Mittwoch, 1. Juni 1994

Klaus Hemmerle - Weggeschichte mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken

(= Berichte und Dokumente, Nr. 91) (als Broschüre vergriffen)

 

Klaus Hemmerle – Weggeschichte mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken

 

Anstelle eines Vorworts

Weggeschichte

 

Dialog der Füße -

Herdenpfade sind seine Schule.

Du gehst, wo andere gingen –

Wie sonst gingest du hier?

Ungezählte Tritte falten sich ein

in den eigenen Pfad

und halten ihn offen

für jene, die kommen.

 

Klaus Hemmerle

 

 

Rita Waschbüsch

Weggefährte im Glauben

Bischof Dr. Klaus Hemmerle war dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken nicht nur verbunden, er hat sich mit ihm identifiziert.

Sein Leitwort, unter das er sich als Bischof von Aachen stellte - "Alle sollen eins sein" (Jo 17,21) - prägte seinen Dienst in der Diözese Aachen, wie wir es so eindrucksvoll beim Aachener Katholikentag 1986 erleben konnten. Dieses Wort war zugleich der rote Faden seiner Tätigkeit als Geistlicher Direktor und später als Geistlicher Assistent im ZdK. Wo Klaus Hemmerle dabei war, war es um die Einheit gut bestellt

Bevor ich sein Tun, seine Aktivitäten und vor allem auch seine Orientierung und Profil gebende Mitarbeit im ZdK in Umrissen darstelle, möchte ich auf seine Person eingehen. Bischof Hemmerle verkündete einfach schon in dem, was er war und wie er sich verhielt, Grundzüge des Evangeliums und lud so schon allein durch sein Dasein ein, sich am Evangelium zu orientieren. Dazu zählt auch sein Schalk, sein Humor, seine, im tiefsten Sinn verstanden, fast kindliche Freude. Auch das Ernstnehmen eines jeden, das Aufnehmen und Verwandeln vielleicht nicht ganz geglückter Beiträge anderer, der immer neue Versuch, Unverbundenes miteinander zu verbinden, die Bereitschaft, sich dem anderen auszusetzen bis dahin, selber das Gesicht zu verlieren, waren kennzeichnend für ihn. Sein Bemühen, mit Personen unauffällig das Gespräch zu suchen, die etwas Unpassendes, Ärgerliches, ihn Verletzendes gesagt hatten, keinem etwas nachzutragen, ja selber immer neu um Entschuldigung zu bitten, ließ wie von selbst eine positive Atmosphäre entstehen. Er war, um ein Wort der Christlichen Arbeiterjugend aufzugreifen, so etwas wie ein lebendiges Evangelium.

Das Evangelium brachte er vielfaltig ein ins ZdK: bei den ungezählten Ansprachen während der Gottesbienste in der Hauskapelle vor den Sitzungen, bei Bibelarbeiten auf Katholikentagen und Evangelischen Kirchentagen und im Geistlichen Wort bei fast allen Katholikentagen seit 1968. Das Evangelium beinhaltet für ihn die frohe Botschaft jenes Gottes, der, ganz Liebe geworden, als Gekreuzigter sich bis ins Letzte schenkt und als Auferstandener in der Mitte der Glaubenden lebt. Es gelang ihm wie nur wenigen, den Versammelten einen lebendigen Bezug zum im Wort anwesenden Christus zu erschließen, gerade auch mit Blick auf die Gesellschaft und die Welt. Seine Frömmigkeit hatte einen ausgesprochen weltbezogenen Charakter.

Bischof Hemmerle konnte auf jeden Menschen und auf jede Situation zugehen. Er hat die einzelnen so angesprochen, daß diese sich aufeinander zu bewegten, daß unter den Anwesenden Kirche im aktuellen und dynamischen Sinn entstand. Kirche als Versammeltsein um den lebendigen Christus jetzt und Kirche als Weggemeinschaft, die sich zu den Menschen begibt, sich in Dienst nehmen läßt. Dabei brachte er in überzeugender Weise in seiner eigenen Person zum Ausdruck, was Christsein heute bedeutet, welche Wurzeln das Laienapostolat hat, was gemeinsames Priestertum der Glaubenden ist: Von Gott gerufen und verschenkt zu sein an die Menschen, an die Welt.

Hierbei war Bischof Hemmerle von einer wohlwollenden Offenheit, die nicht bedrängte, sondern einlud, die nicht erdrückte, sondern freimachte, die auch nicht im Unverbindlichen und Schöngeistigen verblieb, sondern auf den Weg brachte, Anstöße zum Handeln vermittelte. Sein klares Denken, die Tiefe seiner Theologie, seine spirituelle Ausstrahlung, seine künstlerische und musische Ader und seine immer wieder entwaffnend herzliche Art prägten die Sitzungen im ZdK sehr stark und brachten sie voran.

Unmittelbar im Vorfeld des Katholikentags von Essen 1968 begann der damals 39jährige Freiburger Priester, der bei Bernhard Welte über Franz von Baader promoviert hatte und mit einer Arbeit über den späten Schelling habilitiert worden war, seine Arbeit im Generalsekretariat des ZdK, gewiß nicht ahnend, daß er dieser Arbeit bis zu seinem Tod verbunden sein sollte. Er trat seinen Dienst zunächst als Geistlicher Direktor an. 1975, als er schon Professor für Christliche Religionsphilosophie in Freiburg war, bestellte ihn die Deutsche Bischofskonferenz zum Geistlichen Assistenten, ein Amt, das er dann, als er im gleichen Jahr Bischof von Aachen wurde, zu unserer und wohl auch zu seiner Freude weiterführen durfte.

Mit seiner ganzen Kraft und seinem unverwechselbaren Charisma hat er sich dafür eingesetzt, daß die deutschen Katholiken in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bei aller Pluralität die Einheit wahrten. Dies bewirkte er auch durch seine Mitarbeit bei den Katholikentagen von Essen (1968), Trier (1970), Mönchengladbach (1974), Freiburg (1978), Berlin (1980), Düsseldorf (1982), München (1984), Aachen (1986), Berlin (1990), Karlsruhe (1992) und in der Vorbereitung von Dresden (1994). Sein Beitrag zum Ökumenischen Pfingsttreffen in Augsburg 1971 gehört auch in diesen Zusammenhang.

Sein ökumenisches Bemühen hat immer die Kirche als Ganze, die Basis, die Kirchenleitung und die Weltkirche bis hin zum Papst klar und einfühlsam im Blick behalten. Es entwickelte sich - so darf man es wohl sagen - eine echte Freundschaft zum Deutschen Evangelischen Kirchentag, dessen Präsidium mit dem Präsidium des ZdK, gerade auch durch den Beitrag von Klaus Hemmerle, in besonderer Weise verbunden ist.

Maßgeblich war Bischof Hemmerle an der Vorbereitung und Durchführung der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland beteiligt. Große Beachtung fand seine Rede "Das Konzept der Gemeinsamen Synode" vor der Konferenz der Leiter der Diözesan-Synodalbüros (1970), seine Einführung in die Thematik der Synode bei der konstituierenden Sitzung (1971) und die unter seiner Ägide erarbeiteten Synodenbeschlüsse "Die pastoralen Dienste in der Gemeinde" und "Die Orden und andere geistliche Gemeinschaften. Auftrag und pastorale Dienste heute".

Die Erfahrungen aus der Mitarbeit bei der Würzburger Synode und im Zentralkomitee sind spürbar in seine Tätigkeit auf römischen Bischofssynoden eingeflossen, so schon bei der Synode über den priesterlichen Dienst (1971), über Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt (1987) und über die Priesterbildung unter den derzeitigen Verhältnissen (1990).

1981 nahm er am römischen Kongreß "Entwicklung der Pastoral geistlicher Berufe in den Ortskirchen" teil, wohl auch, weil er Mitglied der Bischofskongregation und der Kleruskongregation in Rom war (1978 - 1983) und weil er die Kommission IV "Geistliche Berufe und kirchliche Dienste" der Deutschen Bischofskonferenz leitete (von 1976 bis zu seinem Tod). Wie sehr seine Tätigkeit in der Weltkirche geschätzt wurde, zeigte sich auch daran, daß er in den Rat des Generalsekretariats der Bischofssynoden in Rom von der Bischofssynode selbst gewählt wurde (1987 - 1990).

Diesen weltkirchlichen Aspekt brachte er immer wieder ganz lebendig in die Arbeit des ZdK ein. Beeindruckend war, wie er, von der Bischofssynode 1987 zurückgekehrt, die Grundlinien des so bedeutsamen Ereignisses dieses Synode vermittelte, das in ,.Christifideles laici" niedergelegt ist.

Besondere Akzente setzte er im ZdK durch seine Theologie des Laien, die er 1974 bei der 5. Delegiertentagung der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Verbände Deutschlands vor dem Katholikentag von Mönchengladbach in besonderer Klarheit darlegte und bei vielen Gelegenheiten später weiterentwickelte. Nachdrücklich unterstrich er, daß es in den katholischen Verbänden um einen Dienst am Menschen, an der Gesellschaft und an der Kirche gehe. Katholische Verbände seien Gemeinschaft, nicht bloß Zweckverband, und lebten aus der gemeinsamen Motivation des Glaubens an Jesus Christus.

Er nahm die neueren geistlichen Bewegungen deutlich wahr. Er warb dafür, diese in die Arbeit des ZdK einzubinden. Er sah viele Verbindungslinien zwischen geistlichen Gemeinschaften und Verbänden bis hin zu den Diözesanräten. Er betonte oft, daß sich die unterschiedlichen Ansätze und Strukturen gegenseitig befruchten könnten und sollten. Sein eigenes Engagement in der Fokolarbewegung hat gewiß zu dieser Einschätzung beigetragen. Er war jedoch immer darauf bedacht, in diesem, auch persönliche Lebensentscheidungen tangierenden Feld eine besondere Diskretion walten zu lassen. Beim Katholikentag von Aachen unterstütze er besonders die Mitarbeit der geistlichen Gemeinschaften im Geistlichen Zentrum und begleitete persönlich die hier zu treffenden Absprachen. Aus dieser Erfahrung heraus konnten sich die geistlichen Gemeinschaften 1986 entschließen, der Einladung des ZdK zu folgen und die Zusammenarbeit in einem Ständigen Arbeitskreis beim ZdK zu beginnen.

Als Mitte der 80er Jahre auch in Zusammenhang mit der außerordentlichen Bischofssynode "20 Jahre nach dem Konzil" (1985) die Frage einer zweiten Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland diskutiert wurde, unterstützte Bischof Hemmerle statt dessen nachdrücklich den Plan einer gemeinsamen Studientagung von Deutscher Bischofskonferenz und ZdK, die dann 1988 stattfand. Das theologische Grundkonzept, wie denn Weitergabe des Glaubens heute geschehen könne, trägt deutlich seine Handschrift. In der Vorbereitung dieser Tagung fiel das Wort von der Kirche als Weggemeinschaft, die nur so, selber den Glauben im Miteinander lebend, diesen für andere sichtbar bezeugend, weitergeben könne. Genau diesen Ansatz machte er dann zum entscheidenden Projekt für die Pastoral seines Bistums: Weggemeinschaft im Bistum Aachen.

Eine besondere Art von Weggemeinschaft waren für ihn auch die "Dienstgespräche" in Berlin-Ost, ein vielen verborgen gebliebenes Feld seines Dienstes im ZdK. Schon in den fünfziger Jahren, vor allem aber seit dem Bau der Mauer hatten es das Präsidium und weitere Verantwortliche im ZdK unternommen, regelmäßig, möglichst zweimal im Jahr, zu einem Besuch nach Berlin-Ost zu fahren. Treffpunkt war das Bischöfliche Ordinariat bei der Hedwigskathedrale. Für den Geistlichen Direktor und ebenso für den Geistlichen Assistenten Hemmerle war es selbstverständlich, an diesen Gesprächen teilzunehmen. Er hat praktisch keinen Termin in diesen Jahren ausgelassen. Zu wichtig war es ihm, in dieser Not der Spaltung den Bischöfen und damit der Kirche Ostdeutschlands nahe zu sein, sie teilnehmen zu lassen am Leben der Kirche in der Bundesrepublik und in der Weltkirche sowie am gesellschaftlichen Geschehen, aber ebenso auch von den Christen im Osten zu lernen. Eine stille, über 23 Jahre hin gelebte Weggemeinschaft! Er war, wie nur wenige Menschen des Westens, auch denen im Osten verbunden.

Der Sache nach war das, was mit Weggemeinschaft gemeint ist, für das ZdK nicht Fremdes. Fast selbstverständlich hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Weggemeinschaft mit den verantwortlichen katholischen Laien auf Nationalebene in Österreich, Italien und den Niederlanden entwickelt, in die auch Bischof Hemmerle sich eingebunden hat. In besonderer Weise entwickelte sich eine persönliche Verbundenheit mit den "Klubs der katholischen Intelligenz" in Polen, vor allem mit dem KIK Warschau und dem KIK Breslau. Seit den frühen 70er Jahren war Bischof Hemmerle an diesen manchmal fast konspirativen Reisen nach Polen beteiligt, gerade auch in der so schwierigen Zeit vor und nach der Verhängung des Kriegsrechts. Er erzählt gern von jener Nacht in Warschau, in der u.a. Tadeusz Mazowiecki von vielfaltigen Erfahrungen berichtete, die bei ihm die Überzeugung bestärkt hatten, daß durch solidarisches Leben und Handeln aus dem Glauben auch kommunistische und sozialistische Systeme aufgebrochen werden können. Das leidenschaftliche Plädoyer, daß Polen zu Mitteleuropa geböre und daß das vereinte Europa deswegen nicht auf Westeuropa beschränkt werden dürfe, hat Bischof Hemmerle zutiefst bewegt.

Seiner Initiative ist es zu verdanken, daß die vorhandenen Bemühungen des ZdK, das Gespräch mit den Juden in Deutschland zu suchen, in den 1971 gegründeten Gesprächskreis ”Juden und Christen" mündete, dessen Vorsitz er bis 1975 inne hatte und dessen Arbeit er bis zuletzt tatkräftig unterstützte. unter anderem durch seine Teilnahme an den Fahrten nach Israel 1975 und nach Ungarn 1991. Sein Bemühen machte es möglich, daß der Gesprächskreis ,Juden und Christen" beim ZdK eine theologische Ausrichtung bekam, die in dieser Art in Europa einzig ist.

Bischof Hemmerle ging Fragen, die kontrovers diskutiert wurden, nicht aus dem Weg und wich Problemen nicht aus, sondern suchte beharrlich in Gespräch und Nachdenken nach Lösungen. So gibt es aus seiner Feder nicht nur theologische, philosophische und pastorale Texte, sondern eben auch ausgefeilte Stellungnahmen zu Fragen des Friedens und der Ökologie, zu Fragen der Jugend, zum Problem der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft, zum Problem der Arbeitslosigkeit und zu Fragen der Wirtschaft und Technik.

Wir erinnern uns als ZdK an Bischof Hemmerle mit tiefer Dankbarkeit. Er war uns bis heute ein geistlicher Weggefährte, der uns durch Aufbrüche und Bewährungsproben hindurch Wege der Nachfolge Christi erschließen half. Wir wollen sein Erbe aufnehmen und weiterführen. Eine tiefere Kenntnis seines Lebens und seiner Theologie wird uns helfen, unseren Dienst als ZdK in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft zu tun. Unsere Weggemeinschaft des Glaubens führt über den Tod hinaus.

(Gehalten vor der Versammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vor dem 92. Deutschen Katholikentag in Dresden am 29.Juni 1994)

 

 

Bischof D. Dr. Karl Lehmann

Er war ein Bischof nach dem Herzen Gottes

Wir haben lange gebangt, dieser Tag könnte bald kommen. Mit den Bischof hatten wir angesichts des Ringens der Ärzte Hoffnung, Klaus Hemmerle könnte die heimtückische Krankheit bezwingen und bei uns bleiben. Es ist anders gekommen. Für uns alle überraschend schnell hat sich sein Leben vollendet Allzu früh. Am 3. April dieses Jahres wäre er 65 Jahre geworden Wir Christen trauern angesichts eines solchen Verlustes wie andere Menschen, dennoch betrachten wir das Leben und Sterben anders. Wir  sind dankbar, daß Gott diesen Priester und Bischof der Kirche, seiner Heimatdiözese Freiburg, seinem Bistum Aachen, seinen Freunden und uns allen geschenkt hat Die schwere Krankheit am Ende und der jähe Tod haben uns deutlicher erkennen lassen, wie kostbar Klaus Hemmerle für uns alle war und ist.

Die Eltern waren bescheidene und eher arme Leute, aber in ihrer Menschlichkeit und im Herzen sehr reiche und viele beschenkende Menschen. Der Vater, ein Kirchenmaler, und die Mutter, Schwester des Musikers Franz Philipp, hatten Klaus große Gaben eines schöpferischen Geistes und der Seele in die Wiege gelegt. Die künstlerische Begabung war unverkennbar. Bis in die letzten Tage hinein hat er sich am Abend immer wieder einmal an das Klavier gesetzt und sich in der Tiefe der Musik Mozart Bachs und Beethovens erholt. Schon früh machte er Abitur und wurde mit 23 Jahren bereits zum Priester geweiht. Nach der zweijährigen Vikarzeit in Donaueschingen, Kollnau und Rheinfelden begann er seine theologische Doktorarbeit über "Philosopische Grundlagen zu Franz von Baaders Gedanke der Schöpfung", die er in zwei Jahren abschloß. Sein Lehrer Bernhard Weite war in dieser Zeit und später der große Anreger und Freund.

Im selben Jahr 1958 wurde er zum ersten Direktor der neugeschaffenen Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg berufen. Nun war er in seinem Element. Jetzt wurden immer mehr Menschen auf diesen begabten menschenfreundlichen und liebenswerten jungen Gelehrten und Priester aufmerksam. In allen Bereichen ging es ihm um zukunftsweisende Fragestellungen. Unaufhörlich blieb er mit Menschen aus allen Lebensbereichen, Denkrichtungen und Wissenschaften im Gespräch. Nach fünf Jahren war der Grund gelegt. Klaus Hemmerle wurde Assistent bei Bernhard Welte und begann 1961 seine große Untersuchung über Gott und das Denken nach Schellings Spätphilosopie, die 1967 von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg zur Habilitation im Fach Religionsphilosopie angenommen wurde. Der Weg eines vielversprechenden akademischen Lehrers schien eröffnet. Aber es sollte nur ein kurzer Weg sein: 1969 Privatdozent in Bonn, im Jahr darauf Professor für Fundamentaltheologie in Bochum und von 1973 bis 1975 Professor für Christliche Religionsphilosopie als Nachfolger seines Lehrers in Freiburg. Klaus Hemmerle blieb immer geprägt von dieser ungewöhnlich hohen Begabung und der Freiburger Schule seiner Lehrer Bernhard Welter und Max Müller, hinter denen Namen wie Edmund Husserl und Martin Heidegger auftauchen. Ich bin wenigen Menschen begegnet, denen ich das große Wort genial zubilligen würde. Klaus Hemmerle war einer. Überall, wo er etwas näher betrachtete, kam es unter der Zauberkraft seines Denkens zu einem ursprünglichen Leuchten längst vertrauter, gewohnter und auch verbrauchter Dinge. Er war zugleich ein Meister des Denkens und der Sprache. Nur so konnte er die Dinge wieder taufrisch fast wie am ersten Tag der Schöpfung vor einen hinstellen. Die Klarheit und Folgerichtigkeit seines lebendigen Denkens, das tief in der Anschauung und Erfahrung wurzelte, war ganz ungewöhnlich. Ein kleiner Zettel mit wenigen Stichworten genügte ihm oft, um danach seine Vorlesungen und Vorträge zu entwickeln. Oft waren sie so gut gelungen, daß sie auch schon druckreif waren.

Klaus Hemmerle hat uns so neben einigen gelehrten Büchern ungefähr dreißig Bücher und über 800 Abhandlungen geschenkt, die einen guten Teil seines Vermächtnisses bilden. Anderes harrt gewiß noch der Aufarbeitung.

Als wir Freiburger Professoren vor mehr als 18 Jahren nach Aachen zur Bischofsweihe kamen, wußten wir, daß der Platztausch zwischen dem Professor und dem Bischof ein großer Verlust für die Wissenschaft, aber ein riesiger Gewinn für das Bischofsamt und die ganze Kirche war. Aus dem begabten Lehrer wurde ein wortgewandter Verkünder. Vieles wanderte nun aus dem Bereich bisheriger weltlicher Erfahrung in das Innere der Kirche, und umgekehrt. Es war eine wechselseitige Fruchtbarkeit. Klaus Hemmerle stand immer im Schnittpunkt von Kirche und Welt, von Welt- und Heilsdienst. Es war darum kein Zufall, daß er nun 25 Jahre lang als Geistlicher Direktor und später als Geistlicher Assistent im Zentralkomitee der deutschen Katholiken die Laien aus den Räten und Verbänden bei ihrer Suche nach dem gemäßen Christsein in unserer Welt segensreich begleitete. Alle Katholikentage von Essen 1968 bis Dresden 1994 tragen seine Handschrift. Als er vor Monaten einmal daran dachte, einige Ämter aufzugeben, wollte er diese Aufgabe außerhalb seines Bistums als einzige beibehalten, denn in diesem Vierteljahrhundert fand er im Zentralkomitee der deutschen Katholiken seine wohl treuesten Freunde.

Das Bistum Aachen verliert in Klaus Hemmerle einen großen Bischof. Er war nicht der Mann der lauten Worte. Aber seine leise, ruhige Stimme hatte eine ungewöhnliche Kraft der Verkündigung. Immer wieder kehrte er zum Wort Gottes zurück und entfaltete es in tausend Spiralen als Nahrung des Lebens für viele Menschen. Es war seine Kunst, zugleich so einfach und so tief zu sprechen, daß es die Marktfrau ebenso verstand wie der Professor der Technischen Hochschule. So hat der Bischof von Aachen vor allem durch die Weitergabe seiner geistlichen Erfahrung im Zeugnis des Wortes gewirkt, nicht zuerst durch rechtliche Vollmacht und Gesetz. Gerade so hatte er auch einen großen Sinn für die immer wieder von neuem von ihm zusammengeführte Gemeinschaft im Bistum, aber auch für die Einmaligkeit vieler Persönlichkeiten, nicht zuletzt unter den Priestern: für den Künstler ebenso wie für den Arbeitspriester. Manche meinten, er sei in dieser echten Liberalität, d. h. in der Freigebigkeit seines Geistes, in diesem großzügigen Gewährenlassen schwach gewesen. In Wirklichkeit war es seine unnachahmliche Stärke, daß er eine so große Vielfalt von Begabungen immer wieder durch die Kraft des Geistes zu einer echten Einheit zusammenführen konnte. In den letzten Jahren ist "Weggemeinschaft" zu einem zentralen Leitwort seines priesterlich-bischöflichen Wirkens geworden. Der Mann des unermüdlichen Gesprächs wollte durch eine neue Nähe zwischen den Menschen, unter den Gemeinden und Verbänden, die bei aller Verschiedenheit zusammen unterwegs sind, Gemeinschaft vertiefen. In dieser Weggemeinschaft hatte jeder seinen Platz und seine Würde, keiner wurde erdrückt, niemand preisgegeben - und gerade so entstand eine neue Berufung zu wahrer Gemeinschaft. Diese Weggemeinschaft war Bischof Hemmerles Verwirklichung von Communio. Und er wußte nur allzu gut, daß alle künftige pastorale Planung auf Sand baut, wenn es nicht eine neue spirituelle Vernetzung im Bistum gibt, die alle Pläne erst trägt.

Das Unterwegssein hatte ein Ziel, Klaus Hemmerle hat es immer wieder sehr konkret und nüchtern beschrieben. Dieses Ziel ist das Neue Jerusalem, das soeben in der Lesung wieder so eindrucksvoll vor uns erstand (vgl. Offb 21, 1-5). Mehr und mehr wurde der achteckige Bau des Aachener Domes zum Inbegriff der neuen Stadt, die sich als die Wohnung Gottes für die Menschen auf unsere Erde herabsenkt. Es war die Stadt Gottes, aber es war auch die Stadt einer neuen menschlichen Gemeinschaft, die nach dem Prinzip der Liebe aufgebaut wird. Es war zugleich ein alter Traum schon des jungen Klaus Hemmerle. Denn schon sehr früh hatte er immer wieder den Gedanken, eine Stadt zu malen oder zu konzipieren.

Von da aus hat Klaus Hemmerle immer auch hineingewirkt in die ganze Kirche. Als Vorsitzender der Kommission IV unserer Bischofskonferenz hat er im Laufe von bald 20 Jahren entscheidende Anstöße für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste in der heutigen Welt gegeben. Wenn unsere Rahmenordnungen für die künftigen Priester, für die Ständigen Diakone, für Pastoralreferenten und Gemeindereferentinnen bei allen Wandlungen zuverlässige Wegweiser für die Entwicklung dieser Berufe geworden und geblieben sind, so ist dies hauptsächlich sein großes Verdienst. Es ist an dieser Stelle kaum anzudeuten, wieviel geistige und spirituelle, in jedem Fall integrative Kraft er der Gemeinschaft der deutschen Bischöfe immer wieder geschenkt hat. Sein Blick ging dabei immer auch weit hinaus in die ganze Welt. Er war 'froh und dankbar, daß gerade von Aachen aus immer wieder wirksame Zeichen christlicher Solidarität und Sendung in alle Welt hinausgingen und Aachen durch MISEREOR, MISSIO und das Kinderhilfswerk eine echte Drehscheibe der Begegnung in der Weltkirche wurde. Kolumbien war dafür das ausgewählte Land, an dem immer wieder der Ernstfall dieser Liebe vom ganzen Bistum Aachen erprobt wurde. Es blieb nicht bei der Deutschen Bischofskonferenz und auch nicht bei den kirchlichen Institutionen. Der Bischof von Aachen wurde gerade auch bei den Bischofssynoden des letzten Jahrzehnts zu einem allseits beachteten und geschätzten, in vielen Verlegenheiten wegweisenden Mitglied. So bringe ich Ihnen mit Kardinal Simonis aus Utrecht und Erzbischof Franck aus Luxemburg unmittelbar von der in unserem Land tagenden Vollversammlung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen - es sind 33 an der Zahl - Worte der Mittrauer und des Dankes.

Weggemeinschaft war für Bischof Hemmerle kein abstraktes Programm. Er hatte so etwas schon seit Ende der fünfziger Jahre zusammen mit dem unvergeßlichen Spiritual von St. Peter bei Freiburg i. Br., Rudolf Herrmann, gesucht und schließlich in der Fokolar-Bewegung unter der geistlichen Führung von Chiara Lubich gefunden. Sie hat ihm auch ein Lebenswort geschenkt, das ihn immer wieder getragen hat: "lch bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch" Joh 14, 20). Daraus hat Klaus Hemmerle sein ganzes Leben und täglich gelebt. In unmittelbarer Nähe steht auch das Leitwort seines bischöflichen Dienstes aus Joh 17, 21: "Laß alle eins sein, damit die Welt glaube". Es ist mehr den Eingeweihten bekannt, wie viel Klaus Hemmerle dieser Bewegung und wie viel das Fokolar ihm selbst jeweils verdankt. Hier hat Klaus Hemmerle in Gemeinschaft das leben können, was ihn auch in der Theologie immer wieder zutiefst bewegte: Dasein in Gemeinschaft, leibhaftiges Lebenszeugnis nach dem Bild des dreifaltigen Gottes.

Dieses Programm, wenn man es einmal so nennen darf, entfaltete sich für Klaus Hemmerle in Gemeinschaft, Geheimnis und Sendung, in communio, mysterium und missio. Unschwer erkennt man darin die Gliederung mancher nachsynodaler Dokumente der Kirche. Aber zuerst ist dies ein Stil des Lebens. Ein solcher Lebensentwurf nimmt Maß am Evangelium. Torheit und Ohnmacht des Kreuzes gehören ebenso dazu wie das Werden wie die Kinder. Keine Spur von Herrschaft und Machtgelüsten. Versöhnung war ihm wichtiger als Erfolg. Kirche ist für alle da, gerade für die Kleinen. Schließlich mündet am Ende alles in die Selbstlosigkeit der Liebe Jesu Christi. Liebe ist stärker als alle Verhältnisse und Interessen. Liebe allein verwandelt dauerhaft die Welt. Liebe überdauert im Herrn auch den Tod.

Darum danken wir Dir, lieber Bischof Klaus, von ganzem Herzen. Du warst für viele ein Bischof nach dem Herzen Gottes. Du warst es auch für viele Christen in der weiten Ökumene. Das Zeugnis Deiner Menschlichkeit und Heiterkeit hat immer wieder gezeigt, daß Du aus einer letzten Liebe lebst, die auch im Tod nicht untergehen kann. Du hast uns bis in das Sterben hinein vorgelebt: Glauben - wie geht das? "Wer dem Tod ins Gesicht schaut, der schaut dem Leben ins Gesicht", so hast Du einmal geschrieben. Und ein wenig weiter: ,Ja, wir sind erlöst zum Sterben, wir sind erlöst zum Leben, wir sind erlöst zu einer Gemeinschaft ohne Grenzen" (Das Wort für uns, Freiburg 1978, S. 106, 108). Zu Ostern 1993 hast du es für eine Ordensgemeinschaft so zur Sprache gebracht:

"Ich wünsche uns Osteraugen, die im Tod bis zum Leben, in der Schuld bis zur Vergebung, in der Trennung bis zur Einheit, in den Wunden bis zur Herrlichkeit, im Menschen bis zu Gott, in Gott bis zum Menschen, im Ich bis zum Du zu sehen vermögen. Und dazu alle österliche Kraft!"

Auch, ja gerade ein Bischof hat Versuchungen und macht Fehler. Darum beten wir heute auch um die Barmherzigkeit Gottes für Klaus Hemmerle. Aber vielleicht hat - ja ich bin gewiß - in Klaus Hemmerle, ohne daß wir es so recht merken, ein heiligmäßiger Priester und Bischof unter uns gelebt. Wenn wir es nicht gemerkt haben, ist es noch nicht zu spät. Das entschiedene christliche Zeugnis unseres Lebens wäre der größte Dank an ihn. Amen.

(Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann zum Abschied von Bischof Klaus Hemmerle im Dom zu Aachen)

 

 

Prof.Dr. Hans Maier

Humor und Leidenskraft.

Erinnerungen an Klaus Hemmerle

Sein Lebensweg führte ihn von Freiburg nach Aachen, vom Südwesten zum Westen Deutschlands, vom Liebfrauenmünster in der oberrheinischen Stadt zum Dom in der Stadt Karls des Großen. Am 8. November 1975 wurde der ehemalige Freiburger Akademiedirektor und spätere Professor der Fundamentaltheologie zum Bischof von Aachen geweiht l 8 Jahre stand er dem Bistum vor, eine unverwechselbare Gestalt Am 23. Januar 1994, knapp drei Monate vor seinem 65. Geburtstag, erlag er einem schweren Leiden.

Ich weiß nicht mehr, wann wir uns zuerst begegneten; es muß in den Kriegsjahren gewesen sein. Wir besuchten das gleiche Gymnasium in Freiburg, waren in der Pfarrjugend engagiert - er in St. Johann, ich in Maria Hilf. Zwei Jahre älter, war er schon eine Autorität für mich. Die kleine Maria-Hilf-Kapelle, in der sich die Pfarrjugend des Freiburger Ostens jeden Montag um 6 Uhr morgens zur Gemeinschaftsmesse traf, war von seinem Vater, dem Kirchenmaler, mit Fresken geschmückt worden. Klaus war vielen bekannt; in Referaten breitete er kirchen- und kunstgeschichtliches Wissen aus; in seiner Klasse war er ein Überflieger. Aber er war auch musikalisch, spielte Klavier und Orgel. In einem kleinen Madrigalchor sang er die schwierigsten Dinge vom Blatt. Wir schrieben Sonette von Reinhold Schneider ab und verteilten sie. Eine Zäsur in unserem Leben war der Fliegerangriff auf Freiburg im November 1944. Klaus Hemmerle hat an dieses Ereignis in seiner unvergeßlichen Rede zur Eröffnung des Freiburger Katholikentages am 12. September 1978 erinnert: "Unzählige Male habe ich von Kindertagen an emporgeschaut zu diesem einzigartigen Turm . . . Eines unter diesen ungezählten Malen werde ich nie vergessen. Es war am Abend des 27. November 1944. Ich war, 400 Meter von hier, von jenem schrecklichen Bombenangriff überrascht worden, der den Kern dieser Stadt aufs empfindlichste traf. Als ich aus dem Keller des damaligen Berthold-Gymnasiums hervorgekrochen war, galt der erste Blick dem Münsterturm. 'Er steht, die Stadt ist nicht verloren!'sagte mein Vater neben mir. Reinhold Schneiders aus dieser Nacht geborene Verse hatten für uns kein fremdes Pathos: 'Steh unerschütterlich herrlich im Gemüte, du großer Beter glaubensmächtiger Zeit'."

Im April 1945 wurden wir "französisch: die französische Besatzungsmacht ergriff Besitz von Freiburg, von Südbaden, Südwürttemberg, der Pfalz. Abitur machten wir auf französische Weise, zentralisiert, anonym - wir kannten keinen einzigen unserer Prüfer; die Durchfallquote war hoch. Aber neben manchem Unerfreulichen und Beengenden brachten jene Jahre auch Positives: wir nahmen teil am Wiederaufbau des politischen Lebens im Südwesten; die ersten europäischen Initiativen kündigten sich an; wir lernten Charles de Gaulle, Robert Schuman, Jakob Kaiser, Konrad Adenauer und Kurt Schumacher bei Reden und Kundgebungen in Freiburg kennen. Klaus Hemmerle hatte inzwischen sein philosophisch-theologisches Studium abgeschlossen, war zum Priester geweiht worden, machte erste Erfahrungen in der Seelsorge. Er war im Arbeiterviertel einer badischen Kleinstadt tätig. War es Arbeiterseelsorge? (Uns beschäftigten damals die französischen Arbeiterpriester!) Ach nein, meinte er bescheiden - es sei eher Bürgersealsorge. Krieg, Vertreibung, Wiederaufbau hatten die alten sozialen Gegensätze gemildert oder zumindest verwischt. Die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" der Nachkriegsjahre kündigte sich an.

Dann wurde Klaus Hemmerle Akademiedirektor - Direktor der damals noch ambulanten Katholischen Akademie des Erzbistums Freiburg, deren Tagungen abwechselnd in Heidelberg, Karlsruhe, Bühl, Konstanz, Freiburg und - besonders schön! - auf der Reichenau stattfanden. Einige Male war ich als Referent dort. Es waren meine ersten öffentlichen Auftritte nach dem Abschluß meiner Studien. Klaus war liebevoll, witzig, spottlustig wie immer - blitzschnell mit dem Wort, überraschend in seinen Einfällen. Er verstand seine Hörer ebenso durch tiefsinnige theologische Spekulationen wie durch Sachnähe und Konkretheit zu fesseln. Das Evangelium wurde in seinen knappen, oft improvisierten Ansprachen ganz neu und unmittelbar gegenwärtig, als hörte man es zum erstenmal. Das Schönste aber: Klaus war über seinen Erfolg, seiner frühen Berühmtheit nicht hochmütig geworden. Er war (und blieb) so wie früher. Aufatmend stellten seine alemannischen Jugendfreunde fest: "er isch g'mai bliebe" (ins Hochdeutsche übersetzt: er ist noch immer einer von uns).

Aus dem Akademiedirektor wurde ein Professor, ein Fundamentaltheologe - und aus beiden schließlich ein Bischof. Das Bischofsamt war Klaus Hemmerle nicht in die Wiege gelegt worden. Wer den jungen Theologen aus der Schule Bernhard Weltes kannte, der hätte ihm eher eine Gelehrten- und Autorenkarriere vorausgesagt. Hemmerle erzählte schmunzelnd, wie die Aachener zunächst sein - sehr gedämpftes - Alemannisch nicht verstanden; eine ältere Dame sagte nach einer Predigt tadelnd: "Reden Se doch mal döitsch!" Doch der neue Bischof gewann die Herzen rasch. Er war ja zeitlebens (als alter Schulkamerad kann ich's bezeugen!) ein echter Charmeur, schlagfertig, heiter und unkompliziert, von gewinnender Direktheit. So wurde er rasch "der Aachener Bischof', der, ohne es auf Populismus anzulegen, populär war bei fast allen: nicht nur beim "Volk", das ihn liebte, auch bei heiklen und gelehrten Seelen, die seine Nonchalance, seine Leichtigkeit bewunderten. Wie gut konnte er, das Einzelkind aus der Freiburger Malerfamilie, mit Kindern umgehen! Welcher deutsche Bischof seit Hugo Aufderbeck hat so zauberhafte Briefe an Kinder geschrieben? Auch mit Wirtschaftlern, Journalisten, Politikern, Künstlern verstand er sich ohne Schwierigkeiten. Hilflos wurde er nur, wo er auf Arroganz und breitbeinigen Machtsinn stieß (auch innerhalb der Diözese!). Dann lief eine kindliche Verwunderung über sein feines Gesicht, als wollte er fragen: Wie kann man nur so selbstsicher sein? Gegenstrategien erwog er kaum. Sie hätten wohl auch wenig genützt. Er versuchte den unangenehmen Eindruck rasch mit Stoßgebeten und Schüttelreimen zu vertreiben.

In den schwierigen Zeiten nach 1968 wurde Klaus Hemmerle im deutschen Katholizismus zu einer Integrationsfigur. Er vermittelte, baute Brücken. Als geistlicher Direktor (später geistlicher Assistent) des Zentralkomitees der deutschen Katholiken sorgte er dafür, daß die Verbindungen zwischen Amt und Laien erhalten blieben, daß es in Deutschland nicht zu jenen Konfrontationen kam, wie sie anderswo in Europa ganze Länder, ganze Katholizismen zerrissen. Wenn die deutschen Katholiken in jenen Jahren trotz aller Pluralität eine Einheit blieben, wenn in die Katholikentage der Zeit nach 1968 nicht nur Forderungen des Tages einflossen, sondern auch Theologie und Spiritualität, so ist das in erster Linie ein Verdienst des Aachener Bischofs gewesen. Gott weiß, wieviel Geduld, Humor, Leidenskraft und Fantasie er in diese Aufgabe investiert hat. Auch in der Bischofskonferenz nahm er als Vorsitzender der Kommission für geistliche Berufe und kirchliche Dienste ein wichtiges Amt wahr. Es ging ihm um das "Ausschauen nach den Zeichen Gottes und der Zeit" inmitten der sich verschärfenden Pastoral- und Glaubenskrise. Auf dem Aachener Katholikentag von 1986 -"seinem" Katholikentag! - gab er sich nüchtern Rechenschaft darüber, "daß wir die fertigen und die endgültigen Antworten noch nicht haben, daß das Wichtigere, Größere, Entscheidende noch aussteht. Wer um Gottes kommendes Reich bittet, der bittet um eine Zukunft, die sich nie in der irdischen Gegenwart ganz einlöst. Gerade das aber gibt Gelassenheit und Mut. Der Beter weiß, daß die Gestalt dieser Welt vergeht, er weiß, daß die ganze Gerechtigkeit, die absolute Sicherheit, das risikolose Glück nie auf Erden erreicht sind. Aber er weiß auch: Glaubwürdig kann er um Gottes Zukunft nur beten, wenn er die Gegenwart so gestaltet, daß sie Zeichen für diese Zukunft wird. Beten führt also nicht ins Getto der Tatenlosigkeit, sondern zum verantwortungsvollen, sich bescheidenden, aber entschiedenen Handeln.

Zwischen Freiburg und Aachen lag aber für Klaus Hemmerle nicht nur das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in Bad Godesberg, der Sitzungsraum in der Hochkreuzallee, wo er an unzähligen Sitzungen teilnahm und in der schlichten Kapelle unvergeßlich das Wort Gottes auslegte. Zwischen Freiburg und Aachen lag auch Italien, lagen Sardinien, Rom, Rocca di Papa, wo er, mit Freunden wandernd oder vor Fokolar-Bischöfen predigend - und nicht zuletzt mitberatend in der Römischen Bischofssynode – seine  zweite Heimat fand. In römischen Kirchen war er ebenso daheim wie in deutschen. Das ltalienische sprach er mit Perfektion und Grazie (in karnevalistischen Launen sprach er es sogar mit sächsischem Akzent, was bei allen Zuhörern einen unauslöschlichen Eindruck hinterließ!). Südländische Unbekümmertheit und Unschuld - das war für ihn ein Einfallstor für die evangelische Freiheit der Kinder Gottes, für die Seligkeit der Freigelassenen der Schöpfung. Wenn er den Sonnengesang des heiligen Franziskus sprach, dann war in seiner Stimme alles eins: Gebet, Sprache, Spielfreude, Demut.

Nun hat "unser Bruder, der leibliche Tod" ihn bei der Hand genommen und heimgeführt. Die Kirche in Deutschland ist ärmer geworden. Sie hat einen reichbegabten und bescheidenen, einen hochangesehenen, uneigennützigen Mann verloren. Seinem Werk - und mehr noch seinem Beispiel - gilt unser Dank.

 

 

Dr. Hanna-Renate Laurien

Dem Herrn 'aufs Dach steigen'

Katholikentage als Zeitansage

Diese seltsame Überschrift stammt aus dem Büchlein, das mir unter al, den zum Nachdenken und Handeln anregenden Schriften des Aachener Bischofs das liebste ist: "Dein Herz an Gottes Ohr. Einübung ins Gebet". ln dem Kapitel, das diese Überschrift trägt geht es um die Männer, die es nicht schaffen, den Gelähmten, den sie auf einer Bahre tragen, durch die Menschenmassen bis zum Herrn zu bringen, und die nun einfach das Dach durchbrechen, dem Herrn "aufs Dach steigen", um an! Ziel zu gelangen. Es geht um den "kühnen Umweg". Gott zu gewinnen; anzupacken, statt gelähmt zu sein.

Durch eine kleine drucktechnische Hervorhebung läßt Hemmerle uns genau lesen: "Als er ihren Glauben sah, sprach er zu ihm" (vgl. Mk 2,5). Da geht es um die vermittelnde Hilfe - der Bezug auf die Fürbitte der Heiligen liegt nahe -, und die Frage stellt sich, ob denn so etwas überhaupt nötig sei, ob der Herr nicht unmittelbar wirken könne. Die Antwort: "... weil er Liebe ist, die sich mitteilt, sich neigt, sich verströmt, deshalb will er nicht allein alles tun, sondern er handelt allein dadurch, daß er so viel wie möglich mit uns gemeinsam tut." Um dieses Gemeinsam-Tun, das sich aus der Kraft des Glaubens auf diese Welt einlassen, ging es Klaus Hemmerle. Und dann kommt in dem zitierten Text ein echter Hemmerle-Satz, ein Satz, in dem das Leitwort umkreist und bedacht wird, in dem Verschränkung zu vertiefendem Aufnehmen führt, Aufnehmen nicht nur eines Gedankens, sondern einer Wirklichkeit, die Menschsein öffnet, ein Satz, der den Bogen zur Hervorhebung des Anfangs schlägt. in dem der Glaube derer, die da "aufs Dach" stiegen. Die Zuwendung des Herrn zum Gelähmten bewirkt: "Die Liebe ist größer, wo sie nicht nur dem anderen sich schenkt als Gabe, sondern wo sie dem anderen schenkt, schenken zu dürfen."

Mehr als Almosen, Befähigen zur Selbständigkeit, zu einer Selbständigkeit nicht des Herrschens, sondern des Dienstes. Das ließe sich auch als Überschrift über Hemmerles Wirken im Zentralkomitee setzen. In der Politik entspricht dem zu einem Teil das Konzept in Sozial- wie in Entwicklungspolitik: Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist wichtiger als Schenken-Dürfen, es ist die Voraussetzung dafür, und Hemmerle ging es immer wieder um den selbständigen, gläubigen Christen.

Die Stellung des Laien in der Kirche hat er vielfaltig im Zentralkomitee bedacht. Mit seiner Rede "Weltdienst - Heilsdienst. Zur spirituellen Orientierung des organisierten Laienapostolats", die er, der Freiburger Professor, 1975 in der Herbstvollversammlung hielt, hat er ein Zeugnis weit über den Tag hinaus hinterlassen. Geschichte, die er als Geschichte der Macht zur Gestaltung der Welt, als Geschichte der Freiheit und der Kommunikation versteht, erhält in der Fleischwerdung des Wortes eine neue Bedeutung: Macht ist die des liebenden Vaters, Freiheit ist die des Sohnes, und Kommunikation gründet in der Gemeinschaft des Geistes mit dem Wort, in dem wir verstanden sind. Daraus zieht Hemmerle dann die Konsequenz: "einerseits das Wort einbringen in die Welt und andererseits die Welt einbringen in das Wort". Er verdeutlicht an Beispielen, daß es nicht nur um "Begründungen" geht, sondern "um das Leben der Gründe, aus denen christliche Stellungnahme und christliches Handeln wachsen". So kann Weltdienst nur eingeübt werden, "wenn wir uns einüben am Wort Gottes". Dann - und dieser Gedanke, diese Botschaft taucht immer wieder in seinen Reden und Beiträgen für das Zentralkomitee auf: "Macht verwandelt sich von knechtender Herrschaft zu gestaltendem Vermögen; Freiheit meint nicht mehr Kreisen um die eigene Emanzipation, sondern sie meint Freiheit, sich zu überschreiten in Einsatz und Hingabe ...; Kommunikation ... wächst zur Verständigung, welche Vielfalt wahrt und Einheit gewährt." Dabei sprang Hemmerle immer wieder, wenn er von den Forderungen und Herausforderungen der Laien spricht, in das "Wir". In einer Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses - nach meinem Erinnern war es anläßlich einer Stellungnahme zu den "Lineamenta" der Bischofssynode 1987 - stellte er dar, wie er die Position des "Weitchristen" zu beschreiben wünschte, und sprach immer nur im Wir. Er vermochte es, sich mit dem anderen zu identifizieren. Die in Wort und Schrift geforderte "Verschränkung" war ihm in unserer Kirche lebenswichtig.

Sie war und ist auch Kern der Katholikentage. Wer einmal die Geschichte der Katholikentage schreiben wird, begegnet der leitenden und interpretierenden Kraft von Klaus Hemmerle, seinen Stellungnahmen und Betrachtungen, die er für die Mitglieder des Zentralkomitees, für Vorbereitungskommissionen der Katholikentage geschrieben und vorgetragen hat. Im Aufbruch des Essener Katholikentages (1968) "Mitten in dieser Welt" brachte er Weltoffenheit als Konsequenz lebendigen Glaubens zur Sprache. 1970 legte er für den Trierer Katholikentag "Gemeinde des Herrn" erstmals eine allgemein zugängliche Programmstudie vor. Dort geht es ihm um die Gemeinde, ihre Stellung in der Welt - "Sauerteig" fordert Hemmerle; es geht um ihre innere Beschaffenheit, die Stellung des Priesters - Hemmerles Fragezeichen hinter den Beschreibungen "Hochwürden, Funktionär oder ..." führt zur Frage nach Autorität und Partnerschaft in der Gemeinde. Konsequent erörtert er dann die Gemeinde im Schnittpunkt weltlicher und kirchlicher Rechtsordnung, fragt sich und uns, inwiefern Kirche ihre wesenhafte Existenzform in der Gemeinde hat und welche übergreifenden Bezüge zur Kirche gehören. Er spricht vom Gemeindesein der Kirche und vom Kirchesein der Gemeinde - die Bezogenheit in der Sache wird sprachlich erfahrbar -und mahnt, daß weder bloßes Bewahren noch bloßes Wegwerfen Lösungen sind. Er läßt die Frage nach den Charismen ebenso wenig aus wie die nach der politischen Verantwortung. Er setzt neben das verantwortliche politische Handeln des einzelnen Christen politische Aktionen der Kirche als einen Faktor zur Umgestaltung der Gesellschaft und fragt, ob dies zu Verkürzungen ihrer Sendung führen oder gar die Freiheit und Pluralität der "weltlichen Welt" durch neuen Integralismus gefährde. Er verlangt die Differenzierung zwischen "dem Auftrag der Kirche als solcher und dem in freier Verantwortung zu übernehmenden Auftrag des einzelnen".

Diese Differenzierungen hat Klaus Hemmerle als Geistlicher Direktor wie als Bischof gelebt. Seine Fähigkeit zum analytischen und zugleich Antwort gebenden Denken bleibt in seinen Schriften Herausforderung und Begleitung für aktiv politisch Tätige wie für Bürgerinnen und Bürger. Auch im Kapitel "Gemeinde in der Ökumene" eröffnet er den Zugang zur Tradition, zum Heilsdienst in der Kirche, zum Dienst an der Welt und rückt bei der Frage, ob die Sakramente trennend oder verbindend sind, die Eucharistie in die Mitte, immer wieder zu nachdenklichem, getrost einander widersprechendem Meinungsaustausch aufrufend und vor allzu glatten Lösungen warnend.

Wenn man dies heute liest, erkennt man, wie Hemmerle damals, ein Jahr vor der Würzburger Synode, für den ersten Katholikentag, der sich an die neuen Mandatsträger, die nachkonziliaren Räte, wandte, die Themen und Fragen, die uns bis heute bewegen, grundsätzlich und differenzierend anging, wie er das Ethos der Freiheitlichkeit und des Bekennens zusammenband, wie er stets die Zeichen der Zeit aufzunehmen wußte. Das tat er der "nichtinstitutionalisierten Religiosität" gegenüber (Erste Überlegungen zum Freiburger Katholikentag 1978), wenn er als Ziel nennt, in der christlichen Gemeinde "Bindung erfahrbar zu machen, die nicht knechtet, Freiheit erfahrbar und lebbar zu machen, die nicht in der Beliebigkeit endet". Er spricht Bergung an, die "nicht zum Rückzug in die Innerlichkeit und in die idyllische Gruppe verleitet, vielmehr freisetzt in den Dienst am Ganzen hinein". Und wenn er in der Vorbereitung auf den Berliner Katholikentag 1990 ("Wie im Himmel so auf Erden"), die noch - anders als dann der Katholikentag selbst - vom geteilten Berlin, vom geteilten Deutschland ausgehen mußte, den einen Himmel über allen beschrieb, spannte er nicht nur einen religiösen "Himmel". Wenn er die neue Religiosität auch als "Versuche, in methodischer Selbstmächtigkeit sich an entzogene Wirklichkeitsbereiche heranzutasten", beschrieb, dann bezog er dieses Zeichen der Zeit offen und glaubend mit ein.

In der unvergessenen Studientagung des Zentralkomitees mit der Deutschen Bischofskonferenz "Die Zukunft des Glaubens" (1988) fragte er eindringlich: "Welchen Gott lernen heute die Menschen durch uns Christen kennen?", und er konfrontierte uns mit einer Fülle antithetischer Gottesbilder, "die den göttlichen Gott zu verstellen drohen". Da war die Einsicht unausweichlich: Mein Gottesbild hat Konsequenzen für meine Haltung in der Welt, und Hemmerle nannte einen "Grundzug unserer technischen Kultur und Zivilisation: ... Vereinfachung, um Kompliziertheiten zu bewältigen, Entwurf auf einen einsinnigen Parameter, der Analogie und Spannung als Ausdruck des je Größeren in sich nivelliert", und verstand ihn als ein zur Kritik herausforderndes Zeichen unserer Zeit.

In allem Zitierten ist der intellektuelle Anspruch, den Hemmerle stellt, spürbar. Ab und an läßt er auch ein Schmunzeln zu, so als er 1975 in der ersten Vorbereitung des Freiburger Katholikentages 1978 diese Kulturland schaft einleitend beschrieb: "Einst" hatten sich der Schwarzwald und die Vogesen in ihrer Einheit erhoben - Hochmut kommt vor dem Fall -, sich sodann im Grabenbruch zur Oberrheinlandschaft hin gespalten und so vor Jahrtausenden dem Rhein seinen Weg nach Norden geöffnet ..." Im Gespräch erfuhren wir dies öfters: ein Schmunzeln, das dem Erkennen vorausgeht, ein witziges Sprechen, dem das Adjektiv "geistvoll" in ganzer Bedeutung zukommt.

Im eingangs erwähnten Büchlein gibt es einen Abschnitt "Herz - Zeit -Wort", der so endet: "Wer für den anderen nur Worte hat, der hat für ihn kein Herz. Wer aber für den anderen ein Herz hat, der hat auch Worte für ihn. Wer mit dem anderen nur äußerlich die Zeit vertreibt, der liebt ihn nicht. Wer aber den anderen liebt, der schenkt ihm auch Zeit." Bischof Hemmerle hat dem Zentralkomitee viel Zeit geschenkt. Wir danken für dieses Geschenk seiner Liebe.

 

 

Ernst-Ludwig Ehrlich

Verstehen von innen her

Hemmerles Bedeutung für uns Juden

Über Klaus Hemmerle zu schreiben bedeutet, sich über einen Menschen zu äußern, der in einzigartigerWeise Eigenschaften verband, die sonst bei einem Menschen selten anzutreffen sind. Er strahlte Güte aus. Er war ein Wissenschaftler von Format. Ein tiefgläubiger Mensch mit viel Humor und zugleich ein Sprachkünstler, der Freude daran hatte, mit der Sprache zu spielen.

Meine erste Begegnung mit ihm fand 1971 beim Ökumenischen Pfingsttreffen in Augsburg statt. Er war dort mit seinem Freund Hanspeter Heinz, seinem Assistenten und späteren Nachfolger im Amt des Rektors im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. In einem Arbeitskreis des Katholikentages von Trier 1970 war beschlossen worden, einen Gesprächskreis zwischen Katholiken und Juden zu gründen. Klaus Hemmerle und Hanspeter Heinz suchten dafür Partner bzw. wollten überlegen, wie man ein solches Projekt gestaltet. In mir fanden sie jemanden, der seit 1961 Erfahrungen mit den Protestanten gesammelt hatte; denn diese hatten ein solches Unternehmen nach dem Kirchentag 1961 begonnen. Klaus Hemmerle war damals Professor in Bochum und hat sich als geistlicher Direktor des Zentralkomitees der deutschen Katholiken mit der Gründung des neuen Gesprächskreises direkt befaßt. Es bedurfte nur einer kurzen Zeit, bis die jüdischen und katholischen Teilnehmer bestimmt wurden, und so konnte die Arbeit beginnen. Bis Klaus Hemmerle Bischof von Aachen wurde, nahm er regelmäßig an den mehrmals jährlich stattfindenden Sitzungen teil. Sicher hatte sich Klaus Hemmerle theoretisch durch seine Beschäftigung mit der Religionsphilosophie schon früher in eine geistige Beziehung mit dem Judentum gebracht. Jüdischen Menschen aber begegnete er hier in einem konkreten Austausch wohl zum ersten Mal.

Was mir bei ihm auffiel, war sein tiefes Verstehen. Man kann einem geistigen Phänomen auf verschiedene Weise begegnen: sich Wissen aneignen, akademisch darüber handeln oder es korrekt abstrakt betrachten. All das war nicht die Weise, wie Klaus Hemmerle mit dem Judentum umging. Natürlich brachte er eine ungewöhnliche intellektuelle Spannweite mit. Man hatte jedoch den Eindruck, daß er darüber hinaus das Judentum von innen her begriff. Wenn hier von "innen" die Rede ist, so handelt es sich nicht um das Selbstverständnis eines Juden, sondern um das geistige und intuitive Erfassen vom Kern seines Christseins her. Indem er die Wurzeln seines Christlichen reflektierte, kam er direkt auch zum Wesen des Judentums. Er ist eines der leider seltenen Beispiele eines Menschen, der im Christentum wirklich zu Hause war und zugleich von dieser religiösen und seelischen Heimat aus das Judentum zu erfassen vermochte. Hätte es mehr Menschen gegeben, die seine Fähigkeiten besaßen, sähe unsere Welt anders aus. Zumindest wäre das jüdische Volk nicht jenen Verfolgungen ausgesetzt gewesen, die ihre geschichtliche Ursache - wenn auch nur teilweise - in der Kirche hatten. Klaus Hemmerle war sich dessen voll bewußt, welche Schuld die Kirche an den Juden gehabt hat. Er war einer der wenigen, die sich mit großem Einsatz um eine Wende auf diesem Gebiet bemühten. Daher hatte er für Juden diese unaustauschbare Bedeutung, weil jeder wußte, daß es ihm um die Sache ging, und weil er eine natürliche Autorität ausstrahlte, die auch jene überzeugte, die noch nicht zu seiner tiefen Einsicht gekommen waren.

In den vielen Jahren unserer persönlichen Beziehung hat es manches gegeben, was wert wäre, überliefert zu werden. Hier soll nur von einem Erlebnis berichtet werden, das für sich selbst spricht. Auf dem Berliner Katholikentag 1990 wurde ein sogenannter "Bußgang" veranstaltet: Von einem Ort, der durch die Deportation der Berliner Juden gekennzeichnet war, ging man in die nächstgelegene Kirche, um dort eine kurze Gedenkstunde abzuhalten. Es ergab sich, daß ich diesen Bußgang gemeinsam mit Klaus Hemmerle unternahm. Wir gingen von der Stelle aus, wo früher einmal die Synagoge Levetzow-Straße stand, deren Trümmer nunmehr abgetragen sind. Jetzt ist dort ein Kinderspielplatz. Jeder von uns beiden sagte an dieser Stelle einige Worte, dann begaben wir uns gemeinsam zur Kirche. Auf dem Weg sagte ich ihm, daß meine Mutter am 27. Februar 1943 von diesem Deportationszentrum aus nach Auschwitz verschleppt wurde. Klaus Hemmerle konnte das natürlich nicht wissen. Als wir in der Kirche angelangt waren, sollte er eine Ansprache halten. Er begann folgendermaßen: "Ich habe mir für diese Gedenkstunde einen Text vorbereitet. Nachdem mir mein Freund Lutz Ehrlich nun aber auf unserem gemeinsamen Gang hierher mitgeteilt hat, daß seine Mutter gerade von der Sammelstelle, an der wir unseren Bußgang begannen haben, nach Auschwitz deportiert wurde, kann ich den vorbereiteten Text nicht mehr sprechen." Statt dessen richtete er einige tiefe Worte an die versammelte Gemeinde. Über meine Bewegung brauche ich wohl nichts weiter zu sagen. Das war Klaus Hemmerle. Auch und gerade in dieser Situation zeigte sich seine ganze, tiefe Menschlichkeit, sein Eingehen auf den andern, sein Verständnis für ihn, und was vielleicht noch wesentlicher ist: sein Mitfühlen. So wird er immer in meiner Erinnerung bleiben. Das

Andenken dieses Gerechten sei zum Segen für uns alle.

 

 

Dr. Wilfried Hagemann

Zeuge der Einheit

"Wo Bischof Hemmerle dabei ist, da ist es um die Einheit gut bestellt" - so begrüßte der griechisch-orthodoxe Metropolit Augoustinos, Bonn, Klaus Hemmerle am 16. Januar 1994 in der orthodoxen Kirche St. Michael in Aachen, eine Woche vor dessen Tod.

Tatsächlich, wer wissen will, was Einheit ist, wer die Dynamik, Vielfalt, Komplexität und Fruchtbarkeit der Einheit kennenlernen und verstehen will, sollte auf Bischof Hemmerle sehen, auf sein Handeln und Sein. Sein Leitwort als Bischof lautete: "Ut omnes unum sind" - "Alle sollen eins sein" (Joh 17, 21).

Wir konnten im ZdK buchstäblich sehen, wie Bischof Hemmerle um die Einheit bemüht war. Einheit bedeutete für Hemmerle zunächst die ganz einfache und herzliche Beziehung zum anderen. Jeder war ihm wichtig, egal welche Stellung jemand hatte. Wenn er ins Generalsekretariat kam, kam er nicht einfach zu einer Sitzung, er kam zu den Menschen, die dort waren. Er achtete auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Zentrale oder in der Hausmeisterei ebenso wie auf den Generalsekretär und die Referenten. Er interessierte sich für den einzelnen. Bei den Vollversammlungen suchte er ganz natürlich das Gespräch. Er setzte sich gern zu den jungen Leuten. Er suchte das Gespräch mit denen, die sich sehr weit vorgewagt hatten, oder mit denen, die mit ihren Anliegen nicht durchgekommen waren. Bis in seine Gestik und in seinen Gesichtsausdruck hinein ließ er es sich angelegen sein, die Beziehung zum Anderen zu suchen und zu halten.

Einheit bedeutete für Hemmerle vor allem, im anderen zu sein, so daß der andere in ihm Platz fand. Darauf wies ihn Joh 17, 21 hin, wo es ja heißt: "Alle sollen eins sein - wie du in mir und ich in dir." Ihm kam es darauf an, im anderen zu sein. Seine Askese bestand darin, sich selbst zurückzunehmen, eigene Gedanken und Ideen zunächst loszulassen und gleichzeitig sich zu bemühen, den anderen zu verstehen, sich in ihn hineinzudenken, das Gute und Echte im anderen zu erfassen, um es dann zur Geltung zu bringen. Hierin brachte es Hemmerle zu einer wahren Meisterschaft. Und hierbei leistete ihm seine Intelligenz einen großen Dienst. Er war ein Meister darin, den anderen zu verstehen. Indem er sich mit anderen eins machte und in ihm zu sein versuchte, kam er zu neuen Erkenntnissen. Dadurch, daß er sich auf den anderen einließ, konnte er ihn von innen her verstehen. Manches Mal berichteten Gesprächspartner, er habe sie besser verstanden, als sie sich selbst verstehen konnten. Immer wieder konnten wir erleben, wie sein Wort deswegen vermitteln konnte, weil es aus der tiefen Beziehung zu den Gesprächspartnern geboren wurde. Er legte es dabei darauf an, den anderen zur Sprache zu bringen, ihm gleichsam sein eigenes Wort zu leihen. Dabei war er besonders hellhörig für das Abgründige im anderen. Einseitige Forderungen oder für manche schon die Grenze des Erträglichen überschreitende Redebeiträge vermochte er positiv aufzugreifen und für das Ganze fruchtbar werden zu lassen. Dieses immer neue Sich-Einsmachen verlieh ihm die Fähigkeit, aus dem Augenblick heraus und spontan durch sein Wort Entwicklungen anzustoßen, die dann alle mittragen konnten.

Hierin liegt auch der Grund, warum er bei der Würzburger Synode und bei der späteren gemeinsamen Studientagung von ZdK und Deutscher Bischofskonferenz einen unvergeßlichen Beitrag geben konnte, der dazu führte, daß die deutschen Katholiken, bei aller immer deutlicher sich artikulierenden Pluralität, beieinander bleiben konnten. Der aus dem Bemühen im anderen zu sein kommende Impuls erschloß ihm auch ein tiefes Verständnis für kirchliche Strukturen, besonders für Räte und Verbände. Hier war es ihm ein besonderes Anliegen, das zu fördern, was man partnerschaftliche Einheit nennen kann. Er setzte darauf, daß sich alle um die Einheit mühen, nicht nur er als Bischof und Geistlicher Assistent des ZdK, sondern auch die einzelnen, die Gruppen, die Räte und Verbände untereinander und auch mit ihm. Wirkliche Einheit kann es nur in der Pluralität und Vielfalt geben, jedoch so, daß jeder, so sehr er er selbst sein muß, gerade dadurch in seinem selbst und in seiner Identität sich profilieren kann, wenn er sich eins macht mit dem anderen. Im Verlieren seiner selbst, im Entdecken des anderen wird einem selbst und auch dem anderen deutlich, wer der jeweils andere ist. Darum plädierte Hemmerle nachdrücklich für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit der Verbände untereinander, aber auch der Räte und der Verbände. In diese Zusammenarbeit bezog er auch die geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen sowie die vielerorts entstehenden Basisgemeinschaften und Initiativen mit ein. In all diesem Tun glaubte er fest daran, daß eine solche, auf Gegenseitigkeit hin orientierte Einheit dem Willen Christi gerade für unsere Zeit entspricht.

Indem er sich radikal in einer so gelebten Einheit einbrachte und andere auf diesen spezifischen Weg des gemeinsamen Christseins mitnahm, wollte er Kirche aufbauen in katholischer, universaler Weise. So wie er sich auf einzelne im ZdK einließ, so ließ er sich auch auf das ein, was das Zweite Vatikanische Konzil theologisch neu formulierte und auch auf das, was der Papst sagte. Sternstunden im ZdK waren es, wenn er den Ertrag von Bischofssynoden, an denen er teilgenommen hatte, in wenigen einprägsamen Worten vermittelte, wenn er anstößige, für viele aufs erste nicht verständliche Aussagen des päpstlichen Lehramtes erläuterte und auf den Punkt brachte. Durch dieses innere Sich-Einsmachen wurde er uns zum glaubhaften Interpreten des Lehramts und brachte es im gleichen Atemzug fertig, aufkommende Anfragen und bestehende Zweifel gleichzeitig zu artikulieren und dadurch echte Brücken des Verständnisses zu schlagen.

Woher hatte er die Kraft zu einer Einheit, die Vielfalt zuließ, die differenzierte, ja, sich um des anderen willen auch kompromittierte und gleichzeitig, allen Widerständen trotzend, das, was ihm selbst heilig und unverfügbar war, klar, aber nicht verletzend ins Spiel zu bringen? Sein Vater, der ihn so tief beeindruckte, und seine Mutter, die bis zu ihrem Tod 1990 bei ihm lebte, befähigten ihn durch ihre Sensibilität und Offenheit für das Echte und Gute im anderen als erste zu dieser seiner persönlichen Weise des Begegnens. Sein langjähriger theologischer Lehrer Bernhard Welte führte ihn zu einem Denken, das in differenzierter Vielfalt die Struktur und Form des Einen freizulegen vermochte. Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolarbewegung, vermittelte ihm in ihrer Spiritualität der Einheit den für ihn so wichtigen Impuls, aus der Einheit mit dem dreifaltigen Gott die konkrete Einheit unter den Menschen und in der Kirche zu verwirklichen.

Hemmerle machte sich nicht nur mit den Menschen eins, er suchte auch beständig die Einheit mit Gott. So wie er im anderen zu sein versuchte und die anderen in sich selbst einließ, so versuchte er beständig, in Gott zu sein und Gott in sich selbst einzulassen. Dabei war ihm das Wort Gottes, wie es in der Heiligen Schrift der Bibel überliefert ist, eine außerordentliche Hilfe. Er versuchte mit Leidenschaft, das Wort Gottes in sich auszunehmen und zu leben. Er war, um es einmal so zu sagen, ins Wort Gottes verliebt. Dieses war ihm nicht nur eine Information über Gott. Er entdeckte darin Gott selbst, der sich im Wort der Schrift schenkt. Das Wort der Schrift aufzunehmen hieß für ihn Gott aufnehmen. Er war wirklich in der Bibel zuhause. Sie begleitete ihn bei allen Reisen und Sitzungen. Aus ihr schöpfte er für sein Leben. Ich habe es gerade am Wort "Alle sollen eins sein" aufgezeigt. Er wollte es: Ein solches Wort sollte ihn prägen und sein Handeln bestimmen.

Das zentrale Wort Gottes, sozusagen das Wort ohne Worte, das Wort, das, wie er oft sagte nur noch ein Schrei war, war für ihn der gekreuzigte und verlassene Jesus. Er hat das dunkle Wort "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" in dem Sinn gedeutet, daß sich hier Gott selbst mit der abgründigen Not des Menschen eins gemacht hat und alle Not, jede Spannung, alles Leid und alle Sünde auf sich genommen hat. Viele von uns erinnern sich daran, wie er mit ausgespannten Armen diesen Gott in seinem Ausgespanntsein zum Menschen und zur Not des Menschen hin dargestellt hat. Indem er sich von diesem Gott gehalten wußte und damit auch alle anderen Menschen mit ihm, war ihm plastisch präsent, daß es die Einheit, um die Jesus in Joh 17 gebetet hat, wirklich gibt und daß sie nicht Eliminierung des anderen bedeutet, sondern neue Freisetzung zum eigenen Sein. Gott bleibt Gott, der Mensch bleibt Mensch - und doch sind Gott und Mensch eins in Jesus Christus.

In Jesus Christus ist auch uns Menschen Einheit in Vielfalt ermöglicht und geschenkt. Wo Menschen sich auf das Abgründige eines Schmerzes einlassen im Glauben an den gekreuzigten, verlassenen und auferstandenen Christus, finden sie einen besonderen Zugang zueinander, schaffen sie einen Raum, wo einer den anderen gerade in seiner schmerzenden Verschiedenheit annimmt. Genau auf diese Weise bauen sie Einheit auf, Einheit der Kirche hier und heute, ganz aktuell. Eine solche Einheit gründet in Gott selbst, im gekreuzigten und auferstandenen Christus. Eine solche Einheit trägt und macht fähig, andere zu tragen. Eine solche Einheit kann Beziehung aufbauen, wo vielleicht alles , zerbrochen erscheint. In der Beziehung zum gekreuzigten und verlassenen Christus, der für Hemmerle das Wort schlechthin ist, fand er den Mut zur Ökumene, zur Einheit mit den nichtkatholischen Christen, über alle Trennungen hinweg und in allen Trennungen. Von daher sprach er gern von der ersten Frucht der Einheit, einer neuen, unter den Menschen sich ereignenden Gegenwart des auferstandenen Herrn. Wohin immer er kam, suchte er durch die mit den Anwesenden gesuchte und gelebte Einheit den Raum für den Geist Christi, für seine Gegenwart hier und jetzt zu öffnen. Darum hatte die Anwesenheit von Hemmerle, seine Präsenz sehr oft ekklesiale Qualität.

Dieses Verankertsein in Gott, dieses im Wort sein gab seinem Leben die vielen auffallende Dynamik. Sie ermöglichte es ihm, mit so vielen Gruppierungen der Kirche im Dialog zu stehen und allen das Wesentliche zu vermitteln, das Evangelium von der Liebe Gottes. In der Haltung dieser Einheit erlebten wir ihn auf den Katholikentagen, bei der Studientagung von Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee, auf den Reisen des ZdK.

Auf einer der vielen Reisen nach Polen, 1973, begegnete er zum ersten Mal Tadeusz Mazowiecki. Öfters berichtete er von einem nächtlichen Gespräch im Klub der katholischen Intelligenz (KIK) Warschau, wo ihm Mazowiecki klargemacht habe, daß Polen ein Land Mitteleuropas sei, daß Warschau in der Mitte zwischen Moskau und Paris liege und daß dieses Land durch und durch gerade deswegen vom abendländischen Freiheitsgedanken geprägt sein, weil ihm diese Freiheit durch Jahrhunderte und gerade auch unter dem Kommunismus vorenthalten sei. In diesem Hinhören, in diesem Sich-Einsmachen mit dem polnischen Gesprächspartner sei ihm, Hemmerle, eine unmittelbare und bis dahin so nicht erlebte Begegnung mit der Freiheit geschenkt worden. Damals sei ihm klar geworden, warum die Beziehung mit Polen für Menschen des Westens so elementar wichtig sei. Im Sich-Einsmachen war er selbst am meisten beschenkt worden.

Ähnliches widerfuhr ihm in der Begegnung mit unseren jüdischen Freunden im Gesprächskreis “Juden und Christen" beim ZdK, dessen Gründung u. a. seiner Initiative zu verdanken ist. In einem der ersten Gespräche, in dem die 1979 veröffentlichten "Theologischen Schwerpunkte des christlich-jüdischen Gespräches" vorbereitet worden sind, sei ihm aufgegangen, welchen Wert das lebendige Judentum habe. Er habe Menschen kennengelernt, die aus dem Ruf an Abraham und Mose lebten. Je tiefer die