Donnerstag, 25. Mai 2017

Bibelarbeit beim DEKT am 25. Mai 2017 in Berlin zu Lk 1, 39 - 56

Thomas Sternberg

Bibelarbeit beim DEKT am 25. Mai 2017 in Berlin zu Lk 1, 39 - 56

Musikalische Gestaltung: Bläserensemble Münster / Frau Cassens

 

                Musik 1: Festliche Intrade (Thomas Riegler)

 

Sehr verehrte Damen und Herren, Schwester und Brüder im Glauben

Ich lese zunächst den Text dieser Bibelarbeit in der Übersetzung der Einheitsübersetzung 2017: (Bitte lesen Sie den Text mit -  in einer der Übersetzungen, die sie im Programmheft finden)

 

Im ersten Kapitel des Lukasevangeliums, das mit der Ankündigung der Geburt des Täufers beginnt, steht der Besuch Marias bei Elisabeth unmittelbar nach der Verkündigung des Engels bei Maria, die mit dem Satz schließt: „Danach verließ sie der Engel“.

 

39 In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. 40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. 41 Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt 42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. 43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 Denn  siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. 45 Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

46 Da sagte Maria:

Meine Seele preist die Größe des Herrn,/

47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. /

Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan /

und sein Name ist heilig.

50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht /

über alle, die ihn fürchten.

51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: /

Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

52 er stürzt die Mächtigen vom Thron /

und erhöht die Niedrigen.

53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben /

und lässt die Reichen leer ausgehen.

54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an /

und denkt an sein Erbarmen,

55 das er unsern Vätern verheißen hat, /

Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

56 Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.

 

Darauf folgt bei Lukas der Bericht der Geburt des Täufers Johannes mit dem Lobgesang von dessen Vater Zacharias, dem „Benedictus“.

 

 

 

 

  1. Heimsuchung

Der Besuch Marias bei ihrer Verwandten, bei Elisabeth, der Mutter des Täufers Johannes, die im sechsten Monat schwanger war, steht also im Mittelpunkt unserer heutigen Betrachtung.

Es ist eine sehr menschliche Geschichte mit gewichtigen Worten und einem großen Loblied.

Offenbar hält es Maria nach dem unerhörten Ereignis der Engelerscheinung mit der Ankündigung ihrer Schwangerschaft nicht mehr zuhause aus; sie bricht auf, um sich einer älteren Freundin und Verwandten, Elisabeth, die wie sie ein Kind erwartete, anzuvertrauen.

Und da Elisabeth offenbar um Marias Zustand weiß, fallen beide in einen Lobpreis ein. Diese Szene stellt uns die Perikope des Lukasevangeliums vor Augen.

 

Blicken wir zunächst auf die Kunst, die diese Szene ausmalt: 

Denn wir verbinden das Gehörte vielleicht zunächst mit Weihnachtsgeschichten und Weihnachtsliedern, in denen die Begegnung der zwei schwangeren Frauen aus den neun Monaten in den Advent und die Feiern der Geburt gezogen werden.

 

„Maria durch ein Dornwald ging“, ursprünglich ein Wallfahrtslied ist vielleicht auch Ihnen vertraut.  Chorsängerinnen oder –sänger kennen vielleicht das schöne Lied von  Johannes Eccard, der 1575 in Erfurt 1575 auf einen Text von Ludwig Helmbold ein Lied als Nacherzählung dieser Geschichte komponiert. Sie kennen Eccard von anderen Liedern wie „Verleih uns Frieden gnädiglich“, „Mein schönste Zier und Kleinod“ oder „Nun lob mein Seel den Herren“ alle aus den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts. Ich lese den Text einmal vor:

 

1.            Übers Gebirg Maria geht / zu ihrer Bas Elisabeth.

Sie grüßt die Freundin, die vom Geist / freudig bewegt Maria preist

und sie des Herren Mutter nennt; / Maria ward fröhlich und sang:

Mein Seel den Herrn erhebet, / mein Geist sich Gottes freuet;

Er ist mein Heiland, fürchtet ihn, / Er will allzeit barmherzig sein.

 

2.            Was bleiben immer wir daheim? / Laßt uns auch aufs Gebirge gehn,

da eins dem andern spreche zu, / des Geistes Gruß das Herz auftu,

davon es freudig werd und spring, / der Mund in wahrem Glauben sing.

Mein Seel den Herrn erhebet, / mein Geist sich Gottes freuet;

Er ist mein Heiland, fürchtet ihn, / Er will allzeit barmherzig sein.

 

Das Lied spricht vom Besuch Marias, ihrem Gruß und Lobpreis und wendet die Erzählung in der zweiten Strophe zur Aufforderung, es Maria gleich zu tun, im Hören des Lobs der beiden Frauen sollen auch wir die einander uns im Glauben bestärken und daraus freudig Gott loben und bebzeugen.

 

Blicken wir auf Abbildungen dieser Szene in der Kunstgeschichte. Sehr oft und immer wieder ist die „Heimsuchung“ oder „Visitatio“ dargestellt worden.

 

Hier sehen Sie schon seit einiger Zeit eine der ältesten Darstellungen des Themas in den Mosaiken der wunderbar erhaltenen Kirche in dem kroatischen Küstenstädtchen Porec/Parenzo aus dem sechsten Jahrhundert. Direkt neben der Verkündigung ist diese, großzügig komponierte Szene zu sehen. Obwohl diese Mosaiken fast anderthalb tausend Jahre alt sind, scheinen sie frisch und neu. In klaren Farben und großen Flächen sind in antiker Tradition die bewegten Körper gestaltet.

Die beiden großen Frauen sind altermäßig kaum unterschieden. Ihre Schwangerschaft ist deutlich in der Modellierung der Körper angedeutet. Es muss etwas sehr ungewöhnliches bei dieser Begegnung vor sich gehen: ein Mädchen steht an der Tür, wo es den Vorhang zurückhält und schaut ebenso neugierig wie verwundert auf das merkwürdige Geschehen da draußen. Der Zeigefinger ihrer rechten Hand hat sie an den Mund gelegt, womit die Mosaizisten ihre Nachdenklichkeit verdeutlichen.

 

 

Eine heute in München aufbewahrte Elfenbein-Schnitzerei zeigt die Szene in äußerster Knappheit: In einer Architektur, die das Haus der Elisabeth bezeichnet, sehen wir die beiden Frauen, die sich begrüßend um den Hals fallen. Ein Vorhang ist beiseite genommen und um jeweils eine Säule geschlungen, um uns den Blick auf die intime Begegnung zu ermöglichen. Die Gesichter sind nah beieinander und Elisabeth hat ihre Hand am Körper der Frau, von deren Schwangerschaft sie weiß, ohne von Maria informiert worden zu sein.

Rainer Maria Rilke hat 1908 in Paris unter dem Titel  „Magnifikat“ die Szene in ein Gedicht gefasst, das die Überwältigung, die in der Begegnung sich wandelnde Selbsterfahrung der jungen Frau aus Nazareth thematisiert, als diese sich aus der Verzweifelung nach der merkwürdigen Engelsbegegnung im Aufeinandertreffen mit Elisabeth bewusst wird, wie Großes mit ihr geschieht:

Sie kam den Hang herauf, schon schwer, fast ohne

an Trost zu glauben, Hoffnung oder Rat;

doch da die hohe tragende Matrone

ihr ernst und stolz entgegentrat

 

und alles wusste ohne ihr Vertrauen,

da war sie plötzlich an ihr ausgeruht;

vorsichtig hielten sich die vollen Frauen,

bis dass die junge sprach: Mir ist zumut,

 

als wär ich, Liebe, von nun an für immer.

Gott schüttet in der Reichen Eitelkeit

fast ohne hinzusehen ihren Schimmer;

doch sorgsam sucht er sich ein Frauenzimmer

und füllt sie an mit seiner fernsten Zeit.

 

Dass er mich fand. Bedenk nur, und Befehle

um meinetwillen gab von Stern zu Stern -

 

Verherrliche und hebe, meine Seele,

so hoch du kannst: den HERRN.                  (Der neuen Gedichte anderer Teil)

 

 

 

In einem Fresko in der Unterkirche von San Francesco in Assisi hat Giotto um das Jahr 1300 die Szene so wiedergegeben: Maria kommt mit Begleiterinnen übers Gebirge zum Haus der Elisabeth, das als großes mittelalterliches Haus gezeigt ist, mit einem von schlanken Säulen getragenen Vordach, unter dem eine junge Frau wartet – in einer Szene unter Frauen. Elisabeth tritt bewegt aus dem Haus heraus, geht Maria entgegen, ergreift ihre Arme, begrüßt sie mit der Emphase, die Ihrem Gruß entspricht.

„Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.

 

Da begegnen sich zwei schwangere Frauen, die ihr Kind spüren, die sich austauschen wollen, die miteinander fühlen und beide erfahren, dass es nicht eine ganz gewöhnliche Schwangerschaft ist – bei Elisabeth trotz hohen Alters, bei Maria auf die Verkündigung eines Engels hin.

Der Engel hatte auf die Frage des Mädchens, wie das denn angehen solle, da sie doch keine sexuellen Kontakte habe, lapidar erwidert hatte, dass bei Gott nichts unmöglich sei.

Und ein Engel hatte nach dem Bericht bei Lukas wenige Abschnitte früher dem Vater Zacharias angekündigt, das betagte Paar werde einen Sohn bekommen und wie Sara und Hanna noch im Alter gebären.

 

Schwangerschaft wird selten dargestellt in der Kunst – eine Ausnahme stellt einer der strengen und berührend ernsten Maler der italienischen Frührenaissance dar: Piero della Francesca, der vor allem in seiner toskanischen Heimat, in Arezzo und Umgebung großartige, zutiefst bewegende Malereien hinterlassen hat.

 

 

 

Er malt unter anderem Maria als Schwangere in der weltberühmten Madonna del Parto (Madonna der Geburt) in dem pittoresken Dorf Monterchi, 10 km südlich von seinem Heimatort entfernt, für eine dortige Kapelle.

Das Bild zeigt eine junge Frau, die ihren linken Arm in die Hüfte stemmt, um den Bauch zu stützen, während die Rechte sanft den Bauch berührt. Sie ist von zwei Engeln flankiert, mit gestreckten Armen den Vorhang eines Baldachins halten und so den Blick auf die schwangere Frau öffnen. Maria trägt ein langärmliges, blaues Kleid. Vorn geknöpft,  springt es oberhalb der Taille bis über den vorgewölbten Bauch auf und lässt ein weißes Untergewand sehen.

Von dem ungeborenen Johannes hören wir etwas in unserer Perikope: das Kind „strampelte“, wie es unsere Kirchentagsübersetzung sagt, im Leib seiner Mutter Elisabeth. Traditionelle Übersetzungen wie auch die revidierte Luther-Übersetzung sprechen von „hüpfen“. Jede Frau, die einmal eine Schwangerschaft miterleben durfte, aber auch jeder Vater, der die Monate einer Schwangerschaft seiner Frau freudig-ängstlich miterlebt hat, weiß wie das ist, wenn man im sechsten Monat fühlt, wie sich das Kind im Uterus bewegt.

 

 

 

Das wunderbare Stundenbuch des Duc de Berry, das für eine Frau verfasst war, aus dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts, zeigt die Szene besonders intim – im Inneren eines Zimmers. Elisabeth fällt vor Maria auf die Knie und legt ihre Hand auf den Leib Marias – obwohl nach den Monaten der Empfängnis diese Bewegung wohl eher umgekehrt zu denken ist. Die Darstellung unterstreicht die Ehrerbietung der Elisabeth:

„wer bin, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“                                  

 

Dieses Kind strampelt vor Freude, weil es hier bereits die Begegnung mit dem Mann aus Nazareth erfährt, der 30 Jahre später zu ihm zum Jordan kommt und sich von ihm als Auftakt seines öffentlichen Wirkens taufen lässt. Die „Legenda Aurea“, die mittelalterliche Geschichtensammlung schildert die Begegnung so:

„Da sie Elisabeth grüßte, ward der kleine Johannes allbereits voll des heiligen Geistes und merkte, dass der Sohn Gottes zu ihm komme, und hüpfte vor Freuden in seiner Mutter Leib; und grüßte Christum  mit einer Bewegung, da er ihn noch nicht grüßen mochte mit seiner Stimme. Denn er hüpfte, als begehre er ihn zu grüßen und wider seinen Herrn aufzustehen.“

 

Hören wir, was die Theologin Dorothee Söllle in diesen Tagen zu der Szene schreibt:

„Ich erinnere mich, wie ich diese Geschichte meinen beiden ersten Kindern erzählt habe. Ich war schwanger, und sie warteten, ihre Händchen auf meinen Leib legend, auf die Bewegung des Neuen. Sie brachen in laute Jubelrufe aus und wunderten sich, wie das kleine kickende Füßchen wohl aussähe. Die Geschichte der beiden Frauen und ihrer ‚noch versteckten Kinder‘, wie meine das nannten, hat eine Lebensnähe und Wärme,  die mich wundern macht, ob sie wirklich, wie alle biblischen Geschichten, von männlichen Erzählern stammt und ob nicht, zumindest in der vorangehenden mündlichen Überlieferung der ersten christlichen Gemeinden, Frauen am Weitergeben dieser Geschichte beteiligt waren.“

 

Zum einen ist diese Szene des Evangeliums sehr intim gezeichnet und doch auf der anderen Seite mit viel grundsätzlicher theologischer Aussage beladen. Nur Lukas berichtet uns diese Szene - wie alle vor der Taufe Jesu - als einziger der vier Evangelisten. Die Absicht wird von ihm selbst genannt, weil er „von Beginn an“ alles aufschreiben und berichten wolle. Aber die Gründe liegen wohl tiefer.

 

Für Lukas ist die Verbindung der prophetischen Tradition Israels mit der Neuheit des Erscheinung Jesu von großer Wichtigkeit. Genau an der Nahtstelle zwischen Altem und Neuen Testament steht unserer heutiger Text. Der noch ungeborene Johannes der Täufer, der Vorläufer und letzter Repräsentant des Alten, begegnet noch ungeboren dem, auf den seine Predigt hinweist und dessen Kommen er verkündet: der Messias – oder griechisch: der Christos. Ihm gilt der Lobpreis und auf ihn bezieht sich die im Lobpreis der Maria angekündigte „Umwertung aller Werte“, die dieser Messias vornehmen wird.

 

 

 

           Musik 2: Choralvariationen zu „Wunderbarer König“ (Thomas   Albus)

 

 

 

 

 

 

 

  1. Maria evangelisch und katholisch

 

Maria ist der häufigste weibliche Vorname in allen seinen Variationen von Marie bis Maike. Auch als männlicher Vorname findet er sich gelegentlich; so bei Rainer-Maria Rilke. In seinem Geeicht auf die Heimsuchung haben wir die Zeilen gehört:

 

Gott schüttet in der Reichen Eitelkeit

fast ohne hinzusehen ihren Schimmer;

doch sorgsam sucht er sich ein Frauenzimmer

und füllt sie an mit seiner fernsten Zeit.

 

Diese Maria wird in der Geschichte der Christenheit besonders verehrt. Aber: Marienverehrung, das kennt man doch vor allem aus dem Katholischen. Wir Katholiken sind mit Rosenkranzbeten, mit Maiandachten, mit Marienwallfahrten und Marienfesten wohl vertraut.

 

Evangelische haben mit Maria nichts zu tun? – ist das so? Die evangelische Theologin Dorothee Sölle sieht das in ihren Schriften ganz anders und auch Martin Luther hat die Mutter Jesu immer in hohen Ehren und für sehr wichtig gehalten. Noch zu findende Fremdheit zwischen Protestantismus und Katholizismus, die ist vor allem auf der Ebene der Mentalitäten auch hier zu suchen.

Oft heißt es zur Begründung der Unterschiede, Maria, das sei die biblische Person, die den Zugang zu Gott selbst über seinen Sohn verstellt.  Maria und die Marienverehrung, sind es, was in der Gegenreformation von Katholiken zur Abgrenzung gegen Protestanten besonders herausgestrichen wurde.

 

Die marianischen Glaubenssätze, die schon in der alten Kirche aufgestellt sind und  für beide Konfessionen gelten, scheinen heute kaum verständlich:

Maria hat nicht nur den Menschen Jesus geboren, sondern ist „Theotokos - Gottesgebärerin“;

Maria ist als Jungfrau schwanger geworden und Maria ist ohne den Makel der Erbsünde von ihrer Mutter Anna  empfangen worden – das meint übrigens die „unbefleckte Empfängnis“!

 

Von den neueren Mariendogmen der katholischen Kirche ganz zu schweigen! Bleibt das ein Gegensatz der Kirchen? Vieles ist in den letzten Jahrzehnten auch zu diesem Thema geschrieben worden. Die meisten Differenzen bewegen sich auf dem Feld der Emotionen und der Mentalitäten.

 

Sieht man sich einmal einige Marienfeste des katholischen Festkalenders an, wird man sehen, dass viele davon sogenannte Herrenfeste sind: es geht um Jesus. Maria ist die Frau, die auf Jesus hinweist. „Mariä Verkündigung“ am 25. März, neun Monate vor Weihnachten, – was ist das anders als der Beginn  der Inkanationsgeschichte, der Menschwerdung Gottes – in der Schwangerschaft einer Frau; „Mariä Lichtmeß“ am 2. Februar, vierzig Tage nach Weihnachten, – es ist das Fest der Darstellung des Jesuskindes im Tempel; „Mariä Heimsuchung“ am 2. Juli ist das Fest, dessen Textgrundlage wir hier vorliegen haben. Diese drei Feste teilen sich katholische wie evangelische Christen.

 

Maria weist auf ihren Sohn hin. Im Evangelium ist es vor allem in der Erzählung zu Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu so zu lesen. Im Johannesevangelium weist Jesus seine Mutter barsch zurecht als sie ihn auf den Mangel an Wein bei der Hochzeitsfeier in Kana hinweist. Und Maria reagiert darauf mit der Anrede an die Diener in dem Haus: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2, 5).

 

 

 

 

Das ist auch in der Bildenden Kunst so dargestellt worden. Die Darstellungen der Mutter mit ihrem Kind zeigen sie in der alten Kunst geradezu als Thronsitz Jesu. Diese Skulptur aus dem Frankreich der Zeit um 1200 zeigt das Gemeinte gut.  Maria zeigt den Betrachtern ihren Sohn.

 

 

 

Auch in der Ikonenmalerei der Ostkirche ist das so gehalten worden: der bekannteste und verbreitetste Typ der Marienikone ist der der „Hodegetria“ – eigentlich nach einer so benannten Kapelle auf dem Weg nach Konstantinopel/Istanbul bezeichnet – aber in seiner Wortbedeutung als „Wegweisende“ auch in der Haltung der rechten Hand erkennbar. Sie weist auf das Kind auf Ihrem linken Arm. Erst später verändert sich das Motiv hin zu dem so  menschlichen Urmotiv der Mutter mit Kind, die in einer innigen Beziehung zueinander stehen und in der Kunstgeschichte zu hunderttausenden Malen variiert worden sind.

 

 

 

In der westlichen Kunst ist dieses Motiv zu unendlich vielen leiblichen Marienbildern ausgeformt worden.  Zur Illustration zeige ich Ihnen ein Bild des frühen 15. Jahrhunderts aus dem Kölner Wallraf-Richarz Museum mit einer der schönen Madonnen mit Kind.

 

 

 

Auch die strenge Präsentation des Kindes, das wie in einer Liturgie-Situation gestaltet ist, unterstreicht diese Präsentation. Es ist noch einmal von Piero della Francesca, von dem wir seine schwangere Maria gesehen haben. Er gibt der Frau mit ihrem hoheitlichen Kind, das die Zeichen seiner späteren Passion bereits als Kette um den Hals trägt, eine beeindruckende Würde.

 

Der Dichter Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, schreibt in seinen Geistlichen Liedern, die er um 1800 für das evangelische Gesangbuch verfasste, folgendes, schlichte Gebet:

 

Ich sehe dich in tausend Bildern,

Maria, lieblich ausgedrückt,

Doch keins von allen kann dich schildern,

Wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel

Seitdem mir wie ein Traum verweht,

Und ein unnennbar süßer Himmel

Mir ewig im Gemüte steht.

 

Die Bilder Marias sind uns heute vielleicht besser zugänglich, wenn wie auf die Formulierungen der Frau sehen, die mit ihrer außerehelichen Schwangerschaft, mit dem Erlebnis der gesellschaftlichen und „kirchlichen“ Zurückweisung und der schließlichen Passion ihres Sohnes ein hartes Leben führte.

-         Bilder hierzu muss ich mir jetzt versagen.

 

Zur Frage nach Maria in der evangelischen und katholischen Tradition betrachten wir einmal das Grundgebet aller Katholiken nach dem Vater Unser, das Ave Maria.

 

Sehen  wir uns den Text einmal an: Der erste Teil des Gebets besteht aus zwei Sätzen des ersten Kapitels des Lukasevangeliums: der Gruß des Engels, auf den hin die Angesprochene erschrickt und überlegt, was das wohl zu bedeuten habe:

„Sei gegrüßt Du Begnadete! Der Herr ist mit Dir!“ – Gegrüßet seist du Maria, der Herr ist mit dir.“ 

Dann folgt im Gebet der Gruß der Elisabeth:

„Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.“.

Elisabeth ruft in unsere Szene das Maria zu:

„gesegnet bist Du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht Deines Leibes!“

Diese Zitate werden ergänzt durch den Namen des Ungeborenen:

„Jesus“.

 

Der zweite Teil des Ave Maria ist eine Bitte um Fürbitte – und genau da scheint es schwierig zu werden:

„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes.“

Die Sache mit der Fürbitte, das ist es doch gegen das die Reformation vorgegangen ist: gegen das Unwesen des Heiligenglaubens, gegen die Anbetung von Menschen, gegen das Verstellen des direkten Weges zu Gott über seinen Sohn Jesus Christus! Wie kann man denn so etwas denn heute theologisch rechtfertigen wollen? 

 

Die Bitte an Maria ha eine lange Tradition, die bis in die frühe Christenheit zurück reicht. Das älteste Gebet zu Maria findet sich schon auf einem Fragment in griechischer Sprache aus dem dritten Jahrhundert. Es lautet in deutsch:

Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir,

o heilige Gottesgebärerin.

Verschmähe nicht unser Gebet in unsern Nöten,

sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren,

o du glorreiche und gebenedeite Jungfrau.

(Unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin.

Versöhne uns mit deinem Sohne,

empfiehl uns deinem Sohne,

stelle uns vor deinem Sohne.)                      Amen.

 

 

 

 

Es ist das Bild der Schutzmantelmadonna, das dieses Gebet aufgreift. Ich zeige Ihnen hier eine Schnitzerei aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, die heute im Bode Museum hier in Berlin zu sehen ist. Die Menschen suchen Zuflucht unter einem Schutzschirm, unter dem Mantel der Frau, die schon in dem alten Gebet als „Gottesmutter“ bezeichnet wird.

 

Sind wir nicht hie und jetzt bei den eigentlichen Problemen zwischen evangelischer und katholischer Auffassung über Maria angelangt? Die verehrten Wallfahrtsbilder, die geschmückten Marienstatuen, die Kapellen und Kirchen mit ihrem Bild – sind das nicht Zeichen für eine gotteslästerliche Anbetung eines, wenn auch besonders begnadeten, Menschen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich zeige Ihnen hier als eine beliebige Darstellung das verehrte Bild von Altötting. Maria wird in den Rang einer Königin gehoben, geschmückt und ausgestattet mit kostbarem Schmuck und Gewändern.

Und dieses Bild wird theologisch auch noch verstärkt durch die Kombination mit einer Frauengestalt der Geheimen Offenbarung, der Apokalypse, dem letzten Buch der Bibel. Im Kapitel 12 des dunklen und schwierigen Buches lesen wir: 

 

„Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt.“

(Apk 12, 1 – 5)

 

 

 

 

Ist Maria die „Hohe Frau“, die Frau der Apokalypse? In der Kunst wird jedenfalls das Bild so kombiniert. Wir kennen es aus vielen Strahlenkranzmadonnen, in denen Maria mit dem Kind auf einer Mondsichel steht – darunter oft die besiegten Völker. So sehen wir das in der Marienfigur der Sebald-Kirche in Nürnberg.

 

Zunächst sei gesagt, dass auch die katholische Kirche keine Anbetung von Heiligen oder Marias kennt oder duldet. Und der Ort der Marienlieder ist in der Messfeier immer nach dem abschließenden Segen, als ein Gruß an die Gottesmutter nach der Feier der Gebete an Gott und seinen Sohn.

 

Und der Gedanke der fürbittenden Hilfe ist nur verständlich über den österlichen Gedanken, dass auch die Verstorbenen, in welcher Weise auch immer, mit und bei uns sind. Die Menschen, von denen wir annehmen, dass sie eine besondere Nähe zu Gott bereits gefunden haben, bitten wir um ihr Gebet mit uns gemeinsam in unseren Anliegen, zu Gott.

Der Glaube, dass die Mutter des Herrn diese Nähe bei und in Gott gefunden hat, scheint plausibel.  Und so, und auch nur so, bitten wir Maria um ihre Fürbitte bei ihrem Sohn. In der Gemeinschaft der Heiligen Gottes – auf der Erde und bereits Verstorbene beten wir zu Gott über Christus im Heiligen Geist.

 

Diese Frau, die durch nichts auf ihre große Aufgabe, Mutter des Messias zu werden, vorbereitet war, sie reagiert auf die Segenszusage Elisabeths mit einem Gesang, den wir uns gleich näher ansehen wollen.

 

                                          Musik 3: Kanon und Ostinato „Magnificat“ (Jacques Berthier)

 

 

  1. Das Magnificat

 

Die Reaktion Marias auf den Gruß Elisabeths: sie fängt an zu singen! Mit einem Lobgesang, der aus der Psalmentradition ihres Volkes stammt.

 

 

 

-         Ich zeige Ihnen hier zur Untermalung eine besonders schöne Darstellung unserer Szene in einem mazedonischen Fresko des 12. Jahrhunderts. Die zwei überlängten Frauengestalten umarmen sich stürmisch –

-          

Maria sang wie Hanna, die Mutter des Propheten und Richters Samuel, elf Jahrhunderte früher. Wegen ihrer Kinderlosigkeit wurde Hanna verspottet und fiel in tiefe Depressionen und Verzweiflung. Ihren festen Glauben an Gott allerdings verlor sie nie und schließlich wurden ihre Gebete doch noch erhört. Schließlich wird sie schwanger und als sie das erfährt, singt sie ein Lied, aus dem ich einige Verse zitiere: (1 Sam 2, 1-10)

 

4 Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. 5 Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. 6 Der HERR tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf. 7 Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. 8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche.

 

Da fallen die Parallelen sofort auf zu dem Lied der Maria. Ich wiederhole es noch einmal in der Form wie es zum täglichen Stundengebet der Klöster, Kleriker und Kirchen gehört. Es heißt "Magnificat" nach dem ersten lateinischen Wort und  gehört spätestens seit Benedikt von Nursia (480-547), seit 1.600 Jahren, zum kirchlichen Abendgebet und wird seitdem rings auf der Erde zu Beginn jedes Abends zur Vesper gebetet. Es folgt nach den täglich wechselnden Psalmen und der Schriftlesung:

 

               Magnificat anima mea Dominum,

Meine Seele preist die Größe des Herrn, *

und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. *

Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, *

und sein Name ist heilig.

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht *

über alle, die ihn fürchten.

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: *

er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

er stürzt die Mächtigen vom Thron *

und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben *

und lässt die Reichen leer ausgehn.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an *

und denkt an sein Erbarmen,

das er unsern Vätern verheißen hat, *

Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn *

und dem Heiligen Geist,

wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit *

und in Ewigkeit. Amen.

 

In diesem Magnificat ist eines der wichtigsten Themen der christlichen Theologie ausgedrückt, nämlich, dass Gott auf der Seite der Armen und Verachteten steht, so wie es die beiden Frauen im Wortsinn am eigenen Leib erfahren haben. Im Magnificat kommt zum Ausdruck, dass Gott das Leben will und mit denen ist, die trotz Schwierigkeiten auf ihn vertrauen, so wie Maria und Elisabeth. Maria singt im Bewusstsein, dass die beiden Frauen in eine große Befreiungsgeschichte Gottes mit seinem Volk einbezogen werden soll. Dieses Lied ist der Grundtext aller befreienden Theologie.

 

Der Schub an Selbstbewusstsein gibt Maria die Kraft, Gott zu loben für das, was er an dieser einfachen Frau getan hat. Es ist mehr als die verhaltene Zustimmung zu dem Wort des Engels: „mir geschehe, wie du gesagt hast“, jetzt ist es der jubelnde Dank für die Erwählung. In dem Bewusstsein ihrer Bedeutung über alle Zeiten hinweg preisen Seele und Geist ihren Gott. Die Erhebung Marias aus ihrer Niedrigkeit ist das Leitmotiv, um auch andere Umwälzungen Gottes zu preisen.

 

Wir hören in dem Lied politische Verheißungen von Befreiung und  Erlösung. In diesem sozialen Psalm werden Hochmütige und Mächtige gewarnt, sie werden Niedrigen weichen müssen. Die Sätze des Magnificats wirken anstößig für unsere Ohren. Vor etlichen Jahren fragte eine vornehme Dame den heutigen Erzbischof von München Kardinal Marx bei einer öffentlichen Diskussion, ob es denn nötig sei, dass in den Gottesdiensten das – evangelisch und katholisch gewohnte – Lied „Den Herren will ich loben“ (GL 395) gesungen werde. Die Formulierung „die Reichen müssen gehen / ihr Gut verweht im Wind“ – das sei doch gar zu hart. Sie musste in der Antwort hören, dass es wohl kaum gehe, den Text des Evangeliums abzuwandeln, der eben im Lobgesang der Maria so drastisch ist.

 

Diese Stellen des Evangeliums behalten ihre nicht allein sozialutopische, sondern auch kritische Kraft. Die Traurigkeit, mit der der reiche Jüngling von Jesus weggeht als dieser ihm sagt, er solle alles verkaufen, was er hat und den Armen geben, - sie ist für uns als Bewohner eines reichen Landes nachvollziehbar. Wie können wir christlich leben angesichts der Armut, die weltweit existiert – nicht zuletzt in Ländern, in denen unsere Hemden und Handys, unsere Alltags- und Luxusartikel produziert werden. Schon um das Jahr 200 schriebt Clemens, Bischof der reichen Weltstadt Alexandria eine Schrift unter dem Titel „Welcher Reiche kann gerettet werden?“ zu dieser auch die folgenden Jahrhunderte bedrängende Frage, wie wörtlich die Forderung Jesu zu verstehen ist. Der maßvolle Gebrauch der Güter, nicht abhängig zu werden vom Gewinn und  dem Geld, freigebig sein und soziale Verantwortung zu üben, das sind die Lösungen, die Clemens seinen durchaus vermögenden Gemeindemitgliedern anbietet.

 

Martin Luther hat in seiner großen, umfassenden Interpretation des Magnificats sechs Werke Gottes in diesem Lied ausgemacht:

-         Das erste Werk Gottes ist die Barmherzigkeit: „er erbarmt sich“.

-         Das zweite ist die Zerstörung des Hochmuts: „Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.“

-         Das dritte Werk: die Hohen werden erniedrigt: „stößt die Mächtigen vom Thron“. 

-         Das vierte: Erhöhung der „Niedrigen“.

-         Das fünfte Werk ist die Speisung der „Hungrigen“ und

-         das sechste die „Reichen leer ausgehen“ lassen.

Von diesen eminent politischen Taten Gottes ist die Rede.

 

In den folgenden Zeilen – so weiter Martin Luther – kehrt Maria wieder zum Thema ihrer Erwählung zurück. Sie geht auf die Menschwerdung des Gottessohnes ein und bekennt, dass dies nicht nur ihr gilt, sondern mit ihr ihrem ganzen Volk. „Er nimmt sich seines Knechtes Israel an“ indem er die Verheißungen an die Väter erfüllt und für alle Nachkommen auf ewig sein Erbarmen bestätigt.

 

 

 

 Zur Illustration stelle ich Ihnen noch einmal eine Heimsuchungsszene vor. Diesmal ist die Gruppe ergänzt um die Mutter Marias, Anna, die in der dritten Figur hinter den beiden Gesichtern gemeint sein soll.

 

Damit stellt das Loblied Marias die Geburt ihres Kindes in das Zentrum aller Geschichte:

-         Die Zeit davor, abgeschlossen mit dem letzten Propheten, dem Täufer Johannes, der im Leib seiner Mutter den Erlöser erkennt und sich freut, 

-         dann das Christusereignis im Zentrum und

-         alle Zeit ist ein Danach.

 Ganz so, wie nicht allein wir Christen heute in aller Welt die Zeit zählen: in die Jahre vor und nach der Geburt dieses Kindes. 

 

Dies ist die Geschichtskonzeption des Evangelisten Lukas, der als Autor der Apostelgeschichte sich nicht zuletzt auch als Historiker der jungen Kirche verstand. Einen gewissenhaften Bericht über die überlieferten Geschichten wollte er nach dem ersten Satz seines Evangeliums geben. Insofern hat das Loblied der Maria und die Begegnung mit Elisabeth für sein Evangelium grundlegenden Charakter.

 

Mit Jesus kommt ein paradoxer Messias auf die Welt. Die Verheißungen erfüllen sich – aber ganz anders als gedacht! Da wartet man auf einen Herrscher – und er wird von einem unbedeutenden Mädchen in einem Kaff in einem  Stall geboren. Da erwartete man einen Heerführer – und da kommt einer, der sagt, er sei nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen. Da wartet man auf einen, der die Rangordnung des Landes festlegt  - und er sagt, der wird der erste sein, der der Diener aller ist. Da wartet man auf den Besieger der Besatzer – und er stirbt den schmählichsten Tod, den das Römische Reich zu bieten hat.

 

Da erniedrigt sich der Messias/Christus bis zur Fußwaschung bei seinen Jüngern, und er identifiziert sich mit den Geringsten aller Menschen – und doch ist der derjenige, der die Erlösung der Welt bringt, der den Tod überwindet, der Gottessohn selbst.

Die christliche Existenz als Dienst, als Dienst für andere, vor allem für die „Armen“ jedweder Art ist Grundauftrag in der Nachfolge dieses Christus, den Maria in ihrem Leib als Embryo trägt. Welch eine Geschichte wird hier mit Maria angestoßen und in dieser großen Szene zum Thema!

 

Eine andere Kinderlose – in biblischer Zeit ein großes Leid – Sarah, hatte auch noch im Alter geboren; Sarah legte mit Isaak den Grund für die Zusage Gottes, er werde Abraham zu einem großen Volke machen. Auf diesen Stammvater weist die letzte Zeile des Lobgesangs:

Er (…) denkt an sein Erbarmen, das er verheißen hat, / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Diesem Abraham und seinen Samen – „Abraham et semini eius“, wie es in der lateinischen Fassung des Textes heißt - ist das Erbarmen verheißen. Zu diesem Samen, diesen Nachkommen gehören Juden, Christen und Muslime gleichermaßen. Die Vermittlungsarbeit, das gegenseitige Verstehen und die gemeinsame Arbeit für den Frieden im Zeichen des barmherzigen Gottes ist Aufgabe für uns alle.

 

– Kommen wir noch einmal zum Zusammenhang des ersten Kapitels des Lukasevangeliums: Maria blieb, so berichtete es Lukas weiter, drei Monate bei ihrer Verwandten – also bis zu deren Niederkunft; und sie hilft ihr bei der Geburt, bevor sie wieder nach Nazareth zurückkehrt.

Lassen Sie uns noch einmal auf die zweite Strophe des Chorals blicken, den ich zu Beginn zitiert habe:

 

 

Was bleiben immer wir daheim? / Laßt uns auch aufs Gebirge gehn,

 

Freudig den Glauben weitersagen, erzählen von dem den großen, starken Frauen der Bibel und dieser umwälzenden Botschaft – und daraus einstimmen in das Loblied der beiden.

da eins dem andern spreche zu, / des Geistes Gruß das Herz auftu,

davon es freudig werd und spring, / der Mund in wahrem Glauben sing.

Mein Seel den Herrn erhebet, / mein Geist sich Gottes freuet;

Er ist mein Heiland, fürchtet ihn, / Er will allzeit barmherzig sein.

 

Und so schließen wir auch unsere Betrachtung der so gar nicht idyllisch-intimen, sondern hoch politischen Szene mit einem Zitat aus dem Schluss der Magnificat-Auslegung Martin Luthers:

„Damit lassen’s wir bewenden und bitten Gott

um ein rechtes Verständnis dieses Magnifikats,

dass es nicht allein leuchte und rede,

sondern brenne und lebe in Leib und Seele.

Das verleihe uns Christus

durch die Fürbitte und den Willen seiner lieben Mutter Maria.

Amen.“

 

 

 

                                                   

                                    Musik 4: Schluss  „Vorbei sind die Tränen“ (Michel Schütz)              

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Thomas Sternberg