Mittwoch, 28. Mai 2014

Regensburger Aufruf - Mit Christus Brücken bauen – damit Europa zusammenwächst

Vollversammlung am 27./28. Mai 2014

Der 99. Deutsche Katholikentag findet in einer Zeit statt, die uns Christinnen und Christen als Brückenbauer mehr denn je braucht. Wir sind auf allen Ebenen, in unseren Familien, zwischen den Generationen, in unserem Land, in Europa wie auch weltweit, auf Zusammenhalt angewiesen und leben doch in mancher Hinsicht in einer zerrissenen Welt. Nach Jahrzehnten der Annäherung wollen wir nicht hinnehmen, dass in Europa alte Konfliktlinien und -muster wieder aufbrechen. In einem Europa der offenen Grenzen finden wir uns nicht damit ab, dass Zuwanderung vielen Menschen eher als Bedrohung denn als Chance er­scheint. Deshalb wollen wir einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Kulturen leisten.

 

Gerade mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen für das Werk der europäischen Einigung wollen wir aus unserem Glauben heraus im Kleinen wie im Großen Brücken bauen, Trennendes überwinden, Neuland begehen und selbst zur Brücke zwischen den Menschen und Kulturen werden.

 

 

Christus der Brückenbauer als die Mitte unseres Lebens

 

Wir orientieren uns dabei am Beispiel von Jesus Christus, der durch seine Botschaft und seine Taten, durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung für uns die Brücke zum Leben baut. Er schafft die Verbindung zwischen Gott und Menschen, zwischen Zeit und Ewigkeit. Deshalb nennt ihn das Zweite Vatikanische Konzil den "Summus Pontifex", den Brückenbauer schlechthin. (Lumen Gentium 21) Christus lädt uns ein, ihn und seine Botschaft immer besser kennen zu lernen. Als Antwort auf seinen Aufruf "Kommt, und seht" (Joh 1, 39) bauen wir ein Leben lang als suchende, zweifelnde und glaubende Menschen an einer Brücke zu ihm, die unser Leben verlässlich trägt.

 

Als getaufte und gefirmte Christinnen und Christen nimmt er uns in die Pflicht, nach seinem Wort und Beispiel als Brückenbauer Kirche und Welt zu gestalten. Durch dieses Engagement sollen wir mithelfen, die Gräben zu überwinden, die in unserer Gegenwart Arme und Reiche, Einheimische und Zugewanderte, Religionen und Weltanschauungen voneinander trennen.

 

 

Die Brücke zu unseren Nächsten als erster Schritt zum sozialen Frieden

 

Unsere Beziehung zu Christus gibt uns Kraft und Halt. Zugleich ist sie uns Ansporn und Fundament, um Brücken zu unseren Mitmenschen zu schlagen und unsere Beziehung zu ihnen in seinem Geist zu gestalten. Unser Glaube hilft uns, zu überwinden, was uns von unseren Mitmenschen trennt, Zerbrochenes zusammenzufügen und Wege zu gehen, die bislang verschlossen erschienen.

 

Unserer Wertschätzung und tätigen Hilfe bedürfen besonders Menschen, die materiell und gesellschaftlich ausgegrenzt sind und die unter den Brücken unseres Wohlstands und guten Lebens ein Schattendasein führen. Mit Papst Franziskus wollen wir an einer neuen Mentalität mitwirken, "die in den Begriffen der Gemeinschaft und des Vorrangs des Lebens aller gegenüber der Aneignung der Güter durch einige wenige denkt" (Evangelii Gaudium 189).

Durch unser persönliches Zeugnis und die Brückenschläge jeder und jedes Einzelnen können wir uns glaubwürdig für eine Kultur des Miteinanders und Füreinanders in Gesellschaft und Staat einsetzen.

 

 

Ohne Überwindung der Gräben zwischen den Christen keine Glaubwürdigkeit der Kirche

 

Wir wissen, dass die Stärke unseres Zeugnisses wesentlich davon abhängt, ob und wie wir in unserer Kirche und zwischen den Konfessionen Spaltungen überwinden. So wie die Steinerne Brücke in Regensburg aus vielen einzelnen Bögen besteht, die erst zusammen eine Verbindung schaffen, kommt es auch auf jeden und jede von uns mit den verschiedenen Gaben, Charismen und Perspektiven an.

 

Wir setzen uns deshalb mit Nachdruck für mehr Gemeinschaft und Geschwisterlichkeit innerhalb unserer Kirche ein: Zwischen Laien und Klerikern, Frauen und Männern, "Konservativen" und "Progressiven", zwischen Menschen, die in der Mitte unserer Kirche stehen, und solchen, die an den Rand gedrängt sind. Nur gemeinsam können wir die Gräben der Enttäuschung und Entfremdung überwinden, zu denen unsere Kirche vielerlei Anlass gab und gibt.

 

Der 50. Jahrestag des Konzildekretes über den Ökumenismus "Unitatis redintegratio" mahnt uns, dass wir die Zerrissenheit der einen Kirche Jesu Christi nicht resigniert hinnehmen dürfen. Bei der Feier des Glaubens wie in den ethischen Fragen und sozialen Verwerfungen unserer Gegenwart müssen Christinnen und Christen aller Konfessionen gemeinsam und sichtbar Zeugnis von der Botschaft Jesu geben.

 

 

Teilung kann nur durch Teilen überwunden werden

 

Nichts unterstreicht unsere Verantwortung für die Zusammengehörigkeit und den gemeinsamen Weg in unserem Land so sehr wie der große Brückenschlag zwischen Ost und West, der Deutschland und Europa durch die friedliche Revolution und den Mauerfall vor 25 Jahren geschenkt wurde. In den Jahren der Teilung haben viele Christinnen und Chris­ten in Gemeinden und Verbänden geholfen, die Verbindung der Glaubensgeschwister in Ost und West aufrechtzuerhalten. 1989 und in den Jahren danach waren sie aktiv an der Überwindung der Trennung beteiligt. Damals wie heute haben Christinnen und Christen auf vielfältige Weise zum Zusammenhalt in unserem Land und in Europa beigetragen und sind so zu Brückenbauern geworden.

 

Nach fast 25 Jahren der deutschen Einheit haben wir allen Grund, dankbar für die Entwicklung in Frieden, Sicherheit und Wohlstand zu sein. Dabei dürfen wir aber nicht stehen bleiben. Unser Leitbild muss eine Kultur der Nachhaltigkeit sein, damit es Frieden, Sicherheit und Wohlstand auch für künftige Generationen und für die Menschen in allen Teilen der Welt geben kann. Die Einsicht, dass Teilung nur durch Teilen überwunden werden kann, gilt auch für die Spannungsfelder der Zukunft.

 

 

Aus christlicher Verantwortung bauen wir weiter an Brücken zwischen den Völkern Europas

 

Frieden ist nicht selbstverständlich. Er muss immer wieder neu erarbeitet, begründet und mit Leben erfüllt werden. Vor hundert Jahren begann der Erste und vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Die Spuren dieser mörderischen Kriege, in denen Deutschland schwere Schuld auf sich geladen hat, sind bis heute in vielen Teilen Europas sichtbar. Als Lehre aus dieser furchtbaren Geschichte von Hass und Gewalt haben viele Männer und Frauen in allen Teilen unseres Kontinents nach 1945 damit begonnen, ein Europa zu bauen, dessen Menschen und Staaten durch viele kleine und große Brücken miteinander verbunden sind. Diese Brücken ruhen auf dem Fundament gemeinsamer Werte und Überzeugungen und werden in vielen Fällen auch von einem gemeinsamen christlichen Glauben getragen. Die Väter und Mütter der europäischen Einigung haben die Gräben zwischen den Völkern überwunden, indem sie sich zunächst in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, später auch in politischen Institutionen aneinander gebunden haben. Aufeinander angewiesen zu sein, verhalf zu gegenseitigem Vertrauen und zur Sicherung des Friedens.

 

Europa ist für die meisten von uns längst zu einer selbstverständlichen Wirklichkeit geworden. Das ist gut. Aber zugleich ist damit bei vielen auch das Bewusstsein verloren gegangen, dass die europäische Einigung ein Friedenswerk ist, das immer neu begründet und erarbeitet werden muss. Die Ereignisse der letzten Monate in der Ukraine, aber auch die blutigen Erfahrungen der 1990er Jahre auf dem Balkan führen uns vor Augen, wie zerbrechlich der Frieden auch in Europa ist und wie notwendig starke Brücken zwischen unseren Völkern sind.

 

Wir sind überzeugt: Das durch die wirtschaftliche und politische Integration Erreichte darf auch in einer tiefen Krise nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Es ist im Interesse aller, den Zusammenhalt zwischen den Völkern Europas weiter zu stärken.


Wir haben hier Anlass zur Sorge und Wachsamkeit: In Europa drohen Brücken abzubrechen. Unter den Bürgern Europas wächst die Europaskepsis, im Europäischen Parlament gewinnen die Gegner der Integration an Einfluss, nationalistische Töne werden salonfähig und dominieren in manchen Staaten die politischen Auseinandersetzungen.

 

In dieser Situation reicht es nicht aus, die europäische Einigung nur zu beschwören. Wir müssen vielmehr lernen: Die weitere Integration ist kein Automatismus. Auch als entschiedene Verfechter der europäischen Einigung dürfen wir weder die ehrliche Diskussion be­stehender Probleme noch die Auseinandersetzung mit den Thesen der Europaskeptiker scheuen.

 

Als Christinnen und Christen können wir auch in der gewachsenen EU zum Zusammenhalt beitragen. Wir wollen nicht müde werden, an den vielen großen und kleinen Brücken, die unsere Elterngeneration zwischen den Völkern Europas errichtet hat, weiterzubauen. Denn die Verantwortung, die wir für unsere Nächsten haben, hört nicht an nationalen Grenzen auf. Dies gilt umso mehr, als die europäische Kultur in vielen Jahrhunderten durch das Christentum geprägt wurde und in all unseren europäischen Nachbarländern Schwestern und Brüder im Glauben leben.

 

Glaubwürdiges Zeugnis verlangt nach konkretem Handeln. Wir ermutigen deshalb Pfarreien, kirchliche Verbände, Organisationen, Schulen und Einrichtungen ausdrücklich, Kontakte und Partnerschaften aufzunehmen und  auszubauen. Daher bedarf es eines weiteren Ausbaus von Begegnungsprogrammen sowohl innerhalb der Kirche als auch in der Gesellschaft.

 

Auf Europa zu setzen, ist für uns der beste Weg, um heutigen und künftigen Generationen ein Leben in Frieden und Wohlfahrt zu ermöglichen. Gerade die jungen Menschen, die Europa nur mit offenen Grenzen, mit freier Wahl des Wohn- und Arbeitsortes, mit vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten kennen, müssen die Brücken zwischen den Völkern Europas beschreiten und weiterbauen. Stimmen, die die nationale Abschottung zurückwünschen, weisen wir energisch zurück.

 

 

Fremde sollen bei uns Heimat finden können

Wenn wir in Europa Brücken bauen, um langfristig die politische und wirtschaftliche Stabilität zu sichern, dann sollten wir uns freuen, wenn diese Brücken auch genutzt werden. Überall in Europa erleben wir hingegen Ängste und Widerstände gegen die Aufnahme und Integration von Zuwanderern.

 

Für unsere Gesellschaft, die altert und deren Einwohnerzahl kleiner wird, ist Zuwanderung auch eine ökonomische Notwendigkeit. Das gilt für Tätigkeiten in der Pflege genau so wie in Industrie,  Handwerk und in akademischen Berufen. In der öffentlichen Diskussion wird zu wenig anerkannt, dass unsere Sozialsysteme von den Beiträgen der Zugewanderten mitgetragen werden. Wie schon vor ihnen Generationen von Einwanderern, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben, nehmen sie ihr Schicksal in die eigene Hand und nutzen ihre Ressourcen auch unter erheblichen persönlichen Einschränkungen. Das verdient Respekt. Es erfordert aber auch eine effektive Willkommens- und Anerkennungskultur und konkrete Unterstützung gleich bei ihrer Einwanderung.

 

Zugleich dürfen wir nicht die Augen vor bestehenden Problemen verschließen, die es insbesondere in manchen Ballungszentren gibt. Bei der Suche nach Lösungen gilt die biblische Mahnung, dass auch wir selbst einmal die Fremden sein könnten: "Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen." (Lev 19, 34)

 

Als Christinnen und Christen sind wir Weltbürgerinnen und Weltbürger. Unsere Verantwortung endet nicht an den Grenzen unserer Heimatländer oder den europäischen Außengrenzen. Sie gilt auch dann, wenn Fremde aus anderen Teilen der Welt zu uns kommen oder kommen wollen. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass im Mittelmeer Menschen umkommen, die sich eine bessere Zukunft in unseren Ländern erhoffen, und dass das Leben von Flüchtlingen aus den Krisengebieten des Nahen Ostens bedroht ist. Wir haben nicht für all diese komplexen Herausforderungen eine Lösung. Doch es darf niemals unser Weg sein, das Schicksal dieser Menschen zu ignorieren, Brücken zu ihnen gar nicht erst zuzulassen. Flüchtlinge, die in Europa angekommen sind, bedürfen unserer Zuwendung und Solidarität. Wir wollen uns für eine menschenwürdige Aufnahme einsetzen. Zugleich wollen wir in den Ländern, aus denen Flüchtlinge kommen, helfen, Fluchtgründe zu mindern und dort ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Mit Papst Franziskus stellen wir uns gegen eine "Globalisierung der Gleichgültigkeit" und wollen mit unseren Möglichkeiten zur Linderung und Behebung der Not beitragen.

 

 

Unsere Brücken weisen in die Zukunft

 

Seit Jahrhunderten verbindet die Steinerne Brücke in Regensburg die Ufer der Donau und die Menschen auf beiden Seiten. Sie ist im Augenblick für Bauarbeiten eingerüstet. So wie dieses uralte Bauwerk immer wieder saniert und in Stand gesetzt werden muss, um auch in Zukunft tragfähig zu sein, verlangen auch die Brücken in unserem Leben nach ständiger Erneuerung und Verstärkung. Das gilt für unsere Christusbeziehung, für unsere Verbindung mit anderen Menschen und auch für die Brücken zwischen den Völkern. Lasst uns mit Christus Brücken bauen!