Samstag, 19. Juni 2010

Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft katholischer Organisationen zum freiwilligen Engagement

Der Glaube von Christinnen und Christen findet im freiwilligen Engagement einen besonderen Ausdruck. Sie engagieren sich auf vielfältige Weise im persönlichen Umfeld, in Pfarrgemeinden, Initiativen, Verbänden, Gemeinschaften, Organisationen und in der gesamten Gesellschaft und weltweit. Das Bewusstsein um die in Taufe und Firmung geschenkten Charismen und um die Mitwirkung am Aufbau des Reiches Gottes zum Wohle aller Menschen motiviert sie zu ihrem freiwilligen Tun. Die Hoffnung, dass das eigene Engagement zur Gestaltung von Welt und Kirche von Gott getragen ist, gibt ihnen Kraft für ihren Einsatz. Die Erfahrung des Angenommen seins von Gott eröffnet ihnen die Möglichkeit, auch angesichts von Schwierigkeiten und Scheitern in ihrem Handeln auf Veränderung und Versöhnung zu hoffen und sie aktiv zu suchen.
Für eine Welt in Gerechtigkeit, für werteorientierte und solidarische Gesellschaft ist das freiwillige Engagement von Frauen und Männern aller Generationen notwendig. Die Bereitschaft zu diesem Engagement wird häufig in Kindheit und Jugend geweckt. Familien und Schulen können dazu wesentliche Beiträge leisten. Kinder- und Jugendverbände bieten eine Vielzahl von Erfahrungs- und Lernfeldern, die junge Menschen ein Leben lang in ihrer Verantwortungsbereitschaft prägen. Im dortigen freiwilligen Engagement findet ein umfassendes Demokratielernen und soziales Handeln in institutionellen Kontexten statt. Entsprechend ist die Forderung nach angemessenen Partizipationsmöglichkeiten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene auch eine der gesellschaftspolitischen Kernforderungen der katholischen Organisationen und Verbände.
Freiwilliges Engagement eröffnet Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung sowie zur gesell-schaftlichen Teilhabe und bietet die Chance, sich in Gemeinwesen und Kirchen einzubringen. Eine besondere Herausforderung ist es, allen Menschen ein solches Engagement zu eröffnen. Sozial Benachteiligte dürfen nicht nur Zielgruppe freiwilligen Engagements sein, vielmehr gilt es, ihnen Rahmenbedingungen anzubieten, selbst aktiv zu werden und Gesellschaft und Kirche zu gestalten. Wissend, dass jeder Mensch mit Talenten ausgestattet ist, gilt es, diese Schätze zu heben.

1. Kirche lebt vom Engagement der Gläubigen
Kirche als wanderndes Volk ist "Zeichen und Werkzeug" der Verwirklichung des Reiches Got-tes. Dieser gegebenen Aufgabe muss sie sich im Jetzt und Hier immer neu stellen.
Auch in ihrer institutionellen Verfasstheit sind die Charismen aller Getauften Grundlage und Potenzial, um ihrem Auftrag immer mehr gerecht zu werden. Die Charismen der Gläubigen dürfen in kirchlichen Handlungsfeldern nicht dem strukturellen Bedarf der Institutionen unter-geordnet werden, schon gar nicht dort, wo aufgrund der finanziellen Situation hauptamtliches Personal abgebaut werden muss. Alle Dimensionen kirchlichen Handelns bedürfen des Mehr-werts des Engagements der Gläubigen.
Kirche wird damit zur lernenden Organisation, die für ihre ständige Erneuerung auf den Geist Gottes und die durch ihn begabten Menschen vertraut. An diesem Anspruch muss sich die Wirklichkeit des kirchlichen Handelns messen lassen. Er ermutigt immer wieder zu Verände-rungsprozessen.



2. Gesellschaftlicher Eigenwert des Engagements
Die Beteiligung und die Übernahme von Verantwortung im Gemeinwesen ist eine Vorausset-zung für Demokratie. Die Förderung freiwilligen gesellschaftlichen Engagements wird mitt-lerweile als zentrales Thema in unserer Gesellschaft begriffen. Mit der „politischen Neuentdeckung“ der Zivilgesellschaft und des bürgerschaftlichen Engagements hat die Politik u.a. mit der Einsetzung der Enquête-Kommission "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" im Jahr 2002 diesem Rechnung getragen.
Freiwilliges Engagement ist Fundament der Zivilgesellschaft und somit Ressource von Werten und sozialen Zusammenhängen. Dies setzt die aktive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürger am Gemeinwohl voraus.
Zivilgesellschaft führt als gleichberechtigter Akteur gemeinsam mit Politik und Wirtschaft die Auseinandersetzung um die Zukunft der Gesellschaft. Bürgerschaftliches Engagement setzt poli-tische Rahmenbedingungen voraus. Neben der Förderung freiwilligen Engagements braucht es auch Unterstützung von Strukturen, die individuelles Engagement in die politische Mitgestaltung einbetten. Staat und Politik müssen sich der Bedeutung solcher Strukturen und ihrer eigenen subsidiären Funktion bewusst sein. Dabei hat die Zivilgesellschaft die Kraft, weitere sozialstaatliche Aufgaben zu übernehmen, sie ist aber keinesfalls Ausfallbürge für staatliche Defizite.

3. Engagement stärker vernetzen
Freiwilliges Engagement ist in seinen Formen von großer Vielfalt. Klassische Formen wie die langjährige Arbeit in Verbänden, Organisationen und Einrichtungen und ihren Gremien werden ergänzt durch die in den vergangenen Jahren zunehmenden Typen von zeitlich begrenztem Engagement in Initiativen und Projekten. Hinzu kommen bezahlte Formen des Engagements, Selbsthilfe sowie Freiwilligendienste.
Sie alle finden sich im Rahmen kirchlichen Engagements, allerdings in unterschiedlicher Vertei-lung. Freiwilliges Engagement in der Kirche bewegt sich oft in den klassischen Formen. Es gilt, sich stärker für die projektbezogenen Formen zu öffnen und Gelegenheiten zu schaffen, dass die Einzelnen ihre Gaben und Interessen einbringen können auch außerhalb der bestehenden Strukturen.
Darüber hinaus ist die Vernetzung zwischen den verschiedenen Formen freiwilligen Engage-ments häufig nicht gewährleistet. Der Aufbau und die Verstärkung der Vernetzung sind dringend geboten, um Synergien zu ermöglichen und sich gegenseitig zu bereichern. Im Angesicht weltweiter Herausforderungen darf sich die Vernetzung nicht nur auf den nationalen Kontext beschränken.
Christinnen und Christen im freiwilligen Engagement sind besonders dort starke Akteure, wo sie sich auf unterschiedlichen Ebenen vernetzen und ihre Interessen gemeinsam mit Partnern vertreten. Als Engagierte in kirchlichen Handlungsfeldern suchen sie frühzeitig die Zusam-menarbeit mit anderen gesellschaftlichen Partnern und vergewissern sich der Chancen und Risiken der Vernetzung. Die Zusammenarbeit ist orientiert an gemeinsamen Zielen und nicht Selbstzweck. Die Kooperation im ökumenischen Kontext sowie mit anderen gesellschaftlichen Akteuren muss nachhaltig gefördert werden.

4. Engagement im Lebenslauf zwischen Ausbildung, Beruf und Familie fördern
Der demographische Wandel, die steigende Frauenerwerbstätigkeit, die zunehmende Zahl von Single-Haushalten, sowie die Intensivierung, Verdichtung und Flexibilitätsanforderungen von Schule, Ausbildung und Beruf beeinflussen das Zeitbudget für freiwilliges Engagement. Die Ver-einbarkeit von Ausbildung, Erwerbsarbeit, Familie und freiwilligem Engagement in ver-schiedenen Lebensphasen und unterschiedlichen Lebenslagen von Frauen und Männern muss daher stärker berücksichtigt werden und politisch gewollt sein. Darüber hinaus gilt es, das Engagement älterer Menschen zu stärken, die nach der Erwerbs- und Familienphase eine neue verantwortungsvolle Aufgabe in einem freiwilligen Dienst suchen.
Freiwilliges Engagement braucht entsprechende fördernde und unterstützende Rahmenbedin-gungen. Dazu gehört die Anpassung der Strukturen und Arbeitsweisen von Organisationen an die individuellen Bedürfnisse von Freiwilligen. Ziel muss sein, allen gesellschaftlichen Gruppen das freiwillige Engagement zu ermöglichen. Jeder muss sich freiwilliges Engagement leisten kön-nen. Freiwillig Engagierte haben Anspruch auf Kostenerstattung, qualifizierte Nachweise und Weiterbildung. Unfall- und Haftpflichtversicherung müssen für alle gleichermaßen umfassend garantiert werden.
Die Unterstützung und Begleitung von Freiwilligen durch hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie durch qualifizierte Freiwillige muss gewährleistet werden und durch Wert-schätzung geprägt sein. Für die Gestaltung der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehren-amtlichen bedarf es einer hohen Aufmerksamkeit, sie ist in der Organisations- und Personal-entwicklung zu berücksichtigen.

5. Lernen, Bildung und Engagement
Freiwilliges Engagement ist außerhalb von Schule, Hochschule und Betrieben ein wichtiges Lernfeld und leistet einen unverzichtbaren Beitrag zum lebenslangen, selbstbestimmten Lernen. Es enthält ein hohes Potenzial zum Kompetenzerwerb, hier werden wichtige Schlüssel-kompetenzen erworben. Freiwilliges Engagement lässt Lernorte außerhalb traditioneller Bil-dungseinrichtungen entstehen, die ganzheitliches Lernen und die Begegnung von Theorie und Praxis fördern. Sie schaffen Schnittstellen zu den Lebensphasen und Lebenslagen der Menschen.
Freiwilliges Engagement eröffnet Räume sozialen Lernens und der selbständigen Übernahme von Verantwortung. Diese Kompetenzen sind nicht nur beruflich verwertbar, sondern auch konstitutiv für eine lebendige Demokratie. So schafft Engagement eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten – für die Engagierten, Verbände, Organisationen, Kirche und Gesellschaft.
Freiwilliges Engagement ist als ein Lern-, Erfahrungs- und Tätigkeitsfeld in Schule, Hochschule und Betrieb zu fordern und zu fördern. Die Aus- und Fortbildung von freiwillig Engagierten für ihre Aufgaben muss ermöglicht, gefördert und ausgebaut werden, Weiterbildungseinrichtungen leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. In ihrem oft langjährigen Engagement gewinnen Frauen und Männer Kompetenzen und Qualifikationen, die analog zu formalen Bildungsabschlüssen anerkannt und bescheinigt werden müssen.

Dieses Positionspapier dient der Auseinandersetzung innerhalb der Organisationen, Verbände und Geistlichen Gemeinschaften. Es wird eingebracht in die Arbeit des Ökumenischen Arbeitskreises Eh-renamt , in das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) sowie ins Nationalen Forum für Engagement und Partizipation.