Dienstag, 7. November 2017

Die dreifache Diaspora - Zur Situation der Katholiken in Deutschland

Festrede zur Eröffnung der Diaspora-Aktion in Erfurt am 5. 11. 2017 : "Keiner soll alleine glauben. Unsere Identität: Segen Sein."

Thomas Sternberg         Eröffnung der Diaspora-Aktion in Erfurt am 5. 11. 2017

Festrede zur Aktion: "Keiner soll alleine glauben. Unsere Identität: Segen Sein."

 

Die dreifache Diaspora

Zur Situation der Katholiken in Deutschland

 

Anrede

Vielen Dank für diese ehrenvolle Einladung. Welche Ehre, in diesem wunderbaren Raum, in Der Stadt Meister Eckehardts, in dem Raum, wo Martin Luther seine Dissertation verteidigt hat, zu sprechen. Mit der Reformation möchte ich auch beginnen. In der vergangenen Woche haben wir den 500. Jahrestag der Veröffentlichung der 95 Thesen zu Buße und Ablass Martin Luthers in ökumenischer Eintracht begangen.  Ich war in Wittenberg dabei, gemeinsam mit einer Reihe von Vertretern der katholischen Kirche. Der Ratsvorsitzende der EKD übereichte geneinsam mit unserem DBK-Vorsitzenden das Modell jenes Kreuzes, mit dem im März beim Gottesdienst in Hildesheim die beiden aus einer Panzersperre ein Hoffnungssymbol werden ließen. Das ist alles nicht selbstverständlich. Viele theologische, aber vor allem auch mentale Sperren mussten überwunden werden, um dahin zu gelangen.   

 

  1. 1.     Der 500. Jahrestag der lutherischen Reformation

Blickt man einmal auf die Reformationsanniversarien 1617, 1717, 1817 und besonders problematisch 1917, dann sieht man, dass Reformationsjubiläen immer zur Identitäts-beschreibung des Protestantischen dienten.

Dieses Mal hat das Ereignis einen klaren ökumenischen Akzent. Das ist nicht selbstverständlich, und wir sind dankbar dafür. Für uns Katholiken ist die Reformation ja auch das Ergebnis einer verpassten Integration von Reformimpulsen, die vielleicht der in der römischen Kurie verhasste, aber weitsichtige Papst aus dem Ausland Hadrian VI. wegen seiner allzu kurzen Amtszeit nicht mehr leisten konnte.

Nun gab es eine gemeinsame Reise von evangelischen und katholischen Bischöfen „ad fontes“, nach Jerusalem. Nichts stiftet so viel Vertrauen wie die persönliche Begegnung. Schon am 31. Oktober war der Auftakt bemerkenswert: in Berlin wird die Martin-Luther-Medaille an Kardinal Lehmann verliehen, während Papst Franziskus in Lund eine evangelische Bischöfin im Friedensgruß umarmt.

Die gemeinsame Schrift „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“ fixiert auch liturgisch die erreichten Standards und ist ein Meilenstein. Im September haben wir in Bochum ein Fest in der Tradition der Ökumenischen Kirchentage gefeiert. 2003 in Berlin, 2010 in München – und nun in der Planung 2021 in Frankfurt, das markiert Schritte auf dem Weg der Ökumene. Wie schwierig war das noch vor 50 Jahren! Für manche bedeutete das, was wir heute freundlich „konfessionsverbindende Ehe“ nennen, den Bruch mit der Familie und die Enterbung.

Wir leben mit der Kirchenverschiedenheit heute anders – aus vielen Gründen. In einer neuen gesellschaftlichen Situation kommt es darauf an, gemeinsam überzeugend aufzutreten. Und für Christen heißt gemeinsames Handeln aus christlichem Geist auch gemeinsam beten und Liturgie feiern. Zusammenrücken gebietet sich aus einer neuen gesellschaftlichen Situation. Wie verträgt sich das mit dem Gedanken der Diaspora?

 

  1. 2.     Kirchensituation in Deutschland

Ich möchte diesen Abschnitt über die neue Lage der Christen in Deutschland mit einem Hinweis auf den Katholikentag in Leipzig beginnen. Im Mai 2016 erlebten wir dort ein schönes, großes Fest. Tausende von Menschen zogen mit ihren grünen Katholikentagsschals durch die Innenstadt und schienen die Stadt zu dominieren. Sicher handelte es sich um ein bedeutendes Ereignis.

Aber - nur zwei Wochen zuvor hatte in derselben Stadt das „Wave-Gotik-Treffen“ stattgefunden. Nur die wenigsten unter Ihnen werden etwas damit anfangen können.  Es handelt sich um ein Festival, das seit 1992 jährlich in Leipzig stattfindet. Mit derzeit fast 23.000 Besuchern ist es eine der größten Veranstaltungen der sogenannten „Schwarzen Szene“.

Wie war nun wohl die Wirkung in Leipzig. Waren wir nur die anderen, nicht weniger merkwürdigen Gestalten nach den weiß geschminkten mit den schwarzen Klamotten? Wir bewegten uns in einer Stadt mit 4,3% Katholiken unter den knapp 20 % Christen bei 80 % von Menschen, die sich in Leipzig als „normal“ bezeichnen würden.

Sie sind nicht Atheisten mit einer klaren Stellung gegen den Glauben. Sie sind nicht einmal mehr kirchenfeindlich eingestellt; sie kennen Kirche und Glauben gar nicht. „Ich glaub nichts und mir fehlt nichts“ scheint das Motto dieser Menschen zu sein. Karl Rahner formulierte das so: „sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben“. Diese Indifferenz dem Glauben gegenüber, ist das Kennzeichen einer drastisch veränderten Welt, in der Kirchen keine große Rolle mehr zu spielen scheinen.

Wir leben als Christen in einer zunehmend säkularen Welt. War die Zeit von der Reichsgründung 1871 bis 1945 für Katholiken von der Erfahrung eines Lebens als Minderheit in einem evangelischen Staat geprägt, so war es für den Westen die Erfahrung eines paritätischen Verhältnisses von evangelischen und katholischen Christen in der alten Bundesrepublik.  

Das änderte sich spätestens nach 1990 drastisch. Deutschland wurde mit der Deutschen Einheit nicht evangelischer, wie es der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR Lothar de Maizère meinte, sondern säkularer. 1997 waren wir wieder ein Drittel der Bevölkerung: aber neben einem Drittel Evangelischer und einem weiteren Drittel Anderer.

Heute sind wir noch 29 % (23,8 Mio.) Katholiken bei 27 % (22,2 Mio.) Evangelischen und 44 % (36,1 Mio.) Anderen. Darunter sind wiederum ca. 5 % andere Christen, Juden und Andersgläubige und ca. 5 % Muslime. Diese Anteilswerte verändern sich Jahr für Jahr nicht vor allem durch Austritte, sondern durch das negative Saldo aus Taufen und Bestattungen.

Sind wir nun schon alle in der Diaspora? Am letzten Tag des Jahres 2014 erschien in der F.A.Z. ein Artikel des Journalisten Markus Günther unter dem Titel „Diaspora Deutschland“. Dort entfaltet er die immer wiederholte Behauptung, die Kirche in Deutschland sei nur noch eine gut geschmiert-funktionierende Hülle für eine glaubenslose Kirche. Er untermauert das mit demoskopischen Untersuchungen, die angeblich belegen, dass in Deutschland mehr Menschen abergläubisch als gläubig wären. Das ist ein Irrtum, der nicht zuletzt darauf beruht, dass ich verständlicherweise die Angst vor einer schwarzen Katze eher im Straßeninterview benenne als den Glauben an ein Jenseits. Recht hat er damit nicht.

Nein – vor dem Ende steht die Kirche in Deutschland sicher nicht, aber wir werden weniger und Krisenphänomene sind nicht zu übersehen. Aber so wenige sind wir auch nicht! Wenn von den 46 Millionen Christen in Deutschland etwa 50% zumindest gelegentlich zum Gottesdienst gehen sind das 23 Millionen Menschen – eine sehr große Zahl.

Kann zur Erklärung der neuen Situation der Begriff der Diaspora helfen? Ich denke, mit diesem Wort wird Wesentliches deutlich.

           

  1. 3.     Zum Begriff der Diaspora:

Die Christen in der „Zerstreuung“ werden in der Anrede des Ersten Petrusbriefs (1, 1) genannt: „Petrus, Apostel Jesu Christi, den erwählten Fremden in der Diaspora in Pontus, Galatien, Kappadokien, der Provinz Asia und Bithynien“. Von den “Electis dispersionis“ ist in der Vulgata die Rede. Die neue Lutherübersetzung bleibt bei „denen, die in der Zerstreuung leben“. Die neue Einheitsübersetzung übersetzt wie zitiert das Wort nicht mehr und spricht von Diaspora als einem offenbar allgemein bekannten Begriff. Moderne Bibeladaptionen wie „Die gute Nachricht“ bildet einen eigene Satz: „Ich schreibe an die Erwählten Gottes, die dort als Fremde in dieser Welt leben, mitten unter Ungläubigen“. Durch die Verbindung mit der Erwählung der Angesprochenen ist deutlich gemacht, dass die Christen ein distanziertes Verhältnis zu ihrer Umgebung hatten und sich zu einem eigenen  Leben berufen fühlen. Das Wort Diaspora hat durch diese biblische Verortung immer auch einen Klang der besonderen Wertigkeit der Minderheit.

In der Kirchengeschichte wurde das Wort Diaspora kaum gebraucht. Es taucht erst wieder auf bei Nikolaus, Graf Zinzendorf, der 1749 für seine Herrnhuter Brüdergemeinde außerhalb des Oberlausitzer Stammortes Berthelsdorf, diesen alten Ausdruck gebraucht. Erst im 20. Jahrhundert wird er umfassen theologisch reflektiert, nicht zuletzt von Karl Rahner, der 1954 die Diaspora bereits als ein „heilsgeschichtliches Muss“ bezeichnet hat. (Karl Rahner, Theol. Deutung der Position des Christen in der modernen Welt, in: Sämtliche Werke, Bd. 10, 251–273.)

Nicht zuletzt durch die intensive Befassung mit Begriff und Sache im theologischen Studium hier in Erfurt ist eine differenzierte Theologie der Diaspora entwickelt worden. Auf die doppelte – oder auch dreifache – Diaspora unter dem besonderen Fokus auf die DDR, bzw. der Neuen Länder möchte ich im Folgenden Ihren Blick lenken.      

 

  1. 4.     Die konfessionelle Diaspora in Deutschland heute

Die konfessionelle Diaspora in Deutschland ist auf einer weit verbreiteten Karte des Bonifatiuswerks gut abzulesen: Deutschland erscheint von Emden im Nordwesten nach Selb an der Nordwestspitze Tschechiens schräg durchschnitten: die katholischen Gebiete liegen allesamt im Süden und Westen dieser Linie. Diese Verhältnisse spiegeln immer noch die landesherrliche Gegebenheiten des Alten Reiches. Veränderungen der konfessionellen Landschaft sind weniger der Mobilität der Bewohner geschuldet, sondern hat sich vor allem durch die Vertriebenen aus den früheren deutschen Ostgebieten ergeben. Man hat den Eindruck, als wären katholische Flüchtlinge vor allem in katholischen und evangelische in katholischen Gebieten angesiedelt worden.  Ich habe das in meiner Kindheit im katholischen Sauerland erlebt, ein katholischer Freund umgekehrt im evangelischen Weserbergland. Der konfessionelle Unterschied war Teil einer doppelten Fremdheit!

Dieses Phänomen kann man in den Neuen Ländern besonders gut nachverfolgen: In der sowjetischen Besatzungszone lebten vor dem Krieg etwa 1,1 Millionen Katholiken, 1949 waren es mehr als doppelt so viele: 2,8 Millionen Katholiken fanden sich in einer Umgebung wieder, wo bis zum Krieg mehr als 80 % der Bürger evangelisch waren. (Pilvousek, S. 104) Geschlossene konfessionell-katholische Gebiete gab und gibt es nur vereinzelt, wie im Eichsfeld, in der Rhön und der Lausitz. Die Pfarrei Altenburg im Bistum Meißen, die sich vor dem Krieg auf 183 Ortschaften mit ganzen 2.200 Katholiken erstreckte, wuchs in kurzer Zeit nach dem Krieg auf 40.000 Gläubige an. Die seelsorgerische Betreuung war Bestandteil der Integration dieser Menschen.

Weil es aber an Gottesdienstorten allenthalben fehlte, wuchsen beispielsweise im bischöflichen Kommissariat, dem heutigen Bistum, Erfurt die Pfarreien von 127 auf 214 an. Die katholische Kirche in der DDR wurde durch Flucht und  Vertreibung deutlich größer. Dennoch blieb die katholische Kirche in der DDR „eine kleine Kirche. Eine Kirche in der Diaspora“, wie es Bischof Hugo Aufderbeck 1973 ausdrückte. Dass hier in der früheren DDR und den heutigen Neuen Ländern kirchliches Leben und Überleben überhaupt möglich war und ist, dafür schulden die Katholiken in Deutschland dem Bonifatiuswerk nach wie vor den größten Dank.

War da das kirchliche Leben in der Diaspora nun ein besonders deutliches Beispiel der Abgrenzung unter den Konfessionen? Erstaunlicherweise war dies nicht der Fall. Im Gegenteil: sie sind Beispiel für eine frühe ökumenische Gastfreundschaft gewesen. In Thüringen wurden 1957 regelmäßig in 635 evangelischen Kirchen katholische Gottesdienste gehalten und aus Görlitz wird der Nuntiatur berichtet, dass 1953 in ca. 150 evangelischen Kirchen regelmäßig die Heilige Messe gefeiert werde und im Gegenzug auch den evangelischen Christen Gottesdienste in katholischen Kirche gestattet werden müssten. Noch 1966 wurden 55 % der Kirchen, in denen katholische Gottesdienste stattfanden, von der evangelischen Kirche mietfrei bei Übernahme der Sachkosten zur Verfügung gestellt. (Pilvousek S. 108 f.) Allerdings wurden solche Formen im Zuge stärkerer konfessioneller Abgrenzung als eine Notlösung hingestellt, die dringender Abhilfe bedurfte.

Nach der Etablierung eigener Strukturen setzte eher wieder eine Abkühlung des Verhältnisses ein, weil sich nun die Konfessionen wieder auf Abstand halten und als Konkurrenz betrachten konnten. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wiederum geändert. Wie so oft, gelingt Ökumene am besten an der Basis, wo gegenseitiges Kennen und Verstehen wachsen. Wenn aber konfessionelle Abgrenzungen im Zuge der ökumenischen Verständigung ihre Plausibilität verlieren, wie kann dann das Gemeindeleben in der Diaspora aufrechterhalten werden? Auch hier erweist sich die Diaspora als ein Laboratorium für Prozesse, die in ganz Deutschland und darüber hinaus ähnlich ablaufen.

Schon bald nach dem Krieg wurde skeptisch wahrgenommen, dass „zunehmend [katholische] Gläubige evangelische Gottesdienste aufsuchten sowie evangelische Pfarrer Katholiken begruben, weil kein katholischer Geistlicher greifbar war.“ (Pilvousek S. 109) Solche Meldungen kommen auch heute aus der Diaspora. Ein evangelischer Pfarrer wunderte sich nach Auskunft seines Gesprächspartners über die vielen Menschen, die sich in seinen Gottesdiensten zum Segen bekreuzigten: es handelte sich um Katholiken, denen der Besuch des weit entfernten Gottesdienstes zu mühsam war. Ist das die Zukunft? Wie ist das mit der Entwicklung konfessioneller Identität in einer religionspluralen und säkularen Umwelt? Wie sind ökumenische Beziehungen unter Minderheitsbedingungen zu halten?  Extreme Diaspora, das ist nicht nur deswegen keineswegs nur ein Thema der Vergangenheit. Viele Probleme spitzen sich erst heute zu: In Neubrandenburg mit den Städten Demmin, Grimmen und Altentreptow sind 135 Dörfer auf einer Strecke von 100 Kilometer eine einzige Pfarrei. Mit nur drei regemäßigen Gottesdienstorten.

Auffallend ist, dass trotz – oder wegen – der extremen Bedingungen in den Diasporagebieten die Quote des allsonntäglichen Gottesdienstbesuchs deutlich höher als in katholischen Kerngebieten liegt.

Richten wir uns in den katholischen Kernbistümern auch auf solche Verhältnisse ein? Im Bistum Trier sollen von 884 Pfarreien des Bistums nur noch 35 übrig bleiben. Im Bistum Münster werden die 654 Pfarreien auf 190 reduziert. Diese Maßnahmen sind weniger durch die seelsorgerische Situation und Gläubigenmangel veranlasst als durch einen katastrophalen Priestermangel, der absehbar die seelsorgerische Situation in Deutschland in wenigen Jahren zusammenbrechen lassen wird. Im Jahr 2015 waren es gerade einmal 58 Priesterweihen in ganz Deutschland! Das ist zwar nur ein Problem, aber eines, das alle pastoralen Überlegungen grundiert.

Sicher werden künftig amtstheologische Gewohnheiten durch die neue Entwicklung infrage gestellt werden. Schließlich sind auch in der evangelischen Kirche die ersten Pfarrerinnen nicht nach theologischer Reflexion, sondern aus der pastoralen Notwendigkeit der Nachkriegszeit ordiniert worden. Die Themen Gemeindeleitung und Sakramentenspendung durch Laien, Frauendiakonat, Weihe von Viri Probati und andere mehr stehen auf der Tagesordnung. Sicher ist die Lage nur durch die Verantwortungsübernahme letztverantwortlicher Laien zu lösen: was die Gläubigen in den Gemeinden nicht selbst anpacken, geschieht nicht. Eine auch innerkirchlich erneuerte Subsidiarität kann zu einem missionarischen Impuls werden.

Das politisch und kirchlich geschärfte Bewusstsein, in der Minderheit zu leben, hat wohl auch dazu geführt, dass nach der Revolution der Kerzen seit 1990 in den Neuen Ländern katholische Frauen und Männer überproportional an der Bildung der Parlamente und Regierungen beteiligt waren. Es war aber wohl etwas Anderes als die Frage der Diaspora unter einer protestantischen Mehrheit, die das auslöste.

Der Erfurter Theologe Eberhard Tiefensee hat meiner Erinnerung nach schon Anfang der 90er Jahre davon gesprochen, dass die Situation in den Neuen Ländern durchaus symptomatisch für künftige Entwicklungen überall sei. „Der Westen hat seine Osterfahrung noch vor sich“, war ein geradezu prophetischer Satz. Denn die Erfahrungen, die hier in Erfurt und in der DDR mit Nichtgetauften gemacht wurden, sind heute von größter Bedeutung für Gesamtdeutschland.

Das Bonifatiuswerk lenkt den Blick auch auf die Länder im Baltikum und in Skandinavien, wo unter größten Anstrengungen in einer nicht mehr christlich-protestantischen, sondern wir auch in der ehemaligen DDR den Katholiken zunehmend Nichtglaubende gegenüberstehen. Kardinal Sterzinsky sagte 2009 in einem Gespräch mit Josef Pilvousek, „wir sollten nicht so tun, als ob Diaspora nur Volkskirche im verdünnten oder verkleinerten Maßstab ist“. (Pilvousek S. 101) Hierzu hat es in der DDR eine bemerkenswerte Entwicklung vom konfessionellen zum ideologischen Gegensatz im Sinne einer doppelten Diaspora gegeben.

Franz Georg Friemel schreibt in der Festschrift des Bonifatiuswerks 1999: „Die Kirchen verstanden sich in der gleichen Bedrängnis zusammengehörig. Die ‚anderen‘, das waren die Partei, der Staatssicherheitsdienst, oftmals die Schule. Deswegen bestand der Abstand nicht mehr zwischen den Konfessionen, sondern zwischen den Christen einerseits und der marxistisch-leninistisch durchgesetzten Gesellschaft andererseits: eine ideologische Diaspora.“ (nach Pilvousek S. 111) 

 

  1. Die zweite Diaspora

Man kann diese Entwicklung auch im Selbstverständnis des Bonifatiuswerks nachlesen: Beim 3. Katholikentag in Regensburg am 4. Oktober 1849, wurde der „Missionsverein für Deutschland“ als „Bonifatiusverein" gegründet. Als seinen Zweck nennt die erste Satzung: „die Unterstützung der in protestantischen und gemischten Gegenden Deutschlands lebenden Katholiken in Beziehung auf Seelsorge und Schule“.  Es ging also um Katholiken unter Protestanten. Heute heißt es im aktuellen Selbstverständnis:         „Wo katholische Christen eine absolute Minderheit darstellen, wo sie verstreut und völlig vereinzelt über weite geographische Gebiete verteilt leben, wo sie durch große Entfernungen voneinander getrennt sind, wo sie inmitten von Menschen leben, die zwar der katholischen Kirche angehören, den Glauben aber längst aus ihrem Leben verdrängt haben, da stellt sich das Bonifatiuswerk helfend an ihre Seite – denn: Keiner soll alleine glauben!“

Diese neue Diaspora in der DDR wurde nach den Darstellungen von Lothar Ullrich und Hermann-Josef Röhrig durch die sich verändernde konfessionelle Zusammensetzung befördert, weil durch den Schrumpfungsprozess sich in der DDR beide Kirchen als Minderheiten erlebten und das Verbindende im Gegenüber eines aggressiv säkularen Staates erlebten. Sprach man zunächst von einer „weltanschaulichen Diaspora“, so kam immer mehr die Rede von der säkularen oder ideologischen Diaspora in Gebrauch. Auch von einer „ökumenischen Diaspora“ ist die Rede. Dies bedeute, „die neue Diaspora ist gekennzeichnet durch die ungläubige Mehrheit“. (Röhrig, Neue Diaspora: LThK 3, 2009, 202) Damit sind wir angesichts der Verhältnisse in ganz Deutschland bei einem sehr aktuellen Konzept, das auch etwas über das sagen kann, was uns allen bevorsteht.

Welche Gestalt muss die Kirche in einer immer mehr kirchenfernen Gesellschaft haben? Wir sind pluraler, weniger und  sehen uns grundsätzlichen Anfragen gegenüber. Man scheint heute Religionen insgesamt zu misstrauen. Nicht die friedensstärkende Kraft der Religionen wir herausgestellt, sondern behauptet, Monotheismus neige insgesamt zu Intoleranz und Gewalt. Ein aggressiver Atheismus paart sich mit scharf antikirchlichen Aktionen. 

Wir sitzen zunehmend nicht allein mit den anderen christlichen Kirchen und Konfessionen, sondern mit allen Religionen in einem Boot. Nicht zuletzt, weil unser Grundgesetz religionsfreundlich konstruiert ist, haben säkularistische Tendenzen Auswirkungen auf alle Religionen. Ein großes Thema ist gegenwärtig der Islam. Bei allen berechtigten Ängsten vor Pervertierungen des Islams und dem Missbrauch der Religion im Terrorismus stehen wir vor dem Phänomen der Islamophobie als akutes Problem. Wir sind als Christen besonders aufgerufen, den Dialog mit frommen Muslimen zu führen, weil wir wissen, was Glaube heißt und Dialoge am besten unter denen gelingen, die fest im Eigenen verwurzelt sind. Die Lösung heißt auch: Information über den Glauben nicht zuletzt bei denen, die aus islamischen Traditionen kommen, aber ihren Glauben gar nicht kennen und  so für Verführungen zugänglich sind. Islamischer Religionsunterricht und Theologie sind heute überaus wichtig.

Aufgaben für christliche Männer und Frauen in unserer Gesellschaft könnte jeder von Ihnen aufzählen: es würde eine sicher große Liste. Wir sind als christliche Frauen und Männer gefordert, unseren Dienst in der Welt und für die Welt zu leisten. Wir sind berufen zu einem Dienst; denn  das ist der Kern der jesuanischen Paradoxien von der radikalen Umkehrung der Werte: nicht bedienen lassen, sondern dienen; der erste sei der Diener aller, das ganze Leben am Dienst ausrichten, das ist Jesu Botschaft.

Das hat seinen Anfang schon im ersten Buch der Bibel und gehört so zur Überlieferung von Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen. Dort findet sich das Motto der diesjährigen Aktion „Ihr sollt ein Segen sein“  aus Genesis (oder 1 Mose) 12, 2. Ich erinnere mich an die Suche nach einem Leitwort für den ersten Ökumenischen 2003. Außerordentlich erfolgreich wurde „Ihr sollt ein Segen sein!“. Segen ist etwas, was Menschen als etwas Gutes empfinden. Die Zusage: ‚ich meine es gut mit Dir‘ ist nachvollziehbar auch für diejenigen, die dem Glauben mit allen seinen Konsequenzen - vielleicht noch – fern stehen. Nicht zuletzt die Segensfeiern am Valentinstag hier in Erfurt haben die Bedeutung des Segnens deutlich gemacht. Und eine der großen Segensgeschichten der Bibel ist zugleich eine der großen Geschichten der Menschenwürde: Genesis 32 wird als Ergebnis des Jakobskampfs berichtet, der Mann, der mit ihm bis zur Morgenröte rang habe ihn endlich gesegnet – aber erst nach dem er ihm die Hüfte ausgerenkt hatte. Und nicht der strahlende Held, sondern der weghumpelnde Krüppel: er ist in der großen biblischen Tradition der Gesegnete des Herrn.

Als Christ anderen zum Segen zu werden, weil in dem Bewußtsein leben, selbst gesegnet zu sein: in einer immer weniger christlichen Umwelt, ist das die große Herausforderung unserer Gegenwart.

 

  1. 6.     Die dritte Diaspora

M. D. u. H. Ich möchte abschließend noch einmal den Blick auf die Konzepte der doppelten Diaspora lenken. Im Oktober 1981 hielt Bischof Joachim Wanke einen Vortrag, der als Standortbestimmung der katholischen Kirche in der DDR hohe Popularität erhielt; er wurde mehrfach modifiziert und verschiedenen Publikationen gedruckt. In diesem Aufsatz hält er den Diasporabegriff für unzureichend, weil er den Eindruck erwecke, Kirche müsse nur unter Andersgläubigen existieren. Der Ausfall Gottes sei aber so radikal, dass man von einer Kirche in einer weitgehend religionsfreien Umgebung sprechen müsse. Die Situation, so Wanke weiter, sei aber nicht allein vom politischen Atheismus geprägt, sondern von einem praktischen und theoretischen Materialismus. Bei Wanke scheint nun nach der konfessionellen und der säkularen eine noch andere Form von Diaspora auf; es gibt nicht nur eine doppelte, sondern  eine dreifache Diaspora! (vgl. Pilvousek S. 113 f.)

Wanke schreibt: „Hier liegen die eigentlichen Gefahren für die Kirche: eine Welt des Habenwollens, eine Welt, die Karriere nach oben sucht und den hemmungslosen Genuss. Gegenüber dieser Gefahr sind die Ausfälle eines übereifrigen Marxismusdozenten gegen die Kirche und den Glauben harmloses Geplänkel“. Wie hellseherisch war das das für Ost und West gleichermaßen schon vor 36 Jahren formuliert! Wir stehen als Christen in einer dreifachen Diaspora. Und den Gefahren der dritten, der wir als jeder und jede Einzelne ebenso unterliegen wie die anders- und die nicht Glaubenden, ist vielleicht die größte der Herausforderungen der Gegenwart. In einer Welt der Selbstoptimierung, der Forderung nach ständigem Happysein, in der alles unter einem Spaßparadigma steht – alles muss immer Spaß machen – ist gleichzeitig die Depression Volkskrankheit Nummer Eins. Liegen nicht da die viel größeren Gefährdungen unserer Gesellschaft? Auskünfte von einem wahrhaft menschlichen Leben zu geben mit der Anerkennung der Würde aller unabhängig von der Leistungsfähigkeit, das sind unsere größten Aufgaben.

Wir sind als Christen gerufen zu einem überzeugenden Dienst. Wie können wir überzeugend zum Segen für den Nächsten und die Welt werden? Es gibt Bedingungen des Auftretens, die umso wichtiger sind, wie die eigenen Inhalte von immer weniger Menschen geteilt werden: Das kann  nicht besserwisserisch sein, sondern anbietend; nicht die Moralkeule schwingen, sondern einmischen; nicht auftrumpfen, sondern überzeugen; nicht autoritär, sondern partnerschaftlich den Glauben aus der Freude am Evangelium weitergeben. Dafür zu arbeiten, dass die Gottesfrage offen gehalten wird für alle Menschen. Und ohne Aggression den Glauben zeigen. Christen als „Salz der Erde“.

Das ist so, wie es schon im „Brief an Diognet“ formuliert ist, einem Text aus der Zeit um 200, also vor über 1.800 Jahren: Es heißt da im fünften Kapitel: „Denn die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben. […] Sie bewohnen Städte von Griechen und Nichtgriechen, wie es einem jeden das Schicksal beschieden hat, und fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart […]. Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber nur wie Beisassen; […] jede Fremde ist ihnen Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde. […] Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. […] sie werden geschmäht und doch als gerecht befunden. Sie werden gekränkt und segnen, werden verspottet und erweisen Ehre. […] (6) Um es kurz zu sagen, was im Leibe die Seele ist, das sind in der Welt die Christen.“                 (Text leicht greifbar in deutscher Ü. : http://www.unifr.ch/bkv/kapitel79-4.htm)

Neben vielem anderen fällt in dem Text auf: es ist konsequent der Plural gebraucht. Denn Christ ist man nicht allein: die Geschwister stärken sich gegenseitig und können so gemeinsam zum Segen werden. „Keiner soll alleine glauben. Unsere Identität: Segen Sein.“ Dem Bonifatiuswerk für die Zukunft – und besonders für diese Jahresaktion – Glück und Segen.

Vielen Dank

 

Literatur vor allem: Josef Pilvousek, Von der „Gärtnerei im Norden“ zur „doppelten Diaspora“. Überlegungen zum Diasporabegriff der katholischen Kirche in der DDR, in: Diaspora als Ort der Theologie. Perspektiven aus Tschechien und Ostdeutschland, hg. V. J. Römelt und J. Pilvousek, = Erfurter Theologische Schriften 48, Würzburg 2016, SS. 101 – 116. Und: Martin Ehm Die kleine Herde. Die katholische Kirche in der SBZ und im sozialistischen Staat DDR, 2. Aufl., Münster 2013.

Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg