Dienstag, 21. Januar 2003

Erklärung der Präsidenten Michel Camdessus, Semaines sociales de France (SSF) und Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) anlässlich des 40. Jahrestages des deutsch-französischen Vertrages vom 23. Januar 1963

Der 40. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-französischen Vertrages vom 23. Januar 1963 ist für uns Anlass, die politisch Verantwortlichen auf beiden Seiten des Rheins zu würdigen, die es verstanden haben, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und die Grundlagen für die Versöhnung ihrer Völker zu legen. In diese Würdigung einbezogen ist das Engagement der Frauen und Männer, die sich im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte unermüdlich für ein gutes Einvernehmen zwischen den Völkern und Staaten der beiden großen benachbarten Länder im Herzen Europas eingesetzt haben.

Von der historischen Bedeutung und vom politischen Wert des deutsch-französischen Vertrages für die Einigung Europas zu sprechen ist umso mehr gerechtfertigt, als er eine Übereinkunft zwischen den Verantwortlichen beider Staaten formalisiert und institutionalisiert, die schon für die Begründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (1952) eine notwendige und maßgebliche Voraussetzung war. Die deutsch-französische Versöhnung steht am Anfang der Bewegung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Einigung der Völker Europas in einem neuen, umfassenden transnationalen Gemeinwesen führte.

Wie unter anderen europäischen Ländern existieren auch zwischen Frankreich und Deutschland politische und historische Unterschiede, welche die Entwicklung der Europäischen Union beeinflusst haben. Die deutsch-französische Verständigung ist deshalb eine der unverzichtbaren Bedingung der Einigung Europas.

Der politische Wert des deutsch-französischen Vertrages liegt in der Tatsache, dass die beiden Nachbarn sich zu permanenten Konsultationen verpflichtet haben. Diese Verpflichtung hat eine historische Bedeutung: Deutsche und Franzosen, deren Standpunkte zu politischen Fragen unterschiedlich sein können, haben sich vertraglich aneinander gebunden, um im Wissen um solche Unterschiede Lösungen für die sich stellenden politischen Probleme zu finden. Damit bilden sie eine notwendige Klammer für den Zusammenhalt der Europäischen Union. Gerade während der schwierigen Phasen des europäischen Integrationsprozesses hat die Existenz dieses Vertrages immer wieder dazu beitragen können, Missverständnisse auszuräumen und Schwierigkeiten zu überwinden.

Aber dieser Vertrag hat nicht nur dazu beigetragen, bestehende Schwierigkeiten zu überwinden. Er ist zu einem Vorbild geworden: Zwei einst verfeindeten Nachbarn ist es gelungen, ihre Feindseligkeiten definitiv zu begraben, indem sie sich bereit fanden, gemeinsam die Probleme der Zukunft anzupacken. Das ist es, was uns der deutsch-französische Vertrag lehrt!

Heute stehen die Europäer vor der Aufgabe, diese Bewegung in eine Verfassung zu gießen, die ihren gemeinsamen Werten und ihrem entschiedenen Willen Ausdruck gibt, in Frieden zusammenzuleben und gemeinsam ihre Zukunft zu gestalten. Franzosen und Deutsche haben die Verpflichtung, den Weg zur Erfüllung dieser Aufgabe zu ebnen.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und die Semaines sociales de France (SSF) wollen im Dialog und durch eine immer engere Zusammenarbeit hierzu einen spezifischen Beitrag leisten.


(Hinweis: Gemeinsam mit anderen europäischen Partnern werden ZdK und SSF vom
07. - 09. März 2003 in Krakau ein Symposion zur Arbeit des Konventes für die Zukunft Europas durchführen.
Einen großen europäischen Kongress veranstalten die beiden Partner vom 24. - 26. September 2004 in Lille aus Anlass der 100-Jahr-Feier der Semaines sociales de France.)