Donnerstag, 28. Februar 2002

Das II. Vatikanische Konzil als Basis für den Einsatz katholischer Laien für Europa - Eröffnungsrede -

Europäisches Kolloquium 28.2. - 2.3.2002 in Berlin


Zusammen mit Präsident Michel Camdessus darf ich Sie alle herzlich zu unserem Europäischen Kolloquium hier in Berlin begrüßen. Es ist für uns eine außerordentliche Freude, dass mehr als 120 Persönlichkeiten aus 19 verschiedenen europäischen Ländern unserer Einladung gefolgt sind. Dieses Kolloquium gibt uns die Gelegenheit, einander kennen zu lernen und zu einem intensiven inhaltlichen Austausch zu kommen. Wir hoffen sehr darauf, dass dieses Kolloquium uns dazu befähigen wird - wie es in der Überschrift heißt - unsere Verantwortung für eine neue Epoche der europäischen Integration zu übernehmen.

Lassen Sie mich zu Beginn die bisherige Geschichte unsrer gemeinsamen Aktion in Erinnerung rufen, dann die im Zweiten Vatikanischen Konzil grundgelegte sozialethische Basis für unser europäisches Engagement skizzieren und schließlich Anregungen geben, wie wir uns den Herausforderungen der europäischen Situation stellen können.

1. Beweggründe und Zielsetzung der deutsch-französischen Initiative für ein Europäisches Manifest

Seit Jahren gibt es eine freundschaftliche Verbundenheit zwischen den Semaines Sociales de France und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, die im Verlauf der letzten drei Jahre zu einer echten Partnerschaft gereift ist. Dies läßt sich insbesondere festmachen an dem Prozess, der im Mai 2000 zur Veröffentlichung des "Manifestes für ein europäisches Bewusstsein" geführt hat.

Schon bei einem Treffen im Dezember 1999 in Paris wurde die Initiative vereinbart, die Grundlage für das heute beginnende Kolloquium ist.
Semaines Sociales de France und ZdK möchten mit dieser Initiative Formen der Zusammenarbeit unter den europäischen Katholiken finden, in denen sich der christliche Beitrag zur Debatte um die Werte und Ziele der Europäischen Union artikulieren kann. Dabei betone ich die ökumenische Offenheit unserer Initiative. Und ich bin froh, dass unsere Freunde von den Europäischen Sozialwochen bei diesem Kolloquium anwesend sind und ihre Bereitschaft erklärt haben, die zukünftigen Etappen unserer Zusammenarbeit mitzugestalten.

Vor dem Hintergrund der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Änderungen in Europa erschien es uns dringend erforderlich, unsererseits Anstöße und Beiträge zur erst in Ansätzen vorhandenen öffentlichen Meinung auf europäischer Ebene zu leisten. Wir sehen in der Mitgestaltung einer europäischen Öffentlichkeit eine vorrangige christliche Aufgabe, bei der die Laien ihre besondere Verantwortung für das Leben der Gesellschaft wahrnehmen müssen.

Die erste Etappe in der genannten Initiative bestand in der Erarbeitung des Ihnen bekannten, inzwischen in acht verschiedenen Sprachen vorliegenden "Manifestes für ein europäisches Bewusstsein". Uns erschien es vordringlich, die notwendige Debatte über ein europäisches Bewusstsein anzustoßen. Die Erweiterung der Europäischen Union ist politisch gewollt und beschlossen. Die Reform der europäischen Institutionen steht auf der Tagesordnung. Die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union muss neu gesichert werden, wenn sie künftig mehr als 20 Mitglieder umfassen soll. Europa erlebt also einen historisch einmaligen Prozess, der dringend der orientierenden Debatten in den europäischen Gesellschaften bedarf. Die gemeinsame Erklärung, unterzeichnet vom damaligen Präsidenten der Semaines Sociales de France, dem heute hier anwesenden verehrten Jean Boissonnat, und mir lud dazu ein, innezuhalten und intensiv darüber nachzudenken, worauf das europäische Integrationsprojekt hinauslaufen soll. Unsere feste Überzeugung war es, dass für die Handlungsfähigkeit und Stabilität Europas eine Debatte erforderlich ist, die in bezug auf Zielsetzung, Orientierung und konkrete Ausgestaltung der Politik einen Grundkonsens erarbeitet.

2. Europa braucht eine Vergewisserung über sein Ethos, die sittliche Grundhaltung, die dem europäischen Projekt zugrunde liegen soll

Es war eine glückliche Fügung, dass die Veröffentlichung des Manifestes im Mai 2000 in Brüssel eingebettet war in eine Reihe bedeutsamer europapolitischer Grundsatzreden. Ich erinnere hier an die Rede des deutschen Außenministers Fischer in der Humboldt-Universität zu Berlin, die Rede des französischen Staatspräsidenten Chirac vor dem Deutschen Bundestag sowie die Rede von Bundespräsident Johannes Rau vor dem Europäischen Parlament.

Unsere Initiative ist auf lange Sicht angelegt und wir sind uns bewusst, dass ein mühsamer Prozess vor uns liegt. Dass dieser Prozess einer deutsch-französischen Initiative entspringt, hat nichts mit einem Exklusivitätsanspruch von Deutschen und Franzosen zu tun. Wir haben vielmehr von Anfang an ausdrücklich betont, dass wir dieses Manifest als Einladung an alle christlichen Laienbewegungen und Persönlichkeiten in Europa verstehen, die an der Schaffung eines europäischen Bewusstseins mitwirken möchten.
In einer Zwischenetappe haben wir mit 20 Partnern aus zwölf verschiedenen europäischen Ländern im Januar 2001 in Brüssel den Inhalt des Manifestes diskutiert.

Heute nun stehen wir in einer weiteren Phase christlichen Bemühens um das Entstehen eines europäischen Bewusstseins. Ich bin deshalb, und betone es hier nochmal ausdrücklich, außerordentlich froh, wie zahlreich Sie unserer Einladung gefolgt sind.

3. Was ist die Basis für unser gemeinsames Engagement für Europa?

Wenn wir uns vorgenommen haben, neue Formen der Zusammenarbeit unter europäischen Katholiken zu finden, um in ökumenischer Zusammenarbeit mit Christen anderer Konfessionen unsererseits die europäische Öffentlichkeit durch Debattenbeiträge mitzugestalten, so ist es hilfreich, sich der sozialethischen Basis zu versichern, von der aus wir unsere Initiative starten.

Es geht uns darum, für unser gemeinsames Engagement Aktionsformen zu finden, die unsere gemeinsame Position zu politischen, sozialen und kulturellen Fragen unserer Zeit zur Wirkung bringen.
Solche Aktionsformen sind geschichtliche und damit per definitionem wandelbare Größen. Die Herausforderungen und Veränderungen unserer Zeit werden deshalb auch die kulturellen, sozialen und politischen Gestalten unserer Aktionsformen verändern. Eine der entscheidenden Herausforderungen heute ist eben die gemeinsame europäische Zukunft.

Unser katholisches Selbstverständnis findet seine Orientierung und sein Maß im Zweiten Vatikanischen Konzil. Im Zentrum des Konzilserbes, um dessen kreative Aneignung auch zukünftig gerungen werden muss, stehen dabei die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes", die wiederum nicht zu denken ist ohne das in der Kirchenkonstitution "Lumen gentium" grundgelegte Kirchenverständnis sowie die Erklärung über die Religionsfreiheit "Dignitatis humanae". Mit diesen Texten hat das Konzil die neuzeitliche Geschichte der Kirche aufgenommen und im christlichen Geist aufgearbeitet. Dadurch vollendete das Konzil den Weg der Kirche zu einer grundsätzlichen Zustimmung zur politischen Freiheit und zur Demokratie. Wir sind uns heute bewusst, wie weit und äußerst schwierig dieser Weg war. Erinnert sei hier an die Texte "Mirari vos" (1832), "Quanta cura" (1864) oder "Libertas praestantissimum" (1888), die sich dem Gedanken selbstverantworteter Freiheit entgegenstellten. Zur gleichen Zeit hatten die Katholiken jedoch bereits begonnen, die Chance der Freiheit im Sinne ihres Glaubens praktisch anzunehmen und zu nutzen.

In verschiedenen Ländern Europas entwickelten sich typisch neuzeitliche Organisationsformen christlichen Engagements. Diese Entwicklungen sind ohne die gesellschaftlichen Veränderungen einerseits und die philosophisch-theologischen Strömungen dieser Zeit andererseits nicht zu verstehen. Theologisch legitimiert und verortet wurden diese Entwicklungen endgültig im Zweiten Vatikanischen Konzil.

Bedeutsam ist, dass die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" für die Zusammenarbeit von Staat und Kirche den demokratischen Rechtsstaat als Bezugspunkt voraussetzt. Damit ist keine ausschließliche Festlegung des Konzils auf eine bestimmte Staatsform verbunden, weil die Kirche - und dies hält das Konzil ausdrücklich fest - ihren Auftrag unabhängig von der Staatsform überall und jederzeit zu erfüllen hat. Dennoch sind die Konzilsaussagen wesentlich von einem bestimmten Staats- und Gesellschaftsverständnis geprägt. Entgegen früherem Verständnis hat das Konzil die freiheitliche Gesellschaft als eine Chance für christliche Verkündigung und christliche Lebenspraxis bejaht und auch die beiden Konsequenzen akzeptiert, die sich daraus zwingend ergeben: Die Pluralität der Meinungen und Überzeugungen und die weltanschauliche Neutralität des Staates. Damit geht das Konzil also von einer Situation aus bzw. zeichnet sie idealtypisch als erstrebenswert, in der die Identität von Staat und Gesellschaft aufgehoben ist. Der Staat wird verstanden als hoheitliche Herrschafts- und Entscheidungsordnung, die nicht mehr über eine Allzuständigkeit verfügt. Hingegen wird die Gesellschaft - heute würde man wahrscheinlich von Zivilgesellschaft sprechen - umfassend gezeichnet als Bereich des individuellen und sozialen Lebens. Mit dieser idealtypischen Unterscheidung zwischen Staat und Gesellschaft trägt das Konzil der neuzeitlichen Entwicklung des demokratischen Rechtsstaates Rechnung. Zugleich wurde damit die Unterschiedlichkeit der Formationen von christlichem Laienengagement in der modernen Welt legitimiert.

Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen in "Gaudium et spes" ist die Überzeugung von der durch Gott begründeten personalen Würde des Menschen. Aus dieser Grundüberzeugung heraus wird das Verhältnis von Kirche und Welt neu bestimmt. Es liegt in der Konsequenz dieser Gedanken, dass das Konzil die Menschen und insbesondere die Christen auffordert, das politische Leben so zu gestalten, dass die Menschenwürde geachtet wird. Das erfordert unseren Einsatz für die Menschenrechte und verlangt unsere Solidarität mit allen, die unserer Hilfe bedürfen. Für diese Ziele hält das Konzil auch eine Zusammenarbeit von Christen und Nichtchristen erforderlich, um eine humane Gestaltung der Welt zu erreichen. Voraussetzung für die Mitarbeit im öffentlichen Leben ist der Schutz der Personenrechte.

Aus diesem Ansatz resultiert notwendigerweise ein aktives und konstruktives Politikverständnis: Freiheit und Pluralität unserer Zeit sind nicht zu verdammen. Sie sind vielmehr auf Grund der Eigengesetzlichkeiten der irdischen Sachbereiche und dem sich daraus ergebenden Recht von Katholiken auf unterschiedliche Antworten zu ein und derselben politischen Frage legitim. Diese sich notwendig ergebende politische Pluralität auch unter Katholiken bzw. Christen macht es erforderlich, ihre Anliegen in einer freien Gesellschaft im Dialog und Diskurs zu formulieren. Nur wer die freiheitliche Demokratie grundsätzlich begründet, hat die Chance, diese auch wirklich mitzugestalten. Rückzug aus der Gesellschaft oder gar Resignation berauben hingegen die Christen und die christlichen Organisationen ihrer Wirkungsmöglichkeit.

Deshalb gilt heute auch unter europapolitischer Perspektive das Erbe des Konzils: Politik in der Demokratie bietet Christen die Chance, sich für die ihren Wertüberzeugungen entsprechende Gestaltung des Gemeinwesens einzusetzen. Die Stellung der Kirche beruht nicht einfach auf Verfassungsgarantien, sondern ihre gesellschaftliche Wirkung ergibt sich vor allem aus der lebendigen Aktion der Gläubigen in der Öffentlichkeit. Und nicht zuletzt gilt: Katholiken bzw. Christen sind nicht nur für die Stellung der Kirche in der europäischen Demokratie mit verantwortlich, sondern wesentlich für die Demokratie selbst.
In einer Demokratie lebt Politik von immer neu anzustoßenden Diskussionsprozessen. Nur im Diskurs, in der Sachauseinandersetzung können Wertüberzeugungen wachsen, müssen sie sich bewähren und können sie einfließen in konkrete politische Gestaltung. Deshalb wird es in Zukunft darum gehen, anhand von konkreten Sachthemen, die sich aus dem christlichen Glauben ergebenden Wertüberzeugungen ins öffentliche Gespräch zu bringen und für ihre politische Durchsetzung zu werben.

4. Zur Aktualität der christlichen Sozialprinzipien Personalität-Solidarität-Subsidiarität

Die schon erwähnte Pastoralkonstitution des Konzils "Gaudium et spes" kann als Grundlegung und Zusammenfassung der katholischen Soziallehre verstanden werden. Der vom Brüsseler Kardinal Suenens in die Konzilsberatung eingebrachte Text bringt die traditionelle Sozialverkündigung der Kirche und die neuen Akzente der Sozialenzykliken Johannes XXIII. (Mater et magistra 1961 und Pacem in terris 1963) zu einer theologisch und sozialethisch weiterführenden Systematik. Sprachlich einladend und theologisch präzise ist "Gaudium et spes" das sozialethische Fundament und die Selbstvergewisserung des christlichen Engagements in der modernen Gesellschaft.

Eine hervorragende Bedeutung kommt dabei der Aktualisierung und Anwendung der klassischen Prinzipien der christlichen Sozialethik, der Personalität, der Solidarität und der Subsidiarität zu. Weil das Prinzip der Subsidiarität im Maastrichter-Vertrag von 1992 eine besondere europapolitische Betonung erfuhr und heute mehr denn je als das entscheidende Bauprinzip für die zukünftige politische Ordnung Europas gefordert ist, möchte ich an dieser Stelle intensiver auf seinen Inhalt und seine Bedeutung eingehen.

Eine präzise Beschreibung des Subsidiaritätsprinzips findet sich bereits in der Sozialenzyklika "Quadragesimo anno" Pius XI. von 1931 (zum 40. Jahrestag des Erscheinens der ersten Sozialenzyklika "Rerum novarum"). Es heißt dort: "Wie dasjenige, das der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, dass, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen ... Jedwede Gesellschaftstätigkeit ist ja ihrem Wesen und Begriff nach subsidiär; sie soll die Glieder des Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aussaugen." So verstanden wird das Subsidiaritätsprinzip zum sozialethischen Organisationsprinzip des Gemeinwohls, insofern es im Blick auf die Einzelperson und die abgestufte Vielfalt sozialer Gebilde eine Orientierung für die Zuordnung der Zuständigkeiten bzw. Kompetenzen bietet. Das Prinzip geht davon aus, dass die Zuschreibung von Kompetenzen für politische Entscheidungsebenen Gerechtigkeitsfragen aufwirft und legt eine eindeutige Priorität fest: So viel Kompetenz für die je kleinere Sozialeinheit wie möglich - so viel Kompetenz für die je größere Sozialeinheit wie notwendig. Das Prinzip bietet noch kein Rezept, jedoch ein wichtiges Kriterium, dessen Konkretisierung und Anwendung in den jeweiligen Gegebenheiten erfolgen muss. Das Ziel, an dem sich die Richtlinie des "So viel wie möglich - so viel wie notwendig" angesichts der konkreten sozialen Lage zu orientieren hat, ist letztlich das Gemeinwohl, das für alle Menschen bedeutsam ist, und nicht primär das Eigeninteresse.

Insofern ist es eindeutig eine Fehlinterpretation des Subsidiaritätsprinzipes, es einfachhin als Rechtfertigung für Deregulierung, Sozialabbau, Privatisierung oder Dezentralisierung zu verstehen. Subsidiarität steht immer im Dienste des Gemeinwohls, im Dienste sozialer Wohlordnung. Es ist damit eine Richtlinie zur Gemeinwohlverwirklichung.

Damit steht das Subsidiaritätsprinzip im engen Zusammenhang mit der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit. Mit Bedacht haben wir deshalb in dem "Manifest für ein europäisches Bewusstsein" vom Mai 2000 im Zusammenhang mit der Frage nach der sozialen Identität Europas die Beteiligungsgerechtigkeit besonders betont. Hier geht es nämlich um den aktiven, auf Teilhabe orientierten Aspekt der Gemeinwohlgestaltung. Und Beteiligungsgerechtigkeit meint eine doppelte Verpflichtung:
Zum einen betont sie die Pflicht des Menschen zur aktiven und produktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.
Und zum anderen betont sie die Verpflichtung der Gesellschaft, dem Einzelnen diese Teilnahme zu ermöglichen, damit die Menschen einen Beitrag zur Gesellschaft leisten können auf eine Art, die ihre Freiheit und Würde respektiert. (So die US-Amerikanischen Bischöfe in ihrem Wirtschafts- und Sozialwort von 1986)

Nun ist mir bewusst, dass mit der Herausarbeitung der Prinzipien der christlichen Soziallehre die politischen Herausforderungen noch nicht bestanden sind. Es geht aber doch um eine Vergewisserung, nach welchen Grundsätzen wir unsere Politik im Verhältnis von regionaler, nationaler und europäischer Ebene orientieren wollen. Und dabei darf das Subsidiaritätsprinzip eben nicht nur als Leitbegriff in der Präambel der europäischen Verträge stehen, es muss vielmehr zum Bauprinzip der europäischen Ordnung werden und durchgängig Anwendung finden. Dafür möchte ich ausdrücklich werben.

5. Die sog. EU-Osterweiterung ist ein historischer Prozeß, der unsere ganze Unterstützung verdient

Die Frage nach der sog. Osterweiterung, oder angemessener formuliert, der Vollendung der Europäischen Union gab den entscheidenden Anstoß für die Erarbeitung unseres Manifestes. Wir sehen in diesem Prozess eine historische Chance für dauerhaften Frieden in Europa. Dabei sind wir uns bewusst, dass Frieden ständig geschaffen und neu gesichert werden muss. Dies zumindest ist die europäische Erfahrung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Und, das ist wichtig festzuhalten, Frieden kann letztlich nur gedeihen, wenn es einen Grundkonsens über die Werte und Ordnungsprinzipien gibt, nach denen wir die politische Ordnung Europas gestalten wollen.
Folglich lautete die dominierende Frage bei der Erarbeitung des Manifestes vom Jahre 2000: Wozu laden wir eigentlich die Völker und Nationen Mittel- und Osteurpas ein, denen wir eine EU-Mitgliedschaft anbieten? Diese Frage nach dem "Ethos" - die Frage nach der moralischen Grundlage des europäischen Projektes - ist die eigentlich entscheidende Frage. Und im Verlauf dieses Kolloquiums werden wir versuchen sie durchzudeklinieren:

Zunächst morgen früh, indem wir die Frage nach der Verantwortung Europas ad intra stellen. Welches Bild hat Europa von sich selbst? Was ist seine Identität? Was sind die Voraussetzungen seiner Identität - wie wollen wir seine Politik gestalten?

Und morgen nachmittag werden wir uns dann der Frage der Verantwortung Europas ad extra widmen: Wie wird der konzeptionelle Beitrag Europas zu einer politischen Weltordnung aussehen? Wie will Europa seine Beziehungen nach außen gestalten? Wie kann der Einsatz Europas für Gerechtigkeit und Frieden aussehen?

Eine Verständigung über diese Fragen, über das Ethos des europäischen Projektes, ist angesichts der bevorstehenden EU-Erweiterung dringend geboten. Sie ist heute entscheidender denn je, weil wir weder über eine gemeinsame Sprache noch über eine einheitliche Kultur bzw. Religion in Europa verfügen. Deshalb müssen wir die gemeinsamen Überzeugungen definieren, die unser Fundament sein sollen.
Ich bin der festen Überzeugung, dass gerade die Menschen in den sog. Beitrittsländern nicht primär einen Beitritt zu einer rein wirtschaftlichen Struktur Europas wollen, sondern vor allem einen Beitritt zu einem zivilisatorisch-politischen Raum, der von einer Idee getragen ist und nicht so sehr von nationalstaatlichem bzw. wirtschaftlichem Egoismus. Zu dieser europäischen Idee haben die Völker Europas durch ihre Geschichte beigetragen.

Deshalb bin ich sehr froh, dass wir eine Vielzahl von Persönlichkeiten als Referenten und Teilnehmer für dieses Europäische Kolloquium gewinnen konnten, die aus den mittel-, ost- und südosteuropäischen Staaten kommen. Denn nur gemeinsam können wir das Bewusstsein für das europäische Projekt schaffen und die notwendige europäische Politik gestalten.

6. Der "Konvent zur Zukunft Europas" bildet den vorrangigen Anknüpfungspunkt für unsere europapolitische Arbeit

Wenn am heutigen Donnerstag der von den europäischen Staats- und Regierungschefs einberufene "Konvent zur Zukunft Europas" erstmals zusammentritt, ist das ein glücklicher zeitlicher Umstand für unser Kolloquium. Der ausdrückliche Auftrag an den Konvent, eine umfassende Reform der Europäischen Union angesichts der bevorstehenden EU-Erweiterung mit einem dazugehörigen europäischen Verfassungsvertrag vorzubereiten, bietet uns einen idealen Anknüpfungspunkt, unsere Vorstellungen in die Debatten und politischen Entscheidungsprozesse einzubringen. Denn nur eine aufmerksame Begleitung der Konvents-Arbeiten durch die Öffentlichkeit und damit durch die entstehende europäische Zivilgesellschaft kann gewährleisten, dass ein bürgernahes, dem Subsidiaritätsprinzip verpflichtetes Europa entsteht. Eine rechtsverbindliche Regelung der EU-Grundrechtscharta, ein einheitlicher, die verschiedenen EU-Verträge einbeziehender Verfassungsvertrag, eine dem Europäischen Parlament verantwortliche Exekutive, welche nicht die Verantwortlichkeiten und Kompetenzen der nationalen Regierungen ersetzt sowie eine adäquate Kompetenzregelung entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip sind einige der zentralen Forderungen, die nach meinem Dafürhalten die Arbeit des Konventes bestimmen sollten.

7. Der Aufbau eines Netzwerkes bzw. Freundeskreises europäischer Christen ist zwingend

Wir, die wir hier zusammengekommen sind, sind uns darüber einig, dass die zukünftige Gestaltung der Europapolitik eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen für uns als Christen darstellt. Es wird deshalb ganz entscheidend darauf ankommen, dass wir ein Netzwerk bzw. einen Freundeskreis von europäischen Christen aufbauen, um aus unseren Erfahrungen und Stärken heraus das eine Europa kulturell, politisch, sozial und religiös konstruktiv mitzugestalten. Rückzug aus diesen Debatten wäre nichts anderes als ein Zurückweichen vor dem christlichen Weltauftrag , den das II. Vatikanische Konzil formuliert hat, und damit letztlich unchristlich.

Die Bildung, die Medien, die Wirtschaft, die Kultur und nicht zuletzt die Politik können nur dann unseren Wertüberzeugungen entsprechen, wenn wir uns in ihnen engagieren bzw. uns zusammentun, um sie mitzugestalten. Die freiheitliche Gesellschaft im heutigen Europa ist in dem für sie charakteristischen Widerstreit der Meinungen und Interessen gewiss eine Herausforderung für den Christen. Sie ist zugleich eine Chance, sein eigenes Leben zu gestalten und sich mit Gleichgesinnten zu verbünden, damit das Christliche in der Gesellschaft präsent ist und diese Gesellschaft mitprägt.

Fragen der Friedenssicherung, des Vorrangs der Konfliktprävention, der Verringerung des Rüstungsexports aus europäischen Staaten, des Dialogs der Kulturen, der biomedizinischen Forschung, dies sind Beispiele für Fragen von höchster ethischer Bedeutung, die in Brüssel entscheiden werden. Diesen Fragen muss unsere Aufmerksamkeit gelten. Und sie werden ohne uns und unsere Wertüberzeugungen entschieden, wenn wir uns nicht als Christen öffentlich engagieren. Jetzt, da eine europäische Öffentlichkeit und ein europäisches Bewusstsein entsteht, müssen wir am geistigen Fundament Europas mitbauen.

Das Entstehen einer europäischen Öffentlichkeit und einer europäischen Gesellschaft ist eine Chance und eine Herausforderung für den Weltauftrag der Christen. Die europäischen Katholiken haben seit dem Beginn der modernen bürgerlichen Gesellschaft durch ihr öffentliches Engagement ein hohes Maß von politischer Erfahrung und Kompetenz entwickelt, das sie in diese Aufgabe einbringen können.

Ich bin zuversichtlich, dass das heute beginnende Kolloquium ein weiterer, vielleicht entscheidender Schritt auf dem vor uns liegendem Weg ist.

Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, Präsident Zentralkomitee der deutschen Katholiken