Mittwoch, 16. August 2017

Die Rede vom „Christlichen Abendland“ und der Rechtspopulismus in Deutschland

Interview mit ZdK-Präsident Prof. Dr. Thomas Sternberg | Originalbeitrag für OWEP 3/2017

Das folgende Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Sternberg, dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), führte Burkhard Haneke. (Bild: © ZdK/KNA-Bild).

 

Herr Professor Sternberg, wie erklären Sie die gegenwärtige hohe Konjunktur der Rede vom „Christlichen Abendland“, nachdem lange Zeit kaum jemand diesen Begriff in der öffentlichen Diskussion verwendet hat?

Die Rede vom „Christlichen Abendland“ hatte ihre große Konjunktur in den 1950er Jahren, als damit eine Abgrenzung und Absetzung der westeuropäischen Staaten von den Staaten und Ländern des Ostblocks gegeben war. Diese Entgegensetzung war nie ganz korrekt, denn Mittel- und Osteuropa gehören natürlich zu diesem Europa und auch zu diesem christlichen Europa. Dieses Gebilde hat sich dadurch konstituiert, dass in der Spätantike der oströmische Teil des Mittelmeerraumes wichtiger wurde und sich der Westen zunehmend emanzipierte. Um 800 setzte mit Karl dem Großen eine Entwicklung ein, die die westeuropäischen Länder vom Reichszentrum im Osten und zudem von den islamisch gewordenen südlichen Ländern abgrenzte. Die Trennung aus dem siebten Jahrhundert in einen südlichen und einen nördlichen Westen wurde noch einmal verstärkt durch die Trennung zwischen der östlichen und westlichen Christenheit im Großen Schisma im Jahr 1054.

Diese lateinischen Länder, dieses christliche Europa, von dem wir sprechen, ist als „Christliches Abendland“ populär geworden, was allerdings auch nie unproblematisch war. Oswald Spengler brauchte den Begriff in seinem Buch „Untergang des Abendlandes“ als Abgrenzung – und so funktionierte er auch in den 1950er Jahren gegen den Kommunismus.

In der öffentlichen Diskussion steht er jetzt dadurch, dass die Protestbewegung „Pegida“ glaubt, sich auf dieses „Christliche Abendland“ beziehen zu müssen oder beziehen zu können. Es handelt sich dabei zumeist um eine Vereinnahmung. Schon 1993 schrieb der französische Orientalist und Philosoph Rémi Brague: „Diejenigen, die sich auf das christliche Europa, auf das christliche Abendland berufen, wenden dabei gelegentlich Praktiken und Argumente an, die genau diesem Christlichen widersprechen.“

Was kann man heute denn sinnvollerweise unter dem Schlagwort „Christliches Abendland“ noch verstehen? Wie sehr sind die europäischen Gesellschaften überhaupt noch christlich geprägt?

Dass Europa christlich geprägt ist, das sieht man schon bei einem ersten Blick auf diesen Kontinent. Die Kirchen und die Klöster prägen unsere Stadtbilder nach wie vor, und man stelle sich einmal vor, die christlichen Elemente wären in unserer Kunst, in der Musik, in Theater, Film und Literatur nicht vorhanden. Sie bilden die Grundlagen für das, was wir sind, bis hinein in unsere Alltagsgebräuche. Für uns ist die Frage, wann im nächsten Jahr Ostern ist, genauso normal wie die Frage eines Muslims, wann im nächsten Jahr Ramadan ist. Wir richten uns vom Karneval bis zum Pfingstfest auf diesen Wechsel ein, auf die Strukturierung des Jahres durch Feste, wir richten uns auf die Strukturierung der Woche mit dem siebten Tag als Ruhetag ein. Der Sonntag spielt nach wie vor eine überragend große Rolle im Alltagsleben der Menschen. Unsere Bräuche, unsere Redewendungen, alles das ist christlich geprägt. Allerdings christlich nicht in einem exklusiven Sinne und christlich nicht in dem Sinne, dass das schon Religion wäre. Das sind kulturelle und zivilisatorische Dinge, die geprägt sind vom Christentum, in die aber auch eine Menge anderer Prägungen eingegangen sind. Natürlich auch arabische, auch jüdische, auch antike Quellen und vieles andere mehr, die hier eine kulturelle Synthese eingegangen sind. Aber dass wir – für einen Ausländer betrachtet – einen eigenen Kontinent darstellen, das ist ebenso offensichtlich. Europa hat sich in seinem Ausgriff auf die Welt in kriegerischem und friedlichem Imperialismus wie auch mit Überzeugungskraft eine fast weltweite Geltung verschafft. Das reicht von Nahrung und Kleidung bis zur Zählung der Jahre vor und nach Christi Geburt. Allerdings ist das nicht unbedingt mit dem Christentum als Religion in Verbindung zu bringen. Religion ist nicht Kultur, so wie auch andere Kulturen zwar von ihrer Religion geprägt sind, aber trotzdem nicht identisch sind mit Religion – eine Unterscheidung, die für interreligiöse Diskurse wichtig ist.

Haben manche Kritiker nicht Recht, wenn sie eine stärkere Rückbesinnung auf „das Christliche“ im europäischen Diskurs einfordern? Wie kann dem von vielen Anhängern rechtspopulistischer Bewegungen verwendeten Begriff „Christliches Abendland“ wieder ein angemessener Platz in der politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzung speziell in Deutschland im Vorfeld der anstehenden Wahlen verschafft werden?

Ich halte es für ganz wichtig, dass man, wenn man von einem christlichen Europa spricht, dies nicht an irgendwelchen formalen Elementen und Erscheinungsformen festmacht, sondern dass man inhaltlich danach fragt: Was ist denn eigentlich eine solche christliche Prägung? Was macht denn das Christliche aus? Was sind die Stärken Europas, und was ist christlich daran?

Besondere Stärken Europas, sagte Papst Franziskus bei der Verleihung des Karlspreises 2016 an ihn, seien drei Fähigkeiten, die er an Europa immer bewundert habe: die Fähigkeit zum Dialog, die Fähigkeit zur Integration und die Fähigkeit zur Kreativität. Ich glaube tatsächlich, das sind die Stärken, auf die sich Europa besinnen kann, und die Europa stark gemacht haben: die Integration auch von fremden Einflüssen, Ideen und Praktiken. Das wird deutlich, wenn man einmal auf das 13. Jahrhundert blickt, als Albertus oder Thomas von Aquin nicht nur antike griechische Quellen, sondern ebenso jüdische und islamische Quellen, alles was sie an Theorien, an Philosophien erfahren konnten, in ein großes Weltbild integrierten. Ich denke, die Frage nach dem Christlichen muss sein: Was ist christlich und was ist christliches Verhalten? Dann sind wir bei solchen Themen wie der Sozialordnung Europas, dann sind wir bei Fragen nach der Menschenwürde und anderem mehr.

Stellt sich in diesem Zusammenhang vielleicht auch die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von christlichem Glauben und Politik? Wäre es nicht an der Zeit, die Bedeutung des christlichen Menschenbildes und der christlichen Sozialethik bzw. der katholischen Soziallehre in Erinnerung zu bringen?

Ich denke, die Anfrage an uns als Christen, die sich aktiv in Gesellschaft oder Politik einbringen wollen, wird heute angesichts eines immer säkulareren Umfelds umso wichtiger. Unser Glaube und auch die Bibel geben uns keine unmittelbaren Handlungsanweisungen für politisches Handeln vor, aber sie geben uns Grundlagen. Im Menschenbild, in der Frage, wie politisches Handeln orientiert sein soll, gerade in der sozialen Frage und anderem mehr geben sie Regeln an die Hand, mit denen wir Politik machen können. Wenn Christen so etwas sein sollen (und wollen!) wie Salz und Sauerteig in einer Gesellschaft, wenn sie hineinwirken wollen in eine Gesellschaft, dann ist nicht die Frage entscheidend, wie hoch ihr prozentualer Anteil ist, sondern die Frage, wie überzeugend und wie wirksam sie Politik aus christlichem Geist heraus machen. Das hat ganz praktische Konsequenzen, denn es hilft nicht, bei Theorien zu verbleiben. Dann muss man die Äußerungen der Bibel ernst nehmen und anwenden auf die praktischen Fragen der Gegenwart: dass der Fremde in deinen Toren wie ein Einheimischer zu behandeln ist, dass die Menschenwürde sich nicht nur bezieht auf die Angehörigen der eigenen Gruppe, dass der barmherzige Samariter als Fremder einem Fremden hilft. Das sind die Geschichten, die eine unmittelbare praktische Relevanz für die Gegenwart haben, auch dann, wenn es weh tut, und auch dann, wenn man den Eindruck hat, es gibt politische Rücksichten, die vielleicht vordergründig wichtiger scheinen. Aktuelle politische Fragestellungen haben etwas mit unserem Glauben zu tun, und unser Glaube fordert uns dazu auf, tätig zu werden.

Mit Blick auf die grassierenden Populismen haben einige Kommentatoren von einer Vertrauenskrise vieler Menschen in die Wahrhaftigkeit von Politik und Medien gesprochen, andere sehen eine tiefe Kluft zwischen den gesellschaftlichen Eliten und der breiten Bevölkerung. Kann man das so sehen? Und wenn ja, wo liegen die Ursachen für diese Phänomene?

Das ist eine sehr breite Frage, die man sicherlich nicht mit ein paar Schlagworten beantworten kann. Ein Grund mag auch sein, dass Große Koalitionen in den Parlamenten bei einigen Menschen den Eindruck erwecken, es gäbe nur noch eine einzige politische Auffassung, so etwas wie eine Übereinkunft des gesamten politischen Establishments. Ich glaube, dass auch Oppositionen eine wichtige Funktion in der Demokratie haben, damit auch andere Auffassungen und Ansichten eine nachvollziehbare und überzeugende Positionierung finden. Große Koalitionen stärken die Ränder – nur, das Gegenteil stimmt auch: Starke Ränder zwingen zu Großen Koalitionen. Ich habe die Befürchtung, dass immer mehr Parlamente zu merkwürdigen Koalitionen gezwungen werden, weil es zu viele Gruppen in den Parlamenten gibt, die prinzipiell koalitionsunfähig sind.

Die Wahrnehmung einer Kluft zwischen „den Eliten“ und der Breite der Bevölkerung hat vielleicht auch damit zu tun, dass die öffentlichen Auseinandersetzungen teilweise in einer Sprache geführt werden, bei der niemand mehr darauf achtet, ob Begriffe eigentlich allgemein bekannt sind oder nicht, ob eine Sprache allgemein verständlich ist oder nicht, und die Diskurse daher als abgehoben erscheinen. Die verbreitete Manie zu Talkshows etwa verkennt die Tatsache, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen von Politik gibt und auch verschiedene Ebenen der Informiertheit, die man unterscheiden müsste. In öffentlichen Auseinandersetzungen, bedienen sich viele eines Vokabulars, das nicht allgemein verständlich ist. Aber es gibt eine Fülle von Elementen, die zu dem Gefühl einer Entfremdung der politischen Eliten beitragen.

Eine Rolle spielt wohl auch, dass zumindest das Gefühl einer herrschenden „Political Correctness“ viele Menschen dazu gebracht hat, geradezu Angst zu haben, ihre Meinung zu äußern. Wenn sie aber jetzt glauben, sie könnten in anonymen oder offenen Mails oder auf Plattformen der „social media“ ungeschminkt ihre Meinung äußern, dann kommt es da oft zu einer Verrohung, von der ich nicht geglaubt hätte, dass dies im 21. Jahrhundert möglich ist. Papst Franziskus hat kürzlich davon gesprochen, dass er Sorge habe, dass in einigen europäischen Ländern ein Klima entstehe wie kurz vor 1933 in Deutschland. Wenn ich einige der Hassmails lese, die jeder bekommt, der auch nur irgendwo einen vermittelnden und verständnisvollen Satz zum Thema Islam oder Flüchtlinge äußert, dann habe ich die Sorge, dass sich hier Kräfte in Deutschland mittlerweile wieder Resonanz verschaffen, von denen wir geglaubt und gehofft hatten, sie wären nach dem Desaster von 1945 wirklich nicht mehr möglich.

Wie kann oder wie sollte man seriös die Auseinandersetzung mit „Pegida“, AfD und anderen Rechtspopulisten führen? Anders gefragt: Müssen wir als engagierte Christen zusammen mit allen demokratisch denkenden Menschen, denen die Zukunft des freien, humanen und auf christlichen Werten beruhenden Deutschlands und Europas am Herzen liegt, nicht versuchen, mit den „Populisten“ – natürlich nur, sofern diese dazu auf Augenhöhe und ohne Polemik bereit sind – ins Gespräch zu kommen?

Es ist ein großer Unterschied zwischen denen, die auf rechtspopulistische Parolen anspringen oder dafür anfällig sind, und denen, die diese Parolen verbreiten und streuen. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Sammelbewegung AfD – von der ich nach wie vor nicht weiß, ob sie es schaffen wird, zu einer wirklichen Partei zu werden, oder ob sie eine Sammelbewegung von unterschiedlichsten rechten Gruppierungen bleiben wird – und denen, die glauben, dort finde sich die angemessene Lösung für unsere politischen Probleme. Mit den Wählerinnen und Wählern muss man unbedingt sprechen, die muss man unbedingt wahrnehmen, und man muss ihre Sorgen und Ängste ernst nehmen und mit ihnen darüber sprechen. Wenn man deren Themen aufgreift und bespricht, heißt das aber noch nicht, dass man eine immer zweifelhafter werdende Gruppierung nobilitieren muss. Die anhaltenden Skandale, Streitigkeiten und auch das Verhalten der AfD-Abgeordneten in verschiedenen Landesparlamenten lassen mich nicht zuversichtlich sein, es mit einer demokratischen Partei zu tun zu haben.

 

Prof. Dr. Thomas Sternberg