Samstag, 22. November 2014

"Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung." (Art. 6 GG) Wie können wir dem Anspruch und Auftrag des Grundgesetzes heute gerecht werden? (Birgit Mock)

Vollversammlung am 21./22. November 2014

                                                                        UNKORRIGIERTES
                                                                                               REDEMANUSKRIPT
                                                                                                  Es gilt das gesprochene Wort.

 


Einführung in das Thesenpapier zu Ehe und Partnerschaft, Familie und Generationenverantwortung der Ad hoc-Arbeitsgruppe im Sachbereich "Familienpolitische Grundfragen":

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

"Eine Grundbedingung ist es, offen zu sprechen. Keiner [und Keine] soll sagen: 'Das kann man nicht sagen, sonst könnte ja jemand von mir so oder so denken...' Alles muss ausgesprochen werden, was jemand sich zu sagen gedrängt fühlt!"

Mit diesen Worten eröffnete Papst Franziskus vor wenigen Tagen die außerordentliche Weltbischofssynode. Auch wir wollen es heute so halten. Wir suchen das offene Gespräch, wo nötig auch im Austausch von gegensätzlichen Ansichten bei einem Thema, das uns alle angeht.

Familie betrifft uns alle. Tragfähige Bindungen machen Lebensglück aus. Beziehungen gehören zu Gottes Plan für uns Menschen.

Debatten über Partnerschaft und Familie werden daher meist mit viel Emotionen und Herzblut geführt. Das ist etwas Gutes, erfordert aber auch besondere Umsicht und Sensibilität.

Bei der Überschrift beziehen wir uns auf das Grundgesetz. Unsere Aufmerksamkeit gilt folglich in besonderer Weise dem Stellenwert und der Bedeutung von Ehe und Familie in Gesellschaft und Staat. Die Hintergrundfolie dieser Auseinandersetzung ist dabei unser katholisches Ehe- und Familienverständnis, das durch die außerordentliche Weltbischofssynode in Bewegung geraten ist. In den letzten Monaten wurde hierzu viel veröffentlicht: Die evangelische Kirche in Deutschland hat eine Orientierungshilfe vorgelegt, in der die Vielfalt der Familienformen gewürdigt wird. Die Deutsche Bischofskonferenz hat in zehn Thesen verdichtet, was eine gute Ehe ausmachen kann.

Ich bin überzeugt, das eine – die gesellschaftspolitische Perspektive – hat untrennbar mit dem anderen – der spezifisch katholischen Sicht – zu tun. Die Stimme der Christinnen und Christen ist in der gesellschaftlichen und politischen Debatte über Ehe und Familie unverzichtbar. Aber: Wenn wir gesellschaftlich gehört werden wollen, müssen wir auch kirchlich unsere "Hausaufgaben" machen.

Wir bekennen uns zum Schutz und zur Förderung von Ehe und Familie. Wir wollen dauerhaft angelegte, tragfähige, verlässliche Partnerschaften und die Wahrnehmung von Generationenverantwortung in der Familie unterstützen. Wir sehen darin Lebensqualität und Werte verwirklicht, die für jede und jeden Einzelnen und für die Gemeinschaft dienlich sind.

Es wird daher spannend sein, auch den Bildern auf die Spur zu kommen, die wir von Ehe und Partnerschaft, Familie und Generationenzusammenhalt in uns tragen. Welche Modelle treffen wir schon in der Bibel an, welche in den aktuellen Medien, welche in unseren Köpfen? Manchmal scheint es, und darin liegt auch eine Gefahr, dass Ehe und Familie, gerade in der Kirche, auf einen hohen Sockel gehoben, zum Ideal verklärt werden, neben dem die Realität nur verblassen kann.

Wir wollen den Blick in den Alltag wagen. Ehe und Familie sind auch Arbeit und manchmal richtig viel Arbeit. Ehe und Partnerschaften können scheitern. Wir treffen auf Konstellationen von Familien und Partnerschaften, die wir uns für uns selbst vielleicht nicht vorstellen können. Wir erleben, dass Partner und Familienmitglieder aneinander leiden. Und gleichzeitig erleben wir die Sehnsucht nach tragfähigen Beziehungen. 80 Prozent aller Menschen in Deutschland wünschen sich stabile Beziehungen und 80 Prozent aller Menschen in Deutschland glauben daran, dass eine lebenslange Partnerschaft gelingen kann. Wir erleben, dass Familie lebensprägend ist. In einem überschaubaren Rahmen und in verlässlichen Bindungen entwickeln Menschen ihr Gottvertrauen, und mit Menschen an ihrer Seite und als Gegenüber entwickeln sie ihre Identität. Daher wollen wir neben aller "Sockelgefahr" für dieses Modell werben, seine Strahlkraft erhalten und seine Verheißungen in die Welt hinaus tragen.

Eine solche doppelte Sicht auf die Dinge erleben wir beim Familienthema an vielen Einzelfragen: Wie wir stabile Partnerschaften würdigen und gleichzeitig die Ehe besonders hervorheben können, gehört zu diesen Fragen. Diese doppelte Sicht ist nicht einfach. Sie erzeugt eine Spannung. Sie ist eine Zu-Mut-ung. Es lohnt sich für uns sicher, den Mut aufzubringen, uns ihr zu stellen.

Die Zusammenstellung der Antworten auf den Familienfragebogen des Vatikans hat eine große Kluft aufgezeigt, zwischen den familiären Realitäten und der kirchlichen Lehre. Festgemacht hat es das Antwortschreiben der Deutschen Bischofskonferenz, in das viele tausend Einzelantworten – auch aus unserem Kreis und dem Umfeld von ZdK-Mitgliedern – eingeflossen sind, an vier Herausforderungen: Zusammenleben und Sexualität vor der Ehe,  Wiederheirat von Geschiedenen, künstliche Empfängnisverhütung und Homosexualität. Hier zeigt sich die Spannung zwischen Praxis und Lehre jeweils in besonderer Zuspitzung. Wie gehen wir nun damit um?

"Der Geist schenkt uns die Weisheit, die über die Lehre hinausgeht, um großherzig in wahrer Freiheit und demütiger Kreativität zu arbeiten." Dieses Zitat des Papstes brachte Ute Eberl, die deutsche Beobachterin der Familiensynode, mit der wir uns letzte Woche in Berlin trafen, aus Rom mit zurück. Auch in Rom war so im Gespräch, was sich in der Arbeit hier vor Ort zeigt, in den Diözesen und Verbänden und an den anderen Orten der Laien: Die Lehre entwickelt sich. Sie ist nicht statisch, sie hat sich immer schon weiterentwickelt. Mit dieser Gewissheit können wir auch das Spannungsfeld auflösen. Sie ermöglicht einen aufmerksamen Blick auf die Praxis. Und dazu können wir alle beitragen und Verantwortung übernehmen. In aller Vielfalt, in der wir hier sitzen, haben wir Erfahrungswerte, wie Beziehungs- und Familienleben gelingen kann: als Getaufte und Gefirmte, als Frauen und Männer, als Jüngere und Ältere, als Beflügelte und als Verwurzelte, als Ungeduldige, als Verletzte, als Neugierige und als Nachdenkliche. Erzählen wir uns von Beispielen gelingender Praxis!

Die heutige Beratung ist nicht der Beginn unseres Nachdenkens und unserer Diskussion. Sie werden sich an die ZdK-Vollversammlung vor anderthalb Jahren in Münster erinnern, als wir ziemlich lange darüber beraten haben, wie wir unseren Sachbereich nennen. "Familienpolitische Grundfragen" ist als Titel dann daraus geworden, weil sich zeigte, dass ein Konsens über die Detailfragen auf die Schnelle nicht erzielt werden konnte. Mit der Neueinrichtung des Sachbereiches und meiner Wahl als Sprecherin haben Präsidium und Hauptausschuss eine Arbeitsgruppe eingesetzt und uns damit beauftragt, das Thema intensiv aufzubereiten. Seit dem Frühjahr dieses Jahres haben wir in diesem Kreis dreimal getagt und legen Ihnen heute ein Thesenpapier vor. Ich danke den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Frau Dr. Gilles, Frau Hagen, Frau Jarasch, Frau Dr. Kreuter-Kirchhof, Herrn Pater Mertes, Frau Muth, Frau Müller, Herrn Tänzler und Herrn Unterländer sehr herzlich für ihre engagierte Arbeit und Hubert Wissing für die ganz ausgezeichnete Geschäftsführung. Sie merken unserem Thesenpapier vielleicht an, dass wir um viele Positionen intensiv gerungen und bei einigen Aspekten auch an unterschiedlichen Positionen festgehalten haben. Dieses aus meiner Sicht bemerkenswerte und für unsere Arbeit im ZdK wegweisende Papier war nur möglich durch die vertrauensvolle und offene Arbeitsatmosphäre. Dafür an alle nochmals herzlichen Dank!

Mit dem Thesenpapier möchten wir Sie heute in größerer Runde an diesem Gespräch beteiligen. Wir stellen Ihnen die Aussagen vor, die wir als gemeinsame Basis wichtig finden, bei denen wir uns einig sind. Insgesamt finden Sie in dem Text aber weniger Ausrufezeichen als Fragezeichen. Wir wollen damit das Gespräch öffnen und Ihre Antworten einbeziehen.

Im ersten Kapitel geht es um die Ehe im Verhältnis zu anderen Partnerschaftsformen. Ich bin der festen Überzeugung: Die Ehe zwischen Mann und Frau ist eine ganz wunderbare Form, um eine verlässliche Paarbeziehung zu leben. In ihrem verbindlichen Versprechen ermöglicht sie besondere Schutz- und Entfaltungsmöglichkeiten. Sie ist damit auch eine Verheißung. In diesem ersten Kapitel nehmen wir gleichzeitig weitere verbindlich gelebte Partnerschaften in den Blick, nichteheliche, voreheliche, auch gleichgeschlechtliche. Alle Partnerschaften, die auf Liebe und wechselseitiger Achtung der Partner gründen und stabil und auf Dauer angelegt sind, verwirklichen Werte, die uns als Christinnen und Christen wichtig sind. Es ist aber vielleicht auch kein Zufall, dass Sie in diesem Themenblock viele weiterführende Fragen finden.

Im zweiten Kapitel geht es um die Zukunftsverantwortung der Familien. Wir nehmen die Familie als Solidargemeinschaft in den Blick. Einen Schwerpunkt legen wir auf die Rahmenbedingungen für die Erziehung und das Aufwachsen von Kindern. Wir wollen Mut machen zu Kindern. Kinder sind ein Segen. Und Familien brauchen Freiräume, damit die Familienmitglieder zum Segen füreinander werden können.

Im dritten Kapitel geht es um einige ausgewählte Herausforderungen, die sich der Kirche stellen. Sie betreffen sowohl die Institution Kirche als auch jede und jeden Einzelnen von uns. Wenn wir als Kirche Ehe und Familie als Modell hochhalten, müssen wir auch etwas dafür tun, in der Pastoral, aber auch institutionell. Die Kirche muss zur Stelle sein, wenn Lebensentwürfe von Ehe und Familie scheitern. Und die Kirche kann Räume anbieten, in denen sich Paarbeziehungen und Familien entfalten können und in denen die Menschen ihre Glaubenserfahrungen teilen können.

Darüber wollen wir nun reden. Und dabei ist wichtig, wie wir miteinander sprechen, wie wir uns zuhören, Ansichten und Erfahrungen austauschen, Fragen stellen.

Bei dem heutigen Gespräch werden wir dann nicht stehen bleiben. Wir laden Sie alle ein, das Gespräch nach dieser ersten Etappe hier weiterzuführen. Nehmen Sie die Thesen mit in Ihre Verbände, Organisationen und Räte, in Ihr jeweiliges Umfeld. Gehen Sie damit auch auf Dritte zu, z.B. auf die Arbeitgeber vor Ort oder auf Ihre Priester und Bischöfe.

Wir im ZdK werden das Thema im nächsten Jahr wieder aufrufen. Anlass dazu wird auch die Fortsetzung der Weltbischofssynode bieten. Es ist eine gute Zeit, um innerhalb der katholischen Kirche zu Ehe und Partnerschaft, Familie und Generationenverantwortung miteinander im Gespräch zu sein.

"Die wahre Freiheit und die demütige Kreativität", von denen gerade schon die Rede war, wünsche ich uns nun für unseren heutigen Dialog.

 

Birgit Mock Sprecherin des ZdK für familienpolitische Grundfragen