Freitag, 23. November 2001

Stoppt den Waffenhandel

Vollversammlung des ZdK am 23./24. November 2001


Die Macht des Terrors verbreitet zur Zeit Angst in allen Ländern, besonders die Angst vor ungewissen, unmenschlichen Anschlägen.

In vielen Ländern Afrikas leben die Menschen schon viele Jahre mit dieser Angst.

Ich möchte heute für die Menschen in Sierra Leone sprechen.
Sie sehnen sich nach Frieden, nach einem Ende der Rebellenüberfälle; nach einem Ende der Waffen in den Händen der Kindersoldaten, der Rebellen, nach einem Ende des Waffenhandels.

Jedesmal, wenn ich ein Poster mit Kindersoldaten sehe, denke ich an Sierra Leone, an die Angst und den Terror, welche die Rebellen mit den Waffen verbreiteten.

Als ich das erste mal, 1993, einen Kindersoldaten an einer Straßensperre sah, traute ich meinen Augen nicht. Er war etwa 10 Jahr alt, und das Gewehr, sichtlich zu schwer auf seiner Schulter, war so lang wie er groß war. Er selbst hatte Angst vor der Misshandlung seiner Vorgesetzten. Er wurde Opfer der Gewalt. Die Waffe gab ihm Macht, alten Männern, Frauen, Müttern und Kindern Befehle zu erteilen.
Niemand ahnte zu der Zeit, in welchem Ausmaß sich diese Macht der Waffen entwickeln würde. In den darauf folgenden Jahren verbreiteten Rebellen, viele unter ihnen noch Kinder, Angst und Terror im Lande.

Ich war in Sierra Leone für viele Jahre tätig; die schlimmste Zeit war von 1997 - 2000. Jeder Schuss schreckte uns auf. Es wurde viel geschossen. Immer wenn ein neuer Flüchtlingsstrom aus Dörfern kam, mit Berichten von Überfällen der Rebellen und ihren Gräueltaten, packte uns die Angst.
Ich weiß, was Angst heißt; Angst vor der Dunkelheit, da oft in der Nacht in Häuser eingebrochen wurde, die Menschen bedroht, gequält, beraubt, getötet wurden.

Wir wurden auch überfallen.

Mit wurden die Waffen auf die Brust gesetzt, dreimal, nach meinem Geld verlangt. Ich konnte entkommen und in den Busch fliehen, wie so viele Menschen.
Nachdem es relativ sicher war, kehrten wir zurück zu unserer Ortschaft, die völlig ausgeraubt war. Die Rebellen hinterließen auch ihre Spuren in meinem Haus. Diese Tatsache war für mich viele Monate sehr belastend.
Ich habe miterlebt, wie es den Menschen geht, wenn sie in die Gewalt der Rebellen kommen und auch wenn ihre Häuser geplündert werden.

Ein Schuss reicht aus, um Angst zu verspüren und aufzuhorchen; mehrere Schüsse verbreiten Panik und man macht sich bereit für eine rasche Flucht.

Mit der Waffe in der Hand und unter Drogeneinfluss sind die Rebellen unberechenbar.

Wir müssen versuchen, dem schrecklichen Krieg ein Ende zu machen. Der Krieg, der schon 10 Jahre in Sierra Leone wütet, der die Menschen traumatisiert, zu Flüchtlingen gemacht hat im eigenen Land oder in den Nachbarländern wie Guinea und Liberia.

Auch wenn jetzt die Entwaffnung der Rebellen im Gange ist, so bedeutet es noch lange keinen Frieden.
Solange es so leicht ist, an Waffen zu kommen, solange wird es Gewalt geben. Nicht nur in Sierra Leone, auch in Angola, im Kongo, im Sudan, in Liberia.

Das Geschehen in Sierra Leone beschäftigt mich noch sehr. Noch kann ich nicht frei darüber sprechen, ohne dass meine Gefühle aufgewühlt werden.

Ich bin dankbar, dass das Thema "Stoppt den Waffenhandel" aufgegriffen wird. Ich hoffe, dass es nicht nur beim Thema bleibt, sondern es auch umgesetzt wird.

Katharina Böhm, AGEH-Fachkraft