Dienstag, 7. Juni 1994

Die sozial-caritativen Dienste der Katholischen Kirche im vereinten Deutschland

Die sozial-caritativen Dienste der Katholischen Kirche im vereinten Deutschland

Herausforderungen, Chancen und Perspektiven

Erklärung der Kommission 7 "Sozial-Caritativer Dienst" des Zentralkomitee der deutschen Katholiken vom 7. Juni 1994

1. Veränderte politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die sozial-caritativen Dienste

1.1 Veränderte politische Rahmenbedingungen

Der diakonische Dienst gehört zu den grundlegenden Aufgaben der Kirche, zum Urgestein christlichen Handelns. Im Engagement von Menschen für Menschen, die Hilfe brauchen, wird die Botschaft Jesu ins Heute übersetzt und glaubwürdig bezeugt sowie die Quelle solchen Tuns deutlich: Die mütterliche Barmherzigkeit Gottes. Für diese Zuwendung sind Geschlecht und Alter, Hautfarbe und Nationalität, Veranlagungen und Fähigkeiten, Lebensstand und politische Einstellung der Hilfesuchenden ebenso unerheblich wie ihre religiöse Gebundenheit. Die Hilfeleistung gilt den Nahen und Fernen, Familienangehörigen und Fremden, Einheimischen und Ausländern, Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft und Menschen in Notsituationen überall. Einige dieser Hilfeleistungen sind konkret gefaßt in den sozial-caritativen Diensten der Kirche.

Diese - getragen von engagierten Kirchenmitgliedern, von ehren- und hauptamtlich tätigen Menschen in Gruppen, Pfarrgemeinden, ambulanten Diensten, Einrichtungen und Verbänden - stehen in unserem Land nach der lange erhofften und 1990 unerwartet gewonnenen staatlichen Einheit vor weitreichenden Herausforderungen, Chancen und Perspektiven. Mit der staatlichen Einheit hat sich ein tiefgreifender Umbruch unserer gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Situation in den neuen wie auch in den alten Bundesländern ergeben, der sich vor dem Hintergrund gesamtwirtschaftlicher Schwierigkeiten vollzieht, in deren Folge soziale Verwerfungen und Verteilungskonflikte verschärft zutage treten.

Die Eigendynamik dieses Prozesses wie auch die bewußten Weichenstellungen erfordern von allen weniger ein Ausschauen auf den ehemals anderen Teil Deutschlands - von “hüben” nach “drüben” und umgekehrt - als ein Schauen in eine gemeinsame Richtung: Richtung Einheit Deutschlands, Richtung Einheit Europas, Richtung Eine Welt. Dies erfordert ein Mehr an Lernbereitschaft, Solidarität, Toleranz und Geduld von den Menschen in den alten wie in den neuen Bundesländern.

Die Einheit Deutschlands hat den sozial-caritativen Diensten in den neuen Bundesländern eine Fülle an Aufgaben gestellt. Die Übernahme zusätzlicher Verantwortung in Bereichen, die der diktatorische Staat für sich monopolisiert hatte (z.B. vorschulische Erziehung, Jugendarbeit, berufliche Bildung) war ebenso erforderlich wie die Bewältigung eines erheblichen Nachholbedarfs im sozialen Bereich. Hierbei machten (und machen immer noch) der bauliche Zustand, die technische Ausstattung und die organisatorischen Bedingungen sozialer Einrichtungen umfassende Veränderungen im Interesse der Menschen erforderlich. Anhängig ist auch die Harmonisierung sozialer Standards, z.B. Angleichung des Standards der Hilfen, und die Gewinnung qualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, seien es haupt- oder ehrenamtliche Kräfte. Mit dieser Entwicklung ist für die sozial-caritativen Dienste die Chance gegeben, sich aus einem Nischendasein zu befreien und in die pluralistische und zum Teil postchristliche Gesellschaft hineinzuwirken.

1.2 Veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Nach dem 3. Oktober 1990 folgte hohen Erwartungen angesichts einer tiefen wirtschaftlichen Rezession sehr bald Ernüchterung und Skepsis. Daraus können jedoch schöpferische Kräfte wachsen, wenn die nüchterne Einsicht in Art und Umfang der Probleme sowie in den Zeitbedarf für ihre Lösung von christlicher Zuversicht begleitet wird, in deren Folge sich Solidarität und Tatkraft zur Lösung der Probleme entwickeln.

Die Überwindung unserer Wirtschaftskrise als Aufgabe mit höchster Priorität stellt sich wegen der gesellschaftlichen und politischen Ziel- und Interessenkonflikte als schwierig heraus. Gleichzeitig mit der  erstellung der inneren Einheit Deutschlands müssen die Arbeitslosigkeit bekämpft, die Wettbewerbsfähigkeit gesichert, die Inflationsrate gesenkt und die Zunahme der Staatsverschuldung gestoppt werden. Die Diskussionen über den Solidarpakt, die Absicherung des Pflegerisikos oder die Lohnpolitik haben vor Augen geführt, wie eng der Verteilungsspielraum geworden ist.

Die Wirtschaftskrise und ihre sozialen Folgen haben ihre Ursache nicht primär in der staatlichen Einheit Deutschlands, sondern fallen nur zeitlich mit ihr zusammen. Die Vereinigung hat vorhandene Probleme offengelegt oder verstärkt. Häufig übersehen werden die durch die Einheit initiierten Impulse für eine zeitweilige Belebung der Nachfrage mit positiven Effekten für Beschäftigung, Löhne, soziale Sicherung in den alten Bundesländern und für einen Modernisierungsschub und eine stark verbesserte Versorgungslage in den neuen Bundesländern. Die hier und da laut werdenden Stimmen, die in der deutschen Einheit die alleinige Ursache für die derzeitigen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Probleme in ganz Deutschland sehen, sind falsch und gefährlich, weil der Mangel an Einsicht in die Schwierigkeiten und an Verständnis füreinander die erforderliche Solidarität schwächt und die notwendigen politischen Entscheidungen erschwert oder hinauszögert.

Mit der Zunahme sozialer Probleme und der Verringerung der Handlungsspielräume für Politik und Tarifpartner infolge der Verteilungskrise wenden sich zunehmend mehr Menschen an die sozial-caritativen Dienste mit der Bitte um Unterstützung. Bei zunehmender Nachfrage nach sozialen Diensten und Hilfen und gleichzeitiger Mittelverknappung stehen die sozial-caritativen Dienste vor der Aufgabe, ihre Mittel besonders effizient einzusetzen.

Es ist nicht die Aufgabe der sozial-caritativen Dienste, Konzepte zur Überwindung der Verteilungskrise zu entwickeln. Sie haben für soziale Gerechtigkeit einzutreten und sozialverträgliche Lösungen einzufordern. Indem sie das tun, tragen sie zur Sicherung des sozialen Friedens bei, ohne den der wirtschaftliche Aufschwung nicht gelingen kann.

1.3 Veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Seit der staatlichen Einheit sind die je eigenen Probleme der beiden früheren Teile Deutschlands gemeinsame Probleme. Daher müssen neue Antworten gefunden gemeinsam werden. Gemeinsame Lösungen sind aber nur dann möglich, wenn die Bereitschaft zur Solidarität und zu gemeinwohlorientierten Lösungen wächst.

Zwangsläufig haben sich mit der Teilung Deutschlands verschiedene Denk- und Verhaltensweisen herausgebildet. Die Unterschiede in den Lebensgeschichten und -bedingungen sind mit Ursache dafür, daß die “innere Einheit” Deutschlands ein schwieriger und langwieriger Prozeß ist, der gemeinsame Anstrengungen unumgänglich macht. Er kann nur gelingen, wenn die Menschen in den alten und den neuen Bundesländern bereit sind, Bewährtes wechselseitig zu akzeptieren, Anfragen an die je eigenen Strukturen und Positionen zuzulassen sowie für Kritik und Korrekturen offen zu sein und das notwendige Maß an Übereinstimmung in Grundwertpositionen zu finden.

Im Zuge der Übernahme des neuen Gesellschaftssystems besteht auch die Gefahr, daß in der ehemaligen DDR manche Solidarität, die im privaten Bereich und auch innerhalb der Kirchen lebendig war, verloren geht. Dies mag damit zusammenhängen, daß die frühere Solidarität zum Teil Ausdruck krisenbedingter Selbsterhaltungsbemühungen war und jetzt als weniger notwendig bewertet wird. Ferner droht eine Entwicklung einzutreten, in der für viele Menschen jene Solidarität aus dem Blick gerät, die Ausdruck der Teilhabe und Teilnahme am Schicksal des anderen war und für einzelne wie für kleine Gruppen identitätsbestimmende Bedeutung hatte. In den alten Bundesländern sind Tendenzen, Einzel- und Gruppeninteressen ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl und auf berechtigte Anliegen anderer Menschen zu vertreten und durchzusetzen, unverkennbar.

Insgesamt vollziehen sich in der heutigen Bundesrepublik Prozesse des Wertewandels von weitreichender Bedeutung. Unsere Gesellschaft krankt an Einstellungen und Verhaltensweisen, die die Würde des Menschen in Frage stellen, die die solidarische Verantwortung vernachlässigen und die sich zu wenig an den Erfordernissen des Gemeinwohls orientieren.

Die sozial-caritativen Dienste können wichtige Impulse für eine Wertebildung, die der Menschenwürde, der Solidarität und dem Gemeinwohl den ihnen gebührenden hohen Stellenwert einräumt, aber auch für eine Gestaltung solidarischer zwischenmenschlicher Beziehungen, und für eine von Solidarität geprägte Wirtschafts- und Sozialordnung geben. Ihr Engagement gilt dabei den Menschen schon vor der Geburt bis hin zu den Sterbenden, Armen wie Flüchtlingen, grundsätzlich allen Gefährdeten und Hilfsbedürftigen.

2. Schlußfolgerungen für sozial-caritatives Handeln

Besonders dringlich ist die Förderung des Interesses und des Verständnisses der Menschen aus den beiden ehemaligen Teilen Deutschlands füreinander. Um vorhandene Barrieren abzubauen und Brücken zu schlagen, ist es wichtig, daß die Menschen einander von ihrer Lebensgeschichte berichten können, daß sie einander ihre Erfahrungsund Entscheidungshintergründe mitteilen und einander zuhören. Die Chancen der Verständigung sind um so größer, je mehr die Menschen voneinander erfahren und je mehr sie sich respektieren.

Die sozial-caritativen Dienste - wie auch Parteien und Bildungseinrichtungen - können und müssen ihren Beitrag hierzu leisten. Begegnungen zwischen den Menschen sollten weiter gefördert werden, indem organisatorische Hilfen und Gesprächsbegleitung angeboten oder vermittelt werden. Partnerschaften zwischen Pfarrgemeinden, Einrichtungen und Verbänden, wechselseitige Informationsbesuche und der Austausch von Erfahrungen sind geeignete Wege, dies zu erreichen.

Als Konsequenz veränderter Rahmenbedingungen infolge der staatlichen Einheit ist besonders in den neuen Bundesländern ein erheblicher Bedarf an sozialer Information und Beratung entstanden. In der gesamten Bundesrepublik stellt sich für die sozial-caritativen Dienste die Aufgabe, dringliche Problemfelder aufzuspüren und vorhandene Beratungskonzepte weiterzuentwickeln.

Die gegenwärtige Situation ist für die sozial-caritativen Dienste Chance und Herausforderung, neue Wege der Unterstützung, Hilfe und Förderung zu erproben, und zwar sowohl hinsichtlich der Hilfeformen und -methoden als auch hinsichtlich der Organisationsstrukturen.

Als zunehmend notwendig erweist sich eine sachkundige, ganzheitlich erfolgende soziale Beratung, die die verschiedenen sozialen Nöte Ratsuchender im Zusammenhang aufzugreifen versteht und in der Lage ist, bei Bedarf den Zugang zu speziellen Beratungsdiensten zu vermitteln. Wegen der Dringlichkeit eines solchen Angebotes sollte die “Allgemeine soziale Beratung” als eigenständiger Beratungsdienst aufgebaut, weiterentwickelt und generell anerkannt werden. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Pfarrgemeinden und Allgemeinen sozialen Beratungsdiensten ist im Interesse Rat- und Hilfesuchender anzustreben.

Mit der Zunahme sozialer Probleme stehen auch mehr und mehr die Pfarrgemeinden vor der Aufgabe, konkrete Beiträge zur Lösung ein zubringen. Hier wird oft Bewundernswertes geleistet. Die Last dieser Aufgaben liegt jedoch vielfach in den Händen weniger, nicht allein wegen der um sich greifenden Entkirchlichungstendenzen, sondern auch, weil der Eindruck entstanden ist, daß es in unserem sozialen Rechtsstaat für alle sozialen Probleme geeignete Sozialleistungen gibt. Diese Verrechtlichung kann dazu führen, daß in unserem Gemeinwesen die menschliche Komponente verschüttet wird und Solidarität zunehmend verlorengeht. Sozialleistungen können aber nicht alle Probleme lösen. Nächstenliebe, die sich in Familie und Nachbarschaft in spontaner, solidarischer Hilfe äußert, ist heute ebenso unverzichtbar wie Sozialgesetze.

3. Ausgewählte Schwerpunkte aktueller sozial-caritativer Herausforderungen

Anhand ausgewählter Schwerpunkte aktueller sozial-caritativer Herausforderungen sollen Probleme, Verantwortlichkeiten und Handlungsperspektiven exemplarisch verdeutlicht werden.

3.1 Schutz und Förderung von Kindern und Jugendlichen

Angesichts der deutschen Einigung bieten sich den jungen Menschen große Chancen und Möglichkeiten von der Erweiterung des Erfahrungshorizontes über ökologisches und soziales Engagement bis hin zum Erlernen neuer Berufe. Jugendliche sind aber nicht selten überfordert, diese Chancen und Möglichkeiten zu erkennen und wahrzunehmen. Die sich rasch ändernden Lebensverhältnisse, der Wertewandel, der Zerfall herkömmlicher und das Entstehen neuer Bindungen und Milieus erschweren es ihnen, sich in einer unübersichtlicher gewordenen Welt zurechtzufinden. Das gilt ganz besonders für die jungen Menschen in den neuen Bundesländern. Sie müssen darauf vertrauen können, daß sie mit ihren Problemen nicht allein gelassen werden, sondern Unterstützung und Hilfe erhalten. Häufig sind Eltern und Familienangehörige nicht in der Lage, diese Orientierung ohne Unterstützung von außen ausreichend zu gewährleisten.

Die Schaffung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes war der Versuch, den gesetzlichen Rahmen für die Förderung und Unterstützung junger Menschen und ihrer Familien veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen. Die sozial-caritativen Dienste versprachen sich davon einen neuen Aufbruch in der Kinder- und Jugendhilfe. Leider ist die Umsetzung des Gesetzes bislang nur bedingt gelungen: Vor dem Hintergrund der angespannten Finanzlage scheinen Bund, Länder und Gemeinden nicht bereit zu sein, das neue Gesetz nach Sinn und Buchstaben durchzuführen und die erforderlichen Mittel für die Kinder- und Jugendhilfe bereitzustellen. Die sozial-caritativen Dienste sehen sich daher vor die Aufgabe gestellt, die Beseitigung der Defizite im Gesetzesvollzug anzumahnen, da Einsparungen in diesem Bereich nicht nur zu Lasten der betroffenen jungen Menschen gehen, sondern auch die Herstellung der inneren Einheit behindern. Die Unterschiede zwischen Ost und West werden zementiert, da z.B. der erhebliche Nachholbedarf an Einrichtungen und Diensten der Kinder- und Jugendhilfe nicht abgebaut werden kann.

Unabhängig von staatlicher Unterstützung stehen die sozial-caritativen Dienste vor der schwierigen Aufgabe, geeignete Angebote zur persönlichen und beruflichen Förderung junger Menschen zu entwickeln und vorzuhalten. Sie haben dabei in Rechnung zu stellen, daß aufgrund von Verunsicherung und Orientierungslosigkeit die Gewaltbereitschaft junger Menschen zunimmt, daß Schwierigkeiten bei der Wertevermittlung, unzureichende Gemeinschaftserfahrungen in Familie und Gesellschaft, unklare Lebensperspektiven sowie die allgemeine wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Situation die soziale und berufliche Integration junger Menschen erschweren. Hier sind insbesondere die Jugendsozialarbeit und die Jugendberufshilfe gefordert. Bewährt hat sich das Konzept der kombinierten Jugendberatungs- und Jugendfreizeitstätten. Sie können notwendige lebensraumorientierte und entwicklungsbegleitende Hilfen gewähren oder vermitteln. Von der Jugendsozialarbeit werden freiwillige soziale Tätigkeiten Jugendlicher gefördert, sozialpädagogisch begleitete Ausbildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen angeboten und dazu eigene Lehrwerkstätten mit fachlich und pädagogisch qualifizierten Ausbildungsleitern geschaffen. Berufsbezogene Jugendsozialarbeit in freier Trägerschaft vermag zwischen Jugendlichen, Schule, Arbeitsamt und Ausbildungsbetrieben zu vermitteln. Insbesondere für lernbeeinträchtigte und sozial benachteiligte Jugendliche ist ein flächendeckendes Netz der Jugendberufshilfe und berufsbezogenen Jugendsozialarbeit zu erstellen.

Eine gute Möglichkeit zur Förderung Jugendlicher während der Ausbildung und zur Integration in die Arbeits- und Berufswelt besteht im Auf- und Ausbau sozialpädagogisch begleiteter Wohnformen. Die insgesamt positiven Erfahrungen mit Internaten an kirchlich-caritativen Ausbildungsstätten in den neuen Bundesländern bestätigen dies. Für Jugendliche, die mangels Ausbildungsmöglichkeiten am Heimatort eine Ausbildung auswärts annehmen, sind entsprechende Wohnangebote von besonderem Interesse.

Zu den vordringlichen Aufgaben der Jugendarbeit, insbesondere in Form der außerschulischen Jugendbildung, gehört es, junge Menschen mit den geistigen und ethischen Grundlagen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vertraut zu machen, sie in Toleranz und gewaltfreies Verhalten einzuüben und zur Übernahme von Verantwortung in Staat, Kirche und Gesellschaft zu befähigen und zu motivieren. Die kirchliche Jugendarbeit verfügt über eigene Möglichkeiten, durch Jugendbegegnungen auf nationaler und internationaler Ebene zu gegenseitigem Kennenlernen und Verständnis beizutragen.

Sucht und Drogenabhängigkeit junger Menschen sind Ausdruck unbewältigter Probleme und Flucht vor der Wirklichkeit. Für Sucht und Abhängigkeit als Krankheiten sind spezifische Behandlungskonzepte und eigenständige Versorgungsstrukturen geschaffen worden. Bei ihrer Weiterentwicklung ist das Schwergewicht auf Maßnahmen der Prävention, Rehabilitation und Nachsorge zu legen.

Es ist ein besonderes Anliegen der sozial-caritativen Dienste, die vielen bereits heute sozial engagierten jungen Menschen zu unterstützen und weitere junge Menschen für soziale Anliegen zu sensibilisieren. Befristete Tätigkeiten und Praktika im sozialen Bereich können Interesse und Verständnis fördern und auf die Übernahme sozialer Aufgaben vorbereiten. Dies gilt besonders für das freiwillige soziale Jahr. Zur Stärkung des Freiwilligendienstes ist es sinnvoll, das freiwillige soziale - und ökologische - Jahr zu einem Angebot für junge Menschen zu erweitern, die einen Dienst für soziale Gerechtigkeit, den Erhalt der Lebensgrundlagen, für ein friedliches Miteinander oder für internationale Verständigung leisten wollen, sei es im In- oder Ausland.

Gute Chancen für eine Sensibilisierung und Motivierung Jugendlicher für soziale Belange bieten auch mehrwöchige, sozialpädagogisch betreute Ferien- und Freizeitdiakonate in sozialen Einrichtungen. Vorschulen für soziale Berufe, die eine Grundausbildung mit sozialem Lernen, praktischer Tätigkeit in Sozialeinrichtungen und sozialpädagogisch begleitetem Wohnen verbinden, verfügen über günstige Voraussetzungen für die Hinführung zur Sozialarbeit. Die Kirche sollte sie deshalb besonders fördern. Ferner ist zu prüfen, inwieweit Abschlußzeugnisse solcher Schulen Zugangsberechtigungen zu einer größeren Zahl von Berufen geben können.

Die spezielle Förderung von Kindern im Vorschulalter stellt ein dringendes Anliegen der sozial-caritativen Dienste dar. Kinder brauchen Erlebnisse mit Kindern, um Fähigkeiten zum Spielen und zum Lernen entwickeln zu können, um mit gemeinschaftsbezogenen Werten und Regeln vertraut zu werden, um soziales Verhalten einüben zu können und um sich als Glied einer größeren Gemeinschaft verstehen zu lernen. In der modernen Industriegesellschaft werden diese Erlebnisse nicht mehr einfach in der Familie und durch verwandschaftliche oder nachbarschaftliche Kontakte vermittelt. Die außerfamiliäre Betreuung ist deshalb häufig eine wichtige Ergänzung der Erziehung in der Familie. Kindertagesstätten und Eltern-Kind-Gruppen sind geeignet, Kontakte zwischen Familien herzustellen und so soziale Beziehungen zu fördern.

Die Förderung von Kindern im Vorschulalter ist zugleich ein wichtiger Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit von familien- und frauenpolitischer Bedeutung. Gerade für alleinerziehende Mütter und Väter stellt sie eine unverzichtbare Hilfe dar. Daher ist darauf hinzuwirken, daß entsprechend dem vom Gesetzgeber eingeführten Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz flächendeckend ausreichende Kapazitäten bereitgestellt werden, sei es durch kirchliche Einrichtungen oder solche anderer Träger. Dabei sind die Prinzipien der Subsidiarität und der Vielfalt der Angebote zu beachten.

In den neuen Bundesländern stellt sich die Aufgabe, die früher flächendeckende Versorgung mit Kindergartenplätzen im vertretbaren Umfang zu erhalten. Die sozial-caritativen Dienste sollten sich nicht scheuen, im Rahmen ihrer personellen und materiellen Möglichkeiten Kindergärten aus öffentlicher Trägerschaft zu übernehmen und ihrem Selbstverständnis entsprechend ein profiliertes  Betreuungsangebot zu entwickeln. Dies schließt die Erprobung anderer Modelle und Formen (z.B. Tagesmüttermodell, Elterngruppen, Nachbarschaftshilfe) ein.

Neben den eigentlichen Kindergartenplätzen sollten auch die Angebote für Kleinstkinder bis zu drei Jahren und für Schulkinder erweitert werden. Der Bedarf hat sich am Kindeswohl zu orientieren.

Der Ausbau des Angebotes an Kindergartenplätzen erfordert erhebliche finanzielle Aufwendungen. Es ist davor zu warnen, die dafür erforderlichen Mittel aus anderen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe abzuziehen und im Kindergartensektor zu konzentrieren.

Im Bereich der offenen Kinderarbeit kommt es in den alten und neuen Bundesländern darauf an, durch Schulen und andere Organisationen persönlichkeitsfördernde Hilfen zur sinnvollen Gestaltung der Freizeit zu entwickeln, für die - neben neu zu schaffenden Einrichtungen - auch vorhandene kirchliche Kindereinrichtungen in Frage kommen.

Junge Menschen sollten aufgrund der Angebote sozial-caritativer Dienste erkennen können, daß für die Gestaltung des eigenen Lebens persönliche Anstrengungen lohnend und zugleich notwendig sind.

3.2. Bekämpfung der Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit hat inzwischen ein besorgniserregendes Ausmaß erreicht. Im Jahr 1994 ist die Zahl von 4 Mio. Arbeitslosen in ganz Deutschland überschritten worden. Darüber hinaus befinden sich etwa 2 Mio. Menschen in Maßnahmen der Arbeitsämter. Mit Sorge müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß es sich bei den zwischenzeitlich erkennbaren Besserungstendenzen auf dem Arbeitsmarkt der alten Bundesländer um ein Zwischenhoch handelte, dem jetzt ein Tief zu folgen droht. Eine lahmende Konjunktur und eine Strukturkrise insgesamt sowie in den neuen Ländern insbesondere auch die Überführung der sozialistischen Planwirtschaft in die Soziale Marktwirtschaft haben die Arbeitslosigkeit auf einem hohen Sockel weiter ansteigen lassen. Über den Kreis der vom Arbeitslosenrisiko traditionell besonders stark betroffenen Gruppen hinaus, vor allem ungelernte, behinderte und ältere Arbeitnehmer, sind inzwischen auch Manager und sonstige Hochqualifizierte vom Arbeitslosenschicksal vermehrt betroffen.

Arbeitslose verlieren mit zunehmender Dauer häufig den Kontakt zur Arbeitswelt, Handlungskompetenz und berufliche Qualifikation können abnehmen oder sogar verlorengehen, die Vermittlungschancen verringern sich, gleichzeitig wachsen ihre finanziellen Probleme, ihr Selbstwertgefühl nimmt ab. In der Folge können relative Verarmung und Sozialhilfebedürftigkeit eintreten. Zwei Drittel der Haushalte, die in den neuen Bundesländern Sozialhilfe beziehen, erhalten diese infolge Arbeitslosigkeit.

Arbeitslosigkeit im Jugendalter belastet den Eintritt in das Erwerbsleben. Da die Berufsausbildung dem jungen Menschen neben Einkommenschancen auch Kompetenz, Selbstbewußtsein und Lebenssicherheit verleiht, bedeutet Arbeitslosigkeit für Jugendliche eine ungünstige berufliche Einstiegsplazierung, die sich häufig nachteilig für den gesamten weiteren Berufsverlauf auswirkt.

Für Frauen hatte die außerhäusliche Berufstätigkeit in der ehemaligen DDR notgedrungen ein größeres Gewicht als für Frauen in den alten Bundesländern. Entsprechend erleben sie Arbeitslosigkeit als einen viel einschneidenderen Vorgang in ihrem Leben, zumal wenn der Ehemann ebenfalls arbeitslos ist. Alleinerziehende, die ohnehin besonders unter dem Problem der Vereinbarkeit von Kindererziehung und Berufstätigkeit leiden, geraten in den alten wie in den neuen Bundesländern durch Arbeitslosigkeit oft in eine prekäre Einkommenssituation.

Ältere, arbeitslose Arbeitnehmer(innen) - einschließlich derjenigen im Vorruhestand - stehen vor der Schwierigkeit, neue Ziele und Aufgaben für ihre freie Zeit zu finden.

Die sozial-caritativen Dienste können nicht die Arbeitslosigkeit und ihre Ursachen beseitigen. Dies ist Aufgabe des Staates und der Tarifpartner. Gleichwohl können die sozial-caritativen Dienste als kritischer Anwalt der arbeitslosen Menschen eine wichtige Rolle spielen, indem sie z.B. für die Erhaltung und Verbesserung der gesetzlichen Rahmenbedingungen im Bereich der Aus- und Fortbildung eintreten, Einschränkungen oder Kürzungen der Lohnersatzleistungen problematisieren und sich an der Diskussion über den sog. zweiten Arbeitsmarkt beteiligen.

Durch Einzelfallhilfe und modellhafte Aktivitäten können die sozial-caritativen Dienste zur Eindämmung der Probleme beitragen. Beispiele für eine derartige kirchliche Arbeitslosenarbeit sind Anlaufstellen für Beratung und Betreuung in Trägerschaft von christlichen Arbeitnehmerorganisationen, der Caritas oder Pfarrgemeinden. Möglichkeiten der Hilfe bestehen in der Förderung und Begleitung von Selbsthilfegruppen, im Angebot von Kontakt- und Begegnungsmöglichkeiten, von Bildungs- und Qualifizierungsprogrammen und in sozialpädagogisch begleiteten Beschäftigungsprogrammen für schwer vermittelbare Arbeitskräfte und Langzeitarbeitslose. Für arbeitslose Jugendliche sind Ausbildung- und Beschäftigungsinitiativen im Rahmen der Jugendberufshilfe und im Verbund mit Wirtschaft, Verwaltung und Wohlfahrtspflege wichtig. Älteren Arbeitslosen Möglichkeiten des ehrenamtlichen Dienstes in Pfarrgemeinde und Caritas anzubieten, liegt in ihrem eigenen Interesse und in dem anderer Hilfebedürftiger.

3.3. Bekämpfung der Armut

Zu den bedrückenden Entwicklungen in unserem Land gehört die Zunahme der Armut. Arm ist nach einer Definition der Europäischen Union, wer über weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Haushaltseinkommens eines Landes verfügt. Für Deutschland lag dieser Betrag 1992 bei weniger als 806 DM netto pro Person und Monat. Danach lebten 10,1 v. H. der Deutschen in Einkommensarmut (alte Bundesländer: 7,5 v. H.; neue Bundesländer: 14,8 v. H.).

Ein gängiger Indikator zur Erfassung der Armut in unserem Land ist die Sozialhilfebedürftigkeit. Im Jahr 1991 erhielten insgesamt über 3,2 Millionen Menschen “Hilfe zum Lebensunterhalt” von den Trägern der Sozialhilfe, davon rund 0,36 Mio. in den neuen Bundesländern. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl an Menschen, die in sog. “verdeckter Armut” leben - sei es aus Unkenntnis, Scheu vor Verwaltungen, Scham oder aus Angst, daß Familienangehörige zu Zahlungen herangezogen werden. Die Studie des Deutschen Caritasverbandes zur Armut in Deutschland von 1993 belegt, daß auf vier Sozialhilfeempfänger mindestens drei “verdeckt Arme” kommen. Manches spricht dafür, daß diese Quote in den neuen Bundesländern noch höher ist.

Ein besonderes Alarmsignal sind die Verschiebungen in der Altersstruktur der Sozialhilfeempfänger. Mit ihren Eltern verarmen gleichzeitig immer mehr Kinder und Jugendliche. Heute ist in den alten Bundesländern jeder dritte Sozialhilfeempfänger unter 18 Jahren alt. Die Anzahl der Minderjährigen in diesem untersten sozialen Netz hat sich seit 1980 mehr als verdoppelt. In den neuen Ländern liegt ihr Anteil bereits bei 40 Prozent. Im gleichen Zeitraum ging die Altersarmut zurück. Es gibt jetzt viermal mehr Sozialhilfebezieher unter 18 Jahren als über 65 Jahren.

Kinder und Jugendliche leiden ebenso wie Erwachsene unter den Folgen der Armut, die nicht nur als Mangel an Einkommen, sondern auch als Minderung von Lebensperspektiven zu begreifen ist. Der Mangel an Geld, sozialen Beziehungen, Freizeitchancen, angemessenem Wohnraum u.a., häufig begleitet von Verschuldung oder Überschuldung und sozialem Abstieg, ist nicht selten Ausdruck einer länger anhaltenden krisenhaften Situation, die oft zu ernsten Belastungen für die ganze Familie führt. Betroffene Kinder sind solchen Belastungen und Spannungen in der Familie also häufig längere Zeit ausgesetzt. Sie werden hierdurch für ihr ganzes Leben geprägt. Psychosoziale Folgen, z.B. Konzentrationsschwäche, Depressionen oder verschlechterte schulische Leistung, können schließlich, wenn nichts Entscheidendes geschieht, zu Armutskarrieren führen. In Verbindung mit den etwa 1,5 Mio. jungen Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung aus den Geburtsjahrgängen 1960 bis 1969 wächst hier ein erschreckend großer Teil der jungen Generation heran, die vor der Perspektive verschütteter Lebenschancen steht - mit allen Konsequenzen für sie selbst, aber auch für unsere Gesellschaft.

Die zunehmende Verarmung verletzt die Forderung nach Solidarität und Gerechtigkeit. Armut in heutiger Größenordnung ist Ausdruck einer Gesellschaft, die von einer ungerechten Einkommens- und Vermögensverteilung, einer langanhaltenden Beschäftigungskrise, einem erheblichen Wohnungsbedarf, aber auch auf der anderen Seite von einem zunehmenden privaten Reichtum geprägt ist. Wenn derzeit über die “Grenzen des Sozialstaates” debattiert wird, müssen wir dabei auch die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich und die Ursachen, die hierzu führen, in den Blick nehmen. Wie lange kann unsere Gesellschaft einen solchen Trend verkraften, ohne selbst Schaden zu nehmen? Und verbirgt sich schließlich hinter der Formel von den “Grenzen des Sozialstaates” in Wirklichkeit nicht selten nur die Grenze unserer Bereitschaft, solidarisch zu teilen?

Die vermehrte Armut in unserem Land hat viele Gründe. Unübersehbar ist der Zusammenhang zwischen der Zunahme der Arbeitslosigkeit, der Wohnungsnot einschließlich des drastischen Anstiegs der Wohnungskosten (insbesondere in den Ballungszentren) sowie niedriger Einkommen einerseits und der Zunahme der Armut andererseits. Im Mittelpunkt einer Gesellschaftspolitik, die die Bekämpfung der Armut in den Blick nimmt, muß daher eine konsequente Beschäftigungspolitik und eine kontinuierliche Förderung des sozialen Wohnungsbaus stehen. Darüber hinaus ist eine weitere Anpassung des Wohngeldes erforderlich.

Inzwischen zeichnet sich ein Profil von Gruppen ab, die latent von Armut bedroht sind. Hierzu gehören immer häufiger Familien mit mehreren Kindern, Alleinerziehende mit ihren Kindern, Menschen mit Behinderungen und Langzeitarbeitslose. Untersuchungen zur Armut belegen, daß das Armutsrisiko inzwischen bis in die soziale Mittelschicht hineinreicht.

Diese Entwicklungen signalisieren, daß Armut nicht in diesem Ausmaß in unserem Land bestehen müßte, wenn ein sozial-kulturelles Existenzminimum durch die der Sozialhilfe vorgelagerten Systeme in der Regel gewährleistet wäre. Es ist ein skandalöses Ergebnis, wenn trotz der sekundären Einkommensverteilung durch die sozialen Sicherungssysteme mehrere Millionen Menschen auf Leistungen der Sozialhilfe angewiesen sind, die eigentlich das letzte soziale Auffangnetz für individuelle und unvorhergesehene Notlagen bilden soll. Die der Sozialhilfe vorgelagerten Systeme der sozialen Sicherung armutsfest auszugestalten, stellt daher eine gesellschaftspolitische Aufgabe mit hoher Priorität dar.

Auch die Familienpolitik muß einen wirkungsvollen Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten. Erst in jüngster Zeit hat es der Gesetzgeber auf Veranlassung des Bundesverfassungsgerichtes in Angriff genommen, das Existenzminimum für Familien steuerfrei zu stellen. Beim derzeitigen Familienlastenausgleich aus einkommensabhängigem Kindergeld und Kinderfreibetrag wird also den Familien lediglich selbst verdientes Geld aus Gründen der Steuergerechtigkeit belassen. Insgesamt kann nicht übersehen werden, daß der Anteil öffentlicher Leistungen für Familien an den Staatsausgaben bzw. am Bruttosozialprodukt in der Tendenz weiter absinkt. Eine wirksame Familienförderung findet bis heute trotz gelegentlicher Verbesserungen nur bedingt statt. So verwundert es nicht, daß Familien, wenn deren Ernährer erst einmal arbeitslos ist (bzw. sind), sehr schnell in die Sozialhilfebedürftigkeit abrutschen können. Es ist daher notwendig, mit der Förderung von Familien endlich ernst zu machen. Die Politik steht vor der Aufgabe, die strukturellen Defizite bei den familienpolitischen Leistungen wie auch die generelle Benachteiligung von Familien zu beseitigen. Familien mit niedrigem Einkommen müssen stärker als bisher gefördert werden. Da eine mangelhafte Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie gerade Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern und niedrigem Einkommen besonders belastet, sind Politik und Tarifpartner aufgerufen, hier Abhilfe zu schaffen.

Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - in eine Situation der Überschuldung geraten sind, deren verfügbares monatliches Nettoeinkommen also die unumgänglichen Ausgaben unterschreitet, geraten hierdurch oft in eine existenzgefährdende Lebenssituation und können sich dann nicht mehr aus eigener Kraft aus dieser Situation befreien. Dies gilt in den letzten Jahren zunehmend auch für Betroffene in den neuen Bundesländern, die infolge der Fehleinschätzung sowohl ihrer persönlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten als auch der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung in eine solche Lage geraten sind. Durch den Ausbau der Schuldnerberatung konnten die sozial-caritativen Dienste auch in den neuen Bundesländern wirksam helfen. Dennoch müssen viele Betroffene mit den Folgen einer dauerhaften Überschuldungssituation fertig werden. Für sie wird es nur dann einen echten Ausweg geben, wenn ihrer besonderen Situation im Insolvenzrecht wirksam  Rechnung getragen wird. Das ist mit dem neuen Insolvenzrecht nicht sichergestellt.

Durch eine Fülle konkreter Hilfen können sich die sozial- caritativen Dienste, auch in der Verantwortung der Pfarrgemeinden, auf örtlicher Ebene der Menschen in Notlagen annehmen und sie unterstützen. Hierzu zählen Projekte wie “Armutstage” zur Aufklärung und Gewinnung privater Initiativen, Bereitstellung von Schutzräumen für mißhandelte Frauen und ihre Kinder, Ferienmaßnahmen für Kinder aus benachteiligten Familien und Initiativen wie Suppenküchen für Obdachlose, Kleiderkammern, insbesondere für Kinderkleidung. Arbeitgeber können dafür gewonnen werden, Arbeitsstellen im Rahmen von “Hilfe zur Arbeit” nach § 19 BSHG einzurichten. Auch Kirchengemeinden können derartige Arbeitsverhältnisse schaffen. Kirchengemeinden, die Eigentümer verfügbarer und geeigneter Grundstücke sind, sollten im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus Wohnraum für besonders benachteiligte Menschen schaffen.

3.4. Förderung des Zusammenlebens mit Fremden

Deutschland ist aufgrund seiner geographischen Lage und seiner Geschichte vertraut mit der Zuwanderung von Fremden, sei es auf Dauer oder auf Zeit. Die Zuwanderung von Fremden gehört seit Jahrzehnten zum Lebensalltag. Die heutige Zuwanderung hat unterschiedliche Phasen mit unterschiedlichen Problemen für Politik und Gesellschaft sowie für die einzelnen Menschen durchlaufen. Darüber hinaus gab und gibt es bei den Zuwanderern verschiedene Gruppen je nach Rechtstatus: z.B. Aussiedler, ausländische Arbeitnehmer und ihre Familien, die hier in der dritten Generation leben, Asylsuchende, Asylberechtigte oder Bürgerkriegsflüchtlinge. Insbesondere die Aussiedler wie auch die ausländischen Arbeitnehmer und ihre Familien sind heute fester Bestandteil der Wohnbevölkerung. Seit der staatlichen Einheit gilt dies auch für die neuen Bundesländer, auf deren Gebiet es zur Zeit der DDR relativ wenige, zudem in der Regel ghettohaft untergebrachte Ausländer gab. Viele Einheimische sind durchaus mit vielen Aspekten der Kultur und der Lebensgewohnheiten der Zugewanderten - Ausländern wie Aussiedlern - vertraut und umgekehrt, dennoch sind beide Seiten im täglichen Leben nicht frei von Unsicherheiten und Vorurteilen. Trotz vieler Berührungspunkte im Alltag, am Arbeitsplatz, in der Schule und vieler Beispiele gut nachbarschaftlichen Zusammenlebens und -arbeitens ist der Umgang miteinander nicht immer konfliktfrei. Zusätzlich belastet wird das Verhältnis untereinander durch allgemein ungelöste Probleme in unserem Land, vor allem durch Arbeitslosigkeit und Wohnungsmangel. Vertreter extremistischer Ideologien versuchen menschenverachtend und rücksichtslos, diese Probleme für ihre Ziele zu mißbrauchen.

In den letzten Jahren hat es auf diesem Hintergrund beschämende Gewalttaten gegen Ausländer, Flüchtlinge und Aussiedler gegeben. Ausländer, auch solche, die seit vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten in Deutschland wohnen und arbeiten, fühlen sich zunehmend bedroht. Sie leben in Angst und sind über die Ablehnung, die sie erfahren, enttäuscht, nachdem sie seit langer Zeit hier leben und einen wichtigen Beitrag zum Aufbau und zur Fortentwicklung unseres Wohlstandes geleistet haben.

Wir müssen uns solchen Entwicklungen widersetzen. Sie signalisieren, daß es Kräfte in unserem Land gibt, für die weder die Würde des Menschen noch unsere Verfassungsordnung noch der soziale Frieden hohe Güter darstellen. Dies gilt letztlich auch für jeden, der bei Gewalttaten am Rande steht und gleichgültig oder gar beifällig zuschaut.

Politische Krisensituationen in der Welt und das Wohlstandsgefälle zwischen armen und reichen Ländern werden auch in Zukunft Wanderungsbewegungen in Richtung Westeuropa und damit auch nach Deutschland auslösen. Die europäische Integration, das Zusammenwachsen West- und Osteuropas, die Intensivierung unserer Wirtschaftsbeziehungen mit anderen Ländern, die weltweite Ausdehnung der Kommunikationstechnologie und ein immer dichteres weltweites Verkehrsnetz fördern nicht nur einen regen Kulturaustausch mit anderen Völkern, sondern führen auch zu einer steten Zuwanderung, die es in der Geschichte Deutschlands jedoch immer gegeben hat. Inzwischen wird zunehmend die Frage erörtert, ob nicht angesichts unseres dramatischen Geburtenrückgangs eine erhebliche Zuwanderung erfolgen muß, wenn wir in Zukunft unsere sozialen Sicherungssysteme stabilisieren und unseren Wohlstand bewahren wollen.

Das Zusammenleben von Einheimischen und Zuwanderern in Europa und so auch in Deutschland ist eine bestehende und bleibende Realität. Ein Zurück zu einem ethnisch homogenen Staatsvolk ist heute undenkbar. Wir müssen uns dieser Realität stellen, indem wir ein fremdenfreundliches Klima und die Voraussetzungen für ein friedvolles Zusammenleben von Ausländern und Deutschen schaffen.

Die Politik steht hierbei vor der Aufgabe, die rechtlichen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen für das Zusammenleben zu setzen. Wir werden nicht umhin kommen, die politischen Voraussetzungen für eine stärkere demokratische Teilhabe der bei uns seit langer Zeit lebenden Ausländer zu schaffen. Andere Länder Europas haben bereits konsequente Schritte in diese Richtung unternommen. Der Vertrag von Maastricht verpflichtet die Bundesrepublik, in absehbarer Zeit das kommunale Wahlrecht für Ausländer aus EG-Ländern einzuführen. Auch Ausländer aus Staaten, die nicht der EG angehören, sollten nach einer bestimmten Aufenthaltsdauer das kommunale Wahlrecht erhalten.

Der Beitrag der sozial-caritativen Dienste für die Integration von Zuwanderern und für ein gelingendes Zusammenleben von Ausländern und Deutschen ist auch in Zukunft unverzichtbar. Von besonderer Bedeutung sind die in Migrationsfragen erfahrenen Beratungsdienste, die sachkundige Hilfe zur Eingliederung anbieten. Fremde benötigen Begleitung in der Erledigung behördlicher Angelegenheiten, Vermittlung materieller Hilfen, Beratung und Information in allen Fragen des täglichen Lebens, Möglichkeiten der Begegnung untereinander und mit Einheimischen. Zur Aufarbeitung von Spannungen zwischen Bewohnern von Ausländerwohnheimen und deutschen Nachbarn sind runde Tische in besonderer Weise geeignet. Sie bieten die Chance, die Lebensgewohnheiten und die damit verbundenen Erwartungen der deutschen Bevölkerung darzustellen, die Eigenarten der ausländischen Bewohner kennenzulernen, und gleichzeitig auf beiden Seiten Offenheit, Toleranz und Akzeptanz zu fördern. Darüber hinaus bedürfen jene, die Ausländer und Flüchtlinge konkret unterstützen, unseres Dankes und solidarischer Aufmunterung. Die sozial-caritativen Dienste sollten hierzu ihre Hilfe anbieten mit dem Ziel, Möglichkeiten solidarischen Zusammenlebens zu eröffnen.

Die sozial-caritativen Dienste haben seit Jahrzehnten das Zusammenleben für beide Seiten hilfreich gefördert und zum gesellschaftlichen Frieden beigetragen. Die vielfältigen Angebote zur Information, Beratung und Begegnung müssen gerade in dieser Situation aufrechterhalten, intensiviert und, wo notwendig, ausgebaut werden.

Mit der Frage nach den Ursachen einer Zuwanderung nach Westeuropa ist unausweichlich die Frage nach dem Umgang mit Armut und Reichtum bei uns und in der Welt verbunden. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik anzuregen und zu begleiten, ist eine der besonders wichtigen und gleichzeitig schwierigen Aufgaben der sozial-caritativen Dienste. Gerade diese Aufgabe kann nur erfüllt werden, wenn sie pastoral und institutionell auf allen Ebenen tatkräftige Unterstützung findet.

4. Chancen der sozial-caritativen Dienste

Die deutsche Einheit stellt den sozial-caritativen Diensten viele Aufgaben. Sie müssen sie mit Offenheit, Phantasie, Kraft und Einsatz angehen. Alle Menschen guten Willens sind aufgerufen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür zu engagieren, daß Hilfebedürftigen in den neuen wie in den alten Bundesländern die Chance eines menschenwürdigen Lebens erhalten bleibt oder vermittelt wird.

Die sozial-caritativen Aufgaben erfordern einen sehr hohen persönlichen Einsatz vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zusätzliche Anstrengungen und Enttäuschungen werden in Kauf genommen werden müssen. Dennoch lohnt sich dieses Engagement, weil es die Möglichkeit eröffnet, aus der Kraft christlicher Hoffnung und gläubigen Vertrauens heraus wirksam zu einer menschenwürdigen Gestaltung des Lebens und des Zusammenlebens aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland beizutragen. Es dürfte zum Wichtigsten gehören, was die sozial- caritativen Dienste anbieten können, nämlich von dieser Kraft und der ihr zugrunde liegenden Hoffnung anderen Menschen etwas zu vermitteln. Christliche Sozialarbeit, in spontaner wie organisierter Form, ist in unserer säkularisierten Gesellschaft oft der einzige Weg, die allen Menschen geschenkte Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit Gottes in unserer Zeit erfahrbar werden zu lassen.