Freitag, 2. März 2012

Pressestatement von Dr. Michael Lentze

Fachtagung "Kirche auf dem Weg der Nachhaltigkeit - 20 Jahre nach Rio" am 2. März 2012

 

 

Als Christinnen und Christen sind wir in besonderer Weise zur Bewahrung der Schöpfung und dem Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit in dieser Welt verpflichtet. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, braucht es einen nachhaltigen Lebensstil, der von jedem Einzelnen einen hohen Einsatz erfordert.  Dabei gilt es die persönlichen Bedürfnisse mit der Erhaltung einer intakten Natur für alle Menschen auf der Erde im Jahr 2012, wie für zukünftige Generationen, in Einklang zu bringen. Gleichzeitig müssen wir die globalen Herausforderungen, wie insbesondere den Klimawandel, die Ressourcenknappheit sowie den Hunger und die Armut in der Welt konkret angehen.

Bei dieser Tagung werden daher verschiedene Lebensbereiche in den Blick genommen, in denen Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielt und in denen es uns in Zukunft gelingen muss, gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen für eine zukunftsorientierte und umweltbewusste Lebensweise zu schaffen. Darüber braucht es eine ehrliche Diskussion, die wir hier führen wollen. Ein zentraler Schlüssel liegt m.E. in einer weltweit erforderlichen sorgsamen und ausgewogenen Nutzung der Ressourcen unserer Erde, bei der die Industrieländer, wie Deutschland als bisher größter Verbraucher dieser Ressourcen, eine besondere Verantwortung tragen.

Wesentlichen Handlungsbedarf gibt es aus Sicht des ZdK insbesondere in folgenden Politikfeldern:

 

Ernährung und Landwirtschaft

Im Fokus christlichen Handelns muss die aktive Bekämpfung von Hunger und Armut stehe. Eine gute Ernährung der Bevölkerung lässt sich oftmals durch lokale und regionale Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte am besten erreichen. Das ZdK setzt sich daher im Zuge der anstehenden Reform der europäischen Agrarpolitik für eine ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Agrarpolitik ein, die auch ihre weltweite Verantwortung wahrnimmt. Ökologische Aspekte sowie die Vermeidung negativer Auswirkungen auf die Ernährungssicherung in anderen Ländern müssen daher bei der zukünftigen Agrarförderung angemessen berücksichtigt werden. In Deutschland gilt es, die Anliegen des Umweltschutzes, der Entwicklung ländlicher Räume und der Ernährungssicherung miteinander zu verbinden. Eine stärkere Nutzung ökologisch, regional, saisonal sowie fair erzeugter Produkte liegt in unserer Verantwortung als Verbraucher. Die damit oft verbundenen höheren Preise für Nahrungsmittel stellen unsere Wertschätzung für diese Leistungen dar und ermöglichen Landwirten ein adäquates Einkommen.

 

Mobilität und Verkehrsinfrastruktur

Ein hoher Anteil unseres Energieverbrauchs und der für die Klimaveränderung mitverantwortlichen Freisetzung von CO2 ist dem Verkehrsbereich zuzuschreiben. Neben der notwendigen Erforschung energieeffizienter Antriebs- und Fahrzeugtechnik spielt die Entwicklung neuartiger Verkehrskonzepte eine zentrale Rolle für einen geringeren Verbrauch fossiler Brennstoffe. Staatliche Investitionen müssen verstärkt in den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel erfolgen und Vorrang haben gegenüber dem Ausbau des Individualverkehrs. Zudem ist jeder Einzelne in der Pflicht, durch ein bewusstes Mobilitätsverhalten den Verbrauch von fossilen Energieträgern so gering wie möglich zu halten. Eine stärkere Besteuerung von Fahrzeugen mit hohem Energieverbrauch schafft in diesem Sinn gute Anreize. Ziel muss zudem die Vermeidung unnötigen Verkehrsaufkommens sein. Die aktuell geforderte Erhöhung von Kilometerpauschalen konterkariert diese Notwendigkeiten und ist daher abzulehnen.

 

Energieversorgung und Energieverbrauch

Die verstärkte Nutzung von Strom aus regenerativen Energiequellen muss konsequent fortgesetzt werden. Ein weiterer Ausbau der Stromerzeugung durch Wind- und Sonnenenergie muss durch geeignete Förderstrukturen unterstützt werden, um den Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie umzusetzen. Die in diesem Kontext von der Ethik-Kommission "Sichere Energieversorgung" im Jahr 2011 vorgeschlagene Einsetzung eines Parlamentarischen Beauftragten für die Energiewende sollte umgehend erfolgen. Neben der Stromerzeugung sollte ein stärkerer Fokus auf dem Stromverbrauch und der Energieeffizienz liegen. Der erzielte Kompromiss der Bundesregierung zur EU-Energieeffizienzrichtlinie ist zu wenig und sollte überdacht werden. Es braucht die Vorgabe verbindlicher Energieeffizienzmaßnahmen und nicht nur verbindlicher Effizienzziele, um das deutsche CO2-Reduktionsziel von 40 % im Jahr 2020 zu erreichen.

In Anbetracht der derzeit niedrigen CO2-Zertifikatspreise im Emissionshandel und zur Sicherung der Finanzierung des Energie- und Klimafonds ist zur Erreichung des deutschen Klimaziels auch eine Erhöhung des europäischen CO2-Reduktionsziels von 20 % unbedingt erforderlich. Wir fordern die Bundesregierung auf, sich auf europäischer Ebene aktiv für die Erhöhung des EU-Klimaziels auf 30 % einzusetzen!

Einen großen Anteil am Energieverbrauch in Deutschland nimmt die Gebäudeheizung ein. Zur Reduzierung des Gesamtenergieverbrauchs brauchen wir daher eine erhebliche Steigerung der Gebäudeenergieeffizienz durch Gebäudesanierung. Durch das im politischen Prozess befindliche Gesetz zur energetischen Gebäudesanierung müssen sowohl die öffentliche Hand als auch private Wohneigentümer in die Pflicht genommen werden und weitere, bessere Investitionsanreize für Wohneigentümer im Feld der energetischen Sanierung und der Isolierung vermieteten Wohnraums geschaffen werden.

Ethisches Investment

Das ZdK versteht sich seit Jahren als Motor zur Förderung der nachhaltigen Geldanlagen. Das gehört für uns untrennbar zu einem nachhaltigen Lebensstil dazu, denn durch einen verantwortlichen Umgang mit seinen finanziellen Mitteln kann jeder von uns seinen eigenen Beitrag zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung leisten. Nachhaltige Geldanlagemöglichkeiten gibt es inzwischen in hinreichender Anzahl, nun gilt es, diese auch tatsächlich zu nutzen. Wir sollten nicht länger gelten lassen "Ja, man müsste mal …", sondern vielmehr sagen: "Ja, wir legen unser Geld ethisch an!" Gerade die Kirche könnte hier eine Vorreiterrolle einnehmen, indem sie die Anlagerichtlinien für ihre Bistümer, Hilfswerke und Versorgungskassen entsprechend überarbeitet. Kirchliche Verbände und Orden könnten sich dann daran orientieren. Deshalb appellieren wir an Privatanleger und kirchliche Institutionen, bei ihrer Geldanlage auf ethische Kriterien zu achten und damit Einfluss auf die Finanzmärkte zu nehmen.

 

Dr. Michael Lentze Sprecher des Sachbereichs "Umwelt und Technik" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken