Freitag, 12. Mai 2017

ZWISCHENRUF im Wahlkampf 2017:

Bleiben oder Gehen? - Arbeitsmigration aus dem Osten Europas

In der Reihe der Justitia et Pax - Zwischenrufe im Wahljahr 2017 greift ein Interview mit Dr. Gerhard Albert, Geschäftsführer von Renovabis, die oft prekäre Situation von Arbeitsmigranten und -migrantinnen aus dem Osten Europas in ihren Herkunftsländern und in Deutschland auf.

 

Arbeitskräfte aus dem Osten Europas seien in Deutschland vor allem in der häuslichen Pflege, der Transport-, Bau- und Reinigungsbranche, in der Landwirtschaft, Fleischindustrie und Gastronomie beschäftigt. Dass diese "stillen Migranten" hierzulande in der öffentlichen Debatte kaum vorkommen, bezeichnet Albert "wegen der oft ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und der enormen Folgen für die Herkunftsländer mehr als frappierend".

"Viele Männer arbeiten im Baugewerbe: es gibt oft keine Arbeitsverträge, sie müssen mehr als zehn Stunden arbeiten, der Lohn wird nicht immer pünktlich oder in vereinbarter Höhe ausgezahlt. In der 24-Stunden-Pflege zu Hause, die vorwiegend von Frauen übernommen wird, herrschen oft ebenfalls schwierige Verhältnisse. Die Verfügbarkeit rund um die Uhr, die fehlende Freizeit und die Trennung von der eigenen Familie wird von den Pflegemigrant-innen als belastend empfunden", so Albert.

 

Lösungsperspektiven sieht Albert zum einen in den Herkunftsländern, in vielen Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas müssten die Regierungen sich wesentlich stärker als bisher für die Sicherung der Rechtstaatlichkeit einsetzen, Korruption bekämpfen und EU- Vereinbarungen wie die Roma-Integrations-Strategie konsequent umsetzen.

In Deutschland müssten sowohl in der Pflege als auch in Wirtschaftszweigen wie dem Baugewerbe oder der Fleischindustrie faire Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne besser durchgesetzt und kontrolliert werden – wofür die katholische und die evangelische Kirche sich über ihre Beratungs-stellen stark machten. Im Pflegebereich sei vor allem eine Kontrolle der polnischen oder rumänischen Vermittlungsagenturen erforderlich, "von denen einige durch immer kreativere Vertragsmodelle z.B. die im Arbeitnehmer-Entsendegesetz vorgesehene Mindestlohnregelung umgehen oder keine Sozial- und Rentenversicherung abschließen". Mit Blick auf die Wirtschaft sei ein weiterer Ausbau der muttersprachlichen Information der Beschäftigten über ihre Rechte und deren Durchsetzungsmöglichkeiten erforderlich. Außerdem müsse die Arbeitsinspektion gestärkt werden und bereits vorhandene Kontrolleinrichtungen sollten besser vernetzt werden.

 

 

 

Der Zwischenruf von Dr. Gerhard Albert ist auf http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/bleiben-oder-gehen verfügbar. Außerdem wird er wie die anderen Zwischenrufe über den Facebook-Kanal von katholisch.de zur Diskussion gestellt.

 

Die Deutsche Kommission Justitia et Pax, eine Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, begleitet mit Zwischenrufen für eine gemeinwohlorientierte Politik aktuelle Debatten im Wahljahr 2017. Anfang März hatten der Vorsitzende der Deutschen Kommission Justitia et Pax, Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier), und der Präsident des ZdK, Prof. Dr. Thomas Sternberg, die  Reihe eröffnet.