Samstag, 22. November 2014

50 Jahre "Unitatis Redintegratio" (Dr. Ellen Ueberschär)

Vollversammlung am 21./22. November 2014

Verehrter, lieber Herr Präsident Glück, liebe Mitglieder der Vollversammlung,

Ökumene lebt von Einladungen wie diesen, deshalb möchte ich im Namen der von Herrn Dr. Braß vorgestellten Delegation sehr herzlich für diese Einladung danken.

Erinnern Sie sich noch? An das Jahr 2010? Den regenverhangene Odeonsplatz in München?
1000 Tische mit fast 20.000 Menschen fast aller Konfessionen - die gemeinsam feiern, singen – Bibel und Brot teilen, Brot – herbeigebracht von Frauen aus allen orthodoxen Gemeinden Münchens?
Christliche Gemeinschaft fand in der Gastlichkeit einer Konfession im Brot Brechen – griechisch: Artoklasie – ihr sinnenfälliges, für alle verständliches Symbol.

Und überschritt damit eine Grenze, die im Ökumenismus-Dekret noch gezogen wurde – zwischen dem Dialog mit den orthodoxen Geschwistern einerseits und den reformatorischen andererseits.

Oder denken Sie an den warmen Maitag vor dem Berliner Reichstag 2003, an die große, gläserne Taufschale neben dem Altar, in der sich das Sonnenlicht brach, an die vielen kleinen Taufschalen

die in den letzten Winkeln des Platzes segensreich und tauf-erinnernd und so gemeinschaftsstiftend weitergegeben wurden.

Weder die Tauferinnerung noch die Artoklasie, ja mehr noch, keiner der beiden Ökumenischen Kirchentage wäre möglich gewesen ohne die Erlaubnis des Konzils, sich der ökumenischen Bewegung anzuschließen. Die beiden Symbolhandlungen haben den Raum genutzt, den das Dekret eröffnet hat:

Geistlicher Ökumenismus im besten Sinne: „Je inniger die Gemeinschaft ist, die sie (i.e. die Gläubigen) mit dem Vater, dem Wort und dem Geist vereint, um so inniger und leichter werden sie imstande sein, die gegenseitige Brüderlichkeit zu vertiefen.“ (In der Ökumene sagen wir heute: Geschwisterlichkeit,  das wird sich auch in Rom noch herumsprechen. Da bin ich sicher.)

Die beiden ökumenischen Kirchentage haben die gegenseitige Geschwisterlichkeit in Gottes Wort und Geist in einer Weise vertieft, wie sie möglicherweise nur in diesem grob gesehen bikonfessionellen Land möglich sein kann –  mit seinen starken Laienbewegungen,

die lange vor dem Konzil ökumenische Verständigung gesucht haben, mit seinen vielen konfessionsverbindenen Familien, für die das Thema Ökumene nicht akademische, sondern existenzielle Bedeutung hat, mit einem religionsfreundlichen Gesellschaftsklima, das allen Konfessionen große Handlungsräume bereitstellt und eben auch Handlungsräume, die gemeinsam bespielt werden können und sollen. Der geistliche Ökumenismus, den das Konzilsdekret ausdrücklich nennt,  ist ganz wesentlich ergänzt worden um den  theologischen Ökumenismus –  Kernsätze des Glaubens sprechen wir heute gemeinsam: über Rechtfertigung und Gnade, über Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi, über die Taufe, die uns im Glauben verbindet. Über  die Freiheit, die uns aus dem Evangelium erwächst. Noch nie war so viel Ökumene! Vor allem die Laien waren es,
die eine dritte Dimension hinzugefügt haben – Den Ökumenismus des Lebens. Gemeindepartnerschaften sind gewachsen, ökumenische Gesprächskreise bis in die Dörfer hinein gegründet worden,  bewegende ökumenische Gottesdienste werden gefeiert,

und – zwei große Ökumenische Kirchentage haben wir gemeinsam auf die Beine gestellt.

Das alles gilt es zu würdigen.

Aber: Wir haben keine Zeit, ja, es sind überhaupt nicht die Zeiten, uns auszuruhen auf den Lorbeeren des Dekretes. Die Erwartungen an die Ökumene sind immer größer als das, was eingelöst ist auf dem Weg zu mehr Gemeinsamkeit. Das Ökumenismus-Dekret ist gut, aber die Realität ist schneller.

Es waren führende Politiker dieser Republik, Mitglieder des ZdK und des Kirchentagspräsidiums,
die zwei Jahre nach dem Münchner ÖKT zu einer Ökumene jetzt! aufriefen und bis heute erwarten,
dass die Ökumene aus der Inszenierung heraustritt. Getrieben von der Sorge um Europa erinnerten sie die Kirchen an ihre Verantwortung in der Vertrauenskrise Europas. Trauen sich die Kirchen und ihre stolzen Laienbewegungen den substanziellen Beitrag überhaupt noch zu, den sie zur Versöhnung Europas leisten könnten? Aufgerufen sind wir jedenfalls! Wir wissen, dass von beiden Ökumenischen Kirchentagen viel europäische Ermutigung zur Ökumene ausgegangen ist, aber haben wir es laut genug gesagt?

Ökumene ist zu einer Frage der Glaubwürdigkeit geworden. Glaubwürdigkeit, das eigene Tun zum Maßstab des eigenen Redens zu machen  – das ist im zivilgesellschaftlichen Umgang normal, für die Kirchen ist es existenziell. Glaubwürdigkeit ist das Angebot, das die Kirchen gemeinsam mit ihren Verbänden und Organisationen, mit Caritas und Diakonie machen. Glaubwürdigkeit ist der eigentliche Glaubensschatz, der nicht verschleudert werden darf.

Manche halten die verschärften Fragen nach Glaubwürdigkeit und Transparenz, die an die Kirchen gerichtet werden, für eine Folge abnehmender Kirchenbindung, es könnte auch ein Teil der Demokratisierung und der Pluralisierung orientierender Angebote sein.  Langsam, aber stetig werden die Kirchen auch in Deutschland auf einen Markt gedrängt, auf dem sie sich behaupten müssen.
Denn faktisch entwickelt sich seit Längerem eine Vielfalt von Religion in der Zivilgesellschaft,
einschließlich der Realität fast “volkskirchlicher“ A-Religiosität im Osten des Landes.

Menschen erwarten, dass das, was auf Kanzeln gepredigt und auf Kirchen- und Katholikentagen in die Gesellschaft hinein gesagt wird, auch unter Christinnen und Christen eingelöst wird.

Die Gesellschaft hat die berechtigte Erwartung, dass das, was die ökumenische Sozialinitiative in diesem Sommer als „Gemeinsame Verantwortung“ allen Bürgerinnen und Bürgern abverlangt,
auch im Miteinander der Kirchen zum Maßstab wird. So bekommt die Empfehlung des Ökumenismus-Dekrets, den ökumenischen Dialog mit „der Anwendung des Evangeliums auf dem Bereich der Sittlichkeit zu beginnen“, ganz neue Bedeutung. Denn die Themen der Sittlichkeit liegen nicht außerhalb, sondern auch innerhalb der Kirchen – moralische Maßstäbe, Anforderungen an Transparenz der Entscheidungen und der Finanzen werden inner- und außerhalb der Kirchen angelegt. Und hier sitzen wir alle miteinander in demselbem Boot. Es gibt keine Profilierung auf Kosten des jeweils Anderen. Alles, was auf Kosten der Glaubwürdigkeit des Evangeliums geht,
wird von allen geteilt.  Die Herausforderung der kommenden Jahre wird darin bestehen,
über das Konzilsdokument hinauszugehen –  von der Erlaubnis-Ökumene zum gemeinsamen Tun des Gerechten zu kommen. Die Bonhoeffersche Formulierung vom Beten und Tun des Gerechten ist ein anderer Ausdruck für glaubwürdiges Sprechen und Handeln in einer säkular geprägten und
multireligiös durchwachsenen Gesellschaft. Das ist leichter gesagt als getan. Wir erleben, dass auf die abnehmende gesellschaftliche Relevanz der Kirchen, die wir beklagen und der wir entgegenarbeiten,
die sich aber nicht leugnen lässt, mit verstärkter Profilbildung, mit Klarheit der je eigenen konfessionellen Botschaft geantwortet wird. Das scheint – trotz aller Ökumene –  zu funktionieren in einem Land, in dem die kulturelle Selbstverständigung durch Jahrhunderte über die Abgrenzung gegenüber der je anderen Konfessionen funktionierte. Meine eigene Großtante berichtete mir davon, wie sie in den 1930er Jahren mit ihrer Magdeburger Volksschulklasse die katholischen Jungen versemmelt hatte. Und meine Großmutter konnte noch in den 1970er Jahren beim sonntäglichen Blick aus ihrem sächsischen Küchenfenster empört ausrufen: Die Adventistin hat die Wäsche draußen! Aus dem Rheinland gibt es noch ganz andere Geschichten zu erzählen! Selbstverständlich waren diese und ähnliche konfessionskulturelle Äußerungen auch in intellektuellen Höhenlagen zu haben.  Wir sind darüber weit hinaus – meinen wir! Aber zu wenig kommt in den Blick, dass ein ökumenisches Herangehen nicht das Problem, sondern die Lösung ekklesiologischer und theologischer Reformthemen sein kann. Regelmäßig auf Katholiken- und Kirchentagen kommt dieser Ansatz zur Sprache. So hat zum Beispiel der damalige Braunschweiger Landesbischof Weber nicht auf dem Kirchentag, sondern: beim Katholikentag in Mannheim angeregt, an Sonntagen in Regionen mit  Priester- und Pastorinnen-Mangel gemeinsame Wort-Gottes-Feiern zu halten. Das würde das gemeinsame Zeugnis stärken und die Ökumene zu einem Teil der Lösung gemeinsam-kirchlicher Probleme werden lassen.

Gerade in Fragen der gesellschaftlichen Glaubwürdigkeit, der Sichtbarkeit und Präsenz von Kirche in der Öffentlichkeit werden die Register der konfessionellen Profilbildung gezogen. Dabei sprechen die historischen Erfahrungen des 20., des ökumenischen Jahrhunderts, eine ganz andere Sprache. Es war die selbstverständliche ökumenische Gemeinschaft von Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen, die zur Überwindung der kommunistischen Diktaturen beigetragen hat – in den Bürgerbewegungen der DDR ist nicht nach der Konfession gefragt worden, die evangelischen Kirchen standen auch katholischen Gemeindegliedern offen. Den Freiheitsbedrohungen- und beraubungen wurde nicht mit konfessioneller Profilierung wiederstanden, sondern in ökumenischer Gemeinschaft. Mit Ökumene wird mehr an Glaubwürdigkeit gewonnen als verloren. Das alles liegt auf der Hand, aber es scheint schwer, die mentalen Tiefenschichten konfessioneller Selbstverständigung zu verändern und die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts in das konfessionskulturelle Gedächtnis einzuspeisen und zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Das Ökumenismus-Dekret ist gut, aber das kollektive Gedächtnis ist langsamer.

Das offenbart leider auch die interkonfessionelle Debatte der letzten Monate über die Frage,
ob und was es 2017 zu feiern gibt. Ich erinnere mich sehr dankbar an Ihren Besuch, lieber Präsident Glück, auf der Präsidialversammlung in Fulda,
auf der Sie Sätze sagten, die sich jetzt als profetisch herausstellen:
„Unsere eigene Identität bewahren zu wollen,
ist eigentlich ein vernünftiges und nachvollziehbares Anliegen.
Aber in einer Zeit, in der wegen der vielen Veränderungen
besondere Sorge oder Angst vor dem Verlust von Identität aufkommen,
kann das natürlich auch sehr schnell blockierend wirken.
Sorge um das eigene Profil und Kirchenpolitik drohen dann wichtiger zu werden als das Gebot Jesu,
die Einheit der Christen anzustreben und zu verfolgen.“ Das ist eine wunderbare Beschreibung dessen, was gerade vorgeht, und besonders in der Reaktion auf den Grundlagentext des Rates der EKD mit dem Titel „Rechtfertigung und Freiheit“ zu lesen und zu hören war. Der Streit um die Deutung des Geschehens, das Reformation genannt wird, hält an. Ich will ihn hier nicht wiederholen, sondern darauf hinweisen, dass es die konfessionelle Kleingeisterei war, gegen die Reinold von Thadden, der Gründer des Kirchentages, sein Leben lang anarbeitete und dieses zum Vermächtnis seines Lebenswerkes machte. Deshalb wählte er das Jerusalemkreuz als Zeichen für den Kirchentag.

Unter dem einen Kreuz sind vier kleine vereint: Für von Thadden standen die kleinen Kreuze
für die Einheit von lutherischen, reformierten, unierten und altkatholischen Kirchen. Das bedeutete keineswegs, dass von Thadden sich für die evangelisch-römisch-katholische Ökumene nicht interessierte – im Gegenteil: seit Beginn der 1950er Jahre pflegte er enge Kontakte zum damaligen Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. 1957 wurde vereinbart, Katholiken- und Kirchentage alternierend zu feiern. Seitdem gehört dem Kirchentag das „krumme“ und Ihnen, liebe Vollversammlung,  das „gerade“ Jahr.

In der Debatte, die zu der ökumenischen Dichte, die wir erreicht zu haben glauben, gar nicht passen will, sind besonnene Stimmen wie die von Dorothea Sattler selten und daher um so wertvoller und wohltuender: Von ihr stammt die Entdeckung, dass diejenigen immer zuerst die Erfolglosigkeit ökumenischer Dialoge konstatieren, die „sich selbst den Mühen einer ökumenischen Verständigung nie unterzogen haben“.[1] Wir hier  Versammelten haben das getan und tun es noch. Auf keiner Seite haben wir uns die Entscheidung leicht gemacht, auf einen Dritten Ökumenischen Kirchentag im Jahr 2017 zu verzichten. Es war ein Akt der Glaubwürdigkeit, an dieser Stelle einzugestehen, dass die Widerständigkeiten auf allen Seiten den Erfolg eines solchen Unternehmens gefährdet hätten.
Im gleichen Atemzug haben wir aber beschlossen, das Jahr 2017 nicht vorübergehen zu lassen,
ohne ein ökumenisches Zeichen zu setzen. In der kommenden Woche tagen die Präsidiumsdelegationen von ZdK und Kirchentag, um über eine ausstrahlungsstarke Aktion zu entscheiden. Zudem hat die besagte Präsidialversammlung im November 2011 beschlossen,
 „einen starken ökumenischen Impuls bei allen, vom Kirchentag im Jahr 2017 verantworteten Projekten zu setzen.“ Und so möchte ich, auch im Namen der Präsidentin für den 2017er Kirchentag,  der Schweizer Theologin Christina Aus der Au, an dieser Stelle die Einladung aussprechen,
nach kreativen Ideen zu suchen, wie wir den Kirchentag in Berlin mit dem Kirchentag auf dem Weg in 6 Städten Mitteldeutschlands im Mai 2017, zu einem Ereignis spürbarer und glaubwürdiger Ökumene werden lassen.  Denn Ökumene heißt heute:
Verantwortungsgemeinschaft für das Erbe und die Zukunft des Christentums. Die Konfessionen in Deutschland stehen sich nicht gegenseitig in der Schuld, sondern miteinander in dieser Verantwortungsgemeinschaft.

Und wenn Johanna Rahner der Meinung ist: zu beschreiben, was protestantisch ist, gelänge nicht,
ohne sich am Katholizismus abzuarbeiten, dann denke ich: Ja, genau. So ist es. Und umgekehrt ist es nicht anders. Keine Konfession kann sich selbst ohne die andere beschreiben. Dafür hat das Ökumenismus-Dekret die Tür aufgestoßen. Das Christentum ist vielfältig in seinen Lebensäußerungen und deshalb müssen sie aufeinander bezogen bleiben. Insofern möchte ich uns gemeinsam ermuntern, das Konzilsdokument in einem wichtigen Punkt neu zu interpretieren. Es mahnt, jede Leichtfertigkeit wie auch jeden unklugen Eifer zu meiden, die dem wahren Fortschritt der Einheit nur schaden können. (U.R. §24) Aber uns täte ein wenig Leichtfüßigkeit und vor allem  – kluger! Eifer für die Sache der Ökumene gut!

 

 

 

 

 

 



[1] Gastbeitrag 29.7.2014, katholisch.de

Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin DEKT