Freitag, 2. März 2012

Pressestatement Alois Glück

Alois Glück

Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

 

Pressestatement

 

Unsere heutige Art und Weise zu leben ist nicht zukunftsfähig. Verschiedene Krisen und Ereignisse in den letzten Jahren – namentlich die Wirtschafts- und Finanzkrise, die Katastrophe von Fukushima, die andauernde Ernährungs- und Hungerkrise sowie der sich verschärfende Klimawandel – haben diese Erkenntnis verstärkt. Wir erleben tiefgreifende Veränderungen wie beispielsweise die Auswirkungen der demografischen Entwicklung, die extrem hohe Verschuldung zu Lasten der Nachkommen sowie die zunehmende Knappheit lebensnotwendiger Ressourcen. Gleichzeitig stehen wir vor gewaltigen Aufgaben, die mit dem Klimawandel und der Notwendigkeit einer umweltverträglichen Energieversorgung sowie der Bekämpfung des Hungers in der Welt einhergehen. Diese Herausforderungen und Veränderungen werden sich nicht allein mit technischen Innovationen und kleineren Kurskorrekturen bewältigen lassen. Wir brauchen grundsätzlich eine neue, nachhaltigere Gestaltung unserer Lebensweise.

 

Nachhaltigkeit bedeutet vor allem, über die momentane Nützlichkeit hinaus langfristig zu denken und entsprechend Zukunftsverantwortung zu übernehmen. Sie umfasst die drei Zieldimensionen einer sozial fairen, ökonomisch effizienten und dauerhaft umweltgerechten Entwicklung, die in der Verantwortung und Solidarität mit den nachkommenden Generationen sowie in der Berücksichtigung der Bedürfnisse der gesamten Weltbevölkerung zum Ausdruck kommen. Eine so verstandene Nachhaltigkeit betrifft alle Ebenen der Politik und des Wirtschaftens: lokal, regional, national und global. Wenn wir einen guten Weg in die Zukunft gestalten wollen, muss uns das Prinzip Nachhaltigkeit ein zentraler Kompass sein.

 

Der entscheidende Impuls für den Durchbruch des Nachhaltigkeitsprinzips als internationales Leitprinzip kam mit der UN-Konferenz zu Umwelt und Entwicklungsfragen vom 3. bis 14. Juni 1992 in Rio de Janeiro. Mit diesem Gipfel wurde das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung als normatives, internationales Leitbild für die Staatengemeinschaft, die Weltwirtschaft und die Weltzivilgesellschaft und als Grundprinzip der Rio-Deklaration und der Agenda 21 fest verankert. Die erste nationale Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung im Jahr 2002 hat wichtige Handlungsvorschläge und Weichenstellungen zur Umsetzung der Ergebnisse des Rio-Gipfels benannt. Deren strikte Umsetzung und kontinuierliche Weiterentwicklung ist dringend notwendig, um gegenwärtige Herausforderungen wie die im Jahr 2011 beschlossene Energiewende zu bewältigen. Gerade am Beispiel der Gestaltung einer zukunftsfähigen Energieversorgung wird deutlich, dass die Verankerung des Prinzips der Nachhaltigkeit nur im Rahmen einer Gemeinschaftsanstrengung gelingen kann, die überparteilich und mit Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen erfolgen muss.

 

Bei nüchterner Betrachtung und ehrlicher Bilanz muss man heute jedoch feststellen, dass seit dem Rio-Gipfel sowohl in Deutschland als auch weltweit zu wenig geschehen ist. Nicht das viel bemühte Verantwortungsprinzip gegenüber den Nachkommen hat das Handeln der Weltgemeinschaft dominiert, sondern der Rausch der neuen Möglichkeiten, die sich durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse auftaten, sowie die absolute Konsumorientierung der westlichen Zivilisation.

 

Deshalb brauchen wir die beim Rio-Gipfel im Jahr 1992 vorherrschende Aufbruchsatmosphäre und Kooperationsbereitschaft für den bevorstehenden Rio+20-Gipfel umso mehr. Die internationale Staatengemeinschaft muss diese Chance zur Erneuerung Ihres Bekenntnisses zum Nachhaltigkeitsprinzip und zur Verabschiedung ehrgeizigerer sowie angemessener Strategien zur Verwirklichung einer nachhaltigen Entwicklung nutzen. Wir brauchen eine globale Architektur, die das Fundament für eine neue Kultur des Wirtschaftens, der gemeinsamen Verantwortung sowie der gegenseitigen Solidarität und Gerechtigkeit legt. Die Sackgasse bisheriger Formen des Wirtschaftens muss verlassen werden, weil sie trotz der Mehrung unseres materiellen Wohlstands ökologische, soziale und politische Krisen hervorgebracht hat und gleichzeitig das Versprechen auf integratives Wachstum und Verteilungsgerechtigkeit nie einlösen konnte. Eine neue Kultur des Wirtschaftens auf Basis des Nachhaltigkeitsprinzips muss folgende Leistungen erbringen:

  1. die wirtschaftliche Entwicklung unterstützen,
  2. die effiziente Nutzung von ökologischen Ressourcen, Dienstleistungen und deren Schutz voran bringen und
  3. die Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb und zwischen Staatsgrenzen zu verringern

Wir müssen dem Fortschritt eine neue Richtung, eine neue Qualität geben! Eine primär auf möglichst großes Wachstum ausgerichtete Entwicklung ist der schnellste Weg zum Ruin unserer Welt!

 

Als Christinnen und Christen haben wir in unserem Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung und zur Förderung von Frieden und Gerechtigkeit die Verpflichtung, uns in die gesellschaftspolitische Debatte für die Verankerung und Durchsetzung des Nachhaltigkeitsprinzips als Querschnittsaufgabe in allen Politikfeldern zu engagieren. Durch diese gemeinsame Tagung mit katholischen Verbänden und Organisationen sowie durch weitere Aktivitäten nehmen wir diese Verantwortung wahr und wollen die notwendigen Weichenstellungen und Veränderungen in unserer Gesellschaft benennen und voranbringen. Entscheidende Politikfelder zur konkreten Umsetzung des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung sind insbesondere die hier heute diskutierten Handlungsfelder einer nachhaltigen Ernährungsweise, des Energieverbrauchs und der Energieeffizienz, die Entwicklung neuer Mobilitäts- und Verkehrskonzepte sowie das ethische Investment.

 

Gleichzeitig haben wir als Kirche in Rahmen unseres eigenen Handelns eine wichtige Vorbildfunktion und müssen glaubwürdig Beispiel für einen nachhaltigeren Lebensstil geben. Als ZdK haben wir uns in verschiedenen Erklärungen für eine nachhaltigere Lebensweise und den dafür notwendigen Politikwandel ausgesprochen. Auch Diözesen, Pfarrgemeinden und Verbände engagieren sich seit dem Rio-Gipfel zunehmend in Agenda 21-Prozessen oder Klimaschutzprojekten. Zusätzlich sollten wir alle durch unser individuelles Verhalten – insbesondere auch jetzt in der Fastenzeit – zu einem Umdenken in unserem direkten Umfeld beitragen. Der Handlungsdruck und die zu bewältigenden Probleme bleiben jedoch weiterhin groß, auch für uns als Kirche. Dieser Verantwortung müssen wir als Kirche in Zukunft noch besser gerecht werden und durch neue Initiativen und glaubwürdiges Verhalten eine zukunftsfähige Lebensweise aktiv mitgestalten.

Alois Glück

Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken