Donnerstag, 4. November 2010

Dialog – Impuls für eine zukunftsfähige Kirche (Claudia Lücking-Michel)

Arbeitstagung von Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 4./5.November 2010 in Bensberg
Dialog – ganz besonders jetzt

Das Anliegen, zentrale Fragen zur Zukunft der Kirche im Dialog zwischen Laien und Amt gemeinsam anzugehen, treibt uns schon lange um. Die Entwicklun-gen der letzten Monate haben diesem Ruf nach mehr Dialog im kirchlichen Miteinander aber noch einmal ungeahnte Dringlichkeit verliehen. Jetzt gibt es einen Kairos, jetzt gibt es Gelegenheit etwas anzusprechen, das der gegebe-nen Situation in besonderer Weise innewohnt. Alle, die aktuell über die Situati-on der Kirche reden, sind sich in diesem Punkt einig: Wir brauchen eine Reform. Doch damit endet die Einigkeit auch schon, denn in welche Richtung diese Reform gehen soll, ist heiß umstritten. Und es beginnt die Notwendigkeit zum Dialog.

Gemeint ist mit diesem etwas abgenutzter Begriff allerdings nicht „noch mehr reden“ und dem Dauergeschwätz unserer Zeit noch weitere Talkrunden hinzu-zufügen. Dialog ist mehr als eine Stilfrage, eine neue Managementtechnik oder eine Strategie, um die nörgelnden Funktionäre des Zentralkomitees zu-frieden zu stellen.

Gemeint ist vielmehr eine geistig- kirchliche Grundhaltung. Eine Grundhaltung nicht der fertigen Antworten, des alles Erklären- Könnens und der vermeintli-chen Patentrezepte für die Lösung all unserer Probleme, sondern eine Grund-haltung der Neugier, des Verstehen-Wollens und des neuen Aufbruchs. Und damit auch einer Grundhaltung, die ihre Ratlosigkeit und ihre Suche nach Antworten zugibt. Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Wir stehen da mit großer Sorge. Doch hoffend lassen wir uns ein auf ein Gespräch als ein ge-meinsames Ringen um neue Lösungen.„Das dialogische Prinzip - so Bernhard Hanssler- ist das Ferment einer sich wandelnden Kirche.“

Dialog, das lässt sich auch noch grundsätzlicher fassen: Das II. Vatikanische Konzil hat die Kirche in besonderer Weise auf ein Selbstverständnis verpflichtet, das die Auseinandersetzung mit dem Zeitgenössischen wagt und darin eine Offenheit und Wachheit zeigt, durch die sie sich selbst verändern lässt. „Wenn die Kirche heute – so Karl Rahner in seinen Schriften zur Theologie (Aufsatz „Vom Dialog in der Kirche“) - einen Dialog mit der Welt führen muss, dann darf nicht übersehen werden, dass diese Welt nicht einfach draußen ist, sondern in der Kirche selbst gegeben ist, also der erste und vielleicht entscheidende Dialog mit der Welt gerade der innerkirchliche Dialog ist.“ Damit ist Dialog eine Lebensfrage für Kirche und Gesellschaft. Eine Kirche, die in ihrem Innern dialogbereit und dialogfähig ist, ist es auch in ihrem Umgang mit der Welt. In dieser Grundhaltung können wir auf die Welt und die Zeichen der Zeit zugehen und neu aufbrechen, um die visionäre Kraft des Evangeliums in dieser Welt und in uns wirken zu lassen.

Denn "jede geschichtliche Epoche, jede Gesellschaft trägt die Möglichkeit einer neuen Inkarnation des Evangeliums in sich." (Heimbach-Steins)

In diesem Sinn sind wir Ihnen, Herr Erzbischof Zollitsch, in besonderer Weise dankbar, dass Sie zum Beginn der Herbstvollversammlung 2010, so eindeutig und klar zu einem neuen Gesprächsprozess in der Kirche eingeladen haben. Diese Einladung lässt uns hoffen! Wir nehmen sie dankbar an.

Dialog wozu: In drei Themenfeldern will ich im Folgenden meine Überlegun-gen bündeln: Das eine befasst sich mit den Voraussetzungen, das andere mit möglichen Inhalten und das dritte mit Zukunftsperspektiven für diesen Dialog.
Dialog- aber wie? Zu den Voraussetzungen eines gelingenden Dialoges
Ein ernsthafter Gesprächsprozess kann jedenfalls nicht zustande kommen, wenn wir diese anderthalb Tage nur irgendwie hinter uns bringen und dann meinen, der Pflicht und dem Dialoganspruch Genüge getan zu haben.

Ein Dialog im Sinne eines geistigen Aufbruchs erfordert vielmehr untereinander als erstes einen Vertrauensvorschuss: „Die anderen haben etwas zu sagen.“ Dialog fordert ein sich gegenseitig ernstnehmen und bereit sein, sich gegen-seitig etwas sagen zu lassen. Bischöfe von den Laien und Laien von den Bi-schöfen, aber auch jede von jedem und umgekehrt, denn natürlich denken und reden wir nicht nur entlang der bekannten „Fraktionslinien“. Auch unter-einander gibt es sehr unterschiedliche und vielfältige Wahrnehmungen, Ein-schätzungen und Hoffnungen auf Veränderungen.

Als zweites gehört zu einem echten Dialog, die Bereitschaft sich der Wirklichkeit zu stellen. Innerkirchlich haben wir große Erfahrung mit dem Reden und Leben „als ob“. In vielen Situationen sehen wir, dass die Wirklichkeit nicht den Vorgaben entspricht, aber wir tun und reden so „als ob“. Wenn wir hier in Bensberg so weitermachen, bekommen wir die Zeit rum, aber bewirken nichts.

Wahrhaftigkeit ist damit die nächste Voraussetzung. Wir haben weitgehende Hoffnungen und Erwartungen, die zum Teil durchaus von der kirchlichen Lehrmeinung abweichen, doch wir trauen uns nicht, diese auszusprechen, beschränken uns aus strategischen Gründen gleich von vornherein auf takti-sche Ziele. Ehrlich reden und sagen, was ist und wie ich darüber denke – so könnte man diese Haltung zusammenfassen. Eigentlich eine Selbstverständ-lichkeit! Ein Prüfstein für die Ernsthaftigkeit des Dialogs ist schließlich der Mut, sich nicht länger auf Randprobleme einengen und festlegen zu lassen.

Die Wahrheit, das „was wirklich ist, ist nicht einfach zu haben. Daten und Fak-ten sind das eine, doch unsere Welt besteht aus der Interpretation dessen, was wir wahrnehmen. Und mag sie auch noch so abgenutzt sein, durch die bekannte Geschichte von den Blinden, die an verschiedenen Stellen einen Elefanten ertasten, wird nur zu deutlich, wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass zu unserer Interpretation der Wirklichkeit die der anderen dazukommt. Nicht der eine hat recht und der andere unrecht, sondern zusammen fügen sich die verschiedenen Wahrheiten zu einem Bild, das der Wirklichkeit nahe kommt.

Dialog ist damit verbindliche Rede, die der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit dient.

Dieses Verständnis ist dabei ein riskantes Unternehmen, denn es setzt voraus, sich nicht nur einzulassen auf die anderen, sondern auch auf das, was „die Welt uns bringt“: auf die Zeichen der Zeit, auf die Strömungen der Moderne, auf Freiheitserfahrungen und Demokratisierungsprozesse.

Reform, doch wohin? Wer offen in den Dialog hineingeht, weiß nicht, wie er wieder herauskommt. Ob eine solche umfassende innere Öffnung als geistli-che Haltung taugt? Den einen ist der Wandel schon zu viel, sie erleben ihn als Angriff auf die Wahrheit. Anderen ist er immer schon zu wenig und auf halber Strecke steckengeblieben. Doch es gibt keine Alternative: Leben ist Begeg-nung, christliches Leben erst recht.

Dialog gehört zum Selbstvollzug der Kirche und erfordert als solcher den Mut, ins Weite aufzubrechen. In diesem Sinne lohnt es sich, auch einen Weg einzu-schlagen, dessen Ziel nicht von vornherein absehbar ist. Wir tun das mit der festen Überzeugung, dass damit die große Chance verbunden ist, dass im Gespräch und in der Begegnung, Neues entstehen kann, das mehr ist als die Summe der Vorschläge, die jetzt schon in unseren Köpfen ist.

Dialog - wozu?
Noch einmal genauer: Wozu das Ganze? In der Regel denken wir in Katego-rien von „Recht behalten“, „Macht sichern“, „die öffentliche Wahrnehmung bestimmen“. Wir wollen die einflussreiche Stellung der Kirche in der bundesre-publikanischen Gesellschaft retten und all das erhalten, was es an Einrichtun-gen, Organisationen und Standards bisher gegeben hat. Doch In solchen Zei-ten darf die Kirche und dürfen katholische Einrichtungen nicht den Eindruck erwecken, vor allem mit sich selbst beschäftigt zu sein. Unsere Grundfrage soll-te nicht sein: „Was braucht die Kirche, damit alles so weitergehen kann wie bisher, sondern „Was brauchen die Menschen?“ „Was tut not?“ „Wie können wir helfen?“

Die Stimme der Kirche als Anwältin für die Schwachen ist am Beginn unseres Jahrhunderts angesichts der Probleme in der Welt und in unserem Land nöti-ger denn je und zugleich droht sie zu verstummen. Lassen wir uns den Auftrag von „Gaudium et Spes“ neu ans Herz legen. Dort heißt es nicht, dass uns die Sorge und Nöte um die Kirche des 21. Jahrhunderts umtreiben sollen, sondern die Freude und Hoffnung und Sorge und Angst der Menschen dieser Welt, be-sonders der Ärmsten der Armen unter ihnen.

Dialog – worüber: Was tut not?
Damit komme ich zum zweiten Punkt meines Impulses. Exemplarisch will ich sechs zu bearbeitende Felder nennen. Was tut not? Ich antworte aus einem sehr persönlichen Blickwinkel, doch die einzelnen Problemlagen, sind mit den anderen abgestimmt.

1. Lebendige Gemeinden erhalten

Die Gruppe der Sternsinger hat schon dreimal vergeblich geklingelt und wir wollten gerade weitergehen. Da öffnet ein alter, sehr gebrechlicher Mann mit Rollator die Tür und ruft: "Wartet ich kann nicht so schnell.“ In Gemeinde und Nachbarschaft war er gar nicht mehr präsent. Seit diesem Tag wissen wieder mehr Menschen um ihn und haben ihn im Blick. Doch was tun wir? Wir lösen die sozialen Nahräume der Pfarrgemeinden auf und überführen auch die noch funktionierenden Pfarrgemeinden in pastorale Großprojekte: 180.00 See-len, 6 Stadtkirchen, 10 Kilometer in eine Richtung. Das alles, weil es nicht mehr genug Priester für die Gemeindeleitung gibt. Mein Weg zur Arbeit jeden Tag ist noch weiter; ich fahre für ein gutes Konzert von Bonn nach Köln und pflege meine Kontakte bundesweit. Doch die kleinen Kinder, die Alten und die Kran-ken sind auf das Fortbestehen sozialer Nahräume angewiesen. Wir reden ja nicht über das Hochland von Peru oder Diasporagebiete im Osten. Nein, wir lösen ohne Not lebendige Gemeinden auf. Für das Gelingen einer dialogi-schen und kooperativen Pastoral sind Strukturen wichtig; Menschen sind je-doch entscheidend. Wir brauchen ein anderes Konzept von Gemeindeleitung. Unsere Kraft und Energie brauchen wir nämlich für die Menschen vor Ort, nicht um die Fusionen zu organisieren.

2. Frauen mehr Verantwortung geben
Uniklinik Köln, Onkologie, die Frau im Bett neben mir eine „gelernte Katholikin“, dann über Jahre weit weg von Kirche und Glaube. Angesichts der erschüt-ternden Krebsdiagnose bricht ihr ganzes Leben über sie herein: Abtreibung, unglückliche Beziehungen, Scheidung – viele Frauensachen halt. Mit ihrem Pfarrer konnte sie nie darüber reden, Frauen hätten sie vielleicht verstanden.

„Ich werfe unserer Zeit vor, dass sie starke und zu allem Gutem begabte Geister zurückstößt, nur weil es sich um Frauen handelt.“ (Theresia von Avila). Wir leben in einer von Männern geleitet Frauenkirche. Die Charismen von Frauen kommen nach wie vor nicht ausreichend vor; sie haben strukturell keine Chance, sich gleichberechtigt in die Gestaltung kirchlicher Wirklichkeit einzu-bringen. Da überzeugende theologische Argumente gegen eine Ordination von Frauen fehlen, wird die Diskussion darüber per Diktat beendet. Die Antwort auf die Frage nach der Diakonatsweihe für Frauen seit fast vierzig Jahren vertagt.

Schon 1981 sprachen die deutschen Bischöfe in ihrem Hirtenwort von ihrer Vi-sion, wonach die Kirche ein Modell für das partnerschaftliche Zusammenwir-ken von Mann und Frau sein sollte. Dieser Vision sind wir nicht wesentlich näher gekommen. Frauen warten noch immer auf die Verwirklichung dieser Aus-sagen und wollen endlich lebens- und strukturverändernde Taten sehen.

3. Fortschritte in der Ökumene: Gemeinsames Abendmahl
Für meinen Onkel war und ist es ein persönliches Lebensdrama, dass er – Sohn aus gut katholischem Hause – eine evangelische Christin kennen und –liebenlernte. Wie viele andere aus der Generation der Christen 60plus, die in Deutschland oft noch in sehr lebendigen konfessionellen Bezügen und Konflik-ten groß geworden sind. Die Autorität kirchlicher Regelungen ist für sie von großer Bedeutung. Sie leiden an den trennenden Gräben zwischen den Kon-fessionen, vor allem zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche. Besonders diejenigen aus dieser Generation, die wie mein Onkel in konfessi-onsverbindenden Ehen leben, hoffen, zu ihren Lebzeiten noch gemeinsam mit ihrem Ehepartner Eucharistie feiern zu dürfen. Mit zunehmender Frustration und Unwillen erleben sie aber auch, wie die Jahrzehnte dahingehen und sich trotz theologischer Fortschritte und Klärungen nichts verändert.

4. Sexualmoral
Als Eltern jugendlicher Kinder diskutieren wir ständig mit ihnen. Was ist sinnvoll? Was hilft? Was ist verboten? Warum? Die eigene Wünsche an das Leben, Partnerschaft, gelingende Gestaltung von Beziehungen, Sexualität? Die Glaubwürdigkeit katholischer Sexualmoral? Spätestens da komme ich als Mut-ter bei den kritischen Rückfragen meiner Kinder ins Schwitzen. Verantwortete Elternschaft jenseits von NFP? Das Misereorprojekt, in dem der Gebrauch von Kondomen nicht nur, aber auch zum Schutz vor Aids gefördert wird, Hauptsa-che es steht in keinem offiziellem Text? Der homosexuelle Christ, der in unserer Kirche nicht offen zu seiner eigenen sexuelle Ausrichtung stehen darf, und rundum die Kartelle des Schweigens erlebt. Der Pfarrer mit Frau und Kind, des-sen private Situation alle kennen, der aber rausfliegt, wenn er offiziell zu seiner Familie stehen will und endlich heiratet. Innerkirchlich leiden wir unter einer Sprachlosigkeit in Bezug auf alles, was mit Sexualmoral zu tun hat. Uns fehlen die Worte, aber wenn wir reden und dabei in den Spiegel schauen wollten, müssten wir vorher die furchtbare Doppelmoral überwinden, an die wir uns viel zu sehr gewöhnt haben. Damit meine ich nicht das Scheitern einzelner, die hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleiben. Wer bin ich, darüber richten zu wollen? Nein ich meine die innerkirchlich, öffentliche, gemeinschaftlich gepflegte Doppelmoral, die unsere Worte, selbst da, wo wir sie ernst meinen, Lügen straft.

Beim Missbrauchsskandal hat uns unsere Sprach- und Handlungsunfähigleit in schlimmster Weise eingeholt. Und was tut not? Es ist ja nicht so, dass Menschen nicht Rat, Hilfe und Weisung bräuchten, wie sie Ihre Sexualität verantwortlich, menschenwürdig in gelingenden Partnerschaften leben können. Aber wer will denn die Körnchen der Wahrheit unter alle den Heucheleien und Lügengebäuden noch ernst nehmen.

5. Wiederverheiratete Geschiedene
Sabine und Wolfgang sind beide Altcusaner. Vor 23 Jahren haben sie gehei-ratet, zwei Kinder, lange Zeit eine katholische Vorzeigefamilie. Doch irgend-wann wurde es mühselig, Streit, Missverständnisse, Beziehung und Ehe in Ge-fahr. Paartherapie, neue Anläufe, Not und Verzweiflung. Beide Herkunftsfami-lien fassungslos, Scheidung undenkbar und dann akute Suizidgefahr, reaktive Depression. Trennung unter schwersten Bedingungen. In Zeiten wo Seelsorge nötiger denn je gewesen wäre, schämt man sich, leidet am eigenen Versa-gen, traut sich nicht mehr in die alten katholischen Kontexte. Nach Jahren der Hölle, jetzt ein Neuanfang. Kinder wieder stabil und eine neue Partnerschaft in Sicht. Das Zutrauen wächst, dass das Leben mit Gottes Hilfe doch gelingen kann und auch eine kirchliche Eheschließung Sinn machen würde. Doch jede Vorstellung in katholischen Kontexten beginnt damit: „Ich bin ja aus katholi-scher Sicht eigentlich ein verlorenes Schaf.“ Ich rede nicht scheinbar moderner Leichtlebigkeit und sorglosem Partnerwechsel das Wort. Davon kann in den Fällen, die ich gerade vor Augen habe, wahrlich nicht die Rede sein. Was tut not? Wie können wir Menschen helfen und nicht die Not noch größer ma-chen?

6. Zwischen mündigem Staatsbürger und folgsamen Schaf
Der Chefarzt im Krankenhaus, die Bundespolitikerin, der mittelständische Un-ternehmer, die Eltern pubertierender Jugendlicher, der mündige Wähler vor einer schwierigen Wahlentscheidung – von ihnen allen wird erwartet, dass sie nach besten Wissen und Gewissen nach ihren Möglichkeiten eigenverant-wortlich Handeln.

An der Botschaft vom Reich Gottes versuchen sie sich auszurichten. Dabei finden sie sich schnell in einem tiefgreifenden Identitätskonflikt wieder. In be-ruflichen, gesellschaftlichen und privaten Zusammenhängen wird von ihnen Mündigkeit, Eigenständigkeit und Selbstverantwortung erwartet. Im Raum der Kirche erfahren sie sich gleichzeitig als Objekt einer Leitung und Belehrung, auf die sie keinerlei Einfluss habe und die nicht zu Gesprächen bereit ist. Als ob es die Lehre vom Glaubenssinn aller Christen nicht gäbe. Die Kirche in ihrer geschichtlich gewordenen Gestalt ist ungleichzeitig mit dem Selbstbewusstsein heutiger Menschen.

Autorität und Glaubwürdigkeit jedenfalls kommt heutzutage nur noch da zu-stande, wo sie überzeugt und wo sie die grundsätzliche Autonomie der Men-schen akzeptiert. Die Bindungskräfte hängen nicht mehr an kirchlichen Institu-tionen und Lehrbotschaften per se. Wir haben als Kirche eine erlösende und befreiende Botschaft Jesu Christi zu vermitteln. Es geht darum Laien in ihrer Stellung als mündige Christen ernst zu nehmen.
Das aber wird nur gelingen, wenn wir nicht selbst als eng erfahren werden. Menschen suchen heute Orte einer tragenden Freiheit.

Dialog - wie weiter?
Damit kommt ich zum dritten und letzten Themenfeld: Das II. Vatikanum führte dazu, dass die Kirche ihr Selbstbild als pyramidal strukturiertes Sozialgebilde zu korrigieren hatte und wie in altkirchlicher Zeit begann sich wieder als Volk Gottes gemeinsam auf dem Weg zu sehen.

„Gemeinsam auf dem Weg“, daher kommt der griechische Begriff „syn-odos“. Und wenn wir in diesem sehr grundsätzlichen Sinn reden, kann es gar nicht anders sein, als dass unser Gesprächsprozess „synodal“ geführt wird.

„Unsere Hoffnung“ – das Synodenpapier von Würzburg war nicht so gemeint, dass wir in die Synode selbst unsere Hoffnung setzen sollen, aber immerhin ga-rantiert es die Erinnerung daran, dass es eine Zeit und eine Phase gab, in der so etwas möglich war. Und auch wenn wir uns heute einig sein sollten, dass es jetzt nicht sinnvoll wäre, auf eine Synode zu setzen.“Würzburg II“ ist wahr-scheinlich jetzt nicht einfach die richtige Antwort, wir brauchen andere For-men, aber darunter sollten wir es auch nicht tun. Natürlich, die Kirche ist keine Demokratie, aber auch kein absolutistischer Staat. Souverän ist nicht das Volk, aber auch nicht die Hierarchie, sondern Christus. Es geht darum, dass Amt nicht durch synodale Strukturen zu ersetzen, wohl aber zu ergänzen.

Seit dem Apostelkonzil, das die Stellung der Heidenchristen so gar nicht im Sinne des Establishments der jungen Kirche regelte, kam in der Kirchenge-schichte schon manches anders als die Verantwortlichen gedacht und ge-plant hatten. Gott ist größer als wir denken. Er hält sich zum Glück nicht an den CIC, noch an Beschlüsse der Bischofskonferenz oder des Zentralkomitees. Vor dem Zweiten Vatikanum erschien ebenso vieles unmöglich, was dann umgesetzt wurde, aber viele der Reformen waren immerhin vorbereitet:

Die neue Liturgie wurde nicht nur in Rothenfels schon gefeiert und eingeübt. Die Männer, die sich dazu berufen fühlten, waren schon für eine Weihe als ständiger Diakon vorbereitet.

Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Doch wer in die Weite hinausgeführt werden will, muss doch zumindest aufbrechen. Was tut not? Um der Menschen willen sollten wir die nötigen Hilfsmaßnahmen einleiten und Hoffnungszeichen setzen, dass Bereitschaft entstanden ist, Monologe zu überwinden und ein neues Miteinander im Sinne einer gemeinsam getrage-nen Verantwortung.

Christliche Tradition in ihrer bisherigen Auslegung ist nicht schon das letzte Wort. Kirche in ihrer bisherigen Geschichte ist nicht schon alles. Es braucht die Verbindung von innerer Festigkeit im Bewusstsein der eigenen Wurzeln und einer Weltoffenheit, die die Moderne nicht scheut. Beides gehört zusammen. Genau das war gemeint, als das Zweite Vatikanische Konzil von den "Zeichen der Zeit" gesprochen hat. Das ist mehr als der Aufruf zur Zeitgenossenschaft. Karl Rahner sagt: "Wer grundsätzlich verbieten will, dass der Wille für eine Zu-kunft auch ein Wagnis in das Unbekannte ist, der will im Grunde Freiheit und Geschichte abschaffen." Selbstbewusst zu den eigenen Traditionen zu stehen, das macht fähig für den Dialog. Mutig Neues zu erwarten und Neues zu wa-gen macht fähig, die eigene Tradition in die Zukunft fortzuschreiben.


Bonn im November 2010

Dr. Claudia Lücking-Michel
Vizepräsidentin des ZdKs