Dienstag, 24. Mai 2016

Bericht zur Lage (Prof. Dr. Thomas Sternberg)

Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 24./25. Mai 2016

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitglieder der ZdK-Vollversammlung, Schwestern und Brüder,

ein halbes Jahr ist vergangen seit der letzten Vollversammlung, ein halbes Jahr, das für mich mit zahlreichen Begegnungen und Erfahrungen im neuen Amt des ZdK-Präsidenten verbunden war. Die Themen, die für unsere letzte Versammlung besonders prägend waren, haben uns in dieser Zeit begleitet.

Wir standen damals unter dem Eindruck des schrecklichen islamistischen Terrors, der uns durch die Anschläge in Paris so nah gekommen ist. Kurz vor Ostern folgten die Anschläge von Brüssel, und seit Wochen vergiftet die Feindseligkeit gegenüber den in Deutschland lebenden Muslimen die politische Debatte. Das Thema Dialog mit dem Islam steht im Zentrum unserer heutigen Sitzung.

Wir haben uns mit der Situation der Flüchtlinge und der Herausforderung ihrer Aufnahme in Deutschland befasst. Nach den Vorfällen der Silvesternacht scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung so, als sei die Stimmung der Willkommenskultur stark gedämpft worden. Dass die Stimmung in Deutschland nicht völlig gekippt ist, ist nicht zuletzt den hunderttausenden christlicher Frauen und Männern zu verdanken, die sich ehren- und hauptamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Sie geben dem abstrakten Thema ein je individuelles Gesicht. Ihnen gilt hier und heute ein herzlicher Dank.

Momentan kommen viel weniger Flüchtlinge zu uns, aber um den Preis eines nicht unproblematischen Abkommens der EU mit der Türkei. Und die Grundprobleme sind weder in den Kriegsgebieten noch in den Ländern gelöst, in denen eine völlige Perspektivlosigkeit Hunderttausende von Menschen die Flucht nach Europa als einzigen Ausweg suchen lassen. Schwestern und Brüder: die Eine Welt ist angekommen! Wir können die Internationale Soziale Frage nicht mehr ignorieren; sie steht auf der politischen Tagesordnung!

Wir haben die Familiensynode zum Thema gemacht. Bei diesem dritten Schwerpunkt der Herbstvollversammlung sind wir zuversichtlicher gestimmt. Inzwischen hat Papst Franziskus sein nachsynodales Schreiben "Amoris laetita – Die Freude der Liebe" veröffentlicht. Dieser Text ist ein Paradigmenwechsel. Er zeigt auf, dass der oberste Leitsatz der Kirche die Barmherzigkeit als Antwort auf Gottes Barmherzigkeit ist. Mit diesem Text findet eine Wiederannäherung des Lehramtes an das Leben der Gläubigen in Fragen von Ehe und Partnerschaft statt, nach dem Bruch, der nicht zuletzt beim Katholikentag 1968 und bei der Fragebogenaktion vor drei Jahren deutlich wurde. Das gilt auch für den pastoralen Umgang mit Wiederverheirateten, der eine vielfach geübte Praxis der Gemeinden vor Ort ins offizielle Recht setzt.

Papst Franziskus spricht sich in dem Schreiben an mehreren Stellen für eine "Logik der Integration" aus. Er unterscheidet dazu zwei Logiken, die die Kirchengeschichte prägen: "ausgrenzen und wiedereingliedern" (AL 296). Die "Logik der Integration" müsse der Schlüssel der pastoralen Begleitung der Getauften sein, die geschieden und zivil wiederverheiratet sind. (AL 299)

Die Logik der Integration – das ist weit mehr als eine pastorale Maßgabe. Integration möchte ich auch zum Leitbegriff und zur Richtungsanzeige für unsere gesellschaftliche und politische Lage zu machen, und so soll die Logik der Integration auch der rote Faden dieses Berichts sein.                            

Gegen die Unheilspropheten, gegen die Pessimisten in Kirche, Gesellschaft und Politik wollen wir ja sagen zu einer veränderten und sich weiter verändernden Gesellschaft, wollen die Herausforderungen annehmen statt sie abzuwehren und dabei alle Menschen guten Willens einladen und mitnehmen.

Die AfD als Herausforderung für unsere Demokratie

Viele der politischen Unheilspropheten dieser Tage haben sich in der so genannten "Alternative für Deutschland" zusammengefunden. Diese Sammlungsbewegung sehr unterschiedlicher Menschen ist inzwischen in mehrere Landtage und zahlreiche kommunale Parlamente eingezogen und auch im Europäischen Parlament vertreten. Ein Grund dafür ist sicher auch das verbreitete Unbehagen an großen Koalitionen, wo eine starke Stimme der Oppositionskritik fehlt.                                                    

Vor einigen Wochen hat die AfD ein Grundsatzprogramm beschlossen, das immer noch nicht formuliert ist, aber viele Befürchtungen bestätigt hat: Die AfD grenzt aus, sie will spalten statt zu integrieren. Wenn man den Leitantrag zu dem Programm studiert, fällt zunächst, auf den ersten Seiten, auf: Die AfD lehnt das bestehende politische System ab. Sie mutmaßt verschwörungstheoretisch, Deutschland werde von einer kleinen, machtvollen Führungsgruppe in den sogenannten Altparteien gelenkt. Sie stellt Kernsätze des Grundgesetzes zur Disposition. Sie will den Sozialstaat drastisch zurückbauen. Sie will in vielen Bereichen zurück in eine vermeintlich "gute alte Zeit" und glaubt, man könne ungeliebte gesellschaftliche Veränderungen durch politische Entscheidungen aufhalten.

Das hierin zum Ausdruck kommende Misstrauen gegenüber den etablierten Akteuren und Strukturen unserer Demokratie ist eklatant. Dem müssen wir etwas entgegensetzen:

  • Es ist ein hohes Gut, dass wir durch die gründliche Meinungsbildung in Parteien und Parlamenten, flankiert von der kritischen Berichterstattung in den Medien und kontrolliert durch eine unabhängige Rechtsprechung, in verlässlicher und auch berechenbarer Weise politisch handlungsfähig sind.
  • Es ist ein hohes Gut, dass wir durch politische Aushandlungsprozesse zu tragfähigen Kompromissen kommen. Und als Kirchenvertreter sage ich – mit einem Blick nach Polen und Ungarn – auch ganz deutlich: Es ist besser, wenn wir in einem transparenten und fairen parlamentarischen Verfahren zu Kompromissen kommen, die uns als "kleineres Übel" erscheinen mögen, als wenn wir um den Preis der systemischen Unfreiheit zu vermeintlich besonders katholischen Gesetzen kommen.
  • Wenn das christliche Abendland beschworen wird, halte ich dagegen: Es muss uns um das Christliche im Abendland gehen. Fragen wir, was zu diesem kulturellen Erbe gehört! Das sind nicht zuletzt Menschlichkeit, Sozialordnung, Menschenwürde, Dialog und Integrationsfähigkeit. Dazu gehört auch die Übereinkunft zu demokratischer Willensbildung. Wir dürfen uns die Qualität der parlamentarischen Demokratie nicht schlechtreden lassen, sondern müssen diese Strukturen immer aufs Neue mit Leben füllen!

Am augenfälligsten zeigt sich die gesellschaftliche Spaltungswirkung aber beim Umgang mit dem Islam und mit Religion insgesamt. Denn es wird nicht allein die öffentliche Präsenz des Islam angefeindet. Das Parteiprogramm ist durchzogen von einem generellen Misstrauen gegenüber Religionen. Wer den islamischen Religionsunterricht ablehnt, entzieht auch dem christlichen seine Legitimationsbasis. Die AfD legt die Axt an die Wurzel der bewährten religionsfreundlichen Ordnung in Deutschland. Fast zeitgleich hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration, dessen Vorsitzende Prof. Dr. Christine Langenfeld in der letzten Vollversammlung zu uns gesprochen hat, in seinem Jahresgutachten dringend die institutionelle Integration des Islam empfohlen – als Aufgabe für den Staat und die muslimischen Gemeinschaften.

Dialog der Religionen und Religionsfreiheit

Damit bin ich beim Thema Religionen. Für die Integration von Menschen fremder Religion ist die Glaubensverwurzelung der Gesprächspartner kein Nachteil, sondern ein Vorteil: gerade überzeugte christliche Frauen und Männer können solche Dialoge führen. Die integrative Kraft von Religion kommt auch dann zum Tragen, wenn die Zugehörigkeit zur religiösen Gemeinschaft auch die zur Gesellschaft fördert, indem sie zum Beispiel bürgerschaftliches Engagement aktiviert. Zugleich gibt es aber auch das Potential religiöser Überzeugungen zu Ausgrenzung und Abschottung – wir kennen dieses Phänomen auch von unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften.

Wir müssen uns heute mehr denn je um die positiv-integrative Kraft und den Dialog der Religionen bemühen, von denen die Gesellschaft insgesamt profitieren kann. Ich danke in diesem Zusammenhang schon jetzt ganz ausdrücklich unserem Gesprächskreis Christen und Muslime, dessen Vertreterinnen im Laufe des Nachmittags noch ausführlich zu Wort kommen werden, für die Erklärung "Keine Gewalt im Namen Gottes! Christen und Muslime als Anwälte für den Frieden". Ich denke, diese Erklärung wird zur Versachlichung der öffentlichen Debatte beitragen.

Mit den islamischen Gemeinden gehen wir gegen die Pervertierung des Islam durch Terrorismus vor. Es gibt die Vorwürfe, der Islam sei grundsätzlich gewaltbereit und die Gewalt, die von den Taliban und dem so genannten IS ausgeht, sei ein Wesensmerkmal des Islam. Das ist nicht so! Die ganz große Mehrheit der Muslime lehnt diese Gewalt ab. Und Massenmord ist von keiner der Religionen in der Tradition Abrahams je legitimiert gewesen.

Wir stehen für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit ein, in unserem Land und weltweit. Dieses unveräußerliche Recht wird weltweit vielfach verletzt und mit Füßen getreten. Für uns Christen ist besonders bedrückend und erschütternd, dass viele unserer Schwestern und Brüder in Syrien, im Irak, in Nigeria und anderen Ländern unter dem Terror und der Brutalität extremistischer Gruppen leiden. Sie werden in dem Land, in dem sie seit 2000 Jahren leben und davon seit 1300 Jahren in einer islamischen Mehrheitsgesellschaft, verfolgt, vertrieben, ermordet. Ich wiederhole und bekräftige hier die Worte unserer Solidaritätserklärung von 2014: Eure Not lässt uns nicht gleichgültig! Euer Leid ist auch unser Leid! Wir beten mit euch für Frieden und Versöhnung!

Menschen, die aus politischen und religiösen Gründen drangsaliert und verfolgt werden und in Deutschland Schutz suchen, sollen sich willkommen fühlen und nach unsäglichem Leid wieder ein menschenwürdiges Leben führen können. In diesem Zusammenhang erreichen uns im ZdK immer wieder Aufforderungen, uns für eine getrennte Unterbringung von christlichen und muslimischen Flüchtlingen in Erstaufnahmeeinrichtungen einzusetzen, unter Verweis auf Übergriffe durch muslimische Flüchtlinge oder Mitarbeiter an Christen. Die bekannt gewordenen Fälle sind sehr vielgestaltig und reichen von echtem Hass auf das Christentum bis hin zu Rivalitäten im Alltagsleben in engen Unterkünften. Dies soll nichts verharmlosen, aber man muss differenzieren. Für mich ist völlig unstrittig, dass sich in den Aufnahmeeinrichtungen alle Bewohner an die Hausordnung unseres Landes zu halten haben, und dass diese Hausordnung auch durchgesetzt werden muss. Wo dies angesichts der großen Herausforderung, die die kurzfristige Versorgung der geflüchteten Menschen mit Wohnraum bedeutet, nicht ausreichend geschehen ist, muss unverzüglich nachgebessert werden. Nach allem, was wir bislang wissen, kann nicht von einem systematischen, flächendeckenden Versagen die Rede sein. Doch jeder einzelne Fall ist einer zu viel.

Ich rufe die christlichen Gruppen vor Ort auf, diese Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und darauf zu dringen, dass Fällen von religiös und auch anders motivierter Drangsalierung in den Unterkünften nachgegangen wird. Wir stehen selbstverständlich auch an der Seite derer, die unter Drangsalierungen zu leiden haben! Zugleich müssen wir aber auch an dieser Stelle, analog zur Frage des islamistischen Terrors, betonen: Es sind nicht einfachhin die Muslime und ursächlich für die Übergriffe ist nicht der Islam, die Problematik ist weitaus vielschichtiger zu betrachten. Pauschale Verallgemeinerungen sind brandgefährlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und bewirken das Gegenteil von Integration.

Integration von Zuwanderern – Fördern und Fordern

Die große Aufgabe im Moment ist die Integration der bei uns angekommenen Menschen. Bei vielen müssen und sollten wir davon ausgehen, dass sie über die großzügige Erstaufnahme hinaus dauerhaft das Aufenthaltsrecht in Deutschland erhalten und hier bleiben werden. Auch aus diesem Grund muss es unser aller Interesse sein, den Weg dafür bereiten, dass zugewanderte Menschen sich zugehörig fühlen können, ob sie als Flüchtlinge kommen oder auf anderen, geregelten Wegen. Für die Zugehörigkeit kommt es primär darauf an, die deutsche Sprache zu erlernen, Bildungschancen zu ergreifen und in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Teilhabe durch Sprache, Bildung und Arbeit – darauf muss unsere Integrationspolitik zuvorderst fokussiert sein. Nicht zuletzt gelingt Integration über kulturelle Formen. Und dies nicht mit Texten und Erklärungen, sondern im gemeinsamen Tun – denn auch für die Integration gilt, was man von der Erziehung sagt: 'sie machen doch alles nach' – welches Bild von Deutschland präsentieren wir den neu zu uns Gekommenen?

Integration und Zugehörigkeit, das ist immer ein Geben und Nehmen, mit Rechten und Pflichten verbunden. Die Bundesregierung hat vereinbart, dem Bundestag ein Integrationsgesetz vorzulegen, in dem das Fordern und Fördern näher bestimmt wird. Diesen Schritt begrüße ich. Doch es bleibt Sorge, dass das Fordern zu sehr nach einem festen Regelkatalog beurteilt wird und zu wenig auf die individuellen Lebensumstände der Betroffenen eingegangen wird. Daher ist es unbedingt notwendig, die vielen zivilgesellschaftlichen Akteure, darunter auch viele katholische Organisationen, mit ihrer hohen Expertise und ihrem starken Praxisbezug bei diesem Gesetzesvorhaben zu beteiligen. Nur dann können die Anforderungen und die erforderliche Infrastruktur realitätsgerecht bestimmt werden.

 

Europäische Integration am Scheideweg

Während es auf dem einen Feld der Integrationspolitik also einen Aufbruch geben kann, mache ich mir an anderer Stelle große Sorgen um einen Integrationsabbruch: im Blick auf Europa. Über Jahrzehnte ging es stets in die Richtung einer immer engeren Verbindung der EU-Mitgliedsstaaten. Der Motor der europäischen Integration kam zwar manches Mal ins Stottern, aber er ist immer wieder angesprungen.

Doch welches Bild bietet die Europäische Union in diesen Tagen? Wir sehen Uneinigkeit in der Asyl- und Flüchtlingspolitik. Deutschland scheint mit seinem an humanitären Grundsätzen orientierten Agieren in der Flüchtlingskrise mehr und mehr isoliert zu sein. Die von der österreichischen Regierung vollzogene Wende sei hier nur exemplarisch genannt. Ich will die Gelegenheit nutzen, die Bundesregierung und namentlich Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut auf ihrem Weg und in ihrem Kurs zu bestärken. Es ist und bleibt richtig, für europäische Lösungen einzutreten.

In der Vergangenheit gehörte das ZdK in den schwierigen Phasen der europäischen Einigung immer zu denjenigen, die gesagt haben: Nicht weniger, sondern mehr Europa ist die Lösung. Und das möchte ich auch in dieser schwierigen Situation noch einmal bekräftigen. Wir müssen aktuell vorrangig bemüht sein, den erreichten Status Quo zu halten – die offenen Grenzen im Schengen-Raum, die gemeinsame Währung und nicht zuletzt die Mitgliedschaft Großbritanniens in der Gemeinschaft. Die Grundlage dafür ist und bleibt unsere Überzeugung, dass nur die europäische Einigung langfristig Frieden und Wohlstand ermöglicht. Glaube doch niemand, dass die Rückkehr zu nationalistischer Politik eine Lösung wäre – ja überhaupt noch möglich wäre! Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Europa!

Es ist dringend an der Zeit, die vollzogenen politischen Integrationsschritte nun auch auf der Ebene der europäischen Bürgerinnen und Bürger nachzuvollziehen, die europäische Integration zu konsolidieren und zu verinnerlichen. Als christliche Frauen und Männer haben wir die Losung "mehr Europa" immer schon mit der konkreten Selbstverpflichtung zu mehr Europa auch bei und durch uns verbunden. Es kommt auf viele kleine Beiträge an, dieses Europa mit Leben zu füllen, die Zugehörigkeit spürbar und erlebbar zu machen.

Ich selbst hatte in den vergangenen Wochen einige eindrucksvolle Begegnungen: die Teilnahme an der Verleihung des Karlspreises an Papst Franziskus in Rom – ein großes Hoffnungszeichen für unseren Kontinent; ein Gespräch in Brüssel mit unseren französischen Freundinnen und Freunden von den Semaines Sociales de France und in Wien Begegnungen mit den gleichfalls in Freundschaft verbundenen ZdK-Partnerorganisationen in Österreich. Und mit einem dritten Nachbarn in Europa, mit Polen, werden wir auf allen Ebenen unsere Partnerschaften einigen politischen Merkwürdigkeiten zum Trotz erneuern.

Bitte nutzen auch Sie alle in den Verbänden und Räten Ihre Kontakte und bleiben Sie im Gespräch mit den Partnern in Europa! Katholiken bilden die wohl größte Gruppe in Europa, doch wieviel kennen wir von- und übereinander? Diese Begegnungen und Partnerschaften sind immer persönlich bereichernd; aus vielen kleinen Bausteinen entsteht das Mehr an Europa, das wir wollen. Ohne die persönliche Begegnung kann Europa nicht wachsen, bleibt das gemeinsame Haus Europa ein Kartenhaus, das den aktuellen Stürmen offensichtlich nicht trotzen kann.

Mit Frankreich, Polen und Österreich habe ich bewusst drei Nachbarländer genannt, deren politische Kultur in den vergangenen Jahren eine bedenkliche Entwicklung genommen hat. Umso wichtiger ist es, auf der Ebene der Zivilgesellschaft das Verbindende zu suchen und zu pflegen. Aus diesem Grund bin ich froh und dankbar, dass wir mit der Katholischen Aktion Österreichs eine gemeinsame Initiative vereinbart haben, über die Sie alle schon gesondert informiert wurden. Wir werden zusammen mit Renovabis im Frühherbst, am 30. September bis 2. Oktober, in Klagenfurt, eine gemeinsame Tagung zur Flüchtlingspolitik durchführen. Zu dieser Tagung mit dem Titel "Ich war fremd, und Ihr habt mich aufgenommen" gehört auch ein Besuch an der Grenze zwischen Österreich und Slowenien. Wir stellen uns hier ganz klar an die Seite unserer österreichischen Partner, die auch nach dem Kurswechsel ihrer Regierung für Willkommenskultur und offene Grenzen eintreten, und wollen ein Signal geben für eine grenzüberschreitende Solidarität der europäischen Katholiken – untereinander und mit denen, die auf der Flucht sind.

Integration als Querschnittsaufgabe – Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Integration ist das Gebot der Stunde. Wenn Integration auf die Erfahrung von Zugehörigkeit zielt, geht es auch um die Menschen, die Angst vor einem sozialen Abstieg haben, die sich sozial und politisch abgehängt fühlen. Erfahrungen sozialer Desintegration bewirken auch eine Entfremdung von den Volksparteien und Zulauf bei links- und rechtsextremen Gruppierungen. Das heißt, dass wir diese Enttäuschten und Abgehängten mit ihren Ängsten nicht verloren geben dürfen.

Der Schlüssel dazu ist aber nicht eine restriktive Asyl- und Flüchtlingspolitik. Es geht vielmehr darum, politische Maßnahmen zu ergreifen und Prioritäten zu setzen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt aller Bürgerinnen und Bürger stärken und fördern. Ich nenne dazu exemplarisch zwei Politikfelder:

  • Bildungspolitik ist die beste präventive Sozialpolitik. Das Bildungswesen, schulisch wie außerschulisch, muss als die zentrale gesellschaftliche "Integrationsagentur" anerkannt und ausgestattet werden. Hier entstehen Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe, auch für die spätere Arbeitsmarktintegration. Es werden aber auch viele Chancen verpasst, wenn zwar alle möglichen und unmöglichen Erwartungen an Schulen und Ausbildungsstätten gerichtet werden, die Akteure dann aber mit den vielen Aufgaben und Herausforderungen alleingelassen werden und das Geld an den nötigen Stellen fehlt. Viele Kinder und Jugendliche brauchen eine intensivere Förderung, sie brauchen jemanden, der sie auf dem Weg in ein selbstverantwortetes Leben an die Hand nimmt, sie dabei auch mal anschubst – das betrifft die Schülerin mit besonderem Förderbedarf ebenso wie den Schüler aus einer bildungsfernen Familie und die Schülerin mit Migrationshintergrund und noch wenig Deutschkenntnissen. Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, unser Mitglied Prof. Georg Cremer, hat es vor wenigen Tagen in einem bemerkenswerten Artikel so ausgedrückt: Es geht darum, dass junge Menschen die Chance erhalten, ihre Potentiale zu entdecken und zu entfalten, um ein gelingendes Leben zu führen.
  • In einem anderen sozialpolitischen Themenfeld sind in den vergangenen Wochen viele Abstiegs- und Zukunftsängste zutage getreten, nämlich in der neu aufgeflammten Rentendebatte. Sie dreht sich meist um die noch nicht der heutigen, aber künftigen Rentnergenerationen drohende Altersarmut. Die Absenkung des Niveaus der gesetzlichen Rente wird ab 2030 zu einem deutlich erhöhten Anteil von Rentnerinnen und Rentnern führen, die eine Rente unterhalb des staatlichen Grundsicherungsniveaus erhalten werden. Die Gründe sind meist langjährige Beschäftigung im Niedriglohnsektor oder längere Erwerbsunterbrechungen durch Arbeitslosigkeit oder Familienaufgaben. Diese Versicherten werden dann bei Fehlen anderer Einkommensarten auf die Aufstockung der Rente aus Steuermitteln angewiesen sein. Ihre Rente, die doch die Lebensleistung honorieren soll, reicht allein nicht zum Leben. Diese Entwicklung darf uns nicht kalt lassen! Denn wenn das Vertrauen in die Alterssicherung schwindet, ist das ein gravierendes Potential für Desintegration und Entfremdung.

Es ist in meinen Augen der falsche Lösungsansatz, frühere rentenpolitische Reformschritte einfach rückgängig zu machen. Ebenso falsch ist es, die Ergänzung der gesetzlichen Rentenversicherung durch staatlich geförderte betriebliche und private Zu            satzvorsorge vor dem aktuellen Hintergrund fehlender Zinserträge schlecht zu reden. An die Alterssicherung der Zukunft muss nicht nur der sozialethische und sozialpolitische Maßstab der Armutsvermeidung, sondern auch der Maßstab der Generationen      gerechtigkeit angelegt werden. Die Bekämpfung von Altersarmut darf nicht einseitig zulasten derjenigen erfolgen, die noch über Jahrzehnte die ohnehin steigenden Rentenbeiträge aufzubringen haben.

Ich bin der Sprecherin des ZdK-Sachbereiches Wirtschaft und Soziales Hildegard Müller dankbar, dass sie in diesem im Jahr der Bundestagswahlen vermutlich intensiv diskutierten Themenfeld die unterschiedlichen Stimmen und Perspektiven innerhalb des ZdKs an einen Tisch bringen wird.

Wie weiter nach und mit "Amoris laetitia"?

Die wichtigsten Voraussetzungen für gelingende Bildungsprozesse und auf lange Sicht auch für eine funktionierende Rentenversicherung liegen schon in den Familien. Sie leisten als primärer Ort der Sozialisation und der Herzensbildung einen unverzichtbaren, gleichwohl häufig unterschätzten und als selbstverständlich verbuchten Beitrag.

Diese überragende Bedeutung hat Papst Franziskus in seinem Schreiben "Amoris laetitia" betont, das mit der Betonung der Logik der Integration mein Ausgangspunkt war und zu dem ich jetzt zurückkehre. Wir blicken hier natürlich mit besonderer Aufmerksamkeit auf die Fragen, die den katholischen Frauen und Männern in Deutschland im Prozess der Familiensynode und schon viele Jahre vorher besonders wichtig waren: Was bedeuten die Logik der Integration und das Gesetz der Barmherzigkeit für die pastorale Begleitung und Anerkennung der Lebens- und Familienformen, die nicht oder nicht mehr dem anspruchsvollen kirchlichen Ideal der lebenslangen, ausschließlichen und für Kinder offenen Ehe entsprechen können?

Der Paradigmenwechsel, den Papst Franziskus mit Amoris laetitia vollzieht, kommt am besten zum Ausdruck in der Sympathie und Anteilnahme, mit der er auf die Menschen und die Familien dieser Zeit schaut, so wie sie sind, mit ihren Stärken und Schwächen. Er urteilt nicht von oben herab, sondern nimmt wirklich Anteil am Leben der Familien: an der Liebe der Paare, an den Höhen und Krisen einer Ehe, an der großen Herausforderung der Erziehung von Kindern. Als wollte er uns zurufen: Seht, da sind die Menschen!

Aber der Text lässt – offenbar sehr bewusst – auch manche Frage unbeantwortet. Das Schreiben eröffnet den Bischöfen hier einen Ermessensspielraum. Konkrete pastorale Entscheidungen sollen in den Diözesen und von den Seelsorgern vor Ort verantwortungsvoll getroffen werden. Dies betrifft insbesondere die pastorale Begleitung von geschiedenen und zivil wiederverheirateten Gläubigen, bis hin zur Frage nach der Zulassung zu den Sakramenten. Der Papst hat in seinem Schreiben die Spielräume bestätigt, auf die sich im letzten Herbst sein Beratungsgremium, die Bischofssynode, auch dank des bedeutenden Beitrags der deutschsprachigen Bischöfe und Kardinäle verständigt hatte. Es ist mir ein Anliegen, den Mitgliedern der deutschen Sprachgruppe, insbesondere den drei Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, Erzbischof Koch und Bischof Bode, abermals für ihre kluge theologische Wegbereitung zu danken.

Nun ist es wiederum an den deutschen Bischöfen, die Initiative zu ergreifen. Es bedarf nun eines gesicherten Rahmens und Verfahrens, innerhalb dessen die Seelsorger verantwortlich handeln können. Wünschenswert wäre ein für die deutschen Diözesen einheitlicher Rahmen. In jedem Fall fangen wir hier aber nicht bei Null an. Ich erinnere daran, dass in der Erzdiözese Freiburg seit Herbst 2013 mit den dort erarbeiteten Seelsorge-Leitlinien bereits ein offenbar begehbarer Weg geebnet und erprobt wurde. Die Trierer Bistumssynode hat kürzlich beschlossen, ebenfalls eine verbindliche Handreichung mit Ritualen und Gebeten für wiederverheiratete Gläubige zu entwickeln.

Mit Blick auf die Themen, die das ZdK im letzten Jahr besonders beschäftigt haben, können wir uns weiterhin sehr über die Ankündigung der Trierer Bistumssynode freuen, auch ein pastorales und liturgisches Angebot für gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu entwickeln. Das sind hoffnungsvolle Impulse – und eine Bestätigung für unser mitunter als unbequem empfundenes Agieren.

Seit Jahr und Tag treten wir ein für die Weihe von Diakoninnen und unterstützen das Netzwerk, das die vor vierzig Jahren unbeantwortet gebliebene Frage seit 20 Jahren immer wieder aufwirft. Nun hat, kaum vierzehn Tage nach dem gut besuchten "Tag der Diakonin" in Münster, der Papst vor Ordensfrauen, die sich hier besonders engagieren, erklärt, er wolle mit einer Kommission die Frage der frühchristlichen Diakoninnen klären lassen und ihre Einführung prüfen. Wir werden diesen Prozess aufmerksam begleiten und wünschen uns den Mut, endlich die bis ins Mittelalter nachzuweisende sakramentale Weihe zur Diakonin wieder zu beleben.

Wenn wir solche Forderungen stellen, geschieht das nicht aus Lust an der Provokation oder aus Anbiederung an gesellschaftliche und mediale Erwartungen. Wir handeln aus der Überzeugung der großen Mehrheit der katholischen Frauen und Männer in diesem Land, deren Vertretung hier in diesem Saal ist.

Wir freuen uns auf anregende Tage hier in Leipzig: "Seht, da ist der Mensch" sagt Pilatus zur Menge und weist auf den gefolterten Jesus: für uns ist der Blick auf den Menschen zugleich der Blick auf unseren Gott – aus seiner Kraft leben wir und geben Zeugnis von unserem Glauben.

 Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Thomas Sternberg Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken