Samstag, 6. Mai 2017

Thesen: Religionsunterricht – unverzichtbar für alle, die ihn (nicht) besuchen Den Blick und das Fach mutig weiten (Prof. Dr. Hans Mendl)

Thesen

1. Außenperspektive: Religionsunterricht – unverzichtbar für Schule und Gesellschaft

Der Religionsunterricht hat einen bildungstheoretischen Wert, der auch denen zugutekommt, die ihn nicht besuchen: Er schafft eine kulturgeschichtliche Basis, auf die in anderen Fächern zurückgegriffen werden kann, er trägt zur Lebensbewältigung, besonders auch in Krisensituationen, und zur Kultivierung von Schule bei, er sichert Menschlichkeit und befähigt zu Resilienz, Kritikfähigkeit, Verantwortungsübernahme und Zivilcourage und er zivilisiert im Kontext des öffentlichen Schulwesens die Religionen selber.

2. Innenperspektive: RU – unverzichtbar für die Kirche

- Der Religionsunterricht an Schulen erreicht quantitativ mehr Menschen als die sonntägliche Eucharistiefeier, noch dazu junge. Die Kirche wäre schlecht beraten, wenn sie auf diese Chance, junge Menschen religiös zu bilden und einen Kontakt zur Kirche zu ermöglichen, verzichten würde.

- Die gesellschaftliche Akzeptanz des Faches ergibt sich aus dem auch nach außen hin erkennbaren diakonischen Zuschnitt – der selbstlose Dienst der Kirche am Handlungsort Schule mit dem Ziel einer Förderung der Identitätsfindung junger Menschen heute und der Humanisierung des Schulwesens.

- Die Kritik am Religionsunterricht, er sei zu wenig binnenkirchlich angelegt, könnte sich langfristig als Chance für einen zukunftsfähigen Religionsunterricht erweisen.

- Der Religionsunterricht ist in seiner aktuellen Gestalt das Flaggschiff eines gesellschaftsoffenen Christentums.

3. Die Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts

- Dass die Bischöfe bewusst kein globales Modell vorgeben, sondern lediglich einen Rahmen aufzeigen und Empfehlungen formulieren, die auf regionaler Ebene umgesetzt werden müssen, eröffnet den Regionen, die einen dringenden   Handlungsbedarf sehen, die Möglichkeit zum Handeln, ohne sich ausbremsen lassen zu müssen von den Regionen, die mit dem Status quo – noch! – zurechtkommen.

- Nötig ist die Auskonturierung einer überzeugenden Didaktik des Ökumenischen.

- Konfessionalität wird in erster Linie auf der Achse zwischen dem Lehrer und dem Gegenstand festgemacht. Bezüglich der Teilnehmenden ist eine Weitung erkennbar: auch Schülerinnen und Schüler anderer Konfessionen und selbst Religionsfreie       können am Religionsunterricht teilnehmen.

4. Religionspädagogische Desiderate

- Ich wünsche mir einen Religionsunterricht, an dem die Kirchen beteiligt sind.

- Wir müssen deutlicher herausstellen, dass die Erschließung von Religion aus der konfessionellen Teilnehmerperspektive heraus nicht unanständig,  vereinnahmend und gefährlich ist – sondern vielmehr unverzichtbar, um Religion zu verstehen.

- Ich wünsche mir, dass auch die Religionsfreien (und das wird ab 2025 die Mehrzahl in unserem Lande sein) die Chance einer religiösen Bildung erhalten und dass sie vermehrt am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen.

- Ich wünsche mir die Ausweitung des islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen.

- Ich wünsche mir, dass die religiös und ethisch bildenden Fächer an Schulen stärker kooperieren.

- Ich wünsche mir, dass die Studienpläne der Lehrerbildungseinrichtungen deutlicher auf eine ökumenische Theologie und auf das Feld des interreligiösen Lernens hin ausgerichtet werden.

5. Den Blick und das Fach mutig weiten

Gastfreundschaft zählt zu den kulturellen Standards der jüdisch-christlichen Tradition: Insofern steht es uns gut an, den konfessionellen Religionsunterricht so zu konzipieren, dass ihn viele Fremdlinge besuchen, sich dort herzlich eingeladen fühlen und für sie spürbar wird, dass es zwischen den Nachbarzelten der evangelischen und katholischen Geschwister einen regen Austausch gibt.

 

Prof. Dr. Hans Mendl