Mittwoch, 21. Mai 2008

Für eine Pastoral der Weite

ZdK Vollversammlung am 20./21. Mai 2008

Für eine Pastoral der Weite

Ein Gesprächsanstoß

 

I. In Sorge und Hoffnung

Als Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) bewegt uns die pastorale Situation unserer Kirche. Wir nehmen die Erfahrungen insbesondere derjenigen Katholikinnen und Katholiken auf, die in Räten und Verbänden, in Orden und geistlichen Gemeinschaften an vielen Stellen die pastorale Praxis der katholischen Kirche in Deutschland mittragen. Gemeinsam sehen wir mit großer Sorge, dass es für unsere Kirche zunehmend schwierig wird, die Menschen unserer Zeit zu erreichen, ihre konkrete Lebenswirklichkeit differenziert wahrzunehmen und ihnen die Botschaft Jesu Christi zu verkünden. Wir wissen uns dabei in ökumenischer Verbundenheit mit allen christlichen Konfessionen, die nach neuen Wegen der Pastoral suchen.

 

Unsere Gesellschaft verändert sich stetig. Es entstehen neue kulturelle Lebenswelten und Milieus, zu denen unsere Kirche mit vielen gewohnten und vertrauten Lebensformen den Anschluss verloren hat oder denen sie sich – unbewusst oder sogar bewusst – verweigert. [1] Zwar ist die Kirche gerade in Deutschland besonders durch ihre sozial-karitativen Dienste und Einrichtungen (wie

z. B. Kindergärten, Krankenhäuser, Schulen) in vielen Milieus und Lebenswelten nach wie vor

präsent und verkündet so die Frohbotschaft Gottes durch das "Zeugnis ohne Worte" (Evangelii nuntiandi 21). Umso schmerzlicher ist es, dass die meisten pastoralen Arbeitsfelder unserer Kirche – wie insbesondere die Pastoral der Pfarrgemeinden und Verbände – oftmals weit hinter der nötigen Präsenz zurückbleiben und sich in nur wenigen, ausgewählten Milieus eingerichtet haben. Damit droht die schleichende Exkulturation aus der Lebenswelt heutiger Menschen.

 

Der Mensch ist der Weg der Kirche (vgl. Redemptor hominis 14) – und zwar unabhängig davon, wo und wie er lebt, welchen Stand oder welche Aufgabe er in einer Gesellschaft hat, in welchem Milieu er seine kulturelle Beheimatung findet. Deshalb ist jeder "Lebensraum der Menschen" immer auch der "Handlungsraum der Kirche", wie die Gemeinsame Synode der deutschen Bistümer in ihrem Beschluss zu den pastoralen Strukturen der Kirche einleitend klargestellt hat[2] – und zwar unabhängig davon, ob ihr ein Lebensraum oder Milieu zusagt oder nicht. Verpasst die Kirche dauerhaft den Anschluss an die konkreten Lebensräume und Milieus oder zieht sie sich pastoral sogar zurück ("Exkulturation"), so verliert sie ihren Kernauftrag und damit sogar sich selbst: Zeichen und Werkzeug zu sein für die heilsame Gegenwart Gottes im Leben eines jeden Menschen (Lumen gentium 1), inmitten seiner einzigartigen Lebensgeschichte und Lebenswelt.

 

Deshalb kann es uns nicht gleichgültig sein, wenn das pastorale Handeln unserer Kirche immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft nicht mehr erreicht und viele Menschen ihr Leben ohne oder nur in punktueller Berührung mit der Kirche führen. Als Christinnen und Christen dürfen wir angesichts solcher Entwicklungen nicht in Resignation verfallen, sondern müssen uns immer neu fragen, wie offen wir für die Zeichen der Zeit und für die Entwicklungen in unserer Gesellschaft sind. Wir müssen wachsam sein, damit wir bei aller notwendigen Beschäftigung mit uns selbst das Wesentliche nicht aus dem Blick verlieren. Und vor allem brauchen wir die Bereitschaft, den Mitmenschen, zu denen wir gesandt sind, auch auf ihren für uns zunächst ungewöhnlichen und ganz anderen Pfaden Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen zu sein. Uns ermutigen die Beispiele, wo dies auch für Pfarrgemeinden und kirchliche Verbände erneut gelingt und wo durch eine Besinnung auf den Auftrag der Pastoral neues kirchliches Leben wächst. [3]  Was wir heute mehr denn je brauchen, ist eine lebensweltorientierte, milieusensible und lernende Pastoral, wie sie Bischof Klaus Hemmerle bereits 1983 mit Blick auf die junge Generation beschrieben hat: "Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe."[4] Eine solche pastorale Haltung zielt nicht einfach auf die Veränderung beim Anderen, sondern vor allem auch bei der Kirche selbst. Wir können nicht davon ausgehen, dass alle gesellschaftlichen Milieus explizite Erwartungen an die Kirche haben, sondern sollten davon ausgehen, dass wir selbst der Konfrontation mit den Erfahrungen unterschiedlicher Milieus und ihrer Herausforderung bedürfen. Wir müssen uns den Menschen, wie sie sind und geworden sind, zukehren und dürfen unsererseits niemanden abschreiben. So kann die Pastoral aus alten Erfahrungen erwachsen und doch offen sein für Neues, für die Weite und Pluralität unserer Gesellschaft. Sie ermöglicht es sogar, Gott selbst in den vielfältigsten Milieus zu entdecken.

 


II. Was wir tun und lassen sollten: Vorschläge und Anregungen

Mit diesem Impuls sollen alle Verantwortlichen in der Pastoral ermutigt werden. Sechs konkrete Anstöße wollen zu Gespräch und Handeln anregen.

 

1.         Wir regen an, den 97. Deutschen Katholikentag in Osnabrück und sein Leitwort "Du führst uns hinaus ins Weite" zum Anlass zu nehmen, um unter allen in der Pastoral Verantwortlichen – nicht zuletzt im Zentralkomitee der deutschen Katholiken selbst – eine leidenschaftliche Grundsatzdebatte über den Auftrag und die Gestalt der Kirche in der Welt von heute und über die Aufgaben einer zeitgemäßen Pastoral zu führen. Wir verbinden dies mit einem großen Dank an alle in der Kirche Tätigen, die in Gottesdienst, Verkündigung und Dienst am Nächsten heutigen Menschen Wege zur Erfahrung der Nähe Gottes ermöglichen.

 

Auf den ersten Blick wird das kirchliche Leben in unserem Land sehr stark durch die Pfarrgemeinden geprägt. Bedauerlicherweise sind die Kontakte zu den anderen Weisen der Pastoral wie die kategoriale Seelsorge, die karitativen Dienste oder die kirchlichen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen in der Regel nur schwach ausgeprägt. Aus vielen Gründen befindet sich die Struktur der Pfarrgemeinden in nahezu allen Diözesen Deutschlands in einem zum Teil radikalen Umbruch. Diese Umbauprozesse verfolgen das Ziel, neue pastorale Räume zu schaffen, die eine bessere Verteilung knapper Ressourcen gewährleisten sollen.[5] Die Wahrnehmung dieser Prozesse ist ambivalent: Einerseits ist die Notwendigkeit neuer räumlicher Strukturen für die Seelsorge unbestreitbar. Andererseits empfinden viele Gläubige diese Umbauprozesse als Verlust von Heimat und Identität. Vielfach wird auch beklagt, dass auf den Priestermangel vor allem mit der Vergrößerung der Seelsorgeräume reagiert wird, nicht aber mit einer Neubestimmung der Aufgaben von Priestern, Diakonen und Laien. Dieses Festhalten an tradierten Rollenbildern führt dazu, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger nach wie vor mit Aufgaben überlastet sind, die ihnen zu wenig Zeit für die Pastoral lassen, während gleichzeitig Charismen von Laien ungenutzt bleiben. Dies alles trägt dazu bei, dass diese Umstrukturierungsprozesse nur selten als Chance zum Aufbruch begriffen werden, sondern bestenfalls als ein unvermeidliches Übel. Vielfach überwiegen Angst, Misstrauen und Sprachlosigkeit bei den Menschen vor Ort und dominieren finanzielle Zwänge die Prozesse und Entscheidungen. In dieser Situation braucht es Mut und gegenseitiges Vertrauen.

 

2.         Wir rufen alle Beteiligten auf, ihre unterschiedlichen Erwartungen offen anzusprechen und auch über pastorale Bilder ins Gespräch zu kommen. Die Erschließung neuer pastoraler Schwerpunkte, die wir bislang zu wenig im Blick haben, soll gemeinsam geplant und diese Planung dann mutig umgesetzt werden.

 

Ziel jeder Pastoral ist es, Menschen auf dem Weg ihres Lebens unterstützend zu begleiten und dabei die Lebensfülle der Frohen Botschaft zur Geltung zu bringen. Deshalb sind bestimmte pastorale Strukturen und kirchliche Sozialformen kein Selbstzweck. Sie sind dazu da, dass die Kirche die Grunddienste von Liturgie, Verkündigung und Diakonie/Caritas unter den Menschen, zu denen sie gesandt ist, erfüllen kann. Das muss der oberste Maßstab für alle Umbauprozesse in unserer Kirche sein.

 

3.         Wo Umbauprozesse nötig sind, regen wir an, stärker als bisher darüber nachzudenken, was spezifisch einen "pastoralen Raum" ausmacht, wie er gestaltet sein soll und was er beinhaltet. Die Debatten darüber, wie diese Umbauprozesse über die bloße Verwaltung des Mangels hinaus zu einem Schritt ins Weite genutzt werden können, müssen weitergeführt werden.

 

Auf diesem Weg kann es gelingen, dass alte Formen der Präsenz von Kirche sich erneuern und neue und kreative Formen der "Communio (Gemeinschaft) und Ministratio (Dienstleistung)" (LG 4) entstehen. Es geht um neue und neuartige Anknüpfungschancen für Menschen und gesellschaftliche Gruppen, denen wir fremd geworden sind und die wir als Kirche aus dem Blick verloren haben.

 

Beim Nachdenken über neue Formen der Sozialgestalt unserer Kirche sollten wir auch die Erfahrungen der Kategorialpastoral und aus den Verbänden mit einbeziehen: Kirchliche Bildungsarbeit, verbandliche Caritas, Krankenhausseelsorge und jugendpastorale Zentren sind schon jetzt – mit hohem Professionalitätsanspruch – auf überpfarrlicher Ebene tätig. Eine überpfarrliche Orientierung gilt auch für viele Ordensgemeinschaften, geistliche Gemeinschaften, Gruppierungen und Initiativen, angefangen von den christlichen Eine-Welt-Gruppen bis hin zu Telefon- und Notfallseelsorge, Beratungsstellen oder Hospizeinrichtungen. In ihrem Handeln verwirklicht sich die Nähe Gottes zu den Menschen – auch zu denjenigen, denen Kirche sonst fremd geworden ist. Hier leistet die Kirche einen wertvollen Dienst an der Gesellschaft und zeigt sich glaubwürdig und milieusensibel.

 

4.         Die unterschiedlichen pastoralen Orte unserer Kirche müssen besser vernetzt werden. Diese Verbindung kann den Erfahrungsaustausch fördern und dazu beitragen, aus der Summe von Einzelaufgaben unterschiedlicher pastoraler Akteure ein attraktives Muster der arbeitsteiligen Kooperation zu gestalten.

 

In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass es nach wie vor kirchliche Räume gibt, in denen nahezu alle Schichten, Gruppierungen und Milieus unserer Gesellschaft präsent sind, etwa Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser. Daneben gibt es Orte, etwa in der Jugendberufshilfe oder der Offenen Jugendarbeit, die Kontakte gerade zu den Menschen haben, die ansonsten nicht von der Kirche angesprochen werden. Wir beobachten mit Sorge, dass dieses Engagement der Kirche in manchen Diözesen aus finanziellen Erwägungen zur Disposition gestellt oder als "nicht zum Kerngeschäft gehörend" abgewertet wird. Nach unserer Überzeugung leistet die Kirche an diesen Orten einen wertvollen Dienst an der Gesellschaft, auf den die Kirche nicht verzichten kann, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu gefährden. Und zugleich stellen diese Orte wichtige Anknüpfungspunkte dar, an denen die Kirche gemäß dem Auftrag Jesu Christi mit Menschen in Berührung kommt, die sonst oft keinen Bezug zu ihr haben.

 

5.         Da es uns wichtig erscheint, die Notwendigkeiten der Reduzierung positiv zu nutzen und mit einer stärkeren Ausrichtung der Pastoral auf die verschiedenen Milieus in Beziehung zu setzen, regen wir an, dass alle Beteiligten an den Umstrukturierungsprozessen vor Ort sich dialogisch darüber verständigen, dass sie durch bessere Kooperation den Zeit- und Kräfteaufwand reduzieren und dadurch neue Projekte im Sinne einer milieusensiblen Pastoral angehen können.

 

Wir müssen sensibel werden für den Wandel der alten und die Schaffung neuer Orte von Communio und Ministratio (s. o.). Nur dadurch schaffen wir Gelegenheiten, die für unterschiedlichste Menschen ansprechend sind und ihren Lebenserfahrungen und Lebensfragen Rechnung tragen. Solche milieusensible Pastoral braucht "Amateure", also Menschen, die im Wortsinn mit Liebe bei der Sache sind. Sie braucht "Pfadfinder", die Zugangswege zu neuen Adressaten erkunden. Sie braucht "Brückenbauer", die unterschiedliche pastorale Maßnahmen miteinander verbinden. Sie braucht "Experten", die unterstützend, beratend und begleitend Kontinuität, Erfahrung, Kritik und Professionalität einbringen. Und sie braucht auch den "fremden Blick" von außen, also distanzierte Ansichten und Beurteilungen, die Neigungen zur Selbstverkennung korrigieren. Milieusensible Pastoral verlangt eine große Palette an Sprachen, Ausdrucksformen und Erfahrungshintergründen, um unterschiedlichen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Die Aufgabe aller wird es sein, auf eine Kultur versöhnter Verschiedenheit im Volk Gottes hinzuwirken.

 

6.         Wir erwarten in unserer Kirche Geistvertrauen und Mut, die Zukunft in Freiheit zu erproben. Wir fordern pastorale Laboratorien, in denen Talente und Charismen sondiert und erprobt werden, mit ihnen phantasievoll experimentiert und gewuchert wird. Für die hierzu notwendige Eigenverantwortung und Kompetenz der pastoral Handelnden erwarten wir die Rückendeckung und Unterstützung durch die Leitungsverantwortlichen.

 

 

III. Was wir sehen sollten

Die kirchliche Statistik, eine Zusammenschau älterer und neuerer sozialwissenschaftlicher Studien und die Erfahrung vieler Seelsorgerinnen und Seelsorger sowie der in den verschiedenen pastoralen Feldern Verantwortlichen lassen keinen Zweifel mehr zu: Die katholische Kirche in Deutschland ist in der Gefahr, dass sie trotz reicher Ressourcen, guter rechtlicher Absicherung und vieler Anstrengungen mit ihrer Botschaft ins gesellschaftliche Abseits gerät.

 

Nur noch für eine Minderheit der Westdeutschen hat die Kirche heute im Alltagsleben eine zentrale Bedeutung. Geschichtlich bedingt ist der Befund im Osten Deutschlands noch gravierender. Kirchliche Religiosität findet sich, so die Ergebnisse der aktuellen Studie des "Religionsmonitors", "bei den älteren Generationen, bei den niedriger Gebildeten und bei der Landbevölkerung häufiger als bei den Jüngeren, den Hochgebildeten und denjenigen, die in größeren Städten leben"[6]. Aber selbst unter älteren Menschen breiten sich naturalistische Überzeugungen und Zweifel aus, wenn es etwa um den Glauben an ein Leben nach dem Tod geht.[7] Pantheistische Spiritualitätsmuster reichen weit in die Reihen gerade von katholischen Kirchenmitgliedern hinein.[8] Auch unter praktizierenden Katholikinnen und Katholiken finden sich Ansätze zu einer Patchworkreligiosität, in der Versatzstücke aus unterschiedlichen Weltanschauungen kombiniert werden. Immer mehr Menschen scheinen – trotz hoher formaler Kirchen­mitgliedschaft in Westdeutschland – in einer verfestigten Beziehungslosigkeit zu den konkreten kirchlichen Orten zu leben, ohne etwas zu vermissen.

 

Mit Blick auf bestimmte Bevölkerungsgruppen ist schon seit längerem ein massiver kirchlicher Sozialisations- und Traditionsabbruch zu konstatieren. Geistliche Berufungen gehen zurück. Immer weniger Menschen lassen sich auf eine zölibatäre Lebensform ein. Viele Formen des Ordenslebens sind nicht überlebensfähig. In vielen Diözesen kandidieren nur wenige Frauen und Männer – und insbesondere wenige junge Menschen – für die Wahlen von Pfarrgemeinde- bzw. Kirchengemeinderäten oder für die Mitwirkung in ihren Vorständen. Über die klassischen Wege sind nur noch wenige Kirchenmitglieder für das ehrenamtliche Engagement erreichbar. Und auch wir müssen uns fragen: Welche Milieus sind im ZdK nicht (mehr) repräsentiert?

 

Die Pluralisierung unserer Gesellschaft schreitet immer weiter fort. Waren es früher "Weltanschauungen", Religionen oder politische Orien­tierungen, die Menschen zusammenbrachten, aber auch voneinander trennten, so sind es gegenwärtig eher vielfältige Lebensstile auf der Basis generationeller und anderer Erfahrungen, die das Leben der Menschen orientieren und abgrenzen. Die Lebenswelten und Erfahrungshintergründe von Eltern und Kinderlosen, von Menschen mit und ohne Arbeit, von Globalisierungsgewinnern und -verlierern, von Einheimischen und Zuwanderern driften immer weiter auseinander. Wir sehen mit Sorge, dass diese Gruppen sich gegenseitig immer weniger zu sagen haben und sich sogar starke Abgrenzungslinien zwischen den verschiedenen Milieus abzeichnen.[9] Als Kirche haben wir die Aufgabe, alle anzusprechen und für alle da zu sein. Aber werden wir diesem Auftrag tatsächlich gerecht? Auf der anderen Seite dürfen wir aber auch mehr auf die integrative Kraft kirchlichen Handelns z. B. in der gemeinsamen Feier der Eucharistie vertrauen.

 

Offenkundig erreichen unsere Pfarrgemeinden und auch unsere Verbände nur noch bestimmte Ausschnitte unserer Gesellschaft. Für viele Menschen, selbst für die Mehrheit der Katholiken und Katholikinnen, sind unsere Pfarreien trotz räumlicher Wohnortnähe in ihren Kommunikationsformen und Umgangsstilen, in ihrer Ästhetik und Sprache, mit ihren Engagement- und Gemeinschaftsformen fremde Orte geworden, die sie in ihrer Lebenswirklichkeit nicht betreffen, während sie für eine schrumpfende Minderheit von Kirchenmitgliedern als Orte, an denen sie sich als Kirche erfahren und engagieren und in ihrem Bemühen, ihren Glauben zu leben, nach wie vor eine zentrale Bedeutung haben. Mehrheitlich hat sich auch unter katholischen Kirchenmitgliedern der Typus des "Kirchenkunden" herausgebildet. Als "Kasualienfromme"[10] nehmen sie zwar in hochgradig selektiver "Nachfrage" rituelle Dienstleistungen an den Lebenswenden sowie an Fest- und Feiertagen (Taufe, Hochzeit, Beerdigung, Erstkommunion, Weihnachten) in Anspruch und wissen auch die pädagogischen und pflegerischen "Angebote" (Kindergärten, kirchliche Schulen, Altenheime, Sozialstationen), sowie die Beratungsangebote der Kirche zu schätzen. Im Alltag, aber auch sonntags, halten sie eher Distanz zum Gemeindeleben. Nicht selten wählen selbst engagierte Kirchenmitglieder religiöse Angebote jenseits kirchlicher Orte und gehen als "spirituelle Wanderer"[11] eigene Wege. Gerade "religiös musikalische" Christinnen und Christen vermissen in den Pfarrgemeinden oft spirituelle Strahlkraft und geistliche Relevanz. Bestimmte Lebensstile, Lebenslagen und Lebenserfahrungen kommen – obwohl sie für viele Menschen prägend sind – in den meisten Pfarrgemeinden einfach nicht vor. Dies betrifft besonders häufig junge Menschen.

 

Empirische Studien deuten zudem darauf hin, dass auch Frauen, und inzwischen nicht nur die jüngeren, in der Kirche immer weniger einen Ort finden, an dem es um ihre Anliegen und Sorgen geht und in dem sie sich angesprochen fühlen. Während Frauen in weiten Bereichen des kirchlichen Ehrenamts dominieren, nähern sich ihre Partizipationszahlen in anderen Bereichen, etwa beim sonntäglichen Kirchgang, jenen der Männer an: auf niedrigem Niveau!

 

 

IV. Was wir beherzigen sollten

Das Evangelium ist nicht nur denen verkündet, die sich zur Kirche zählen. Jesus ging zu allen. Seine Kriterien, sich Menschen zuzuwenden, waren nicht gemeinsamer Lebensstil, moralisch einwandfreie Biografie, nicht einmal die gemeinsame religiöse Herkunft. Sein Kriterium war allein, ob man von ihm Hilfe und Heilung erwartete, ob man an die Kraft seiner Botschaft und die Gnade seines Gottes glaubte. "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi" formulierte das Zweite Vatikanische Konzil (Gaudium et spes 1). Auch da ist von keinen Einschränkungen die Rede. Das hat seinen Grund in der Botschaft selbst, für die wir Zeugnis zu geben haben.

 

Unser Gott ist der erlösende Gott aller Menschen. Sein erlösendes Handeln will die Menschen erreichen, wo sie sind und wie sie sind. Aufgabe der Kirche ist es, dies in Wort und Tat zu bezeugen. Sie ist Sakrament, also Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes (LG 1/GS 45). Als Kirche können wir Gott nicht an den Menschen vorbei verkünden, zu denen wir gesandt sind.

 

Gottes Heilswillen ist universal. Die Kirche ist auf den Gott Jesu Christi verpflichtet, der aber will das Heil aller. Kirche hat mit allen Kulturen, den globalen wie den lokalen, gemeinsam auf Entdeckungsreisen zu gehen, was es denn heute bedeuten und bewirken könnte, an diesen Gott Jesu zu glauben. Ihr großer Schatz sind die erinnerten Erfahrungen der Väter und Mütter im Glauben. Aber die pastoralen Antworten, die das Evangelium heute auf die "Zeichen der Zeit" (GS 4) gibt, müssen wir in jeder Generation immer wieder neu suchen und bezeugen.

 

Als Kirche sind wir Volk Gottes. Es ist sein Wille, dass wir solidarisch mit allen Menschen in ihren vielfältigen Nöten und Problemen sind. Solidarität bedeutet auch, sich mit fremden und ungewohnten Perspektiven konfrontieren zu lassen und den eigenen Standpunkt in Frage zu stellen. Was das Evangelium heute bedeutet, das muss auch die Kirche selbst immer wieder neu lernen. Pastoral ist auch ein solches Entdeckungs- und Lerngeschehen in Wort und Tat. Pastoral bedeutet immer auch Risiko und Wagnis, vor allem aber setzt sie die Bereitschaft voraus, die Botschaft des Evangeliums zum Maßstab unseres eigenen Lebens zu machen und sie zugleich als Angebot für andere mit Leben zu erfüllen – und das an prinzipiell allen Orten und in allen Milieus unserer Gesellschaft und Kirche. Dazu brauchen wir aufrichtige Liebe zu den Menschen der Gegenwart, fest verankert in Gott, der Selbst die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,16), den Mut, neue Wege der Kirchenbildung zu gehen und in allem eine Spiritualität der selbstbewussten Demut.

 

 

Beschlossen von der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 20./21. Mai 2008 in Osnabrück



[1] Vgl. z. B. folgende jüngere sozialwissenschaftliche Untersuchungen: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007; C. Wippermann/M. Calmbach, Wie ticken Jungendliche? Sinus-Milieustudie U27, hrsg. von Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) & Misereor, Düsseldorf 2008; C. Wippermann/I. de Magalhaes, Zielgruppen-Handbuch. Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus® 2005. Eine qualitative Studie des Instituts Sinus Sociovision zur Unterstützung der publizistischen und pastoralen Arbeit der Katholischen Kirche in Deutschland im Auftrag der Medien-Dienstleistung GmbH und der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle, München 2006.

[2] Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, Beschluss: Rahmenordnung für die pastoralen Strukturen und für die Leitung und Verwaltung der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, Offizielle Gesamtausgabe Bd. 1, Freiburg 1976, 690.

[3] Hierzu verweisen wir exemplarisch auf die Arbeitsergebnisse des Ständigen Arbeitskreises im Sachbereich 1 "Pastorale Grundfragen" des ZdK, wie sie in dem Buch "Hinaus ins Weite. Gehversuche einer milieusensiblen Kirche" (hrsg. von Hans Georg Hunstig und Michael N. Ebertz, Würzburg 2008) gesammelt sind.

[4] Klaus Hemmerle, Was fängt die Jugend mit der Kirche an? Was fängt die Kirche mit der Jugend an?, in: Spielräume Gottes und der Menschen (Freiburg-Basel-Wien 1996), 329; vgl. Klaus Ritter, Im Angesicht Jugendlicher Glauben lernen. Impulse zur Jugendpastoral nach Klaus Hemmerle, Ostfildern 2004.

[5] Vgl. hierzu: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.), "Mehr als Strukturen … Entwicklungen und Perspektiven der pastoralen Neuordnung in den Diözesen". Dokumentation des Studientages der Frühjahrs-Vollversammlung 2007 der Deutschen Bischofskonferenz (=Arbeitshilfen Nr. 213), Bonn 2007; Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.), "Mehr als Strukturen …" Neuorientierung der Pastoral in den (Erz-)Diözesen. Ein Überblick (=Arbeitshilfen Nr. 216), Bonn 2007.

[6] Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007, 175.

[7] Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007, 58ff.

[8] Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007, 82f.

[9] Vgl. hinsichtlich der jungen Generation: Wippermann/Calmbach, Wie ticken Jugendliche?, 32ff.

[10] Johannes Först/Joachim Kügler (Hrsg.), Die unbekannte Mehrheit, Berlin 2006.

[11] Winfried Gebhardt/Martin Engelbrecht/Christoph Bochinger (Hrsg.), Die Selbstermächtigung des religiösen Subjekts. Der "spirituelle Wanderer" als Idealtypus spätmoderner Religiosität, in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 13/2005, 133-151.