Freitag, 23. November 2001

Eucharistiefeier in St. Albertus Magnus - Predigt Weihbischof Schwarz

Vollversammlung des ZdK am 23./24. November 2001


Liebe Schwestern und Brüder,

Die Eucharistiefeier, die ich mit der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken heute feiern darf, bedeutet für mich Dank und Abschluss einer guten Zeit des Miteinanders in dem ranghöchsten Laiengremium der katholischen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland. Von der Deutschen Bischofskonferenz wurde ich vor sechs Jahren entsandt und von Ihnen wurde ich als geistlicher Assistent berufen.
Ich freue mich, dass ich mit Ihnen heute Abend das Gedenken eines der ersten Bischöfe Roms feiern kann: Das Fest des hl. Klemens. Auch in der Liturgie gibt es überraschendes Zusammentreffen. Klemens ist der dritte Bischof von Rom. Er kannte noch Petrus und Paulus. Seine Spuren verlieren sich und die Legende erzählt, er sei in einem Steinbruch in Cherson in der Ukraine hingerichtet worden. Er hatte versucht für die Strafgefangenen, die vor Durst fast umkamen, mit seinen Händen eine Quelle zu graben.
Zu Lebzeiten des hl. Klemens reichte die römische Herrschaft bis Schottland. In Rom zählte man über eine Million Einwohner. 150.000 von ihnen lebten auf Kosten des römischen Staates. Im Osten und in Schottland versuchte man es mit ersten Mauern und Schutzwällen. Der Limes war 584 Kilometer lang und zählte eintausend Wachttürme und einhundert Kastelle. Die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland, die Eisernen Vorhänge, hatten Vorbilder.

Der Herrscher Roms, Kaiser Domitian, der sich mit Gott und Herr anreden ließ, wurde im Jahre 96 ermordet. Die nachfolgenden Kaiser gelangten durch Adoption auf den römischen Thron: Nerva und Trajan. Wie groß die christliche Gemeinde damals in Rom war, kann man nur schätzen. Weil sie in der römischen Hauptstadt lebte, besaß sie Ansehen und Bedeutung. Diese römische Gemeinde behielt die Vorgänge der Christengemeinden in der übrigen Welt im Auge. Man fühlte sich für das Ganze mitverantwortlich. Was war geschehen ? In der christlichen Gemeinde von Korinth war es zu einem schockierenden Ärgernis und zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Das war Anlass, einen Brief an die Gemeinde von Korinth zu schreiben. Damit der Brief Wirkung besaß, suchte man sich einen Korrespondenten, der ausdrucksstark schreiben konnte und dem es nicht an Autorität fehlte: Papst Klemens. Drei Delegierte brachten den Brief nach Korinth. Der Brief ist als erster Klemensbrief bekannt und wichtig geworden. Er ist für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken deshalb interessant, weil in diesem Brief zum ersten Mal das Wort „Laie" vorkommt. Der Titel „ Laie" ist im Statut des Zentralkomitees der deutschen Katholiken kein Fremdwort. Als am 30. April 1952 nach dem zweiten Weltkrieg die konstituierende Sitzung des ZdK stattfand waren von den 70 geladenen Stimmberechtigten 48 anwesend. Die Mehrzahl von ihnen waren Laien. Zu den Mitgliedern zählten allerdings auch 17 Priester. (Elf von ihnen hatten eine Kölner Adresse). Man zählte sieben Vertreter bischöflicher Hauptstellen, 18 Vertreter der Diözesen und 19 Vertreter katholischer Organisationen. Dabei darf man nicht vergessen, Kardinal Frings und andere Bischöfe hatten in Erwägung gezogen, selbst Mitglieder im ZdK zu werden. Ich komme zurück auf den ersten Klemensbrief. Was war der Streitpunkt, und worum ging es in diesem Brief? In Korinth hatten sich junge begabte Leute gegen die Presbyter der Gemeinde aufgelehnt, weil sie diese für ihren Auftrag nicht qualifiziert genug hielten. Den Presbytern wurden mangelnde Ausbildung und schlechte Predigten vorgeworfen. Die Mehrheit der Gemeinde setzte sich von den Priestern ab, obwohl es immer noch genug Leute gab, die zu ihnen hielten. Der Konflikt war massiv und spitzte sich zu. In Rom ahnte man, wie schlimm sich dieser Streit für die gesamte Kirche auswirken konnte und wie instabil die Position der Amtsträger war. Mit einem sehr unfangreichen Brief und drei Delegierten wollte man die Ordnung in Korinth wieder herstellen. Die Priester, wie gut oder wie schlecht sie auch predigten, sollten ihren Dienst fortsetzen, weil sie ja mit Zustimmung der ganzen Gemeinde eingesetzt worden waren und weil man ihnen moralisch nichts vorzuwerfen hatte. Die ganze Gemeinde wurde im Brief aufgefordert, umzukehren und Buße zu tun. Und wenn jemand verweigerte: „Er soll sagen: Wenn meinetwegen Aufruhr, Streit und Spaltungen sind, so wandere ich aus. Ich gehe fort, wohin ihr wollt und tue, was von der Gemeinde bestimmt wird" (54,2). Die Herde Christi sollte ihren Frieden wiederfinden.

Beim Klemensbrief geht es also um die Frage des Amtes und der Einheit in der Kirche. Die Gemeinde von Rom handelt nicht nach juristisch festgelegten Grundsätzen. Man beruft sich auf die Vorgaben im Alten Testament, auf die Worte Jesu und auf die Praxis der Apostel. Es geht nicht um Kontrolle und Vorrang. Die Wiederherstellung der Einheit und des Friedens ist wesentlich. Man will kein Chaos. Gott ist ein Gott der Ordnung, deshalb soll Ordnung herrschen.
Wörtlich heißt es: „Dem Hohenpriester sind eigene Verrichtungen übertragen, und den Priestern ist eine eigene Amtsstellung verordnet, und auch den Leviten obliegen eigene Dienstleistungen, der Laie ist an die Anordnung für die Laien gebunden."

Der Begriff „Laie" hat sich sowohl in der profanen Geschichte wie auch in der Kirchengeschichte als doppeldeutig und verhängnisvoll erwiesen. Die politische Gemeinde in der Antike sieht in dem Laien den Bürger ohne öffentliche Ämter, denjenigen, der weniger ausgebildet ist, den - ich gebrauche das griechische Wort – idiotes", das heißt der gemeine Mann, der gewöhnliche Mensch, ein wenig auch der Stümper.
Im Mittelalter wird diese Interpretation kirchlicherseits übernommen, obwohl der Laie genug Ansehen besitzt, um dem Volk Gottes zugerechnet zu werden. Der Theologe Congar umschreibt in seinem Standardwerk „Der Laie", das 1952 erschienen ist, die Position des Laien rückblickend als „Masse".

Erst das Zweite Vatikanischen Konzil gibt dem Laien Rang und Würde zurück. Es ist schmerzlich und bitter den „Hindernislauf" der Laien im Lauf der Kirchengeschichte nach zu verfolgen. Bis zur Stunde gerät man in die Falle, kirchliches Amt und Eigenverantwortung der Laien in Konkurrenz zu setzen. Die zugemutete Asymmetrie ist belastend. Erst das Konzil betont endlich, dass es Auftrag des Hirtenamtes ist, dafür zu sorgen „dass alle in ihrer Weise zum gemeinsamen Werk einmütig zusammenarbeiten" (LG 30), „und zu ihrem Teil die Sendung des ganzen christlichen Volkes in der Kirche und der Welt ausüben". (LG 31). Allerdings wird dabei die Verpflichtung der Bischöfe für die Einheit der Kirche, für die Wahrung des Ganzen deutlich herausgestellt.
Die „Christgläubigen" sind die Erstgenannten sowohl im Konzilstext Lumen gentium als auch im kirchlichen Gesetzbuch. Auch kirchliche Amtsträger und Ordensleute sind zuerst unaufgebbar Laien. Unbeschadet der verschiedenen Dienstämter in der Kirche und der sakramentalen Struktur des Weiheamtes, muss dieser gemeinsame Ausgangspunkt immer im Blick bleiben. Frauen und Männer, die als Laien in der Kirche arbeiten, sind nicht Passagiere zweiter Klasse. Das wäre der Verlust der „Communio", Verlust des gemeinsamen Auftrags.
Clemens von Alexandrien ( 150-215 ) hat den Begriff Klerus eingeführt. Er versteht unter Klerus den besonderen Losanteil am Schicksal Christi. So wie das Los jemand Grundstücke und politische Ämter zufallen lässt, soll die kirchliche Ämterstruktur verstanden werden. Es geht nicht um eine gewinnbringende Ausstattung mit Ämtern. Vorrangig ist Lebenshingabe für die andern, Selbstheiligung und Bereitschaft zum Martyrium. Weil aber der Umgang mit der Welt gefährlich sein konnte, empfiehlt man den Laien, sich um die negotia saecularia, das Weltliche zu kümmern, und dem Klerus die negotia ecclesiastica , das im strengen Sinne Kirchliche, im Auge zu behalten. Es scheint damit alles klar geregelt. Jeder hatte ja seinen fest umschriebenen Bereich. Kein Wunder, dass die Laienbewegungen im Mittelalter, die ein evangeliumsgemäßes Leben führen wollten, Argwohn und Widerstand erfuhren. Das Tridentinum verteidigte weiterhin die festgeschriebene Ständeordnung, die von manchen aufmerksamen Beobachtern als verhängnisvolle Geschichte von Ungleichen beschrieben wurde. Die Laien sollten der Hierarchie die hilfreiche Hand reichen, dort wo die Hierarchie selbst die Sendung der Kirche nicht zur Geltung bringen konnte.

Das Zweite Vatikanische Konzil entwickelte endlich das eigenständige Profil des Laien ohne das Eingebundensein in die hierarchische Struktur der Kirche aus dem Auge zu verlieren. Laien sind jetzt endlich Mitsubjekte innerhalb des Sendungsauftrages des ganzen christlichen Volkes. In der Abschlussbotschaft der römischen Synode Ende Oktober 2001 heißt es: „Den Bischöfen ist daran gelegen, die vornehmliche Berufung der Laien als Zeugen des Evangeliums in der Welt zu fördern". Wiederum ist das Ganze im Blick
Es geht um eine gemeinsame Zeugnisverantwortung. Kardinal Lehmann verlangt bei der erwähnten Synode, dass in der säkularen Öffentlichkeit der Dienst wahrgenommen wird und zwar: „Überzeugend, argumentativ, dialogbereit und offensiv". Das ist auch ein Charakteristikum der Spiritualität nicht nur der Amtsträger, sondern auch der Laien. Es geht um einen gläubigen Umgang mit der Wirklichkeit – mit der Wirklichkeit unseres eigenen Lebens und mit der Wirklichkeit unserer gesellschaftlichen Zusammenhänge.
Die Laien sind dabei nicht der Ausnahmefall, der Notfall. Sie sind in alle kirchlichen Aufgaben miteinbezogen, und nicht nur Abgeordnete für ein Segment, für das Weltliche. Der „Weltcharakter" der vorrangig den Laien zugeschrieben wurde, ist der Kirche als Ganzes zu eigen. Alle müssen dazu beitragen, dass die Verwandlung der Welt in Gottes Herrschaft gelingt.

Bischof Hemmerle hat bei der Vollversammlung des ZdK am 20. November 1987 gesagt: „Geistlich und weltlich durchdringen und umfangen einander. Weil der Sohn Gottes Mensch geworden ist, gibt es keinen sakralen Sonderbereich mehr. Gott liefert sich dieser Welt aus, wir haben in allem mit ihm zu tun: Gott selbst ‚verweltlicht' sich, alles ist weltlich. Und umgekehrt gilt genauso: Die ganze Welt ist in Gott hineingenommen. Sie ist durch Jesus Christus drinnen im innersten Geheimnis Gottes".
Der Auftrag der Laien ist also wesentlich. Sie sind aufgrund dieser Teilhabe zur Partizipation am kirchlichen Zeugnis, an kirchlichen Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen berufen. Es geht um echte Mitverantwortung. Wenn vom Bischof gesagt wird, dass er kein frommer, gläubiger Privatmann sein kann, sondern ein öffentlicher Zeuge ist, so gilt das in gleicher Weise für den Laien, der sich für Christus und die Kirche entschieden hat. Auch er oder sie müssen im Ernstfall Gefährdung und Beschädigung in Kauf nehmen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich frage mich, welche Fortschritte wir auf unserm gemeinsamen Weg gemacht haben. Dadurch, dass den Bischöfen, aber auch den Laien, der Dienst an der Einheit in besonderer Weise aufgetragen ist, gibt es Nahtstellen im Miteinander, die Gefährdung einschließen. Nicht alle Zerreißproben werden bestanden.
Es bleibt der gemeinsame Auftrag, Brücken in unserer Gesellschaft und in unserer globalisierten Welt zu bauen, die auf der Botschaft Jesu aufruhen, aber auch die Menschen erreichen.

Sechs Jahre lang durfte ich Zeuge ihrer Anstrengungen und ihres Bemühens sein, christliche Zeitgenossenschaft zu verwirklichen: Sie haben es getan: „Überzeugend, argumentativ, dialogbereit und auch offensiv".
Das Graben nach der Quelle, mit den Blick auf diejenigen, die Durst leiden, soll Bischof Klemens von Rom das Leben gekostet haben. Zeugnisgeben und Quelle suchen ist anders in unserer Zeit.

Ich wünsche Ihnen Mut und Kraft für den weiteren Weg. Bischof Dr. Gebhard Fürst wird Ihr zuverlässiger Gefährte sein.

Weihbischof Leo Schwarz, Trier