Samstag, 6. Mai 2017

Impulsvortrag: Religionsunterricht – unverzichtbar für alle, die ihn (nicht) besuchen Den Blick und das Fach mutig weiten (Prof. Dr. Hans Mendl)

Den Blick und das Fach mutig weiten

UNKORRIGIERTES REDEMANUSKRIPT

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Prof. Dr. Hans Mendl

 

 

Impulsvortrag

 

Religionsunterricht – unverzichtbar für alle, die ihn (nicht) besuchen

Den Blick und das Fach mutig weiten

 

 

Wer heute ein Plädoyer für die Unverzichtbarkeit eines Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen ablegt, muss sich aus kirchlicher Perspektive betrachtet in zwei Richtungen hin gut rüsten: nach außen, weil Religion heute gesellschaftlich nicht mehr selbstverständlich ist, aber auch nach innen, weil manche notwendigen weiterführenden Schritte, die sich angesichts der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse aufdrängen, den Status quo zu gefährden scheinen. Deshalb wird mein Versuch, die Bedeutung des Religionsunterrichts zu begründen und seine Gestalt weiterzuentwickeln, strategisch auf beide Perspektiven hin ausgerichtet sein, bevor ich dann mit Bezug auf das neue Bischofsdokument "Die Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts"[1] und den Entwurf der Resolution des ZDK Desiderate für die Weiterentwicklung des Religionsunterrichts formuliere.

 

2. Außenperspektive: Religionsunterricht – unverzichtbar für Schule und Gesellschaft

Ich wende mich zunächst der Außenperspektive zu und weite die Frage der Nützlichkeit des Fachs über die Binnensicht hinaus. Inwiefern profitieren auch diejenigen vom Religionsunterricht, die ihn nicht besuchen? Eine nur scheinbar paradoxe Fragestellung! Sie wird aber argumentativ wichtig, wenn es um die Akzeptanz und Weitung des Religionsunterrichts geht. Der bildungstheoretische Wert des Religionsunterrichts für die Schule und Gesellschaft (und, wie wir dann auch noch sehen werden, auch für die Religionen) über das Fach hinaus kann man kategorial in Anlehnung an das Begründungsmodell der Würzburger Synode ausdifferenzieren; der argumentative Clou besteht darin, dass ein Begründungsszenario, das für den Religionsunterricht gedacht war, nun perspektivisch weitreichender angelegt ist.[2] Kurz angedeutet:

Kulturgeschichtlich: Nicht nur Christen, sondern alle Menschen in unserem Land benötigen ein entsprechendes Wissen, um die sie umgebende Kultur dechiffrieren zu können. Im innerschulischen Kontext sind Lehrerinnen und Lehrer dankbar für ein religiöses Basiswissen, welches die Schülerinnen und Schüler aus dem Religionsunterrichts mitbringen – hier ließen sich viele Beispiele etwa aus dem Deutsch-, Kunst-, Musik- oder Geschichtsunterricht anführen, die ich aus Zeitgründen aussparen muss. Wer nur den Ethikunterricht besucht, hat hier Defizite, da die meisten Ethiklehrpläne Themen der Religion selbst in kulturgeschichtlichen Hinsicht nur stiefmütterlich behandeln.

 

Lebensbewältigung: Im Religionsunterricht wird die ganze Fülle existenzieller Fragen thematisiert, individueller und gesellschaftlicher Natur. Wer lernt, die Welt auch aus der Perspektive der Religion zu betrachten und zu deuten, wird lebensfähig. Dies kommt nun zunächst einmal nur den Schülerinnen und Schülern zugute, die diesen Unterricht besuchen. Auf schulischer Ebene wird die Hilfe zur Lebensbewältigung vor allem auf dem Gebiet Krisenintervention ersichtlich, wo das Wirken der Kirchen breite Anerkennung findet: Wenn der Tod in die Schule einbricht, nimmt man die Hilfe von Profis, der geschulten Frauen und Männer der kirchlichen Kriseninterventionsteams, dankbar in Anspruch! Aber auch die Angebote der Schulpastoral im Bereich der Diakonie, Koinonie und Liturgie zählen zum wertvollen Portfolio, mit dem die Schulkultur bereichert wird.

 

Menschlichkeit sichern: Gerade durch das transfunktionale Selbstverständnis von Religion als Abhängigkeit des Endlichen vom Absoluten erhält Religion an der Schule die Bedeutung eines funktionalen Stachels! Angesichts der aktuellen Problemfelder (Terrorbedrohung, Aushöhlen demokratischer Systeme, Populismus, Verzerrung von Wahrheit ….) muss der Religionsunterricht ein wichtiges Wächteramt ausüben, um die Befähigung zu Resilienz, Kritikfähigkeit, Verantwortungsübernahme und Zivilcourage zu schulen. In der Religionspädagogik steigt derzeit die Sensibilität dafür, dass der Religionsunterricht eine deutlichere gesellschaftliche, politische und globale Lerndimension erhalten muss.

 

Zivilisierung von Religion: Das vierte Argument mag überraschen, ich halte es aber gerade aus gesellschaftspolitischen Gründen für äußerst bedeutsam: Der Staat und die Gesellschaft müssen ein starkes Interesse an einem schulischen Religionsunterricht haben. Denn wenn Religion in die Schule geht, dann erhält sie dort etwas, was sie aus eigenen Kräften nicht leisten kann: sie wird zivilisiert. Dietrich Benner formuliert dies so: "Durch öffentliche Erziehung kann versucht werden, in die fraglichen Religionen etwas hineinzubringen – z.B. Toleranz, Selbstbegrenzung und Verständigung untereinander sowie mit außerreligiösen Instanzen –, was in diesen fehlt."[3] Eine Aufbereitung religiöser Fragestellungen unter schulischen Modalitäten kann als das beste Mittel gegen destruktive Formen von Religion und Fundamentalismus gelten. Auch aus diesem Grund erscheint die Ausweitung eines islamischen Religionsunterrichts in deutscher Sprache als wünschenswert. Die öffentliche Schule hat ein markantes Interesse an einem "vernünftigen" Religionsunterricht, der zum reflexiven Verstehen von Religion beiträgt und die Religionen selber kultiviert und aufklärt.

Strategisch wird es für die Zukunft des Religionsunterrichts von entscheidender Bedeutung sein, dass dieser Nutzen des Religionsunterrichts für Schule, Gesellschaft und Religionen über das Fach hinaus immer wieder betont und im Idealfall auch von außen betrachtet akzeptiert wird.

Da bitte ich auch Sie um Ihre Mithilfe! Nur, wenn das gesellschaftliche Leistungsspektrum des Faches Anerkennung findet, werden sich auch die konzeptionellen Fragen weiterentwickeln lassen.

 

2. Innenperspektive: RU – unverzichtbar für die Kirche

Die Frage nach dem Nutzen des Religionsunterrichts ist aber auch innerkirchlich relevant. Ich beginne mit einem pragmatisch-funktionalen Argument. Es ist schwierig, die genaue Zahl der Schülerinnen und Schüler zu bestimmen, die den Religionsunterricht in den unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen in Deutschland besuchen. Nach Auskunft der Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz dürften es knapp 3 Millionen Kinder und Jugendliche sein, die sich Woche für Woche eine oder zwei oder gar drei Stunden mit dem Modus einer Weltbegegnung durch Religion auseinandersetzen. Im Vergleich dazu: Die Kirchenzählung ergab, dass im Jahr 2015 ungefähr 2,5 Millionen Menschen die katholische Eucharistiefeier am Sonntag besuchten.[4] Wir erreichen also allein über den schulischen Religionsunterricht mindestens so viele Menschen wie die Kirche flächendeckend über den Besuch des Sonntagsgottesdienstes. Und es sind noch dazu junge Menschen, die auf diese Weise mit religiösen Fragen in Kontakt kommen, im Unterschied zur Gemeinde. Das sehen inzwischen auch die Bischöfe so und formulieren ganz offen: Der Religionsunterricht ist heute für viele Schülerinnen und Schüler der erste Ort, an dem sie einen Bezug zur Religion und zum konfessionellen Christentum erhalten; die Religionslehrerinnen und -lehrer sind die wichtigsten Brückenbauer an der Schnittstelle von Kirche und Schule.[5] Die Kirche wäre also schlecht beraten, wenn sie auf diese Kontaktstelle zu jungen Menschen verzichten würde. Eine Gefährdung des Religionsunterrichts von kirchlicher Seite aus wäre meines Erachtens dann gegeben, wenn man vom wohl begründeten diakonischen Konzept abweichen und dem Religionsunterricht deutlichere missionarische Aufgaben zukommen lassen würde. Nein, die gesellschaftliche Akzeptanz des Faches ergibt sich gerade aus dem auch nach außen hin erkennbaren diakonischen Zuschnitt – der selbstlose Dienst der Kirche am Handlungsort Schule mit dem Ziel einer Förderung der Identitätsfindung junger Menschen heute und der Humanisierung des Schulwesens, der Verzicht auf einen Eigennutzen. Die Studien der letzten Jahre zum Religionsunterricht und zu den Religionslehrenden zeigen, dass dies auch gelingt; die Religionslehrerinnen und -lehrer wollen mit ihrem Unterricht dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler bei der christlich-religiösen Entfaltung ihrer personalen Existenz gefördert werden.[6] Freilich gibt es immer auch Kritik an der konkreten Gestalt des Religionsunterrichts: Rudolf Englert hat in seiner Essener Studie, die wir mit einer Passauer Parallelstudie weitestgehend bestätigen können, festgestellt: Die Lehrenden nähmen zu wenig eine Teilnehmerperspektive ein[7], die fachliche und theologische Expertise komme zu kurz[8] und der Unterricht führe zu wenig zu gedanklichen Herausforderungen und zu kognitiven Konflikten.[9] Wir werden aber weiter unten sehen, dass dieses vermeintliche Defizit in Teilen auch eine Chance für einen zukunftsfähigen Religionsunterricht sein könnte.

Mit dem diakonischen Grundansatz verbindet sich über die rein funktionale Sicht hinaus aber auch noch eine markant inhaltliche: In der aktuellen Gestalt ist der Religionsunterricht das Flaggschiff eines gesellschaftsoffenen Christentums, von dem auch andere kirchliche Einrichtungen profitieren könnten; ich kann dies nur andeuten:[10] Der Religionsunterricht ist platziert inmitten einer gesellschaftlich pluralen Institution, der Schule, deren Autonomie anerkannt wird; das Angebot erfolgt radikal zielgruppenorientiert und zielt nicht nur auf gläubige Schüler hin, sondern auch auf suchende, fragende und ungläubige; man hält sich an die zeitlichen und organisatorischen Regularien und Rhythmen des profanen Handlungsortes, für die Durchführung des Angebots sind überwiegend Laien zuständig und gerade bei liturgischen Veranstaltungen im Rahmen der Schulpastoral ist ein hohes Maß dessen festzustellen, was wir als aktive Teilnahme aller (participatio actuosa) bezeichnen: Ja, Kirche, könnte vom schulischen Religionsunterricht lernen, was es heißt, dass Kirche nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist, wie dies Dietrich Bonhoeffer formuliert hat!

Diese Innensicht erscheint als legitim, sie reicht aber nicht aus. Denn faktisch kommen so zunächst einmal nur die eigenen Peers in den Blick. Was aber, wenn, wie prognostiziert wird, im Jahre 2025 nur noch jeder zweite Mensch in Deutschland Christ ist? Können wir uns auf eine Wagenburg-Mentalität beschränken und darauf insistieren, einen konfessionellen Religionsunterricht für die dann vorfindbare Minderheit der Christen an Schulen zu sichern? Oder darf’s, wie die berühmte Metzgersfrage lautet, auch ein bisschen mehr sein?

 

3. Die Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts

Zur Konzeption des Religionsunterrichts haben sich kürzlich die Bischöfe geäußert; der Fokus lag hier in einer Weiterentwicklung einer Kooperation des katholischen mit dem evangelischen Religionsunterricht.[11] Die Reaktion unter uns Religionspädagogen war insofern etwas verhalten, weil wir uns ein solches Votum bereits vor dreißig Jahren gewünscht hätten. Trotzdem, man sollte die Chancen des Dokuments würdigen:

In der Tat gibt es in meiner Heimat Niederbayern noch Schulen, an denen kaum ein evangelischer oder gar muslimischer Schüler vorzufinden ist. Das mag auch an wenigen anderen Landstrichen in Deutschland noch so sein, und sicher gibt es hier auch ein Nord-Süd- (bzw. Süd-Nord-) Gefälle; aber ansonsten ist bundesweit die Vorstellung, dass der Religionsunterricht gemäß der Trias (Lernende, Lehrende und Stoff sind einer Konfession zugehörig) ausschließlich konfessionell durchgeführt wird, so löchrig wie ein Schweizer Käse. Insofern wird es nun möglich, die vielen Modelle einer konfessionellen Kooperation oder eines Gaststatus von evangelischen Schülern im katholischen Religionsunterricht und umgekehrt, die unter der Hand durchgeführt wurden (aus Not, in Unkenntnis oder bewusst), auch ordnungsgemäß zu konzipieren.

Dass die Bischöfe bewusst kein globales Modell vorgeben, sondern lediglich einen Rahmen aufzeigen und Empfehlungen formulieren, die auf regionaler Ebene umgesetzt werden müssen, halte ich für den größten Gewinn des Papiers. Dies eröffnet den Regionen, die einen dringenden Handlungsbedarf sehen, die Möglichkeit zum Handeln, ohne sich ausbremsen lassen zu müssen von den Regionen, die mit dem Status quo – noch! – zurechtkommen. Schädlich wäre es, eine ökumenische Öffnung nur als ultima ratio zu deuten, als Notfall für Situationen, in denen ein Mangel oder ungünstige Zahlenverhältnisse herrschen. Denn dies führt in der Regel nicht zur Entfaltung einer reflektierten Konzeption. Notwendig ist vielmehr die Auskonturierung einer überzeugenden Didaktik des Ökumenischen, die weit über die Bearbeitung von strittigen Themen im konfessionellen Dialog hinausreicht. Hier sind wir Religionspädagogen gefragt. Wie kann im spannungsvollen Zu- und Gegeneinanders einer Auseinandersetzung mit der eigenen, häufig fremden Konfession und der Konfession der anderen tatsächlich Prozesse einer Identitätsfindung und Verständigung erfolgen?

 

Wenn ich die vorsichtigen Gehversuche der deutschen Bischofskonferenz auf dem Weg zu einer konfessionell-kooperativen Öffnung betrachte, dann sehe ich die besondere Bedeutung darin, dass die Konfessionalität des Faches in erster Linie auf der Achse zwischen dem Lehrer und dem Gegenstand festgemacht wird, wodurch dann auch die Konfessionalität des Unterrichts bestimmt wird. Demgegenüber ist eine deutlicher Flexibilität bezüglich der Schülerinnen und Schüler erkennbar: Neben dem "Normalfall" (auch die Schülerinnen und Schüler sind katholisch) gibt es die Möglichkeit, dass auch Schülerinnen und Schüler anderer Konfessionen und selbst Religionsfreie am Religionsunterricht teilnehmen. Hier sehe ich das entscheidende Zukunftspotenzial für die Weiterentwicklung des Fachs!

 

4. Religionspädagogische Desiderate

Was ist wünschenswert für die Zukunft? Ein erstes Desiderat: Ich wünsche mir einen Religionsunterricht, an dem die Kirchen beteiligt sind. Dies formuliere ich nicht aus Eigennutz und aus durchaus nachvollziehbaren Verlustängsten heraus (auf die ich hier nicht weiter eingehen kann),[12] sondern weil ich davon überzeugt bin, dass die Kirchen, die Theologie und die evangelischen und katholischen Religionspädagogen einen reichen Erfahrungsschatz und ein pluralitätsfähiges Konzept für eine religiöse Bildung an öffentlichen Schulen einbringen könnten. Insofern ist der Bezug auf Artikel 7,3 des Grundgesetzes ein unverzichtbarer Ausgangspunkt. Ob er sich argumentativ noch über die konfessionell-kooperative Ebene hinaus weiten lässt, wird die Zukunft zeigen.

Ein zweites Desiderat: Wir müssen deutlicher herausstellen, dass die Erschließung von Religion aus der Teilnehmerperspektive heraus, wie es dem Selbstverständnis des konfessionellen Religionsunterrichts entspricht, nicht unanständig, vereinnahmend und gefährlich ist: Religion kann man nur verstehen, wenn sie in verantwortbaren Grenzen auch erlebt wird.[13] Die Annäherung an Religion aus der Innenperspektive heraus erfolgt im diakonischen Religionsunterricht, ohne dass die daran Teilnehmenden auch auf diese Perspektive hin über den Unterricht verpflichtet werden. Aus der religionswissenschaftlichen Vogelperspektive heraus lässt sich nur begrenzt erläutern, wie Religion im Inneren tickt.

Ein drittes Desiderat: Ich wünsche mir, dass auch die Religionsfreien (und das werden wie erwähnt ab 2025 die Mehrzahl in unserem Lande sein) die Chance einer religiösen Bildung erhalten. Gerade angesichts einer globalisierten Welt, der aktuellen Flüchtlingsbewegungen und dem Missbrauch von Religion durch Fundamentalisten, Populisten und Terroristen benötigt jedes Kind und jeder Jugendlicher ein fundiertes Wissen über die Eigenart, Bedeutung und Auswirkung von Religion und Religionen und ein Verständnis für die, die ihre Religion leben. Was die Bischöfe und auch Sie in Ihrem Papier nur vorsichtig andeuten, könnte ich mir offensiver vorstellen: Eine herzliche Einladung auch an die Religionsfreien zum Besuch eines konfessionellen Religionsunterrichts. Religionslehrerinnen und -lehrer berichten, dass gerade diese Gruppe nicht selten das Salz in der oft faden Suppe unserer eigenen Klientels sind, die häufig "religion light" leben – sie fragen interessierter nach, hinterfragen Vieles und bringen so wichtige Diskurse in Gang. Die oben angedeutete Kritik am aktuellen Religionsunterricht, er sei zu wenig positionell (die negative Sicht) bzw. nicht erkennbar missionarisch (die positive), könnte die Entscheidung für den Besuch des Fachs erleichtern: Derzeit hat der Religionsunterricht nicht das Image, er sei eng kirchlich und katechetisch ausgerichtet. Freilich hängt die Zukunft eines von den Kirchen getragenen Religionsunterrichts für alle nicht nur von der Qualität des Unterrichts, dem Standing der Lehrenden vor Ort und der Wertschätzung des oben skizzierten Nutzens des Faches für Schule und Gesellschaft ab, sondern insgesamt auch vom Image der Kirche.

Ein viertes Desiderat: Ich wünsche mir die Ausweitung des islamischen Religionsunterrichts. Nicht nur wegen der skizzierten Zivilisierung von Religion durch Schule, sondern weil die Vielfalt religiöser Fächer auch die Chancen bietet, Pluralität vor Ort zu erleben und im Diskurs religiöse Orientierung zu gewinnen.[14]

Ein fünftes Desiderat knüpft hier an: Ich wünsche mir, dass die religiös und ethisch bildenden Fächer an Schulen stärker miteinander kooperieren. Das beim Streit um den Religionsunterricht in Berlin angedachte Modell einer Fächergruppe[15] mit Phasen des eigenständigen Arbeitens und solchen der Kooperation enthielt diesbezüglich einige zukunftsfähige Perspektiven. Dieses Desiderat bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf die religiösen Fächer, sondern auch auf die sogenannten Ersatz- oder Alternativfächer, die in den verschiedenen Bundesländern unter unterschiedlichen Labeln eines Ethik- oder Philosophieunterrichts laufen.

Ein sechstes Desiderat: Bereits ein konfessionell-kooperativer Religionsunterricht, aber insgesamt die Situiertheit in einer globalen, multikulturellen und multireligiösen Welt erfordern Lehrende, die nicht nur in ihrer eigenen Konfession bewandert sind. Die Studienpläne der Lehrerbildungseinrichtungen müssen deutlicher auf eine ökumenische Theologie und auf das Feld des interreligiösen Lernens hin ausgerichtet werden – dieser Forderung in der ZDK-Resolution stimme ich vorbehaltlos zu!

 

5. Den Blick und das Fach mutig weiten

Gastfreundschaft zählt zu den kulturellen Standards der jüdisch-christlichen Tradition: Insofern steht es uns gut an, den konfessionellen Religionsunterricht so zu konzipieren, dass ihn viele Fremdlinge besuchen, sich dort herzlich eingeladen fühlen und für sie spürbar wird, dass es zwischen den Nachbarzelten der evangelischen und katholischen Geschwister einen regen Austausch gibt.

 

 



[1] Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Die Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts. Empfehlungen für die Kooperation des katholischen mit dem evangelischen Religionsunterricht, Bonn 2016.

[2] Ausführlicher: Mendl, Hans, Reli macht Schule. Der Nutzen von Religion über den Religionsunterricht hinaus, in: Kropač, Ulrich / Langenhorst, Georg (Hg.), Religionsunterricht und der Bildungsauftrag der öffentlichen Schulen. Begründung und Perspektiven des Schulfachs Religionslehre, Babenhausen 2012, 178–190.

[3] Benner, Dietrich, Bildungsstandards und Qualitätssicherung im Religionsunterricht, in: Religionspädagogische Beiträge 53/2004, 5–19, hier 10.

[4] Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Katholische Kirche in Deutschland – Zahlen und Fakten 2015/2016, Bonn 2016. (Arbeitshilfen 287), 46.

[5] Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen, Bonn 2005; vgl. dazu: Mendl, Hans, Diakonisch statt missionarisch. Wider die kirchlichen Vereinnahmungsversuche des Religionsunterrichts, in: Herder Korrespondenz Spezial: Glauben lehren? Zur Zukunft des Religionsunterrichts, Freiburg 2013, 27–31.

[6] Feige, Andreas / Tzscheetzsch, Werner, Christlicher Religionsunterricht im religionsneutralen Staat? Unterrichtliche Zielvorstellungen und religiöses Selbstverständnis von ev. und kath. Religionslehrerinnen und -lehrern in Baden-Württemberg. Eine empirisch-repräsentative Befragung, Ostfildern 2005, 12.

[7] "Der Typus konfessorischer Rede ist weitgehend verschwunden", Englert, Rudolf / Hennecke, Elisabeth / Kämmerling, Markus, Innenansichten des Religionsunterrichts. Fallbeispiele, Analysen, Konsequenzen, München 2014, 112; Mendl, Hans / Stinglhammer, Manuel, Religiöses Lernen kann man sehen?! Ein empirisches Unterrichtsforschungsprojekt im Katholischen Religionsunterricht, in: Paradigma. Beiträge aus Forschung und Lehre aus dem Zentrum für Lehrerbildung und Fachdidaktik, Themenheft Empirische Forschung zu Schule und Unterricht, Passau 2014, 42-54.

[8] "… nur selten der Fall, dass Information und inhaltliche Innovation durch die Lehrer/innen ins Spiel kommen", Englert u.a., 113.

[9] Ebd. 128.

[10] Ausführlicher: Mendl, Hans, Religionsunterricht 2020 – Ein schulisches Fach im Spannungsfeld zwischen Pluralität und Konfessionalität, in: Rupp, Hartmut / Hermann, Stefan, Religionsunterricht 2020. Diagnosen – Prognosen – Empfehlungen, Stuttgart 2013, 134–150, hier 135f.

[11] Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Die Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts. Empfehlungen für die Kooperation des katholischen mit dem evangelischen Religionsunterricht, Bonn 2016.

[12] Zu den Verlustängsten ausführlicher: Mendl, Hans, Pluralität als Aufgabe. Gestaltungsmöglichkeiten und Perspektiven von Religionsunterricht in pluraler Schule aus katholischer Sicht (Relecture und Ausblick), in: Rendle, Ludwig (Hg.), Religiöse Bildung in pluraler Schule. Herausforderungen – Perspektiven. 10. Arbeitsforum für Religionspädagogik, München 2015, 37-50, hier 38f.

[13] Vgl. dazu differenzierter: Mendl, Hans, Religion zeigen, Religion erleben, Religion verstehen. Ein Studienbuch zum Performativen Religionsunterricht, Stuttgart 2016; Mendl, Hans, Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht. 20 Praxisfelder, München 3. Auflage 2017.

[14] Kirchenamt der EKD (Hg.), Religiöse Orientierung gewinnen. Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2014.

[15] Böger, Klaus, Werteerziehung in der Berliner Schule, in: Busch, Rolf, Integration und Religion. Islamischer Religionsunterricht an Berliner Schulen, Berlin 2000, 27-35.

Prof. Dr. Hans Mendl