Montag, 21. Oktober 1985

Die Notwendigkeit von Gruppenbildung in der sozial-caritativen Arbeit

Die Notwendigkeit von Gruppenbildung in der sozial-caritativen Arbeit

Beschlossen vom Geschäftsführenden Ausschuß des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 11. Oktober 1985 In Bonn-bad Godesberg

Der Auftrag des "neuen" Gebotes Jesu: "Liebet einander, wie ich euch geliebt habe" (Joh 13,34) ist zeitlos gültig. Seine Einlösung aber muß der jeweiligen Situation von Not und Hilfe Rechnung tragen und dabei die Zeichen der Zeit erkennen. 1)

Not hat in jedem Zeitabschnitt unserer rasch sich verändernden Welt ein anderes Gesicht. Neben der individuellen Not ist die gegenwärtige Situation gekennzeichnet durch die wirtschaftliche Not ganzer Völker und durch solche Nöte, die sich aus den Sinn- und Lebenskrisen unserer gesellschaftlichen Entwicklung ergeben. So muß sich auch das ändern, was Menschen, die von Not (und Nöten) betroffen sind, als Hilfe erfahren und als hilfreich erkennen können.

Not und Hilfe sind in der Bundesrepublik Deutschland keine neuen Themen. Beide wurden schon oft beschrieben. Öffentliche und private Träger sozialer Dienste helfen in vielfältigen und qualifizierten Aktivitäten. Der kirchlichen Wohlfahrtspflege kommt - schon wegen ihrer Größe - besondere Bedeutung zu. So wichtig diese großen sozialen Werke sind, sie können keinen Christen aus der Pflicht zu konkreter Nächstenhilfe entlassen. Diese ist ein urchristlicher Lebensvollzug. Sie muß auch in Zukunft wahrgenommen werden.

Hierfür werden besonders die Gemeinden angesprochen und in ihnen vornehmlich alle, die ehrenamtlich, neben- und hauptberuflich tätig sind.

An dieser Stelle soll allerdings weniger der beruflich geleisteten Hilfe nachgegangen werden, die unverzichtbar ist, als vielmehr den Hilfen, die ehrenamtlich, in Gruppen der Verbände oder in Selbsthilfegruppen ermöglicht werden. Die nichtberuflichen Hilfen, die Menschen sich heute - wie seit jeher - untereinander gewähren, sind in ihrer Bedeutung neu entdeckt worden.

Die Nöte und Aufgaben als Herausforderung

Unser Land hat hochentwickelte Sozialgesetze und soziale Sicherungssysteme. Daraus hat sich bei den meisten Bürgern die Überzeugung entwickelt, daß die Daseinsvorsorge, die in unserer Gesellschaft geschaffen worden ist, alle Mitglieder dieser Gesellschaft angemessen berücksichtigt.

Heute stellen wir aber fest, daß es gesellschaftliche Gruppen gibt, die mehr oder weniger übersehen worden sind. Freilich sind dies oft Menschen, die sich nicht so organisieren, wie bestimmte gesellschaftliche Gruppen, z. B. Tarifparteien oder Interessengruppen dies tun, um Aufmerksamkeit und Berücksichtigung zu erfahren. Im Arbeitspapier der Sachkommission II! der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland ist unter dem Titel "Die Not der Gegenwart und der Dienst der Kirche" 2) von den verschiedenen Defiziten der Wohlstandsgesellschaft die Rede, während gleichzeitig zu Diensten der Nächstenhilfe aufgerufen wird und Wege der Hilfe aufgezeigt werden. "Dieses Arbeitspapier ist bis heute ein Dokument der Mahnung an uneingelöste Aufgaben".3)

Zu Nöten und Defiziten kommen Sinn- und Lebenskrisen hinzu, die der Menschheit seit jeher vertraut sind, heute aber ein neues Gesicht zeigen, weshalb alte Hilfsmöglichkeiten oft nicht ausreichen und neue Wege gefunden werden müssen. Viele Kinder berufstätiger Eltern erleben weder in ihrer eigenen Familie noch bei Freunden Erwachsene, die Zeit haben und ihnen Orientierung im Leben geben können. Immer mehr Kinder wachsen ohne Geschwister auf. Aus diesen Tatsachen können sich mannigfache Probleme für ihre Entwicklung ergeben. In den christlichen Gemeinden ist das Familienleben nicht unbedingt "heiler" als anderswo, weshalb nicht ohne weiteres erwartet werden kann, daß Gemeinden solche Kinder und Jugendliche mit leichter Hand beheimaten können. Hier gibt es ebenfalls eine große Zahl zerbrechender Ehen, die zu einer immer größer werdenden Zahl von Alleinerziehenden führen.

Schon bilden sich mancherorts in Gemeinden Gruppen Alleinerziehender, die ihre Probleme untereinander besprechen und Hilfen suchen. Sollten diese Gruppen nicht eine ähnliche Rolle und Bedeutung im Gemeindeleben haben wie die Familienkreise? Müßten sie nicht bevorzugte Adressaten der Gemeindepastoral sein?

Vielen der neuartigen Sinn- und Lebenskrisen ist gemeinsam, daß durch sie ein Fluchtverhalten ausgelöst wird, das beispielsweise in Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmißbrauch münden kann. Manchmal kommt es dann zu Abhängigkeiten, so daß fachlich geschulte Hilfe einsetzen muß. Zu verhindern sind die Endstadien solcher Entwicklung aber meist nur, wenn aufmerksame Menschen aus dem näheren Umkreis der Gefährdeten diesen helfen, die auslösenden Krisen zu bestehen. Wie notwendig eine frühzeitige "Krisenintervention" ist, beweist die steigende Zahl versuchter und vollendeter Selbstmorde. Mögen die Mitmenschen oft auch überrascht werden von einem Selbstmord (oder -versuch), so hat dieser doch immer eine mehr oder weniger lange Vorgeschichte, die sich vor den Augen der Umwelt abgespielt hat, der die Nöte aber verborgen geblieben sind. Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten, aufkommender ernsthafter Not vorzubeugen. Ganz allgemein gilt aber: Wer von Not betroffen ist - gleich welcher Art -neigt dazu, sich zu verstecken, vor allem dann, wenn sie ihn sehr tief trifft. Allzu selten melden Notleidende sich laut, und wenn, dann oft in schwer durchschaubaren Formen, etwa in sinnlosen Zerstörungen, in Anklagen, Verdächtigungen, Mißtrauen. Solche Menschen warten darauf, daß man ihre Not entdeckt; selten suchen sie sich selbst den Helfer. Manche von ihnen neigen auch dazu, Helfer abzulehnen oder mit devoter Dankbarkeit zu hofieren." 4)

Helfen in Gemeinschaft

Wer helfen will, tut das am besten gemeinsam mit anderen. Er braucht die Unterstützung und Ergänzung durch andere, er braucht selbst die Gewißheit, nicht im Stich gelassen zu werden. Vor allem braucht er den Rückhalt in einer Gemeinschaft von vielen, die mit ihm auf demselben Weg sind und ihn von dem Druck entlasten, er müsse auf alles allein eine Antwort finden. Eine Gemeinschaft, die Lasten auf viele verteilt, kann dadurch die Schwachen leichter schützen und mittragen.

Die Caritas der Kirche kennt seit langem erprobte Formen solcher Gemeinschaft. Bruderschaften und geistliche Gemeinschaften leisten seit altersher diesen Dienst. In den Gemeinden haben sich seit mehr als 100 Jahren Organisationsformen wie caritative Konferenzen und Vereine (Caritas-Konferenzen, Elisabeth- und Vinzenzkonferenzen) und Helfergruppen bewährt. Der Begriffsteil "Konferenz" meint nicht nur "Sitzung"; vielmehr werden hier die gewonnenen Erfahrungen in der tatsächlichen Bedeutung des Wortes zusammengetragen und ausgewertet. Die Vielfalt der Nöte und die Komplexität vieler Einzelschicksale haben bei dieser Arbeit in "Konferenzen" bewährte Strukturprinzipien entstehen lassen. Es geht dabei um einen freien Zusammenschluß von Christen, die sich persönlich zu caritativen Diensten verpflichten. Jedes Mitglied der Konferenz leistet praktische Beiträge zu einem gemeinschaftlichen Dienst. Um sich hierüber zu verständigen, trifft die Konferenz sich regelmäßig. Dabei werden die Aufgaben den unterschiedlichen Kräften und Fähigkeiten entsprechend verteilt. Niemand soll überfordert werden, keiner soll als einzelner auf die Anerkennung aus sein, die die Konferenz als Ganzes erfährt. In Helferverbänden zusammengefaßt, erfahren die Ehrenamtlichen fachliche Schulung und Fortbildung und die notwendige spirituelle Begleitung ihrer Arbeit.

Wirft man einen Blick auf die Gründungsidee und -geschichte katholischer Verbände, so läßt sich feststellen, daß es sich dabei häufig um charismatische Aufbrüche handelte, die mutig von Menschen, zumeist ehrenamtlich, gewagt wurden. Sie lösten oft caritative, soziale, aber auch religiöse Bewegungen aus, indem sie sich durch die aktuelle Not ihrer Zeit anrühren ließen, betroffen wurden und handelten. Bis in die Gegenwart ist der ehrenamtliche Dienst von Helfern und Helfergruppen ein unverzichtbares Wesenselement der Caritas der Kirche geblieben.

Wie sieht "ehrenamtlicher Dienst" in der Kirche aus?

In der Kirchengemeinde hat der ehrenamtliche Dienst seit altersher ein sehr vielfältiges Gesicht. Das gilt für die Sorge um Kranke und alte Menschen, die Unterstützung und begleitende Hilfe für Familien in Not sowie für die zahlreichen Besuchsdienste. Ehrenamtliche kann man in jeder Altersgruppe antreffen. Die kirchliche Praxis im sozialen Dienst der Caritas zeigt, daß rein fachliche, d. h. berufliche Sozialarbeit der Ergänzung durch den ehrenamtlichen Dienst bedarf und daß damit die Bedeutung der ehrenamtlichen Arbeit gesteigert wird. Bestmögliche Hilfe ist gerade in den Fachdiensten der Caritas nur im Zusammenwirken von ehrenamtlichen Gruppen und Mitarbeitern mit beruflichen Fachkräften zu leisten. Beide Dienste haben ihren jeweils originären Beitrag zu erbringen und Auftrag zu erfüllen.

Ehrenamtliche Mitarbeit wird zunächst dort zu suchen und zu entwickeln sein, wo sich bereits Ansätze des Ausbaues und der Verdichtung tragfähiger sozialer Netze und mitmenschlicher Bezüge zeigen. Solche Bezüge können sich in der Familiengemeinschaft, aus der sozialräumlichen Verbundenheit von Nachbarschaft oder aus Gemeindebezug ergeben. Zu denken ist hier insbesondere an Familien, die sich besonders gut untereinander helfen können, weil sie sich kennen und weil ihnen die verschiedenen Belastungen und Gefährdungen bekannt sind; aber auch an Gruppen, beispielsweise alleinerziehender Mütter oder Väter, an Selbsthilfegruppen des Kreuzbundes, an Gruppen psychisch Kranker. Dabei entwickelt sich jene Solidarität, die aus der Gemeinschaft von Lebensund Leidenserfahrung entsteht.

In vielen Gemeinden kann man heute eine neue Art ehrenamtlicher Helfer finden. Das sind Menschen, die oft keine engere Verbindung zur Gemeinde haben, aber tätig werden, weil sie Not sehen und helfen wollen. Sie erwarten, daß die Mitglieder der Gemeinde sie in ihrem Dienst respektieren, ggf. auch unterstützen. Sie wollen nicht Konkurrenz zu gemeindlichen Diensten sein und wünschen darum auch nicht, so verstanden zu werden. Wenn solche Dienste entstehen, ist dies häufig ein Zeichen dafür, daß sie von der Gemeinde bisher nicht in ausreichendem Umfang erbracht worden sind. Die Gemeinde hat daher keinen Grund, hier Konkurrenz zu fürchten.

Neue Formen der Gruppenbildung in der sozialen Arbeit (Selbst- u. Nächstenhilfegruppen)

Bei der Bildung von Helfergruppen gewinnt zunehmend die Mitwirkung der Betroffenen selbst an Bedeutung. In diesem Sinne wird immer häufiger von Selbsthilfegruppen gesprochen. Der Begriff ist nicht neu. Auch in der professionellen Sozialarbeit wird immer wieder die Bedeutung der "Hilfe zur Selbsthilfe" hervorgehoben. In vielen ländlichen Gemeinden, wo noch tradierte Nachbarschaften existieren, wird das, was der Begriff meint, seit jeher praktisch geübt. Wer sich in Obdachlosensiedlungen und unter Nichtseßhaften auskennt, trifft immer wieder auf selbstverständlich geleistete Hilfe auf Gegenseitigkeit. Das braucht nicht durch berufliche Helfer vermittelt zu werden. Gerade die Ärmsten wissen oft, daß sie "alle im selben Boot sitzen".

Immer mehr Menschen erkennen, daß der einzelne mit seinen persönlichen Nöten zum Objekt großer sozialer Institutionen und ihrer Regelwerke wird. Und sie machen sich auf, eine unmittelbar erfahrbare menschliche Solidarität einzuüben. Sie wollen die persönliche Solidarität, die früheren Generationen in Stadt und Land selbstverständlich war, wieder in das Leben unserer Gemeinschaft holen. Dies ist notwendiger denn je: Es gibt neue Probleme und Aufgaben, von denen unsere Vorfahren nichts wissen konnten. So entstehen Bürgerinitiativen, freie Aktionsgruppen, auch differenzierte Dienste in Gemeinden. Es bilden sich ad-hoc-Gruppen, die sich für kurzfristige Aktionen verbünden. Diese sollen hier ausgespart werden, womit allerdings keine Abwertung ausgedrückt sein soll.

Seitdem soviel von Selbsthilfegruppen die Rede ist, dringt auch mehr von Motiven, Zielen und Problemen der alltäglichen Arbeit im sozialen und gesellschaftlichen Bereich an die Öffentlichkeit. Es ist beeindruckend, zu verfolgen, wie Menschen lernen, mit den Problemen umzugehen, die etwa aus Behinderungen oder unheilbarem Leiden, aber auch aus der Ratlosigkeit über die Wege - oft Abwege - eigener Kinder erwachsen. Wer über lange Zeit die bunte Vielfalt der Selbsthilfegruppen beobachtet, kann staunend erleben, wie hier Wege aus Resignation und Verzweiflung gefunden werden. Wer sich selbst in einer Gruppe dieser Art engagiert, bekommt Einblick auch in das Innenleben der Gruppe. Dabei erkennen wir: Die Menschen, die hier aufbrechen, um neue Antworten zu suchen, leben oft mitten unter uns. Eine wache Gemeinde hat daher die Möglichkeit, Entstehen und Tätigwerden solcher Gruppen wahrzunehmen und zumindest das Gespräch mit ihnen zu suchen. Das kann für alle Beteiligten bereichernd sein. Manchmal kommen solche Gruppen auch von sich aus auf die Gemeinde zu, etwa weil sie Räume oder einen Rechtsträger suchen oder ganz einfach Hilfe und Unterstützung erbitten.

Probleme und Chancen solchen Gruppen

Bei Begegnungen zwischen Gemeinden und derart sozial engagierten Menschen stellt sich oft heraus, daß die einen die anderen als unbequem und Andersdenkende wahnnehmen. Immerhin sind dabei ja auch Menschen mit geringem oder keinem Kontakt zur Kirche und vereinzelt auch solche aus sogenannten Randgruppen wie z. B. Obdachlose, Nichtseßhafte, Ausländer, Alkohol- und Drogenabhängige, Anfallskranke, Behinderte. Der Umgang mit Randständigen ist aber in Gemeinden ebensowenig eingeübt wie anderswo, wodurch es oft zu Mißverständnissen kommt.

Wie kann, wie sollte sich die Gemeinde solchen Gruppen gegenüber verhalten? In der Regel wird sie davon ausgehen können, daß hier Menschen guten Willens etwas tun wollen, um eine Aufgabe anzupacken. Es wird daher zunächst stets vor allem darum gehen, die zum Helfen bereiten Menschen guten Willens ernst zu nehmen und nach Möglichkeiten einen Kooperation mit ihnen zu suchen. Dabei kann es zu Konflikten kommen zwischen der spirituellen Prägung der Caritas der Gemeinde und dem Bemühen, sich auf Menschen einzulassen, die Helfer sein, sich aber nur teilweise mit der Kirche identifizieren wollen.5) An dieser Stelle treffen kirchlicher und gesellschaftlicher Auftrag der Christen in den Kirche zusammen. Die Christen sollen Zeugnis geben von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Alle Menschen sollen dieses Zeugnis verstehen können. Es kommt vor allem darauf an, mit denen ins Gespräch zu kommen, die sich und anderen helfen wollen.

Oft kann man die besorgte Frage hören, ob es gerechtfertigt sei, daß kirchliche Träger mit einzelnen und Gruppen zusammenarbeiten, die kaum oder gar nicht mit der Kirche verbunden sind. Diese Frage ist sehr ernst zu nehmen und als Herausforderung zu verstehen, sich nachdrücklich mit den Gefahren auseinanderzusetzen, die aus einer säkularisierten Welt zu einer säkularisierten Kirche führen können. Grundsätzlich ist festzuhalten, daß die solidarische Kooperation mit kirchlich Nicht-Identifizierten sich in einem Umfeld der Kirche ereignet. In der Kirche hat es durch alle Zeiten hindurch immer wieder die Erfahrung gegeben, daß sich in ihrer Nähe Suchende eingefunden haben. Solche verbergen sich nicht selten unter dem Gewand der Unbequemen und Andersdenkenden.

Hilfen zur Orientierung und Unterscheidung im Umgang mit den neuen Gruppen

Wie gehen Gemeinden damit um, wenn sich solche Gruppen zusammenschließen und sogar Erwartungen an die Kirchenvertreter äußern? Damit ist die Frage der "Toleranz" angesprochen. Es kann sicher dort keine Toleranz geben, wo es um das Heil geht. Aber mit dem heiligen Apostel Paulus können wir sagen, daß wir Christen mit unseren Gemeinden "den Juden ein Jude, ... den Schwachen ein Schwacher, ... allen alles" werden sollen, "um auf jeden Fall einige zu retten" (1 Kor 9, 20-22).

Der Auftrag, vor den die Kirchengemeinden hier gestellt sind, ist nicht einfach zu lösen. Er erfordert Nachdenken, die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, Ideen zu entwickeln und neue Wege zu gehen. Es ist nicht genug, solchen Gruppen etwa einen Raum im Pfarrheim zu überlassen, sie ansonsten aber im Gemeindeleben nicht mitzuzählen. Wenn sie sich mancherorts im Gemeindeleben als gering geachtet erfahren, so ist dies alarmierend. Wir wüßten gar nicht darum, wenn einzelne Gruppen, die sich außerhalb des kirchlichen Bereiches gebildet haben und zunächst nur auf Hilfe und Unterstützung durch Gemeindevertreter hoffen. Werden sie enttäuscht, so ziehen sie sich von der Gemeinde zurück. Die Folgen sind hier und da bereits deutlich zu beobachten. Gruppen, die sich in Selbst- und Nächstenhilfe engagieren wollen, können heute sehr unkompliziert auch anderweitig rechtliche Absicherung und oft noch weitergehende Unterstützung erlangen, die sie benötigen. Dies ist ein Verlust für die Gemeinde, weil dann das Gespräch mit ihnen abreißt oder doch sehr erschwert wird.

An dieser Stelle wird deutlich, daß der Zugang dieser Gruppen zur Kirchengemeinde und zu kirchlichen Verbänden einfacher werden sollte. Auf jeden Fall wird es darauf ankommen, daß die Gemeinden und die Mitglieder kirchlicher Verbände mit den Mitgliedern solcher Gruppen im Gespräch bleiben. Bei diesen Begegnungen müssen sich Gemeinden auf die konkreten, von gemeinsamen Anliegen her gegebenen Fragen, aber auch auf solche pastoraler Art einlassen, die sich aus dem jeweiligen Dienst ergeben. Wer sich auf Randständige eingelassen hat, macht häufig die Erfahrung, daß er selbst als ebenso "unbequem" empfunden wird, wie die, mit denen er umgeht. Solche Erfahrungen hat Jesus zu seiner Zeit auch gemacht, als man sich von ihm wegen seines Umganges mit den Randgruppen seiner Zeit distanzierte, "...dieser Freund der Zöllner und Sünder" (Lk 7, 34).

Helfer der Menschen - Zeugen des Glaubens

In der sozial-caritativen Arbeit sind heute berufliche Helfer, die fachlich ausgebildet sind, unentbehrlich. Unverzichtbar ist aber auch ein dichtes Netz von ehrenamtlichen Helfern in Helfergruppen und caritativen Verbänden. Die persönliche Begegnung mit den Notleidenden und die Pflege des Kontaktes mit den Familien in ihrem Lebensraum ist ihr besonderes Anliegen.

Bei den freien Aktivgruppen der in den letzten Jahren aufkommenden Selbsthilfebewegung handelt es sich durchweg um spontane Gruppenbildungen, deren Anliegen die Bewältigung akuter Notlagen oder Notsituationen ist. Wache Gemeinden sollten sehr genau beobachten, was solche Gruppen in ihrem sozialen Umfeld tun, den Kontakt zu ihnen suchen und das Gespräch mit ihnen nicht abreißen lassen. Woes von der Aufgabe und der Zusammensetzung solcher Gruppen her möglich ist, sollten sie in den Bereich der ehrenamtlichen sozialcaritativen Arbeit der Kirche einbezogen werden.

Die Wachheit und Offenheit nichtberuflicher und ehrenamtlicher Helfergruppen und die Unbefangenheit, mit der sie ihr Werk der Nächstenliebe in Angriff nehmen, sind ein Zeugnis für das Evangelium. "Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt" (Joh 13, 35). Es geht um die Verwirklichung des "neuen Gebotes". Auch heute wird der tätige Dienst der Liebe für den Menschen am ehesten als Zeugnis des Glaubens verstanden und angenommen.

 

1) Positionspapier des Deutschen Caritasverbandes, Freiburg 1983, S. 1 ff.

2) in: OFFIZIELLE GESAMTAUSGABE, Teil II, S. 103-157, Freiburg, Herder-Verlag, 1977

3) daselbst in: Einleitung S. 102

4) DIE NOT DER GEGENWART, a.a.O., S. 107 5) Positionspapier a.a.O., S. 47