und Blutzeugen im 20. Jahrhundert in gemalter Gestalt hinterlassen hat. Gemeinsam gedenken Christinnen und Christen heute "aller Heiligen" und wissen sich in der "Gemeinschaft der Heiligen". Das Bekenntnis zur "Communio Sanctorum" [6] trennt die Konfessionen nicht. Beschwerlich wirkt sich in diesem Zusammenhang die Erinnerung daran aus, dass Christinnen und Christen einander aufgrund ihrer unterschiedlichen Bekenntnistraditionen wechselseitig getötet haben. Sehr belastend ist es zu wissen, dass christlichen Minderheiten – insbesondere den täuferischen Gemeinschaften wie beispielsweise den Mennoniten, einer christlichen Friedenskirche, – aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen auf unchristliche Weise Gewalt angetan wurde. Aufmerksam zu werden auf die Heiligung des Namens Gottes durch heilige Menschen in allen Konfessionsgemeinschaften ist ein zukunftsweisender Weg der Ökumene.

(11) Das VATER UNSER setzt Gottes Gegenwart "im Himmel" voraus. Eschatologische Fragen wurden in jüngerer Zeit in der Ökumene intensiver behandelt. Sie standen ganz zu Beginn der evangelisch – römisch-katholischen Kontroversen im 16. Jahrhundert zunächst im Blickpunkt. Der reformatorische Widerspruch gegen bestimmte Vorstellungen von der Läuterung des Menschen im himmlischen Gericht Gottes (Ablasswesen, bestellte und bezahlte "Messopfer" für Verstorbene) bewegte damals die Gemüter. Inzwischen konnten auch in diesen Bereichen viele ökumenische Annäherungen erzielt werden. Gemeinsam ist es gelungen, die Nachwirkungen des unversöhnten irdischen Lebens auch nach dem Tod zu bedenken. Die Beziehungsgeschichte zwischen Lebenden und Verstorbenen endet mit dem Tod nicht. Angesichts der Gedächtnisgemeinschaft der Lebenden mit den Toten ist der Mensch niemals "ganz tot" – so eine in der evangelischen Theologie vertraute Redeweise. Hinter den Worten verbirgt sich eine alte ökumenische Kontroverse über das Leben nach dem Tod: Gibt es im Menschen selbst eine von Gott bewahrte Kraft der Erinnerung an das eigene Leben? Im Gespräch der Konfessionen hat der Austausch von menschlichen Erfahrungen weitergeführt: Manche versöhnlichen Worte bleiben bis zum Tod unausgesprochen. Menschen suchen nach Wegen, das Gedächtnis der Verstorbenen neu zu gestalten. Die überlieferten Formen sind jedoch oft nicht mehr verständlich. Es bedarf des Mutes und der Kreativität, in diesem belastenden Themenbereich ökumenische Wege zu gehen.

(12) Ökumenische Kreise öffnen sich zunehmend für die Fragen, die sich an der Grenze zwischen Leben und Tod stellen: Welchen Einfluss darf ein Mensch auf die Stunde seines Todes nehmen? Darf ein Mensch ganz allein selbst darüber verfügen, welche lebenserhaltenden Maß-nahmen noch ergriffen werden sollen? Dürfen Organe, die anderen Menschen das Leben erleichtern können, dem Raub des Todes überlassen werden? Es ist nicht ohne Grund, dass die Mitte des christlichen Gottesbekenntnisses – die Hoffnung auf Leben noch im Tod und die Hoffnung auf Versöhnung noch in tiefster Sündenverstrickung – gegenwärtig zum Bezugspunkt der Ökumene werden. Der von Gott bewirkte Übergang vom Tod zum Leben in der Erwartung der Auferstehung der Toten rückt in den Mittelpunkt der ökumenischen Betrachtungen. Das (neu)schöpferische Wirken Gottes bleibt dabei bereits in irdischer Zeit auf die Verantwortung der Menschen für die Bewahrung der Lebensgrundlagen der Geschöpfe angewiesen. Die Schöpfung wieder neu unter dem Aspekt ihrer elementaren Bedrohung zu betrachten, ist ein ökumenisches Gebot der Stunde. Das christliche Bekenntnis ist keine bloße Jenseitsvertröstung. Auch die biblischen Worte zum eschatologischen Gericht sind eine Mahnung, bereits in der Gegen-wart die Umkehr christlich zu leben.



c. Konkretisierungen im ökumenischen Handeln

(13) Wir regen an,

(a) Gesprächskreise zu initiieren, in denen die Vorstellungen von Gott über die Grenzen der Konfessionen und der Religionen hinweg gemeinsam miteinander bedacht werden; ein Podium über Gottesbilder auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag könnte Stimmen sammeln und neue Suchbewegungen anregen;

(b) Schritte zu überlegen, wie das gemeinsame Anliegen der Bewahrung der Schöpfung in Wort und Tat noch tiefer in das Bewusstsein der Gemeinden hineingenommen werden kann – etwa auch durch das liturgische Gedächtnis am "Tag der Schöpfung" [7] nach dem Vorbild der Orthodoxen Kirchen (in einem Zeitraum zwischen dem 1. September und dem 4. Oktober), an das die 3. Europäische Ökumenische Versammlung in Sibiu / Hermannstadt 2007 in ihrer Schlussbotschaft [4] erneut erinnerte;

(c) gemeinsam eine ökumenische Spurensuche zu beginnen, bei der vor Ort bisher eher unbekannte Zeuginnen und Zeugen für Gott größere Anerkennung finden; das Zeugnis für Gott hat vielfältige Gestalt – es geschieht auch ohne Worte; an allen Orten gibt es Menschen, die im Alltag einen oft wenig gewürdigten Dienst für andere beispielsweise in den Bereichen der Katechese, im sozialen Engagement oder bei der Schöpfungsverantwortung tun;

(d) alle Möglichkeiten zu ergreifen, die bestehende Verbundenheit in der österlichen Auferstehungshoffnung durch theologische Gespräche über christliche Jenseitsvorstellungen sowie durch liturgische Feiern in der vorösterlichen und österlichen Zeit zu vertiefen: durch gemeinsame Bußgottesdienste in der Fasten- bzw. Passionszeit, durch eine ökumenische Feier auf dem Friedhof am Ostermorgen oder durch einen ökumenischen Emmausgang mit einer abschließenden Agapefeier.


Gebet

Ursprung und Wegmitte und Ziel der Schöpfung,
Du unser Gott!
Wir alle, die wir Deinen Namen anrufen, wir vertrauen auf Dich!
Ob Du uns wohl hörst?
In ökumenischer Verbundenheit stellen wir Dir
die gesamte von Menschen bewohnte Erde vor Augen.
Du wirst auch die nicht vergessen, die ohne Dach unterwegs sind.
Alle Geschöpfe mögen einst bei Dir im Himmel sein!
Du hast uns in der Zeit gerufen zum Dienst an der Heiligung Deines Namens.
Du bist das Leben, Du allein, Du!

2.

DEIN REICH KOMME


a. Thematische Zugänge

(14) Die Botschaft vom "Reich Gottes" - oft auch als "Herrschaft Gottes" übersetzt - bildet den Mittelpunkt der Verkündigung Jesu (vgl. Mk 1,14f.). In ihm, dem Sohn des lebendigen Gottes (vgl. Mt 16,16), sehen Christinnen und Christen dieses Reich bereits in unserer Welt gegenwärtig. Zugleich bitten sie darum, dass dieses Reich Gottes kommen wird, dass einmal Gott "alles und in allem" (1 Kor 15,23) sein wird und er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, "in denen die Gerechtigkeit wohnt" (2 Petr 3,13). So stehen die Christen in dieser Spannung von "Schon jetzt" und "Noch nicht". So problematisch der Begriff des "Reiches" aufgrund seiner Verwendung in der jüngeren deutschen Geschichte auch ist, so hat die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes immer auch eine herrschaftskritische Funktion gehabt. In totalitären Regimen war die Hoffnung auf Gottes Reich immer eine starke Motivation, den schwierigen und zum Teil lebensgefährlichen Gegebenheiten Stand zu halten. Die christliche Hoffnung richtet sich keineswegs allein auf die Zeit nach dem Tod. Die Rede vom "Reich Gottes" mitten in der irdischen Zeit hat eine politische Bedeutung, weil dadurch Christinnen und Christen zu jeder Zeit herausgefordert sind, in Gemeinschaft mit Gott zusammenzuwirken am Aufbau einer gerechten und friedlichen Welt.

(15) Die Hoffnung auf das Reich Gottes macht den Menschen frei zu einem verantwortlichen Leben in dieser Welt. Der Mensch kann die Grenzen seines Wissens wie auch seiner Möglichkeiten wahrnehmen und anerkennen. Die gegenwärtigen Verheißungen der Wissenschaften etwa zu den Möglichkeiten der Gentechnik oder der Stammzellenforschung erwecken gelegentlich den Eindruck, als wären die Zeiten nahe, in denen Menschen alle Krankheiten und alles Leid besiegen können. Nahezu paradiesische Zustände auf Erden scheinen in erreichbare Nähe zu kommen. Aber lehrt nicht der Blick in die Geschichte, dass jeder Versuch des Menschen, den Himmel auf Erden zu errichten, genau das Gegenteil erreicht? Und gehen solche Bemühungen nicht allzu oft auf Kosten jener Menschen, die dem scheinbaren Paradies auf Erden im Wege stehen? Das Versprechen einer Welt gänzlich ohne Leid, Krankheit und Tod ist vom Menschen her unerfüllbar. Darum beten Christen um das Kommen des Reiches Gottes. Dieses Reich ist von Gott bereits anfanghaft aufgerichtet und zugleich steht seine Vollendung noch aus. Jedes Streben nach einer Verbesserung der Lebensumstände der Geschöpfe ist dabei berechtigt.

(16) Die Hoffnung auf das Kommen des Reiches Gottes verbindet Christinnen und Christen in besonderer Weise mit dem jüdischen Volk, unseren "älteren Brüdern im Glauben" (Johannes Paul II). Ohne die Differenz zwischen beiden Religionen zu übersehen, die am Bekenntnis zu Jesus als dem Christus deutlich wird, sind wir in der Hoffnung auf das Kommen des Reiches Gottes miteinander verbunden. Es gehört zu der im höchsten Maße beschämenden Wirklichkeit der Kirchengeschichte, dass diese Verbundenheit über mehr als anderthalb Jahrtausende nahezu vergessen wurde und immer wieder zu schrecklicher Ablehnung und Verfolgung führte. Erst durch die Schrecken des Holocaust wurde sie den Kirchen neu bewusst. In besonderer Weise bewirkte das vierte Kapitel von "Nostra aetate" [8], der Erklärung des 2. Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, eine Veränderung der Sichtweise, die dazu beitrug, dass Christen ihre Schuld bekannten. Gemeinsam sehen sich die christlichen Konfessionen in Deutschland heute in Verantwortung für die grausame Ermordung großer Teile des jüdischen Volkes aus rassistischen Gründen.


b. Ökumenische Vertiefungen

(17) Aus der Bitte um das Kommen des Reiches Gottes erwächst den Christen die Motivation, alles zu tun, um den Menschen in Leiden und Krankheiten zu helfen und sie nicht allein zu lassen. Heute sind die christlichen Kirchen besonders herausgefordert, deutlich zu machen, dass das Wissen um die Grenzen menschlichen Lebens nicht zu Zynismus oder Gleichgültigkeit führen darf. Jeder Einsatz für die Menschen ist vielmehr ein Zeichen der Hoffnung, dass Gott das, was wir nur unvollendet schaffen können, einmal vollenden wird. Das Zeugnis solcher Hoffnung hat die Ökumenische Bewegung von Anfang an geprägt. Die zu den Gründungsinitiativen des Ökumenischen Rates der Kirchen zählende "Bewegung für Praktisches Christentum" ("Life and Work") hat erkannt, dass die christliche Botschaft für Menschen nur dann glaubwürdig ist, wenn sich Worte mit Taten verbinden. Die 1991 initiierte und seit 1994 gemeinsam von der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland gestaltete "Woche für das Leben" ist ein Beispiel für die gemeinsame Sorge der Kirchen um das menschliche Leben in allen seinen Dimensionen. Die 1989 veröffentlichte Erklärung "Gott ist ein Freund des Lebens. Herausforderungen und Aufgaben beim Schutz des Lebens" [9] des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz in Verbindung mit den übrigen Mitglieds- und Gastkirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) hat gezeigt, dass es - bei allen unterschiedlichen Bewertungen in Einzelfragen - durchaus möglich ist, zu zentralen Fragen des Lebensschutzes gemeinsame christliche Positionen zu beziehen. Auch die 2003 auf dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin von den Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland unterzeichnete "Charta Oecumenica" [2] fordert die Kirchen mehrfach zum gemeinsamen Handeln heraus. Wenn wir uns durch die gemeinsame Hoffnung auf das Kommen des Gottesreiches verbunden wissen, dann müssen wir als Christinnen und Christen mehr denn je versuchen, im Blick auf die Herausforderungen unserer Gesellschaft möglichst mit einer Stimme zu sprechen.

(18) Weil diese Hoffnung auf das endzeitliche Heil, das Gott für die Menschen bereit hält, bei allen Unterschieden Judentum und Christentum verbindet, schließt sie zugleich die besondere Verantwortung gerade der Christen in unserem Land ein, gegen jede Form des Antisemitismus und Antijudaismus anzugehen und in dieser Frage eine besondere gesellschaftspolitische Sensibilität zu entwickeln.


c. Konkretisierungen im ökumenischen Handeln

(19) Wir regen an,

(a) auf lokaler Ebene die Bemühungen zu verstärken, in konkreten gesellschaftlichen Fragen sachgerechte Verfahren zu fördern, die dem Ziel näher bringen, mit einer christlichen Stimme zu sprechen und den erreichten Konsens als solchen auch nach außen hin deutlich zu machen;

(b) angesichts der vielfältigen Prozesse der Neuordnung und Zukunftssicherung der christlichen Gemeinden eine ökumenische Aufgabenteilung oder zumindest eine gemeinsame Sichtung der sozialen Herausforderungen vorzusehen; es könnte dabei jeweils konkret überlegt werden, inwieweit Parallelstrukturen etwa im karitativen und diakonischen Bereich notwendig sind oder ob

nicht eine Gemeinde in ökumenischer Offenheit stellvertretend für alle anderen christlichen Gemeinden bestimmte Aufgaben übernehmen könnte;

(c) im Blick auf die Verwurzelung des Christentums im Judentum in der Liturgie des Sonntags die alttestamentlichen Lesungen in Entsprechung zu den Leseordnungen zu verkündigen und diese regelmäßig in der Predigt auszulegen.


Gebet

Lebendiger,
Du!
Gib uns die Gabe, das richtige Maß zu finden bei Langmut und Ungeduld,
bei Gelassenheit und Eifer,
beim Hoffen und Bangen.
Wir trauen Dir:
Dein Reich ist angebrochen.
Frohe Kunde möchten wir davon geben.
Sei Du bei uns!

3.

DEIN WILLE GESCHEHE,
WIE IM HIMMEL, SO AUF ERDEN

a. Thematische Zugänge

(20) Hat Gott einen bestimmten, erkennbaren Willen – und selbst wenn: Kann er ihn auch ge-gen Widerstände durchsetzen? Wie kaum ein anderes Attribut Gottes steht heute seine Allmacht in Frage. An Gottes Liebe zu allen Lebewesen besteht in der Regel weniger Zweifel. In der Theodizeefrage verbinden sich beide Anfragen zu einer einzigen: Woher kommt das Leiden, wenn Gott sowohl allmächtig als auch allen gegenüber gütig ist? Warum verhindert er dann das Übel nicht? Bis zum 19. Jahrhundert antworteten die Menschen auf diese Frage noch nicht mit der These: Es gibt keinen Gott. Erst die Religionskritiker des 19. Jahrhunderts fragten: Gibt es denn Gott? Diese Frage ist seitdem nicht mehr zum Verstummen gekommen. Angesichts des unermesslichen Leidens von unschuldigen Opfern im Holocaust des 20. Jahrhunderts und all der anderen menschlich verursachten Katastrophen ist sie erneut jäh erwacht.

(21) Christinnen und Christen leben mit Glaubenden aus jüdischer und muslimischer Tradition in der Überzeugung, es gebe diesen einen Gott, der sich in Zeit und Geschichte mit seinem Willen zu erkennen gibt. Die Wege, auf denen sich der Wille Gottes erkennen lässt, wurden und werden zwischen den Religionen und Konfessionen unterschiedlich bestimmt. Diese drei genannten Religionen stimmen in der Erwartung überein, in den Worten der Heiligen Schriften das Wirken Gottes zu erkennen. Immer sind jedoch Menschen mit ihrem begrenzten Erkenntnisvermögen an diesen Deutungen beteiligt. Schon vor der Schriftwerdung der Zeugnisse vom Willen Gottes waren Menschen an diesem Überlieferungsgeschehen beteiligt. Schrift und Tradition stehen in einem wechselseitigen Verhältnis. Die Offenbarung des Willens Gottes ist ein vielgestaltiges Geschehen: Wer kann beanspruchen, Gottes Willen zu erkennen?


b. Ökumenische Vertiefungen

(22) Vom 16. Jahrhundert an ist vorrangig im römisch-katholisch – evangelisch-lutherischen Gespräch die Frage nach der "Heilsgewissheit des Menschen" (a) sowie insbesondere in Dialogen mit evangelisch-reformierter Beteiligung die Frage nach der Vorsehung Gottes (b) auf der ökumenischen Tagesordnung. In beiden Themenbereichen gilt es zu überlegen, ob es der erkennbare Wille Gottes ist, das gesamte Menschengeschlecht trotz seiner Verlorenheit in das Sündenverhängnis aus dem ewigen Tod kraft der ungeschuldeten göttlichen Gnade zu erretten. Die biblischen Schriften fordern dabei die Bereitschaft des Menschen, sich durch Jesus Christus mit Gott versöhnen zu lassen, als einzige Bedingung ein (vgl. 2 Kor 5,18-25). Die erreichten Annäherungen der konfessionellen Standorte lassen sich so zusammenfassen: (Zu a) In der Frage der "Heilsgewissheit" ist zwischen dem unbedingten Willen Gottes zur Rettung der Schöpfung aus den Abgründen der Sünde auf der einen Seite und der menschlichen Einsicht in die Wege Gottes auf dieses Ziel hin zu unterscheiden. Aus römisch-katholischer Sicht könnte die unbedachte Rede von der auch ohne menschliche Anstrengung von Gott mit Gewissheit geschenkten Erlösung zu einer Vernachlässigung der gemeinschaftlichen Suche nach Wegen der Versöhnung führen. Die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre", die vom Lutherischen Weltbund und der römisch-katholischen Kirche 1999 in Augsburg unterzeichnet wurde [10], hat hier eine Übereinstimmung in den konfessionellen Anliegen feststellen können. (Zu b) Auch die zweite Thematik kann heute einmütig miteinander bedacht werden: Zwar achten alle westlichen Konfessionsgemeinschaften das Erbe des Augustinus, in dem sich die Vorstellung einer doppelten Prädestination (Vorausbestimmung einzelner Menschen unabhängig von ihrem eigenen Handeln allein durch Gottes Willen zum Heil oder zum Unheil) findet, aber diese theologische Idee wird heute gemeinsam erheblich problematisiert. Dabei bleibt die Thematik der Gnadenwahl und der Vorsehung schwierig. Im Blick auf den Lebenslauf einzelner Menschen lässt sich kaum letzte Gewissheit über die Pläne Gottes gewinnen. So vieles im Leben bleibt völlig unerklärlich und unverständlich. Im oft späten Rückblick auf die eigenen Lebenswege stellt sich gelegentlich die Gewissheit einer Lenkung der Lebensgeschichte ein. Solche Deutungen sind Glaubenserfahrungen, keine im allgemeinen Bewusstsein einzufordernden Einsichten in einen bestimmten Willen Gottes. Im Blick auf die gesamte Schöpfung lebt die christliche Glaubensgemeinschaft in der Hoffnung, dass Gottes Vorsehung ihr ein gutes Ende bestimmt hat, das dem guten Anfang entspricht.

(23) Lässt sich der Wille Gottes aus der Schrift allein (sola scriptura) oder nur durch Einbezug auch der Traditionszeugnisse erkennen? Vielfältig sind die Antworten auf diese Frage in der Geschichte der Ökumene. Der Themenbereich "Schrift und Tradition" ist von den ersten Jahrzehnten der Ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert an insbesondere von der "Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung" ("Faith and Order") intensiv bedacht worden. Deutlich wurde dabei sehr früh bereits, dass eine konkurrenzhaft alternative Gegenüberstellung dieser beiden Größen dem komplexen Befund in der Frage der Überlieferung des Willens Gottes nicht gerecht wird. Bereits vor der schriftlichen Bezeugung des Willens Gottes in den biblischen Texten fand ein umfassender Überlieferungsprozess statt, an dem Israel und die nachösterliche Christusgemeinde auf je eigene Weise beteiligt waren. So lässt sich sagen: Die Tradition ist (zeitlich) vor der Schrift. Bei der Entstehung und bei der Bewahrung der Überlieferung des Willens Gottes ist die Gemeinschaft der Zeuginnen und Zeugen beteiligt. Dem römisch-katholischen Verständnis des Prozesses der Erkenntnis des Willens Gottes ist ein hohes Zutrauen zur gemeinschaftlichen Sichtung der sich dabei stellenden offenen Fragen eigen. Vor diesem Hintergrund sind auch die nach dem 2. Vatikanischen Konzil geförderten synodalen Gremien in der römisch-katholischen Kirche zu verstehen. Sie legen es nahe, Grundfragen des Kirchenverständnisses in Zusammenhang mit ämtertheologischen Themenkreisen zu bedenken. Liegt es nicht in der Konsequenz der römisch-katholischen Wertschätzung der Glaubensgemeinschaft, alle Getauften – Männer wie Frauen, Amtsträger und Laien - an kirchenamtlichen Entscheidungsprozessen zu beteiligen? Synodale wie hierarchische Konzepte der Entscheidungsfindung haben Nachteile: Mehrheiten können sich auch ohne ausreichende Sachkenntnis bilden. Bei einsamen Einscheidungen verantwortlicher Personen sind Beratungen in Gremien hilfreich. Deshalb erscheint es sinnvoll, einen von Überlegenheitsansprüchen freien Erfahrungsaustausch über die Vor- und Nachteile der konfessionell unterschiedlichen kirchlichen Wege zur Erkenntnis des Willens Gottes zu führen.


c. Konkretisierungen im ökumenischen Handeln

(24) Wir regen an,

(a) in den Gemeinden Räume zu eröffnen und zu gestalten, in denen sich Menschen unterschiedlicher Konfessionen durch ihr lebensgeschichtliches Erzählen näher kommen, indem sie nach den Spuren Gottes in ihrem Leben Ausschau halten; dabei könnten Wege eröffnet werden, auch mit Glaubenden anderer Religionen in ein Gespräch über den in den jeweiligen Heiligen Schriften bezeugten Willen Gottes für die Lebenswege der Menschen zu kommen;

(b) die Tradition der ökumenischen Bibelgespräche, die nach dem 2. Vatikanischen Konzil viele Gemeinden vor Ort zusammengeführt haben, unter neuen Voraussetzungen wieder lebendig werden zu lassen und für Kinder und Jugendliche in den Gemeinden phantasievolle Wege zu gestalten, auf denen sie auf ihre Weise die Bibel neu entdecken; ökumenisch verantwortete Kinderbibeltage könnten zu einem regelmäßigen Angebot werden;

(c) die Bemühungen nicht aufzugeben, für eine in der gesamten christlichen Ökumene zustimmungsfähige Bibelübersetzung einzutreten, bei der neuere wissenschaftlich begründete Erkenntnisse ebenso wie den konfessionellen Traditionen eigene Aspekte Berücksichtigung finden; es bietet sich an, zu dieser Thematik ein Podium auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag zu gestalten.



Gebet

Geheimnisvoller,
Du unser Gott.
Wir wissen oft nicht, um was wir in rechter Weise bitten sollen.
Schenke Du uns die Glaubenskraft,
auch ohne Antworten auf unsere Lebensfragen
bei Dir auszuharren.
Zeige Du Dich auf Deine Weise.


4.

UNSER TÄGLICHES BROT GIB UNS HEUTE


a. Thematische Zugänge

(25) Für viele Menschen ist die Bitte um das tägliche Brot keine nur bildlich zu verstehende Re-de. Weltweit leben Menschen in der bedrängenden Sorge, weder den persönlichen Hunger und Durst noch gar den der eigenen Kinder und der alten Eltern an jedem Tag stillen zu können. Das Wort Jesu: "Gebt ihr ihnen zu essen!" (Mk 6,37a) ist auch heute eine aufrüttelnde Aufforderung an alle, die sich in seiner Nachfolge wissen. Nicht nur im Blick auf die Nahrungsaufnahme ist das tiefsinnige Wort Jesu wahr: "Der Mensch lebt nicht nur vom Brot" (Mt 4,4b). Auch in Situationen, in denen der leibliche Hunger gestillt ist, fehlt Menschen nicht selten Lebensnotwendiges: Zustimmung zum eigenen Leben, eine sinnvolle und honorierte Tätigkeit, Erfahrung der Fruchtbarkeit des persönlichen Wirkens, Dankbarkeit für die gestaltete Gemeinschaft – und Vieles mehr. Bei der Bitte um das tägliche Brot sind viele Bezüge zu bedenken.

(26) Auch in Ländern der Welt, in denen viele Menschen - zumindest äußerlich betrachtet - satt werden könnten, weil soziale Sicherungssysteme institutionalisiert sind, verhungern Menschen leibhaftig. Das bittere Leiden tot aufgefundener Kinder ist im öffentlichen Bewusstsein. Es fehlt an vielen Orten an Nahrung zum Überleben: an Brot für den Leib, aber auch an "Brot" für die Seele. Der Zusammenhang zwischen beidem ist unübersehbar. Immer wieder wird auf die Notwendigkeit von Nachbarschaftshilfe hingewiesen. Aufmerksamkeit und Sensibilität für die Leidensformen in unmittelbarer Nähe in dem je eigenen Lebensumfeld sind unersetzbar. Nächstenliebe wird so konkret. In der Medienöffentlichkeit hat die Berichterstattung über das diakonische Handeln von Menschen hohe Bedeutung. Es gibt einen weithin unbestrittenen gesellschaftlichen Konsens in der ethischen Maxime, geschwächtes Leben vor dem frühzeitigen Tod zu bewahren.

(27) Von der Frühzeit des Christentums an gibt es eine gedankliche Verbindung zwischen dem Sättigungsmahl, das auch den Armen zusteht, und der Feier des eucharistischen Herrenmahls. Paulus rügt die Gemeinde von Korinth: "Was ihr bei euren Zusammenkünften tut, ist keine Feier des Herrenmahls mehr; denn jeder verzehrt sogleich seine eigenen Speisen, und dann hungert der eine, während der andere schon betrunken ist. Könnt ihr denn nicht zu Hause essen und trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes? Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben?" (1 Kor 11,20-22). Die Feier des Abendmahls und der Eucharistie geschieht immer im Wissen um die Hungernden. Liturgie ist ohne Diakonie nicht wahrhaftig. Jesus hat sein Leben gegeben für alle, denen das Lebensnotwendige fehlt. Bemühungen um ökumenische Gemeinsamkeiten im diakonischen Handeln haben vor diesem Hintergrund Bedeutung auf der Suche nach Wegen zur vollen eucharistischen Gemeinschaft.


b. Ökumenische Vertiefungen

(28) Christliche Verbundenheit im diakonischen Handeln ist eine gefestigte Form des ökumenischen Miteinanders. Das Anliegen, in den Bereichen der Mission und der Diakonie als Kirchen glaubwürdig zusammenzuwirken, stand am Anfang der Ökumenischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die "Bewegung für Praktisches Christentum" ("Life and Work") hat diese Thematik mit der auf den Bischof der lutherischen Landeskirche von Schweden Nathan Söderblom zurückgehenden knappen Formulierung "Die Lehre trennt, der Dienst eint" nachhaltig im Bewusstsein gehalten. Themen der "kleinen" Diakonie in den überschaubaren Lebensräumen und Fragen der "großen" Diakonie angesichts der weltweiten Bedrängnisse durch Armut, Kriege und Krankheiten sind beständig auf der Tagesordnung der Ökumene. Eine präzise Begrenzung des Themenbereichs fällt zunehmend schwer. Immer bedrängender bringen sich die Forderungen der Mitgliedskirchen von der südlichen Erdhälfte zu Gehör und fordern ein größeres sozial-diakonisches Engagement des reichen Nordens im weltweiten Zusammenhang wirtschaftlicher Globalisierung - so zuletzt bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 2006 in Porto Alegre [11]. Der ÖRK hat in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts in mehreren internationalen Konferenzen über den Stellenwert der Diakonie in der Ökumenischen Bewegung nachgedacht. In der Erklärung von Lanarca (1986) [12] heißt es am Ende: "Wir wissen, dass Menschen und Kirchen auf allen Kontinenten Bedürfnisse haben und dass wir mit unserer Diakonie alle die erreichen müssen, die leiden. Wir wissen auch, dass die Kräfte, die sich uns in den Weg stellen, zahlreich sind und dass der vor uns liegende Weg lang und beschwerlich ist. Und wir wissen, dass wir nicht weniger tun können, als das Kreuz aufzunehmen und dem leidenden Christus, unserem Herrn, der der ganzen Menschheit dient, nachzufolgen. Sein Sieg über den Tod gibt uns Leben und Hoffnung." Im weltweiten Kontext gesehen, ist die diakoniewissenschaftliche Reflexion vor immense Aufgaben gestellt. Die christlich-ökumenische Verbundenheit dabei zu suchen, ist ohne Alternative.

(29) Auf nationaler Ebene finden die "Gemeinsamen Worte" des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zu sozialethischen Themen größere Aufmerksamkeit als Beiträge aus einer konfessionellen Perspektive. Dies zeigte sich insbesondere im Hinblick auf das am Ende eines langen Konsultationsprozesses 1997 erschienene Dokument "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit"[13], das die wirtschaftliche und soziale Lage in Deutschland nach seiner Wiedervereinigung zum Thema hat. Insbesondere der Versuch, in einem ergebnisoffenen Dialog nahezu alle gesellschaftlich relevanten Gruppierungen in Deutschland in einem Beratungsprozess zusammenzuführen, fand in auswertenden Stellungnahmen rückblickend vielfach Anerkennung. Auch wenn die sozialethische Theoriebildung stärker als andere Bereiche der systematischen Theologie bezogen auf die Gegenwartsanforderungen denken muss und somit insbesondere beim Wechsel politischer Verantwortlichkeiten vor immer neuen Herausforderungen steht, gelten die Ausführungen in diesem ökumenischen Dokument zu Fragen der Arbeitslosigkeit, der Familiensituation, der Armut und der Sozialkultur in Deutschland noch immer als wegweisend. In Deutschland hat die ökumenische Zusammenarbeit der christlichen Kirchen bei der Formung von Soziallehren eine lange und gefestigte Tradition. Das Dokument "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" [13] kann daher als eine Bündelung einzelner vorausgegangener ökumenischer Worte im Bereich der Soziallehre gelten.

(30) Ein unbestrittenes Ziel der Ökumenischen Bewegung ist die eucharistische Gemeinschaft aller Christinnen und Christen. Wir stehen ohne jeden Vorbehalt zu dem, was das Zentralkomitee der deutschen Katholiken bereits vor dem 1. Ökumenischen Kirchentag sagte: "Das Ziel unserer Bemühungen auf dem Weg zu größerer gottesdienstlicher Gemeinschaft ist die gemeinsame Feier der Eucharistie. (…) Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um eine Einheit am Tisch des Herrn zu erreichen." [1, S. 20]. Der Weg zu diesem Ziel scheint auch gegenwärtig nicht rasch zurückzulegen zu sein. Weitreichende kirchen- und ämtertheologische Hindernisse stehen einer Verständigung im Weg. Über sie hinwegsehen zu wollen, ließe Uneinsichtigkeit in die Wirklichkeit erkennen. Dennoch gibt es hoffnungsvoll stimmende Entwicklungen in diesem Themenbereich: Zunehmend wird die eine Taufe als bereits bestehendes sakramentales Band in Verbindung gebracht mit der Eucharistiegemeinschaft; das theologische und geistliche Verständnis von Abendmahl und Eucharistie wird in lebensnaher Sprache ökumenisch erschlossen; die Sensibilität für ökumenisch missverständliche oder gar verletzende Formen der liturgischen Gestaltung ist vielfach gewachsen (etwa im Hinblick auf den Umgang mit den übrig gebliebenen Mahlgaben oder bei der Gewährung der Kelchkommunion); pastorale Herausforderungen insbesondere in konfessionsverschiedenen Familien oder bei spezifischen ökumenischen Anlässen werden inzwischen oft beachtet. Auf diesen Wegen gilt es stetig weiterzugehen. Wichtig erscheint vor allem das gewachsene Bewusstsein für die Rahmenbedingungen des ökumenischen Handelns.



c. Konkretisierungen im ökumenischen Handeln

(31) Wir regen an,

(a) dass christliche Gemeinden gemeinsam an Orten, wo dies bisher noch nicht geschehen ist, die Initiative zur Einrichtung einer "Tafel" ergreifen, an der bedürftige Menschen nicht nur – das gewiss zunächst auch – Brot bekommen, sondern auch ein offenes Ohr erleben, eine ratende Stimme hören und helfende Hände antreffen;

(b) Wege zu erkunden, wie kranke Menschen in Abendmahlsgottesdiensten und in Eucharistie-feiern besondere Aufmerksamkeit finden können im Gebet der Gemeinden und bei der (auch in evangelischer Sicht im Anschluss an die liturgische Feier möglichen) Teilhabe von kranken und alten Menschen an den eucharistischen Mahlgaben an ihren Wohnstätten (Krankenkommunion);

(c) Weisen zu bedenken, wie die (auch) politische Dimension des eucharistischen Versöhnungsmahls bei ökumenischen Agapefeiern (zum Beispiel am Gründonnerstag im Anschluss an die Liturgien) etwa durch das Verlesen ansprechender Textzeugnisse wach gehalten werden kann.


Gebet

Gott,
in Jesus Christus bist Du für uns das Brot des Lebens geworden.
Im Heiligen Geist werden wir dessen gewahr:
wenn wir unser Brot teilen,
wenn wir unser Leben für Andere geben,
wenn wir in aller Not aushalten in Liebe
- wie Du.
Sei Du unser Brot in jedem Lebenshunger!

5.

UND VERGIB UNS UNSERE SCHULD,
WIE AUCH WIR VERGEBEN UNSEREN SCHULDIGERN


a. Thematische Zugänge

(32) Anderen Menschen gegenüber schuldig geworden zu sein, das ist eine Erfahrung, die alle Menschen verbindet. Zugleich fällt es oft schwer, dies auch mit Worten und Gesten zum Ausdruck zu bringen. Sehr viele Religionsgemeinschaften versuchen auf je ihre Weise eine Antwort auf die Fragen, die sich in diesen existentiellen Lebenssituationen stellen. Gemeinsam bemüht sich die christliche Glaubensgemeinschaft um einen eigenen gläubigen Standort in diesem Themenkreis. Als Besonderheit lässt sich erkennen, dass die Bitte eines Menschen um Gottes Er-barmen mit der Bereitschaft zur Nachsicht gegenüber denen verbunden ist, die dem bittenden Menschen gegenüber schuldig geworden sind. Es ist dies die einzige Stelle im VATER UNSER, an der vom menschlichen Handeln die Rede ist: Menschen sind solche, die einander Schuld erlassen können. Dieses Tun wird zum Ausweis der Ernsthaftigkeit, mit der die vorangehenden Bitten gesprochen werden. Nimmt Gott jedoch in seiner Barmherzigkeit an Menschen Maß? Ist es nach dem Zeugnis des "Gleichnisses vom unbarmherzigen Schuldner" (Mt 18,23-35) nicht genau umgekehrt: Der Mensch möge Maß nehmen an der von Gott zuvor bereiteten Barmherzigkeit? Im VATER UNSER wird es auch so gemeint sein: Gott erweist sich ungeschuldet barmherzig; daraus erfolgt (im Nachgang, nicht als Bedingung) der konsequente Appell an die Geschöpfe, es ihm gleich zu tun. Insbesondere aus reformatorischer Sicht ist es wichtig, immer wieder auf die jedem menschlichen Handeln voraus gehende, barmherzige (gnädige) Zuwendung Gottes zu den Sünderinnen und Sündern hinzuweisen.

(33) Viele Fragestellungen von ökumenischer Relevanz lassen sich mit dieser Bitte des VATER UNSER verbinden. Letztlich brach im 16. Jahrhundert die konfessionelle Kontroverse im Um-gang mit dem Themenkreis "Sünde" – "Erlösung" – "Vergebung" – "Buße" auf. Grundlegende Differenzen bestanden in der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Gottes Gnade und den Werken des Menschen im Hinblick auf seine Hoffnung auf eschatologische Vollendung. Fragen der institutionellen Gestalt der Kirche(n) waren von Beginn an – und sie bleiben es bis heute – im ökumenischen Kontext den Fragen der Glaubensexistenz in den Kirchen unter- und zu-geordnet. Die römisch-katholische Kirche erkennt heute an, dass die reformatorische Bewegung in ihren Ursprüngen keine Spaltung der Konfessionsgemeinschaften anzielte. Aufschlussreich erscheint die Beobachtung, dass sich im Zuge der ökumenischen Kontroversen in den westlichen Kirchen bereits seit dem 16. Jahrhundert das Augenmerk von der Situation des einzelnen sündigen Menschen abwendete und der Blick sich zunehmend auf das schuldhafte Versagen der jeweils anderen konfessionell geprägten Glaubensgemeinschaft richtete. Die existentiellen Fragen verwandelten sich bald schon zu ekklesiologischen, die Kirchen- und Ämterlehren betreffenden. Heute erkennen die evangelischen Kirchen an, dass die römisch-katholische Glaubensgemeinschaft vor allem durch das 2. Vatikanische Konzil viele Güter übernommen hat, die im 16. Jahrhundert noch als häretische, den christlichen Glauben gefährdende Neuerungen galten: die muttersprachliche Liturgie, die Verkündigung des Schriftwortes in jeder gottesdienstlichen Feier oder die Betonung, dass alle Getauften am gemeinsamen Priestertum teilhaben.


b. Ökumenische Vertiefungen

(34) Die im Jahr 1999 in Augsburg vom Lutherischen Weltbund und vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen unterzeichnete "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" [10] ist im evangelisch – römisch-katholischen ökumenischen Gespräch eine wichtige Grundlage für weitere Annäherungen. Auch in Zeiten der Krise wie etwa nach der Veröffentlichung des Schreibens der Glaubenskongregation über einige Fragen der Ekklesiologie [14] stellt das erreichte Einverständnis über die Bedeutung der geschehenen Erlösung durch Gottes Handeln in Jesus Christus eine bleibend wichtige Grundentscheidung dar, die bereits in der Kirchenkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils [15] getroffen wurde: "Lumen Gentium" – das "Licht der Völker" – ist Jesus Christus. Gemeinsam hat die evangelische und die römisch-katholische Tradition ein Vorzeichen vor alle Fragen der amtlichen Gestalt der Kirche(n) gesetzt: Vorrangig wichtig ist, dass die Kirche stets Maß nimmt an dem einen Ursprung: an der Lebensexistenz Jesu Christi, dem einzigen wahren Ebenbild Gottes in Menschennatur. Inzwischen haben sich mehrere Konfessionsgemeinschaften dem Prozess der Anerkennung einer bestehenden ökumenischen Konvergenz in der Rechtfertigungslehre angeschlossen. Insbesondere das ökumenische Gespräch zwischen allen christlichen Traditionen über diesen Themenkreis hat sich als weiterführend erwiesen [16]. Besonders wichtig erscheint es dabei, in lebensnaher Sprache ein Bekenntnis zur versöhnenden Wirksamkeit des Christusgeschehens zu formulieren, bei dem Menschen ihre alltägliche Suche nach einer Herauslösung aus Verstrickungen in Schuldzusammenhänge erkennen können.

(35) Die Grundfeier der christlichen Hoffnung auf die Erlösung aus dem Machtbereich der Sünde ist die Taufe. In jüngerer Zeit gilt die Besinnung auf die eine christliche Taufe als ein erneut Mut machender Schritt in der Ökumenischen Bewegung. Am 29. April 2007 feierten viele Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Kirchen in Deutschland (ACK) die Möglichkeit, die Taufe wechselseitig anerkennen zu können. Auch jene Konfessionsgemeinschaften, die nur gläubige Erwachsene taufen, haben in einem Grußwort diese wichtige Station auf dem Weg zur vollen sichtbaren Einheit der Kirchen begrüßt und sich zu weiteren ökumenischen Gesprächen bereit erklärt. Die nach einem langen Vorbereitungsprozess in den Konvergenzerklärungen von Lima 1982 [17] für die weltweite Christenheit festgehaltenen Übereinkünfte über das Verständnis der Taufe haben noch immer hohe Bedeutung. Ökumenische Taufgedächtnisgottesdienste sind zu einer vertrauten und weithin anerkannten Praxis geworden. Der eindrückliche abschließende Gottesdienst während des 1. Ökumenischen Kirchentags in Berlin hat die Bedeutung des Taufgedächtnisses sehr bewusst werden lassen. Inzwischen sind einzelne Schriften erschienen, die konkrete Anregungen für die Gestaltung von Taufgedächtnisgottesdiensten enthalten [18]. Mit der liturgischen Besinnung auf die Taufe geht eine Zustimmung zur missionarischen und diakonischen Dimension des ökumenischen Christseins einher.

(36) In unterschiedlicher Weise ist in allen christlichen Konfessionsgemeinschaften die Praxis des gemeinsamen Schuldbekenntnisses der gottesdienstlichen Gemeinde zu Beginn der Eucharistie- und Abendmahlsfeier und einzelner Menschen im persönlichen Schuldbekenntnis in Gestalt der Einzelbeichte bewahrt worden. Die (nach römisch-katholischem Sprachgebrauch) "Sakrament der Versöhnung" genannte liturgische Feier war und ist auch in der orthodoxen sowie der reformatorischen Tradition in hohem Ansehen. Martin Luther verteidigte die Praxis der Einzelbeichte. Seine Bedenken gegen Missbräuche – etwa die Gängelung der Gewissen durch die Verpflichtung zu einem lückenlosen Sündenbekenntnis - werden heute in ökumenischer Verbundenheit sehr ernst genommen. Menschen möchten im Licht der biblischen Schriften in Gesprächen über den Zusammenhang zwischen dem eigenen Leben und der Erfahrung der Versöhnung nachdenken. Sie erleben die Zusprache der göttlichen Vergebung in der sakramentalen Absolution. Die gläubige Gewissheit über Gottes Erbarmen ist die Quelle der menschlichen Schritte zur Versöhnung. Die Frage, wie Umkehr und Buße sich im Leben der Menschen erfahrungsnah ereignen können, ist ein wichtiges Thema der Ökumene heute.

(37) Nicht nur einzelne Menschen in den Kirchen werden sündig, auch manche Verfahrensregeln oder Gewohnheiten auf der institutionellen Ebene der Kirchen können als Struktur gewordene Sünde bezeichnet werden. In den Dokumenten des 2. Vatikanischen Konzils hat die römisch-katholische Kirche im Ökumenismusdekret [19] ihre Beteiligung an der Schuldgeschichte, die zur konfessionellen Spaltung führte, eingeräumt und zugleich die einzel-nen Menschen, die in diese Situation hineingeboren sind, von persönlicher Schuld an der Trennung der Konfessionen frei gesprochen: "In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen entstanden (…); in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Verfeindungen entstanden, und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten. Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden" [19, Nr. 3]. Zwar sind es zunächst einzelne Menschen, die eine Schuldgeschichte bewirken; die in der Komplexität geschichtlicher Wirklichkeiten dadurch ausgelösten Folgen lassen sich jedoch durch die Umkehrbereitschaft einzelner Personen nicht mehr aufheben. Ökumene ist eine umfassende Umkehrbewegung mit der Bereitschaft, die Schuldanalyse sehr differenziert anzulegen: "Es gibt keinen echten Ökumenismus ohne innere Bekehrung. Denn aus dem Neuwerden des Geistes, aus der Selbstverleugnung und aus dem freien Strömen der Liebe erwächst und reift das Verlangen nach der Einheit" [19, Nr. 7]. Am ersten Fastensonntag des Heiligen Jahres 2000 hat Papst Johannes Paul II. stellvertretend für die gesamte römisch-katholische Kirche Bitten um Vergebung vorgetragen [20]. Ohne Erinnerung gibt es keine Versöhnung. Eine "Heilung der Erinnerungen" setzt die Bereitschaft auch zur Anerkenntnis der eigenen Schuld voraus. Das Bekenntnis der Sünden gegen die Einheit des Leibes Christi beginnt mit folgender Bitte: "Lass das Eingeständnis der Sünden, die die Einheit des Leibes Christi verwundet und die geschwisterliche Liebe verletzt haben, den Weg ebnen für die Versöhnung und die Gemeinschaft aller Christen" [20].


c. Konkretisierungen im ökumenischen Handeln

(38) Wir regen an,

(a) in der Passions- bzw. Fastenzeit ökumenische Bußgottesdienste (wechselnd in den Kirchengebäuden) anzubieten, in denen auch der Aspekt der gemeinschaftlichen Verantwortung für die konfessionelle Spaltung in Geschichte und Gegenwart thematisiert wird; während des 2. Ökumenischen Kirchentags könnte ein Bußgottesdienst mit einer solchen Ausrichtung von hoher theologischer und emotionaler Bedeutung sein und die Konfessionen auf dem Weg der Versöhnung voranbringen;

(b) die Predigt am Karfreitag thematisch miteinander abzustimmen und den Wortlaut in ökumenischer Verbundenheit den Gemeindemitgliedern aller Konfessionsgemeinschaften zugänglich zu machen, damit in konfessionsverschiedenen Familien auch dann die geistliche Gemeinschaft an

diesem gemeinsamen Feiertag besonders deutlich wird, wenn der Gottesdienstbesuch nicht gemeinsam geschieht;

(c) in ökumenischer Verbundenheit (in einem entsprechenden Arbeitskreis) am Lebensort nach Menschen Ausschau zu halten, an denen sich kirchliche Institutionen schuldig gemacht haben; die Ergründung der Ursachen des Unrechts kann dessen Fortsetzung verhindern; konkrete Wege sind zu suchen, wie in einzelnen Situationen tätige Hilfe angeboten werden kann.


Gebet

Ach Gott,
so viel Unrecht steht uns allen vor Augen.
Ist es wirklich wahr, Dich um Deine Vergebung bitten zu dürfen?
Öffne Du uns die Augen für die Größe der Schuld, die wir verantworten!
Zeige uns die Angesichter der geschundenen Menschen und Tiere und Pflanzen und Meere!
Sollen wir nicht erschrecken im Anblick der Not?
Doch, wir sind gewiss: Dein Erbarmen darf nicht folgenlos bleiben.
Wenn es nicht anders sein kann, sollen auch wir - wie Du - in die tiefsten Abgründe gehen,
mit schuldig gewordenen Menschen in Liebe verbunden bleiben,
sie zur Umkehr bewegen.
Steh' Du uns dann bei!




6.

UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG

a. Thematische Zugänge

(39) Viele einander nicht selten widerstreitende Versuchungen gibt es in einem menschlichen Leben: die Versuchung zur Verzweiflung angesichts der eigenen Grenzen und auch die Versuchung zur Selbstüberschätzung; die Versuchung zum Hochmut im Urteil über Andere und auch die Versuchung zur Selbstverleugnung; die Versuchung zum menschenverachtenden Machtmissbrauch und auch die Versuchung zur Selbsterniedrigung; die Versuchung zur Verharmlosung offener Fragen wie auch die Versuchung zur gezielten Dramatisierung von Sachverhalten. All diesen Versuchungen sind nicht nur einzelne Menschen ausgesetzt, sie treten auch im Miteinander der christlichen Konfessionsgemeinschaften auf. Jesus hat sich nicht in Versuchung führen lassen (vgl. Mt 4,1-11): Er wusste zwischen den zeitlichen Bedürfnissen des Leibes und der ewigen geistigen Nahrung zu unterscheiden; er verzichtete auf einen spektakulären Nachweis seiner nur ihm eigenen Gottverbundenheit; er ließ sich nicht verlocken, seine irdische Sendung aufzugeben und seine himmlische Herrschaft vorzeitig anzutreten.

(40) In jeder Lebensexistenz stellt sich – insbesondere in Entscheidungssituationen - die Frage, was wesentlich ist und bleibt im Blick auf die Authentizität der eigenen Persönlichkeit. Eine solche Überlegung, die oft schwierige Abwägungen erforderlich macht, lässt sich nicht ohne einen Blick auf die Mitlebenden tun, die in der Lebensgeschichte vertraut geworden sind und für deren Wohlsein Mitverantwortung besteht. Der Weg der geistlichen Ökumene lässt sich als eine gemeinschaftliche Besinnung auf die gemeinsame Mitte der christlichen Glaubensexistenz verstehen. Dabei gilt es - im Sinne einer ausdrücklichen Selbstverpflichtung in der Charta Oecumenica [2] -, der konfessionellen Versuchung zur Selbstgenügsamkeit zu widerstehen. In der Gesamtgemeinschaft der Glaubenden sind verlässliche Lebenserfahrungen versammelt, deren Erinnerung eine Bereichung für jede Getauften und jeden Getauften ist. Mahnungen und Umkehrrufe sind ein Dienst der Menschen aneinander. Sie schützen vor Wegen, die in die Irre führen. Wie im persönlichen Leben so gilt auch im Blick auf das Miteinander von Gemeinschaften, dass die geschwisterliche Zurechtweisung ein Dienst aneinander ist, den Gott von uns erwartet. Der mit Gottes Evangelium begründete Widerspruch zu Glaubenslehren und Lebensweisen einer Konfessionsgemeinschaft macht auf Verengungen aufmerksam, die in der Geschichte jeder Konfession möglich sind. Der Missbrauch amtlicher Autorität unter Verzicht auf Dialogbereitschaft gehört zu den vorrangigen Versuchungen sozialer Institutionen, zu denen auch die Kirchen gehören. Üble Nachrede ist nicht nur im alltäglichen Miteinander von Menschen höchst wirksam; auch in der Gemeinschaft der Konfessionen gibt es solche Geschehnisse. Wer dies beobachtet, hat das rechte Maß zu finden zwischen Verschweigen und Aufdecken, Vergessen und Anklagen, Verstehen und Verändern.


b. Ökumenische Vertiefungen

(41) Es gibt in unserer Gesellschaft eine über die Kirchen hinausgehende Anerkennung des Phänomens, dass gerade in Krisenzeiten die christlichen Konfessionen in Verbundenheit miteinander handeln: Liturgische Trauerfeiern nach Verbrechen (wie der Amoklauf im Erfurter Gymnasium 2002), Unfällen (etwa das ICE-Unglück bei Eschede 1998) oder Naturkatastrophen (beispielsweise das Seebeben in Indonesien im Dezember 2004) sind in unserem Land nur als ökumenische Wortgottesdienste möglich. Eröffnungen von Schuljahren oder auch der Beginn der Tätigkeit eines neu gewählten Parlaments werden ökumenisch bedacht. Den Kirchen wird gerade dann, wenn sie gemeinsam handeln, eine religiöse Deutekompetenz im Umgang mit Übergängen, mit Gewaltausübungen und Todeserfahrungen zugeschrieben. Im Bereich der kategorialen Seelsorge hat die ökumenische Zusammenarbeit eine lange und gute Tradition – historisch betrachtet als erstes in der Militärseelsorge seit dem 2. Weltkrieg, später auch in der Telefonseelsorge, in der Gefängnisseelsorge, in der Klinikseelsorge oder in der Hospizarbeit. Einen Ort für die Klage und Trauer in stillen Kirchenräumen zu gestalten, ist ein Anliegen vieler Menschen, das nicht selten von ökumenischen Gruppen aufgegriffen wird. Bücher werden ausgelegt, in die die Namen der Toten und ihre Lebensdaten eingetragen werden können. Die eigene Ratlosigkeit angesichts der Leidensgestalten der Schöpfung einzugestehen, mindert die Versuchung, Allmachtsphantasien auszubilden. Gemeinsam blicken Christinnen und Christen auf durchkreuzte Lebenshoffnungen. In religiösen Gemeinschaften liegt manchmal die Versuchung nahe, auf alle Lebensfragen eine allzu rasche Antwort geben zu wollen.

(42) Ermutigende Beispiele für die Überwindung von Tendenzen zur Individualisierung von Per-son und Bekenntnis finden sich in der ökumenischen Zusammenarbeit von kirchlichen Verbänden und Organisationen. Mit der gemeinsamen Vorbereitung und Durchführung von Aktionen wie "Friedenslicht von Bethlehem", "Weltfriedensgebet" und "Weltgebetstag der Frauen" brechen vor allem Jugend- und Frauenverbände verschiedener Konfessionen aus der Versuchung der Selbstgenügsamkeit und binnengemeindlicher Selbstbeschäftigung aus und erheben angesichts der Religions- und Konfessionsgrenzen überschreitenden Vorherrschaft von Krieg und Gewalt ihre Stimme gemeinsam für den Frieden in der Welt.

(43) Mit der Thematik "Versuchung" lässt sich auch die in der Ökumene viel besprochene Thematik gedanklich verbinden, ob es erforderlich ist, dass alle Konfessionen ausnahmslos alle Glaubenslehren der anderen Konfessionen anerkennen müssen, um von der "Einheit" im Glauben sprechen zu können. Gegen die unterschiedslose Gewichtung aller Glaubenslehren hat sich das 2. Vatikanische Konzil im Ökumenismusdekret mit seiner Rede von einer bestehenden "Hierarchie der Wahrheiten" [19, Nr. 11] ausgesprochen. In der Ökumenischen Theologie hat die Annahme einer möglichen Rangordnung unter den (allesamt) als wahr zu betrachtenden Lehren eine hohe Bedeutung erlangt. Als unterscheidendes Kriterium erac