Donnerstag, 1. Juni 1989

Zum nachsynodalen Apostolischen Schreiben "Christifideles Laici"

(als Broschüre vergriffen)

Zum nachsynodalen Apostolischen Schreiben von Papst Johannes Paul II. “Christifideles Laici” (CL) über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt

Seit Anfang Februar 1989 liegt das Apostolische Schreiben “Christifideles Laici” über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt vor. Mit ihm hat Papst Johannes Paul II. den Gang der Beratungen der Bischofssynode 1987 in ihrer ganzen Vielschichtigkeit nachgezeichnet und die Thematik in eigenständiger Weise entfaltet. So will er “ein neues Bewußtsein von den Gaben und der Verantwortung aller Laien und jedes einzelnen für die Sendung und communio der Kirche wecken und lebendig erhalten” (CL 2).

Das Schreiben richtet sich an die Weltkirche, die in sehr unterschiedlichen Situationen lebt und sehr verschiedenartige Herausforderungen zu bestehen hat. Mehr als frühere päpstliche Schreiben berücksichtigt “Christifideles Laici” aber auch die Erfahrungen aus der Weltkirche.

Das päpstliche Dokument hat eine konsequente Gliederung. Sie entfaltet sich im Rahmen des biblischen Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg. Orientiert an den katechetischen Erfordernissen auch anderer Kontinente, legt der Papst das Evangelium auf die ganze Breite der Laienaufgaben hin aus. Dabei wird der Zusammenhang mit den beiden im Jahre 1988 erschienenen Dokumenten - der Enzyklika “Sollicitudo Rei Socialis” - über die soziale Sorge der Kirche - und dem Apostolischen Schreiben “Mulieris dignitatem” - über die Würde und Berufung der Frau - deutlich, die wichtige Aspekte zur Laienthematik enthalten.

Das Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken will mit dieser Stellungnahme seine Antwort auf das nachsynodale Schreiben des Papstes geben. Dies um so mehr, als Berufung und Sendung von Laien in Kirche und Welt das ureigene Thema der Laienarbeit und damit auch des Zentralkomitees sind. Unsere Stellungnahme will vor allem auf Sachverhalte und Aspekte eingehen, die in der Diskussion zur Vorbereitung der Bischofssynode 1987 von Bedeutung waren. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat sich an dieser Diskussion mit öffentlichen Erklärungen beteiligt (1) . Darum möchten wir auch auf solche Entwicklungen aufmerksam machen, die durch die Arbeit der Synode eine für uns wichtige Klärung und Vertiefung erfahren haben, und zugleich Aufgaben markieren, die sich aus dem Apostolischen Schreiben für uns ergeben.

Durch die Entscheidung, gegen manche anfänglichen Bedenken in der Weltkirche das Thema der Berufung und Sendung der Laien zum Gegenstand der Beratungen einer Bischofssynode zu machen, hat der Papst die Laienfragen in denMittelpunkt der gesamtkirchlichen Diskussion gerückt. Selten zuvor ist in wenigen Jahren - vom Erscheinen der “Lineamenta” über das “Instrumentum laboris” bis hin zu den Beratungen der Synode im Oktober 1987 - soviel über die Laien in der Kirche nachgedacht und der Dialog in der ganzen Welt mit ihnen gesucht worden.

Weiterführung der Lehre des Konzils

Wir wollen besonders hervorheben, daß das Apostolische Schreiben zeigt, welche große Bedeutung nach wie vor die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils haben und welche Dynamik von ihnen auch heute noch ausgeht. Der Papst führt das, was das Konzil über die Verbindung Laie und Kirche an unterschiedlichen Stellen behandelt, zusammen und verbindet es mit neueren Entwicklungen und Anregungen aus der Weltkirche. Nach seinen eigenen Worten war die Synode “ein Echo auf das Konzil, indem sie versuchte - im Licht der vielfältigen Erfahrungen -, die Richtung anzugeben, in welcher die Verwirklichung der Konzilslehre über die Laien weitergehen sollte” (2). Sie griff dabei auch Impulse auf, die durch die außerordentliche Bischofssynode 1985 in der Communio-Theologie entfaltet worden sind.

Communio-Theologie

Die theologische Grundlegung der Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt hat durch die Communio-Theologie eine bemerkenswerte Entwicklung erfahren. Die Zusammenhänge, um die es hier geht, erfordern theologische Anstrengung. Nur so ist letztlich der Zusammenhang von Berufung und Sendung, von Gemeinschaft, Dialog und Teilhabe und auch der theologische Ort von Verbänden, Räten und geistlichen Bewegungen in der Kirche genauer zu bestimmen (3).

Im Mittelpunkt der Communio-Theologie stehen die drei Grundbegriffe: Mysterium, Communio und Missio. Das Geheimnis der Trinität, der Einheit des Vaters mit dem Sohn im Heiligen Geist, die sich gegenseitig durchdringen und umfangen, teilt sich durch die Menschwerdung des Sohnes den Menschen mit. Weil Gottheit und Menschheit in Jesus Christus verbunden sind, werden die Menschen zur Communio mit Gott und miteinander geführt. Diese Communio kann sich nicht abschließen. Ihre Dynamik drängt sie dazu, sich zu öffnen und alle Menschen einzubeziehen. So wird das Mysterium der Dreifaltigkeit durch die Menschwerdung Christi gleichsam das Modell für das Verhältnis nicht nur von Kirche und Welt, von Evangelium und Inkulturation, von Mann und Frau, sondern auch von Amtsträgern und Laien, von Amt und Charisma, von Universalund Teilkirche.

Von diesem Modell der trinitarischen Communio her erschließt sich uns das Verständnis dafür, wie in den unterschiedlichsten Lebensbereichen und Spannungsfeldern die jeweilige Ursprünglichkeit in der wechselseitigen Hinordnung zueinander verwirklicht werden kann. Damit eröffnen sich Perspektiven für die Kirche, die in ihrer Tiefendimension und verändernden Wirkung noch keineswegs zureichend erkannt sind.

Ort der Laien in der Kirche

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat 1986 in seiner Stellungnahme zu den “Lineamenta” angeregt, eine “Theologie des Laien” zu entwickeln (4). Durch die Communio-Theologie ist der Versuch des Konzils, den Laien positiv zu beschreiben, auf eine breitere Grundlage gestellt worden. In der Verknüpfung der drei Grundworte: Mysterium, Communio und Missio läßt sich auch die Identität des Laien und seine Würde vom Geheimnis der Kirche her bestimmen.

Ein im päpstlichen Dokument mehrfach wiederkehrendes Schlüsselwort ist die “Neuheit des Christlichen” (CL 10, 14, 15, 64). Sie ist in der Taufe begründet und “Fundament und Rechtsgrund für die Gleichheit aller Getauften in Christus, für die Gleichheit aller Glieder des Volkes Gottes” (CL 15). Von ihr her - so betont der Papst - muß der “Ort der Laien in der Kirche definiert und durch den Weltcharakter der Laien charakterisiert werden” (CL 15). Eigens wird vom Papst in diesem Zusammenhang die Teilhabe der Laien am Glaubenssinn des Gottesvolkes und die geistliche Bedeutung ihres Weltdienstes hervorgehoben.

Damit wird das Aufgabenfeld der Laien in der Welt unmittelbar mit einer theologischen Begründung verknüpft. Mehr noch: Aufgrund dieser Zusammenhänge weist der Papst auf die Verpflichtung der Laien hin, diesem Dienst an der Verwandlung der Welt nicht auszuweichen.

Zur Konsequenz einer solchen Sicht der Teilhabe und Mitverantwortung der Laien gehört auch der Hinweis des Papstes, daß ihr Weg zur Heiligkeit durch die “Einbezogenheit in den weltlichen Bereich” und die “Teilnahme an den irdischen Tätigkeiten” bestimmt wird (CL 17).

So bricht die Communio-Theologie starre Vorstellungen und Denkweisen über den Laien und das geistliche Amt auf und macht Mut zum apostolischen Engagement. Durch sie werden auch frühere Auffassungen überholt, nach denen der Heilsdienst ausschließlich den Priestern und der Weltdienst entsprechend den Laien zugeordnet wurde.

Männer und Frauen

Das Apostolische Schreiben behandelt unter den Gesichtspunkten der Unterschiedlichkeit und der Komplementarität in aller Gleichheit und Einheit der Christen auch verschiedene Lebenssituationen, Lebensstände und Berufungen. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei das, was über die Frau gesagt wird. Diese Ausführungen sind eine Weiterführung des Apostolischen Schreibens “Mulieris dignitatem” vom August 1988, das im Hinblick auf pastoralpraktische Fragen zur Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft auf “Christifideles Laici” verweist.

Sehr deutlich stellt der Papst heraus, daß es inbesondere die Aufgabe der Frauen selbst ist, für ihre Personenwürde und somit für ihre Gleichheit mit dem Mann einzutreten. Dies ist im Hinblick auf die in vielen Teilen der Welt, durchaus auch noch in unserer Gesellschaft herrschende Mentalität, den Menschen und insbesondere die Frau als Objekt zu behandeln, eine wahrhaft emanzipatorische Aufgabenstellung. Kirche und Gesellschaft werden aufgerufen, die Frauen darin zu unterstützen (CL 49).

Was die Sendung der Frau in der Kirche angeht, so plädiert der Papst dafür, “von der theoretischen Erkenntnis einer aktiven und verantwortlichen Präsenz der Frau in der Kirche zur praktischen Verwirklichung fortzuschreiten” (CL 51). Die Bestimmungen des CIC über die Teilnahme der Frau am Leben und an der Sendung der Kirche müßten allgemeiner bekannt und “unter Berücksichtigung der verschiedenen kulturellen Sensibilitäten sowie pastoralen Opportunitäten unmittelbarer und konsequenter angewandt werden”. Genannt werden die Mitarbeit von Frauen in Räten und Synoden, ihre Teilnahme an Entscheidungen und bei der Vorbereitung von Pastoraldokumenten und missionarischen Initiativen, die Dienste bei der Evangelisierung und Katechese, in Familie und Erziehung, bis hin zu den Bereichen der theologischen Lehre und Forschung. In der wiederholten Anrede der Laien als “Männer und Frauen” will der Papst deren gemeinsame Verantwortung und Arbeit für Kirche und Welt unterstreichen und darauf aufmerksam machen, was hier noch zur stärkeren Einbeziehung der Frauen geschehen muß. Dies ist auch für die Kirche in Deutschland eine Anregung, die beispielsweise in der kirchlichen Verwaltung, in Verbänden und Institutionen sowie in mancherlei Entscheidungsgremien der Bischöfe stärker verwirklicht werden sollte.

Gott, der Schöpfer, hat - wie der Papst sagt - der Frau den Menschen anvertraut, weil sie eine “spezifische Sensibilität für den Menschen und für alles, was sein wahres Wohl ausmacht”, hat (CL 51). Ihr kommt nicht nur eine eigenständige Aufgabe für die Lebensbereiche Ehe und Familie zu, sondern auch für die Kultivierung des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens. Der Papst sieht ein bedeutsames Apostolatsfeld der Frau gerade dort, wo sie “aktiv und verantwortlich an den Aufgaben der Institutionen teilnimmt, von denen die Gewährleistung des Primates der menschlichen Werte im Leben der politischen Gemeinschaften abhängt”.

Die aktive Teilnahme der Frau am Leben der Kirche und der Gesellschaft ist nicht nur “ein notwendiger Weg zu ihrer persönlichen Verwirklichung..”, sondern zugleich “ihr origineller Beitrag zur Bereicherung der communio der Kirche und der apostolischen Kraft des Volkes Gottes” (CL 51). Wir sind der Auffassung, daß das Apostolische Schreiben Frauen und Männern auch in unserer Gesellschaft Perspektiven eröffnet, die Anlaß zu veränderndem Handeln sein können.

Missionarische Communio

Zum missionarischen Charakter der Communio gehört für den Papst nicht nur die Pflicht zur Evangelisierung, sondern auch das gesellschaftspolitische Wirken der Laien. Das Apostolische Schreiben trägt dazu bei, uns unsere Mitverantwortung für die Evangelisierung, die gerade auch für die Kirche in unserem Land immer wichtiger wird, in ihrem ganzen Anspruch deutlich zu machen.

Besonders ausführlich entfaltet der Papst die Aufgaben im Dienst am Menschen und an der Gesellschaft aus dem Evangelium heraus (CL 36). Seine Ausführungen stellen einen umfassenden und präzisen Aufgabenkatalog für das gesellschaftspolitische Wirken der Laien und ihrer mannigfachen Zusammenschlüsse dar. Bezeichnend für ihren fordernden Charakter ist eine Überschrift des betreffenden Kapitels, die da lautet, “alle sind Adressaten und Protagonisten der Politik” (CL 42).

Diese Ausführungen sind nicht nur auf dem Hintergrund der gegenwärtigen Weltsituation, sondern auch aus der Sorge des Papstes zu verstehen, daß die missionarische Kraft der Kirche gerade dadurch gemindert wird, daß sich viele Christen “oft von ihrer Verantwortung im Beruf, in der Gesellschaft, in der Welt der Wirtschaft, der Kultur und der Politik dispensieren” (CL 2).

Wir dürfen das, was der Papst hier darlegt, als eine Bestätigung des Weges ansehen, den die katholische Laienarbeit in Deutschland in der aktiven Zuwendung zu den Aufgaben in Gesellschaft und Politik seit langem beschritten hat. Daß er seine so umfassend angelegte und drängende Aufforderung zum gesellschaftspolitischen Wirken aufs engste mit der missionarischen Sendung der Kirche verknüpft, sollte uns Anlaß zum Nachdenken darüber sein, was uns letztlich zum Engagement in der Öffentlichkeit treibt und wie die Früchte unseres Wirkens aussehen.

Laienapostolat

An die Darstellung der “absoluten Notwendigkeit des individuellen Apostolates” als Ursprung und Voraussetzung jedes Apostolates der Laien (CL 28), das zudem eine “kapillare Ausstrahlung” des Evangeliums möglich macht, schließt der Papst seine Ausführungen über die Bedeutung der vielfältigen Formen gemeinschaftlichen Wirkens der Laien in Vereinigungen, Gruppen, Gemeinschaften und Bewegungen an. Daß sie für eine gezielte Einwirkung auf die Gesellschaft unbedingt notwendig sind und zugleich gerade in einer säkularisierten Welt für viele eine wertvolle Hilfe darstellen, um ein christliches Leben führen und ein missionarisches und apostolisches Engagement eingehen zu können, wird besonders herausgestellt (CL 29).

Der Papst sieht hier eine kontinuierliche Linie in der Kirchengeschichte, die heute “zu einer neuen Zeit der Zusammenschlüsse” geführt habe. Die großen Unterschiede in Formen, Motiven und Initiativen solcher Gemeinschaften sieht er als Reichtum an. Das Wesentliche kommt für ihn jedoch in der “theologischen Gegebenheit” zum Ausdruck, daß das gemeinschaftliche Apostolat ein “Zeichen der Gemeinschaft und der Einheit der Kirche in Christus” ist. Aufgrund dieses “ekklesiologischen Prinzips” ergibt sich für ihn das freie Vereinsrecht als “wirkliches und eigentliches” Recht einerseits und die “Notwendigkeit klarer und präziser Kriterien für die Unterscheidung und Anerkennung der Zusammenschlüsse von Laien” andererseits (CL 29, 30). Dieses Recht der Laien, sich frei zusammenzuschließen, “das sich nicht von einer Art ‘Zugeständnis’ der Autorität ableitet, sondern aus der Taufe als dem Sakrament, durch das die Laien berufen werden, aktiv an der communio und an der Sendung der Kirche mitzuwirken, erwächst”, ist - wie der Papst sagt - “wesentlich mit dem Leben der communio und mit der Sendung der Kirche gegeben” (CL 29). Diese Ausführungen sind auf dem Hintergrund der Diskussion vor und während der Synode in mehrfacher Hinsicht bedeutsam.

Auf das gegenseitige Verhältnis der Vereinigungen, geistlichen Gemeinschaften und sogenannten Basisgemeinschaften - etwa als Gruppenbildungen innerhalb großer Pfarreien - geht das Apostolische Schreiben nicht ein. Hier kann wohl gelten, was die Deutsche Bischofskonferenz für ihren Bereich zu dieser Frage 1986 gesagt hat: “Diese drei Grundformen sollten aus unserer Sicht füreinander offen bleiben und sich gegenseitig befruchten... Sie sind darauf angelegt, einander zu durchdringen, damit ein dem Hl. Geist und den ‘Zeichen der Zeit’ gemäßes Zeugnis von Communio heute gelingt” (5). Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken begrüßt, daß damit der Freiraum für die Entwicklung unterschiedlicher Gemeinschaftsformen bleibt.

Vertrauen in das Selbstbewußtsein der Laien

Die vom Heiligen Vater genannten fünf “Kriterien der Kirchlichkeit” bedeuten keineswegs eine Einflußnahme auf die je eigenen Zielsetzungen, Arbeitsmethoden und Strukturen der organisierten Laienarbeit. Im Gegenteil, der Papst zeigt hier ein großes Vertrauen in das Selbstbewußtsein und in die Fähigkeiten der Laien, sich den örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten am besten anpassen zu können. Angesichts der in vielen Ortskirchen so unterschiedlichen Verhältnisse wird der Entscheidung der Laien ein erheblicher Raum gegeben.

Die fünf “Kriterien der Kirchlichkeit” - Primat der Berufung zur Heiligkeit; Verantwortung für das Bekenntnis des katholischen Glaubens; Zeugnis einer tiefen und überzeugten Communio mit dem Papst und den Bischöfen, Respekt vor anderen Formen des Apostolates; Übereinstimmung mit der apostolischen Zielsetzung der Kirche; Verpflichtung zu einem engagierten Dienst am Menschen und der Gesellschaft im Licht der Soziallehre der Kirche - sind Markierungen, die jedem Laienzusammenschluß helfen können, die entscheidenden Voraussetzungen für seine Arbeit klar zu erkennen.

Das, was das Apostolische Schreiben an konkreten Früchten nennt, die das Leben und Wirken der verschiedenen Vereinigungen der Laien aufweisen sollten, eignet sich ebenfalls sehr gut als Maßstab für eine kritische Bestandsaufnahme unserer Laienarbeit. Es ruft zudem in Erinnerung, was in jedwedem Zusammenschluß von Laien Priorität haben sollte.

Die breiten Ausführungen über die Pfarrei, über die Zusammenarbeit der Pfarreien und über die Notwendigkeit, “viele Orte und Formen der Präsenz und Wirksamkeit der Kirche” außerhalb der Pfarrstruktur zu haben, zeigen eine differenzierte Sicht von den unterschiedlichen Möglichkeiten apostolischen Wirkens und sind auch für die Organisation der Laienarbeit von Bedeutung. Daß der Papst in diesem Zusammenhang besonders die Pastoralräte in den Pfarreien und Diözesen hervorhebt und sie als “die wichtigste Form der Mitarbeit und des Dialogs sowie der gemeinsamen Urteilsbildung” bezeichnet (CL 25), ist keineswegs nur für jene Teile der Weltkirche wichtig, die in der Entwicklung dieser Formen der Mitverantwortung von Laien noch am Anfang stehen.

Dienst der Laien in der Welt - Dienst der Laien in der Kirche Die Tatsache, daß das Apostolische Schreiben den Schwerpunkt seiner Ausführungen ganz unverkennbar dem Dienst der Laien in der Welt widmet, ist keineswegs als Abwehr der Mitarbeit von Laien an innerkirchlichen Aufgaben zu verstehen. Diese innerkirchlichen Aufgaben nehmen vielerorts in der Weltkirche einen bedeutenden Platz ein. Für unsere Arbeit begrüßen wir es, daß “Christifideles Laici” beiden Formen des Dienstes von Laien das ihnen jeweils zukommende Gewicht beimißt.

Die Synode hat Heilsdienst und Weltdienst nicht als scharf gegeneinander abgegrenzte Bereiche unterschieden. Beide sind ja nur zwei Aspekte des einen, allen Christen gemeinsamen Auftrags: Dienst am Heil der Welt. Zu ihm gehört selbstverständlich auch, was die Laien ehren- oder hauptamtlich in enger Bindung an das kirchliche Amt in der Liturgie, bei der Verkündigung des Wortes Gottes oder in der Seelsorge leisten. Hier hat sich nach der Auffassung des Papstes bereits eine spontane Entwicklung in der Mitwirkung der Laien vollzogen.

Zunehmend sind den Laien solche Dienste, Aufgaben und Funktionen anvertraut worden. Deswegen ist es zu begrüßen, daß auf Wunsch der Synodenväter eine Kommission eingerichtet wurde, die den verschiedenen theologischen, liturgischen, kirchenrechtlichen und pastoralen Problemen nachgehen soll, die sich aus dieser Entwicklung ergeben. Wir hoffen, daß dadurch entsprechend dem steigenden Bedarf der pastoralen Praxis eine Klärung erreicht wird, die der Mitarbeit von Männern und Frauen mehr Raum gibt, und die überzeugend verständlich macht, welche Aufgaben des kirchlichen Amtes unmittelbar mit der Weihe verbunden bleiben müssen.

Ganzheitliche Lebensgestaltung

Ein ganzes Kapitel spricht von der Erziehung und Bildung der Laien (CL 57 ff.). Eigenständiges und für Kirche und Welt fruchtbares Laienapostolat hängt ja entscheidend von früher Prägung, von zeitgemäßer Ausund Weiterbildung ab. Der Papst macht deutlich, daß im Vollzug der Bildung jeder Träger und Empfänger, Ausgangspunkt und Ziel ist, und er entdeckt für unsere Zeit gewissermaßen neu, was vor sechs Jahrzehnten gerade in Deutschland die Reformpädagogik bestimmte und auch eine Maxime der katholischen Jugendbewegung war: “Erziehung ist wesentlich ‘Selbst-Erziehung’” (CL 63).

Das Apostolische Schreiben versteht dementsprechend Bildung nicht nur in einem kognitiven Sinn, sondern umfassend als ganzheitliche Lebensgestaltung, als Formation, wie es im romanischen Sprachgebrauch heißt. Sie ist das Ganze jener Prozesse, die den Getauften dazu führen, in sich das Bild Christi auszuprägen und so lebendiges Bild und Zeichen Christi für die anderen und für die Welt zu sein. So sollen die “Neuheit des Christlichen” und der “Weltcharakter” des Laien zu jener vom II. Vatikanischen Konzil geforderten Einheit des Lebens führen, die die Zäsur zwischen Glauben und Leben, zwischen Evangelium und Kultur überwindet.

Dies gilt für die gesamte Lebenswelt der Laien und ihre vielfältigen Organisationsformen. Besonderes Gewicht bekommt es aber ganz sicher auch für die Jugend der Kirche, in der die Kirche sich immer wieder physisch erneuert und von der die Synode als “Protagonisten der Evangelisierung und Erbauern der sozialen Erneuerung” (CL 46) gesprochen hat. Den dialogischen Charakter, der ihre Erziehung und Bildung bestimmen sollte, faßt der Papst in die Worte: “Die Kirche hat der Jugend viel zu sagen, und die Jugend hat der Kirche viel zu sagen.” (CL 46)

In einem mit Bildungseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft so dicht überzogenen Land wie dem unseren, in dem es eine Fülle von Bildungsprogrammen und zahlreiche Mittel zu ihrer Realisierung gibt, mag vieles, was der Papst in seinem Schreiben zu den Fragen der Bildung ausführt, sehr selbstverständlich erscheinen. Darüber darf aber nicht in den Hintergrund treten, daß der Papst mit den Vätern der Synode das Wesen aller christlicher Erziehung und Bildung als “einen ständigen persönlichen Prozeß der Ausreifung im Glauben und der Gleichförmigkeit mit Christus nach dem Willen des Vaters und unter Führung des Heiligen Geistes” (CL 57) beschreibt. Das ist der entscheidende Maßstab, an dem sich messen läßt, ob die Erziehungs- und Bildungsarbeit in unseren Gemeinschaften, Verbänden und Institutionen wirklich darauf angelegt ist, daß Laien immer eindeutiger ihre christliche Berufung entdecken und daß in ihnen die Bereitschaft wächst, dieser Berufung gemäß zu leben (CL 58). Auch hier eröffnet uns das intensive Studium des Apostolischen Schreibens die Chance, bewußter und gezielter zur Erneuerung des christlichen Lebens in unserem Land beizutragen.

Maßstäbe für die Weltkirche

Auf der Grundlage einer Umfrage unter den Verbänden und Räten des Laienapostolats hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken 1986 die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt als eines “der dringlichsten und aktuellsten Probleme der Kirche weltweit” bezeichnet. Wir begrüßen es, daß der Heilige Vater mit dem Apostolischen Schreiben “Christifideles Laici” nun ein Dokument vorgelegt hat, das für die ganze Weltkirche Perspektiven aufzeigt und Maßstäbe setzt. In ihm wird die einheitsstiftende und weltumspannende Aufgabe des Petrusamtes sichtbar. Mit seiner umfassenden Betrachtungsweise ist das Apostolische Schreiben eine Art Vademecum, das dem Laien hilft, seine Berufung und Sendung in Kirche und Welt zu erkennen.

Wer sich auf das Studium dieses Apostolischen Schreibens einläßt, wird zahlreiche Impulse für sein Leben als Christ und für den Dienst in Kirche und Welt erhalten. Er wird über Gewohntes und oft Gehörtes hinaus neue Sichtweisen erfahren und Herausforderungen vernehmen, denen wir uns stellen müssen. Das Apostolische Schreiben ist von der Dynamik jenes Geistes geprägt, der uns dazu drängt, die “Gewohnheiten des alten Menschen” abzulegen und die “Neuheit des Christlichen” in der Welt zu leben.

 


Anmerkungen:

1 ) Stellungnahme des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu den “Lineamenta” der Bischofssynode über die Laien 1987, verabschiedet vom Geschäftsfuhrenden Ausschuß am 14. Februar 1986, in: Berichte und Dokumente, hrsg. v. Generalsekretariat des ZdK, Nr. 61, April 1986, 44 - 60; ebenfalls abgedruckt in: Stellungnahmen der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu den “Lineamenta” für die Bischofssynode 1987, in: Arbeitshilfen Nr. 45 vom 2. Mai 1986, hrsg. vom Sekretariat der DBK, 31 - 44;

2) Schreiben von Papst Johannes Paul 11. an alle Priester der Kirche zum Gründonnerstag 1989, in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 88 vom 12. März i 989, hrsg. vom Sekretariat der DBK, 8;

3) Stellungnahme des Präsidiums des ZdK zum “Instrumentum Laboris” für die Bischofssynode 1987, beschlossen durch das Präsidium am 11. September 1987, in: Berichte und Dokumente, Nr. 66, Januar 1988, 14 - 18;

4) Stellungnahme des ZdK zu den “Lineamenta”, a.a.O., 57 f.; Stellungnahme des ZdK zum “Instrumentum Laboris”, a.a.O., 16f.; Zu diesen Fragen s. auch:
Dr. Wilfried Hagemann, Vorbereitung zur Weltbischofssynode 1987 zur Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt, vor der Vollversammlung des ZdK am 15./ 16. Mai 1987, in: Berichte und Dokumente, Nr. 65, Mai 1987,45 - 57;
Dr. Felix Raabe, Bericht über die Weltbischofssynode in Rom vor der Vollversammlung des ZdK am 20./21. November 1987, in: Berichte und Dokumente, Nr. 66, Januar 1988, 61 - 68;
Bischof Dr. Klaus Hemmerle, Bemerkungen zur Weltbischofssynode 1987 über “Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt” vor der Vollversammlung des ZdK am 20./21. November 1987, in: Berichte und Dokumente, Nr. 66, Januar 1988, 69 - 77; 80
Dr. Felix Raabe, Einheit und Koordination von Verbänden und Bewegungen auf nationaler Ebene vor der Plenarversammlung der Vll. ordentlichen Bischofssynode “Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt - 20 Jahre nach dem 11. Vatikanischen Konzil” am 13. Oktober 1987 in Rom, in: Berichte und Dokumente, Nr. 67, Januar 1988, 1 - 7;

5) Stellungnahmen der Deutschen Bischofskonferenz ... a.a.O., 19