Mittwoch, 26. April 2017

Unser Kreuz hat keine Haken

Statement zum Politischen Nachtgebet am 21.4.2017 in Köln von Dr. Stefan Vesper, Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

Politische Nachtgebete haben eine lange Tradition. Ich erinnere heute an Dorothee Sölle, Uwe Seidel und Diethard Zils und an viele Kirchen- und Katholikentage.

Ich danke allen, die zu diesem Gebet eingeladen und es organisiert haben.

Denn es ist gut, sich heute hier zu versammeln, um gemeinsam gegen Hass, Vorurteile und Intoleranz zu protestieren, die sich als Sorge tarnen.

Wir treffen uns hier als Christinnen und Christen. Gegen alle, die spalten und hetzen, sage ich: Mitmenschlichkeit und Solidarität, Respekt und Mitgefühl, ja Barmherzigkeit gehören zur DNA des Christentums!

Und gegen alle, die sagen, wir sollen uns als Christen, als Kirchen gefälligst aus der Politik heraushalten, denen sage ich: "Das könnte den Herren der Welt ja so passen!" Das könnte ihnen so passen, wenn der Glaube der Christen nicht Hand und Fuß bekäme und wenn sie ihren Staat und ihre Gesellschaft nicht mittragen und ihre Stimme erheben würden. Wir Christen sind nicht passive Zuschauer, die das Geschehen in der Politik mitverschränkten Armen von der Tribüne aus verfolgen, sondern wir Christen sind, vom Flüchtlingshelfer bis zum Bundestagsabgeordneten, aktive Mitspieler! Ihr könnt, Ihr müsst mit uns rechnen.

Im Zentralkomitee wollen wir heute in zwei Wochen in einem Berliner Aufruf angesichts der Gefährdungen für unsere Demokratie und unser friedliches Zusammenleben ein klares Bekenntnis geben:

- Zu einem Grundgesetz, in dem die unantastbare Würde eines jeden Menschen an der ersten Stelle steht (wir werden hiervon heute noch hören)
- Zu der besonderen historischen Verantwortung, die wir als Deutsche tragen, gerade auch für diejenigen, die bei uns Schutz vor Verfolgung suchen
- Zur parlamentarischen Demokratie – gewiss ist sie aufwändig und anstrengend, aber vor allem anderen ist sie für uns zu einer Lebensform der Freiheit geworden.

Dieses Bekenntnis für etwas ist gleichzeitig ein Bekenntnis gegen etwas: Gegen die Diffamierung und das verächtlich Machen von
- Menschen, die aufgrund ihres Glaubens oder ihrer Herkunft angegriffen werden
- Menschen in den Medien, die der Lüge bezichtigt werden
- Menschen, die aufgrund ihres politischen Engagements für das Gemeinwohls verhöhnt werden.

Und jede einzelne Hassmail, die ich – wegen heute Abend – schon bekommen habe, bestätigt mich darin: Wir müssen zusammenstehen und unsere demokratische Kultur, unsere Freiheit, und ganz einfach so etwas wie bürgerlichen und menschlichen Anstand miteinander schützen und verteidigen.

Populisten wollen immer neu gezielt provozieren. Die AfD hat das ja auch in einem Strategiepapier angekündigt. Die gezielte Provokation -einschließlich der anschließenden halbherzigen Zurücknahme - ist ein besonders perfides Mittel, um sich selbst immer wieder im öffentlichen Gespräch zu halten. Seien wir also vorsichtig und fallen wir nicht auf ihre Strategien herein.

Liebe Mitchristen und Mitstreiter, eines ist mir besonders wichtig: die Populisten konstruieren einen Gegensatz zwischen sich und allen anderen. Sie werfen den anderen Parteien vor, die Sorgen der Menschen nicht ernst zu nehmen.

Ich war vor kurzem einmal wieder als Zuschauer bei einer Ratssitzung in meiner Stadt, bei uns leben 20.000 Menschen. Was ich dort gesehen habe an aufrichtigem Ringen um gute Lösungen, an Bürgerbeteiligung, an Austarieren verschiedener Interessen, an verantwortlichem Abwägen auch mit Blick auf das Gemeinwohl, das nötigt mir allergrößten Respekt ab. Wer das Engagement der Bürgerinnen und Bürger - und zum Glück sind viele Christen darunter - in den Parlamenten im Bund, in den Ländern und in den Kommunen herabwürdigt, der handelt verantwortungslos. Oder er hat keine Ahnung von der politischen und gesellschaftlichen Realität in unserem Land. Wir sind gefordert, gegen Dummheit und Verantwortungslosigkeit aufzustehen!

Darum möchte ich heute einen zweifachen Appell an uns alle richten:

1. Wir müssen – alle, die heute hier sind - weiter aktiv bleiben. Bodo Hombach hat vor kurzem seine Hoffnung ausgedrückt, die große Mehrheit werde schon kapieren: "Jetzt können wir nicht mehr dösen." Vielleicht ist das etwas hart formuliert, denn wir haben nicht "gedöst". Aber wir spüren: Wir können und dürfen uns nicht darauf verlassen, dass schon nichts Schlimmes passieren wird. Wir wissen aus unserer Geschichte, dass demokratische Freiheiten missbraucht werden können, um die Demokratie selbst zu zerstören. Und wir wissen auch, dass Demokratie durch eine schweigende Mehrheit in Gefahr geraten kann.

Ich glaube, mancher von uns hat unsere Demokratie, unsern Staat, unser Recht, unsere Gesellschaft einfach als selbstverständlich angenommen, wie die Luft zum Atmen, die einfach automatisch immer da ist. Man schaute eher auf das, was nicht funktionierte, man beklagte, was zu verändern sei – ohne zunächst einmal sich des Wertes unseres Gemeinwesens zu versichern. Ohne es also innerlich anzunehmen als ein Gut, eine wichtige Ordnung, die es zu schützen gilt.

Es ist gut, dass uns neu klar wird, was wir zu verlieren haben.

Aufs Neue gilt also das kölsche Wort: "Arsch huh und Zäng ussenander!" Unsere Kultur und unsere Demokratie sind stark, wenn wir sie entschieden vertreten und entschlossen verteidigen. Heute Abend geben wir hierzu ein deutliches Zeichen.

2. Leider müssen wir feststellen, dass populistische Positionen auch einen Widerhall in unseren Kirchengemeinden finden.
Wir müssen auch in unseren Kirchen wachsam sein – und unter uns Kirchenmitgliedern das Bekenntnis zur Demokratie und zu einer kulturell und religiös pluralen Gesellschaft fördern bzw. verteidigen.

Darum gilt die Formel: Reden, reden, reden! Auch wenn es schwer fällt, müssen wir mit den Menschen reden, die den verantwortungslosen Agitatoren nachlaufen. Diejenigen mit einem geschlossenen rechtsradikalen Weltbild werden wir nicht erreichen. Aber die vielen anderen, die Mitläufer, die Zweifler, die Enttäuschten dürfen uns nicht gleichgültig sein.

Jeder und jede von uns kennt jemanden, der so richtig unzufrieden mit den Entwicklungen in Politik und Gesellschaft ist. Wir alle laufen ihnen über den Weg, auf dem Wochenmarkt, in der Straßenbahn, vor der Kirchentür. Und genau dann können wir unseren Beitrag leisten, können wir zeigen, dass nicht alle und auch nicht die Mehrheit so denkt. Die häufig schweigende Mehrheit muss reden.

Zum Schluss will ich – hier in dieser Kirche – noch eine Hoffnung äußern, gerade weil wir als Christen einen Horizont haben, der über das eigene Land hinausgeht. Am Sonntag findet in unserem Nachbarland Frankreich der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahl statt. Die Kandidatin der extremen Rechten ist die politische Freundin derer, denen unser Protest hier gilt. Sie hatte noch nie so gute Aussichten, gewählt zu werden, wie in diesem Jahr. Ich hoffe und bete um einen friedlichen Verlauf der Präsidentschaftswahlen, und um den Geist der Versöhnung für unser politisch und gesellschaftlich tief gespaltenes Nachbarland, damit spätestens im zweiten Wahlgang verhindert werden kann, dass eine rechtsradikale Politikerin Staatspräsidentin wird und unser Europa, das so stark von Christen geprägt wurde und wird, an den Abgrund bringt.

Lasst uns im Vertrauen auf Gott, mit pfingstlichem Geist, mitten in der Welt Christi Zeugen sein.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.