Donnerstag, 18. April 2013

Europäische Integration und die Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat

Symposion „Die Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat“, 18.-19. April 2013, Berlin

Europäische Integration und die Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat[1]

 

Reinhard Kardinal Marx

 

 

I. Die Sendung Europas

 

Als die Gründungsväter der europäischen Integration – ich nenne die drei Katholiken Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi – das Projekt der europäischen Einigung nach dem materiellen und moralischen Zusammenbruch des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust begannen, da waren sie geprägt von dem Wunsch, nicht nur einen dauerhaften Frieden zu sichern, sondern die Völker Europas auszusöhnen. Die wirtschaftliche Integration, die sie begründeten, war nie ein Selbstzweck, sondern diente einer geradezu christlichen Vision eines vereinigten und versöhnten Europa in Frieden und Freiheit. Europa, so hat es Jean Monnet einmal formuliert, soll ein Beitrag sein für eine bessere Welt.

 

Die Katholische Kirche hat dieses Projekt von Anfang an wohlwollend begleitet. Davon zeugen nicht nur die Stellungnahmen Papst Pius XII. Insbesondere auch die Enzyklika „Pacem in terris“ von Papst Johannes XXIII., deren 50. Jahrestag wir in der letzten Woche begangen haben, deutet darauf hin: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollten die Völker vor allem eines: endlich Frieden! Heute ist der Wille zum Frieden ungebrochen, auch wenn der Friede als Begründung der europäischen Integration in der Öffentlichkeit immer mehr an Strahlkraft verliert. Pacem in terris stellt deutlich heraus, dass der wahre Friede nicht nur die Abwesenheit von Krieg bedeutet, sondern „nur durch gegenseitiges Vertrauen fest und sicher bestehen kann.“ Deshalb sollen „die Beziehungen der Staaten untereinander […] nach den Gesetzen der Wahrheit, Gerechtigkeit und der tätigen Solidarität“ geregelt werden (PT 113f.). So ist die solidarische Einigung Europas ein Beitrag zur Erlangung des wahren Friedens.

 

Europa zu einigen ist heute aber nicht mehr allein durch den Willen zum Frieden motiviert. Die gemeinsame Ausübung nationalstaatlicher Souveränität ist für die Europäer zum Gebot der wirtschaftlichen und politischen Vernunft geworden. Keine der europäischen Nationen in Europa kann im Zeitalter der Globalisierung auf die Dauer allein bestehen. Auch darauf hat Johannes XXIII. bereits hingewiesen: „Die Volkswirtschaften der verschiedenen Staaten verflechten sich stufenweise so sehr, dass aus diesem Zusammenschluß gewissermaßen eine Wirtschaftsgemeinschaft der ganzen Welt entsteht. Schließlich hängen sozialer Fortschritt, Ordnung, Sicherheit und Ruhe jedes einzelnen Staates notwendig mit denselben Gegebenheiten in allen übrigen Nationen zusammen“ (PT 130). Deshalb liegt heute eine gewisse Zwangsläufigkeit und neue Dringlichkeit im Prozess der europäischen Einigung. Nur im Rahmen eines großen gemeinsamen Marktes, dessen Regeln gemeinsam (unter Anwendung einer Methode sui generis) festgelegt werden, haben die kleinen und mittleren Nationen, die Europa bilden, eine langfristige Chance, politisch und wirtschaftlich eine gute Entwicklung zu nehmen. Dabei zeigt die aktuelle Krise in Europa, dass Wirtschaft, Politik, Kultur und die gemeinsamen zumeist christlichen Werte nicht voneinander getrennt werden können. Es geht ja nicht nur um ein „technisches Problem“, sondern um eine gemeinsame Vorstellung für die Zukunft unseres Kontinents.

 

Es war deshalb auch logisch und konsequent, dass die europäische Einigung kein westeuropäisches Projekt geblieben ist. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war die Wiedervereinigung Europas nur eine Frage der Zeit. Papst Johannes Paul II. hat mit seinem Bild von den beiden Lungenflügeln Europas immer wieder unterstrichen, dass der Blick nur auf den Westen oder nur auf den Osten nicht ausreicht, sondern dass beide Teile Europas einander bedingen und aufeinander angewiesen sind. So setzte sich das Versöhnungsprojekt der Nachkriegszeit fort in der Überwindung von Grenzen zwischen Ost und West und der Zusammenführung beider Teile Europas.

 

Heute, mehr als sechzig Jahre nach den Anfängen der Integration und mehr als zwanzig Jahre nach der Wende von 1989 sind die Herausforderungen in Europa nicht geringer geworden: Immer wieder erleben wir, wie brüchig die Einheit in Europa ist. Sicherlich steht uns kein Krieg mehr bevor, aber die Erfahrungen in den Ländern des Balkans oder das Aufkommen von Stereotypen und Vorurteilen in der aktuellen Eurokrise führen uns vor Augen, dass ein vereintes und versöhntes Europa keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Projekt, das nichts an Aktualität verloren hat und das gerade heute dringlicher ist denn je.

 

 

2. Die Beschleunigung der Europäischen Integration in den letzten 30 Jahren

 

Als am 3. März 1980 die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (ComECE) in der Apostolischen Nuntiatur bei der EG in Brüssel gegründet wurde, waren 23 Jahre seit dem Inkrafttreten der Römischen Verträge am 1. Januar 1958 vergangen. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zählte neun Mitgliedsstaaten. In den folgenden Jahren kamen schrittweise neue Mitglieder hinzu: 1981 Griechenland, 1986 Portugal und Spanien, 1995 Finnland, Österreich und Schweden, im Jahr 2004 insgesamt zehn neue Staaten, darunter Malta und Zypern, sowie die Länder des früheren kommunistischen Blocks. Zum 1. Januar 2007 traten Bulgarien und Rumänien bei und am 1. Juli 2013 wird Kroatien der 28. Mitgliedsstaat der Europäischen Union werden. In etwas mehr als 30 Jahren hat sich die Zahl der Mitgliedsstaaten mehr als verdreifacht!

 

Diese geographische Ausdehnung machte auch eine Diskussion über die Vertiefung der Union notwendig. Mit der Einheitlichen Akte vom Jahr 1986 wurde die Eurosklerose überwunden und die erste Änderung an den Europäischen Verträgen seit 1957 vorgenommen. Der Vertrag von Maastricht 1992 wandelte nicht nur die Wirtschaftsgemeinschaft in eine Wirtschafts– und Währungsunion und legte damit Grundstein für die Einführung des Euro, mit dem Vertrag war darüber hinaus der Anspruch der Gründung einer Politischen Union verbunden. Die Verträge von Amsterdam (1997) und Nizza (2000) ergänzten, worüber in Maastricht keine Einigung erzielt werden konnte. Die große Erweiterung des Jahres 2004 sollte durch einen weiteren Übergang zu einer politischen Union begleitet werden. Die Ratifizierung des von einem Konvent ausgearbeiteten Verfassungsvertrags scheiterte 2005 an Frankreich und den Niederlanden. Erneute Verhandlungen und ein wiederholtes Referendum in Irland führten schließlich im Jahr 2009 zum Vertrag von Lissabon. Damit ist das Vertragswerk, wie wir es derzeit kennen, vorläufig abgeschlossen. Die in der Zwischenzeit entstandene Wirtschafts- und Finanzkrise stellt uns vor die Frage, ob diese Verträge noch den Notwendigkeiten entsprechen und den Institutionen jene Instrumente zur Verfügung stellen, derer es bedarf um den neuen Herausforderungen gewachsen zu sein und die neuen Aufgaben noch adäquat zu erfüllen – oder ob es nicht doch einer weiteren Vertiefung der Union bedarf.

 

Diese Entwicklungen des europäischen Integrationsprozesses gilt es selbst wieder im globalen Kontext zu sehen: das Programm der Deregulierung von Weltwirtschaft und internationalen Finanzmärkten im Sinne einer stärker kapitalistischen Orientierung; der Zerfall des kommunistischen Blocks durch Solidarnosc, Perestroika und Glasnost und der Fall der Berliner Mauer im November 1989, der nicht nur die Teilung Deutschlands und Europas beendete, sondern die Aufteilung der Welt in zwei Machtblöcke; die wirtschaftliche Öffnung Chinas; der wachsende weltweite Fluss von Waren, Dienstleistungen, Personen und Daten – jener Prozess, den wir vereinfacht „Globalisierung“ nennen. Kommunikations- und Informationstechnologie machen nicht nur den rasanten Austausch von Daten und Informationen möglich (der erste PC wurde 1981 markttauglich, das Internet ab Mitte der 90er Jahre operationell), sondern haben eine „virtuelle Parallelwelt“ geschaffen, die auf das engste mit der „realen Welt“ verknüpft ist.

 

Damit waren auch die Bedingungen für eine noch stärkere „Pluralisierung der Kultur“ gegeben, die die Selbstverständlichkeit gewachsener Kulturen zumindest in Frage stellt. Davon betroffen sind auch die christlichen Kirchen, die sich nun als eine „mögliche Weltdeutung neben anderen“ wiederfinden und sich sowohl mit anderen Religionen als auch einem zunehmenden Agnostizismus bzw. religiöser Gleichgültigkeit auseinander zu setzen haben und von einer kleinen, aber radikalen und aggressiven Gruppe von „Anti-theisten“ in Frage gestellt werden. Das „konstantinische Zeitalter“ scheint endgültig beendet zu sein. Insofern erleben wir noch mehr als zuvor ein „säkulares Zeitalter“ (Charles Taylor) bzw. eine „beschleunigte Moderne“ (Ulrich Beck).

 

 

3. Der Einfluß Europas auf die Präsenz der Kirche in Staat und Gesellschaft

 

Heute betrifft die Europäische Einigung alle Lebensräume. Lassen Sie uns die Bedeutung dieses einfach gesagten Satzes noch einmal ausdrücklich vor Augen halten: Es gibt heute weder ein politisches Themenfeld noch einen Lebensraum, der nicht von der Europäischen Einigung beeinflußt wird. In Fragen von Wirtschaft und Finanzen ist der Beleg für diese Aussage trivial. Sie gilt aber auch für unsere Außenpolitik und für unsere Innenpolitik, für die Energiewende und den Umweltschutz, natürlich für die Landwirtschaft, für die Justiz, die Kultur, den Sport, Verkehr, Forschung, ethische Fragen des Lebensschutzes, Gesundheitspolitik usw. Selbst für die politischen Gebiete, die das Bundesverfassungsgericht in seinem Lissabon-Urteil vom 30. Juni 2009 zum Bereich der Verfassungsidentität des Grundgesetzes gezählt hat, also zu den grundlegenden Bestandteilen der Verfassung, in denen eine Kompetenzübertragung nur in engen Grenzen möglich ist, steht außer Frage, daß sie in der politischen Praxis schon heute unter europäischem Einfluß stehen. Konkret hat das Verfassungsgericht genannt: „die Strafrechtspflege, die polizeiliche und militärische Verfügung über das Gewaltmonopol, fiskalische Grundentscheidungen über Einnahmen und Ausgaben, die sozialpolitische Gestaltung von Lebensverhältnissen sowie kulturell bedeutsame Entscheidungen wie Erziehung, Bildung, Medienordnung und Umgang mit Religionsgemeinschaften“. Wer würde ernsthaft bestreiten, daß all diese Bereiche von den bestehenden europäischen rechtlichen Reglungen berührt, ja deutlich erfaßt werden?

 

Als Kirche bemerken wir dies natürlich am letztgenannten Punkt, dem Umgang mit den Religionsgemeinschaften. Die Regelung der Beziehungen von Staat und Kirche obliegt zwar den Mitgliedstaaten – es gibt keine religionsrechtliche Kompetenz der EU –, aber das Europarecht kennt keine Bereichsausnahme für das Staatskirchenrecht. Die Habilitationsschrift des Staatsrechtlers Stefan Mückl trug schon vor acht Jahren den Titel „Europäisierung des Staatskirchenrechts“. Auf vielfältige Weise sind wir als Kirche von den Regelungen der Europäischen Union betroffen. Derzeit zeigt sich dies zum Beispiel mehr als deutlich bei der geplanten Datenschutz-Grundverordnung. Europa betrifft also die Kirche in ihren eigenen Rechten.

 

Europa betrifft aber – wie ich zuvor ausgeführt habe – alle Lebensbereiche der Menschen und damit alle Fragen, mit denen sich auch die Kirche zu beschäftigen hat. Die aktuellen Maßnahmen zur Bewältigung der Eurokrise machen deutlich, daß kein Politikbereich heute mehr isoliert gesehen werden kann. Auch wenn wir die sozialen Sicherungssysteme national organisieren, wird doch auch die Sozialpolitik heute von europäischen Fragen geprägt. Wenn man sich diesen Wirkungsgrad der europäischen Politik vor Augen führt, so erstaunt doch immer wieder, wie gering das Interesse für europäische Fragen in den Medien und der Bevölkerung ausgeprägt ist. Es ist kaum zu fassen, welche fundamentalen politischen Entscheidungen bei uns nicht öffentlich nicht diskutiert werden, nur weil sie im Europaparlament getroffen werden und nicht im Bundestag.

 

Dieses Desinteresse an europäischen Fragen gilt auch und vielleicht ganz besonders für die Kirche. Und doch kann es keinen Zweifel daran geben, daß Europa ein Tätigkeitsfeld der Kirche sein muß, wenn sie ihren politisch-diakonischen Auftrag wahrnehmen will. Dabei hat die Katholische Kirche – wie eingangs erwähnt – die Europäische Integration von Anfang an befürwortend begleitet, nicht als politisches Engagement, sondern als Unterstützung für ein Projekt der Versöhnung, der Einigung und des Friedens. Ich bin unsicher, ob sich die Unterstützung der Katholischen Kirche für die Europäische Einigung, durch die sie sich gerade in der frühen Nachkriegszeit von den evangelischen Kirchen unterschieden hat, heute noch im gleichen Maße finden läßt.

 

 

4. Die Präsenz der Kirche in Europa

 

Natürlich hat die Kirche auf die zunehmende Relevanz der europäischen Integration und auf die eigene Betroffenheit durch europäische Regelungen reagiert. 1980 wurde die ComECE gegründet, seit 1995 gibt es einen eigenen Nuntius des Heiligen Stuhls bei der Europäischen Union, nachdem diese Aufgabe zuvor durch den Nuntius in Belgien mitwahrgenommen wurde.

 

Zielsetzung und Aufgaben der COMECE lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Die COMECE ermöglicht den Bischofskonferenzen in der EU, gemeinsam und koordiniert gegenüber den Institutionen der Europäischen Union aufzutreten.
  • Durch ein positives Verhältnis zu den verschiedenen EU–Institutionen sammelt, analysiert und verarbeitet sie Informationen über die politischen Vorhaben der Union, um den Bischofskonferenzen ein aktives Mitgestalten des europäischen Integrationsprozesses zu ermöglichen.
  • Sie beschäftigt sich mit den aktuellen Fragen der Europäischen Union und bezieht dazu Stellung. Sie befasst sich mit den sozialethischen Herausforderungen, die sich durch die politische Integration Europas ergeben und versucht, in Zusammenarbeit mit kirchlichen und anderen Experten auf der Grundlage der Katholischen Soziallehre konkrete Ideen und Lösungsvorschläge als Antwort auf diese Herausforderungen zu erarbeiten.

 

Wie auch die politischen Gremien in Europa, so stehen die Bischöfe der ComECE immer in der doppelten Spannung. Wir sind sowohl die Delegierten unserer jeweiligen Bischofskonferenzen mit ihrer je besonderen Perspektive als auch Mitglieder eines europäischen Gremiums, das sich gemeinsam mit europäischen Fragen befaßt und so aus dem nationalen Bezugsrahmen gelöst hat. Dieser Perspektivwechsel wurde uns im Übrigen schon vom Seligen Papst Johannes Paul II. aufgegeben. Als er vor zehn Jahren das apostolische Schreiben „Ecclesia in Europa“ veröffentlichte, hat er diesen wichtigen Text bewusst nicht „Die Kirchen in den europäischen Ländern“ genannt, sondern im Singular von der einen „Kirche in Europa“ gesprochen. Deshalb stellt sich die ComECE heute mehr denn je der Aufgabe, nicht nur eine Instanz von Bischofskonferenzen in der EU, sondern auch gemeinsam europäisch zu sein.

 

Dieses Selbstverständnis ist eine Herausforderung an die ganze Kirche: Deshalb wünsche ich mir, dass wir uns mehr und mehr als eine Kirche in Europa verstehen. Denn wir sind aufgefordert, die universale Botschaft des Evangeliums, die eine Botschaft der Hoffnung ist, in die konkrete europäische Situation hinein zu verkünden. „Europa wird geeint sein“, hat der Selige Papst Johannes Paul II. schon 1982 vorhergesagt, und hinzugefügt: „und es wird allen Differenzen den geschuldeten Respekt erweisen.“ Und daran, so sagte der Papst damals in Santiago de Compostela, will auch die Kirche mitwirken: „Der Kirche ist der Beitrag bewusst, den sie für die spirituelle und humane Erneuerung Europas leisten kann. Die Kirche stellt sich dieser Aufgabe und diesem Dienst, ohne eine Stellung zu beanspruchen, die sie in der Vergangenheit inne hatte und die in der gegenwärtigen Epoche vollkommen überholt ist.“

 

Beim kirchlichen Engagement in Europa geht es also nicht um einen Machtanspruch, sondern um das Wohl der Menschen, über das heute eben nicht mehr nur auf nationaler Ebene entschieden wird. Deshalb hat die Kirche intensive Beziehungen zu den europäischen Institutionen ausgeprägt und die Mitwirkung in europäischen Angelegenheiten gesucht. Mit dem Artikel 17 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union verfügen wir über ein erstmals im Primärrecht der Europäischen Union verankertes Instrument, um als Kirche mit der Europäischen Union in Dialog zu treten und an der Gestaltung der Europäischen Union mitzuwirken. Die Festschreibung dieses Dialogs ist das Ergebnis eines langen Arbeitsprozesses und wir können für die Formulierung im Vertrag von Lissabon nur dankbar sein. Denn die Europäische Union führt diesen Dialog, so sagt es der Vertragstext, weil sie den besonderen Beitrag der Kirchen anerkennt. Mit dem Dialog haben die Kirchen eine Rechtsgrundlage, um ihre Beiträge gegenüber den Institutionen auch leisten zu können.

 

Die Dialogklausel fällt aber auch auf die Kirchen zurück: Die Kirche muß zu einem solchen Dialog überhaupt in der Lage sein, d.h. sie braucht europäische Strukturen und sie braucht Positionen zu europäischen Fragen. In den letzten Jahren ist immer nur auf den Erfolg hingewiesen worden, den Dialog in den Vertrag von Lissabon hineinbekommen zu haben. Viel zu selten machen wir uns in der Kirche bewußt, daß der Dialog auch für uns eine Herausforderung und eine Verpflichtung darstellt.

 

In den letzten beiden Jahren konnten wir auf unterschiedliche Weise erste Erfahrungen mit diesem Dialog sammeln: Das jährlich stattfindende „Religious Leaders Meeting“ bringt die Präsidenten der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments und des Europäischen Rates mit hochrangigen Vertretern von Kirchen und Religionsgemeinschaften zusammen. Dieses Treffen hat eine hauptsächlich symbolische Bedeutung. Daneben wurden die Dialogseminare mit der Kommission, die schon vor Einführung von Art. 17 bestanden, fortgesetzt. Diese Seminare, die gemeinsam mit der Konferenz Europäischer Kirchen und der BEPA [Bureau of European Policy Advisors] der Europäischen Kommission veranstaltet werden, behandeln jeweils ein Thema, auf das man sich im Vorfeld geeinigt hat. Darüber hinaus gibt es zahlreiche formelle und informelle Kontakte der Kirchen zu Politikern und mit Mitarbeitern der Europäischen Institutionen, die nicht im Detail geregelt werden müssen.

 

Jenseits des Dialogs bleibt festzuhalten: Es bedarf eines angemessenen juristischen Standbeins der Kirche in Europa, um den Rechtswerdungsprozess der Europäischen Union angemessen begleiten zu können. Gleichzeitig ist es jedoch notwendig, über den ausschließlich juristischen Bereich hinaus die Arbeit der Europäischen Institutionen zu begleiten. Bereits in der Vergangenheit hat die ComECE grundsätzliche sozialethische Beiträge gemeinsam mit inner- und außerkirchlichen Experten erarbeitet: zu den Folgen der Einführung des Euro, zur Arbeitslosigkeit, zur „Global Governance“, zu den Werten der Europäischen Union, zu den Mühen des Europäischen Integrationsprozesses, zu Familienfragen, zum Klimawandel, oder erst jüngst, zur Sozialen Marktwirtschaft. Daneben beteiligen sich aber auch die Institutionen auf nationaler Ebene mit Beiträgen, in diesem Fall also die Deutsche Bischofskonferenz und diese wiederum oft gemeinsam mit der EKD. Gleiches gilt für die Vereinigungen von Laien. Das ZdK hat sich erst jüngst mit einer Erklärung „Europa ist unsere Zukunft“ an die Öffentlichkeit gewandt.

 

Dabei wird jedoch folgendes deutlich: Woran es in Europa mangelt, ist das organisierte Engagement von Laien. Ich will das in diesem Kreis ganz nachdrücklich nicht als Kritik verstanden wissen, denn ich kenne natürlich das außerordentliche Engagement des ZdK, europäische Laien zusammenzuführen. Und ich will mit dem Hinweis auf dieses Defizit auch nicht über Unzulänglichkeiten der bischöflichen Präsenz in Europa hinweggehen. Ich nenne die schwache europäische Organisation von katholischen Laien hier aber als Problemanzeige im Sinne unseres Gemeinamen Symposions. Es gibt eben in anderen europäischen Ländern nicht so starke und selbstbewußte Laienorganisationen wie das ZdK. Das „Europäische Laienforum“ und die Initiative „Christen für Europa“ IXE versuchen jedenfalls, dieses Defizit zu verringern; es mangelt ihnen jedoch an Repräsentativität oder am Willen zu politischen Stellungnahmen.

 

In Deutschland haben wir zudem eine lange Tradition von Katholikentagen. Ähnliche Veranstaltungen (wie die „Semaines sociales“ in Frankreich) gibt es zumindest in anderen europäischen Ländern, wenn auch mit geringeren Teilnehmerzahlen. Auf europäischer Ebene fehlen jedoch politische Impulse durch solche Veranstaltungen. Die Bischöfe der ComECE sind 2009 eingesprungen und haben versucht, mit den „Katholischen Sozialtagen für Europa“ ein solches Forum anzustoßen. Dabei haben sie unter anderem auch mit dem ZdK zusammengearbeitet. Aber für ein solches Veranstaltungsformat braucht es einen langen Atem.

 

 

5. Der Beitrag der Kirche in Europa

 

In „Ecclesia in Europa“ schreibt Johannes Paul II.: „Die katholische Kirche kann als die eine und allgemeine – wenngleich in der Vielfalt ihrer Teilkirchen gegenwärtige – Kirche einen einzigartigen Beitrag zum Aufbau eines der Welt gegenüber offenen Europa leisten“ (Ecclesia in Europa, 116). Dieses Europa hat auch eine Sendung in der Welt: Johannes Paul II. hat formuliert: „Wenn man ‚Europa’ sagt, soll das ‚Öffnung’ heißen“ (Ecclesia in Europa, 111). Gerade auf der Grundlage seiner christlichen Prägung hat Europa ein spezifisches Verständnis vom Menschen entwickelt, das alle Bereiche unseres Lebens prägt: die Menschenrechte und die Religionsfreiheit, die Soziale Marktwirtschaft, die kulturelle Vielfalt – all das basiert auf einem spezifischen Menschenbild, das wir in Europa und im Westen ausgeprägt haben. Diese europäischen Vorstellungen gilt es einzubringen in eine globalisierte Welt. Wir müssen unsere Vorstellungen von Demokratie, der Würde des Menschen, von einer sozialen Form des Wirtschaftens, die dem Menschen dient und nicht dem Kapital in einer Welt vertreten, in der andere Erdteile immer größeres Gewicht erlangen und in dem die alternden Gesellschaften Europas an Bedeutung verlieren. Auch deshalb ist ein vereintes Europa ein christliches Projekt. Und bei aller Kritik an verschiedenen Strömungen in Europa, bei aller Sorge, die radikale Stimmen des Laizismus und Säkularismus verbreiten, vergessen wir nicht: die große Mehrheit der Menschen in Europa möchte die christlichen Überzeugungen und Werte nicht aufgeben. Ohne Christentum kann Europa auch in Zukunft seine Identität nicht finden.

 

Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass das Nobelpreiskomitee im Dezember 2012 den Friedensnobelpreis an die Europäische Union vergeben hat. Es freut mich sehr, dass die Bedeutung der Europäischen Union gerade in diesen Zeiten der Krise mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wird. Trotz all der Probleme, mit denen wir in Europa augenblicklich zu kämpfen haben, erinnert uns der Preis daran, welche große Leistung für eine friedliche Entwicklung des Kontinents die europäische Einigung vollbracht hat und welchen großen Anteil daran auch politisch engagierte Christen haben.

 

Damit die Verdienste der Christen in Europa aber nicht nur eine historische Reminiszenz werden, die wir wie eine Monstranz vor uns hertragen, ohne selbst noch substantiell etwas beizutragen, ist die Kirche auch heute gefordert, weiterhin zu einem vereinten Europa beizutragen. Und dieser Beitrag wird von vielen politischen und gesellschaftlichen Akteuren ausdrücklich gewünscht. Insgesamt muss die Kirche als Dialogpartner für die Institutionen der Europäischen Union, für politische Parteien, Ländervertretungen, Think-Tanks und zivilgesellschaftliche Organisationen und mit einer breiteren Themenpalette und Initiativen zu (gesellschafts-)politischen Themen auf dem Brüsseler Parkett auftreten. Wir haben derzeit eine geeignete politische Lage, um unsere Anliegen zu Gehör zu bringen, denn viele führende Politiker in der EU sind offen für den Beitrag der Kirche. Diese günstige Situation sollten wir nicht verspielen. Ich bin überzeugt, dass wir hier auch noch mehr pro-aktiv und nicht nur re-aktiv arbeiten könnten. Als Christen haben wir unseren Beitrag zu leisten beim Aufbau Europas, sowohl als Bischöfe als auch als Laien.



[1] Das vorliegende Manuskript bildete die Grundlage für den frei gehaltenen Vortrag von Kardinal Marx beim Symposion „Die Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat“ der Gemeinsamen Konferenz von Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken am 19. April 2013 in der Katholischen Akademie in Berlin.

 

Reinhard Kardinal Marx