Samstag, 25. November 2017

Versöhnung als Auftrag – am Beispiel des Maximilian-Kolbe-Werkes (Dr. Ursula Fox)

Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 24./25. November 2017

Meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass ich zu ihnen über das Maximilian-Kolbe-Werk (MKW) sprechen darf. Dieses Versöhnungswerk, das ehemalige KZ- und Ghetto-Häftlinge in Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas unterstützt, ist mir ein Herzensanliegen. Die Mitarbeit in diesem Werk erwies sich als sinnvolle Aufgabe für meinen nun schon 20 Jahre lang andauernden Ruhestand, wobei es von Nutzen ist, dass Polnisch meine zweite Muttersprache geworden ist, denn ich bin Aussiedlerin aus dem Ermland im polnischen Ostpreußen.

Ich habe mich für die ehrenamtliche Mitarbeit beworben, weil mich das Leitbild des Maximilian-Kolbe-Werkes angesprochen hat. Es heißt da:

-          Das MKW will zur Verständigung und Versöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk und mit anderen Ländern Mittel- und Osteuropas beitragen.

-          Im Mittelpunkt der Arbeit stehen der einzelne Mensch, seine persönliche Geschichte und seine leidvollen Erfahrungen zur Zeit des Nationalsozialismus.

-          Der Kontakt von Mensch zu Mensch ist eigentliches Kernstück der Arbeit.

Diesem Leitbild folgt das MKW nun schon seit über 40 Jahren. Wie ist es dazu gekommen?

Im Jahre 1964 ist eine Delegation der Deutschen Sektion von pax christi mit Alfons Erb im Rahmen einer Sühnewallfahrt im KZ Auschwitz gewesen. Sie haben dort ehemalige Häftlinge kennen gelernt und von deren schwierigen Lebensbedingungen erfahren. Spontan wurde eine Unterstützungsaktion beschlossen.

9 Jahre später, am 19. Oktober 1973, wurde in Freiburg durch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und einer Reihe katholischer Verbände das Maximilian-Kolbe-Werk gegründet. Vertreter dieser Verbände bilden die Mitgliederversammlung des MKW e.V. Es gibt eine Geschäftsstelle in Freiburg und 70-80 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ganz Deutschland. In Polen sind ca. 50 ehemalige Häftlinge als ehrenamtliche Vertrauensleute in den einzelnen Regionen tätig. Finanziert wird die Arbeit des MKW hauptsächlich durch private Spenden.

Über den Namensgeber unseres Werkes, den 1982 heiliggesprochenen polnischen Pater Maximilian Kolbe, brauche ich in diesem katholischen Gremium sicher nichts zu sagen.

Nahezu 20 Jahre waren die Aktivitäten des Werkes auf Polen beschränkt. Es werden finanzielle Beihilfen geleistet, seit 1978 Gruppen ehemaliger Häftlinge nach Deutschland zu Erholungs- und Begegnungsaufenthalten eingeladen, seit dem Jahr 2000 Zeitzeugenprojekte organisiert und seit 2010 Bildungsprojekte in Auschwitz durchgeführt. Anfang der 90-er Jahre, nach dem Zusammenbruch der SU, kann das MKW sein Engagement auf andere osteuropäische Länder ausweiten.

Soweit zur Geschichte des Werkes. Ich möchte ihnen jetzt etwas aus der Praxis erzählen, wie ich sie als Ehrenamtliche erlebe, die an fast allen Projektarten mitgewirkt hat, zunächst in Polen oder mit polnischen Gruppen in Deutschland und später im Baltikum, in Weißrussland und in der Ukraine.

Die Maßnahmen des Maximilian-Kolbe-Werkes lassen sich in drei Bereiche gliedern:

 

Helfen  –  Begegnen  –  Erinnern

 

Viele KZ- und Ghetto-Überlebende leiden unter haftbedingten Krankheiten und traumatischen Erinnerungen, die im Alter an Intensität oft noch zunehmen. Manche leben in bedrückender Armut. Deshalb ist Helfen die ureigenste Aufgabe des MKW. Dazu gehören in Polen finanzielle Beihilfen, Kuren und Erholungsaufenthalte, häusliche Pflege und Bereitstellung medizinischer Hilfsmittel und auch das medizinische Zentrum in Łódź als Therapie- und Begegnungsort. In den anderen Ländern Mittel- und Osteuropas zählen dazu die Hilfs- und Begegnungsprojekte, wobei Überlebende zu Begegnungstreffen mit Mitarbeitern eingeladen werden und dabei eine finanzielle Unterstützung erhalten. Darüber hinaus werden wohnortnahe Kuren angeboten, wo die Gäste ärztliche Betreuung und Anwendungen in Anspruch nehmen können und von Ehrenamtlichen begleitet werden, die für die Freizeitgestaltung sorgen und zu Begegnungen und Gesprächen einladen. Ich habe dabei schon zahlreiche Lebensberichte in Interviews aufgenommen und dokumentiert.

Dienst an der Versöhnung ermöglicht in besonderer Weise der Aufgabenbereich Begegnen Begegnungen von Mensch zu Mensch über Grenzen und Generationen hinweg. Hier sind einzuordnen Hausbesuche vor Ort bei Kranken und Bettlägerigen, vor allem aber gehören dazu die Erholungs- und Begegnungsaufenthalte in Deutschland. Gruppen von Überlebenden werden eingeladen und von Ehrenamtlichen begleitet und umsorgt. Die Begegnung mit dem heutigen Deutschland, mit der deutschen Sprache, manchmal auch mit den Stätten des Leidens sind bewegende Erlebnisse für die Gäste und auch für uns. Dazu möchte ich eine Überlebende – Barbara, Häftling in Auschwitz, Ravensbrück und Buchenwald – zitieren: "Die materielle Hilfe ist in unserer Lage auch sehr wichtig, doch die Arbeit des Maximilian-Kolbe-Werkes geht weit darüber hinaus. Begegnungen mit deutschen Menschen guten Willens, Gespräche, gemeinsame Ausflüge und Feste, ein Lächeln, ein einfaches und freundschaftliches Lächeln. Das ist Heilung für verletzte Herzen und Seelen."

Und schließlich Erinnerung. Bei Zeitzeugenprojekten in Schulen oder andernorts stellen wir fest, dass viele Überlebende sich geradezu verpflichtet fühlen, Zeugnis abzulegen. Władysław Bartoszewski, Auschwitz-Häftling, hat in einem Beitrag geschrieben: "Die verzweifelte Bitte gequälter und sterbender Menschen 'Du musst Zeugnis ablegen' habe ich nach meiner glücklichen Entlassung aus dem KZ als persönlichen Auftrag verstanden." Diesem Auftrag kommen die Zeitzeugen nach, wenn sie junge Menschen auffordern, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass niemand mehr solch schreckliche Erfahrungen machen muss. Dem Maximilian-Kolbe-Werk ist es ein Anliegen, dass die Geschichten der ehemaligen Häftlinge nicht verloren gehen, auch wenn sie nicht mehr leben. Deshalb werden unter Mitarbeit von Zeitzeugen in Auschwitz Bildungsprojekte für junge Journalisten aus verschiedenen Ländern und für Lehrer angeboten, damit sie als Multiplikatoren der Erinnerungsarbeit oder Zeugen der Zeitzeugen wirken können. Zeugen der Zeitzeugen sind auch die vielen Ehrenamtlichen, die Berichte über ihre Arbeit schreiben und vor allem Lebensberichte und Zeugnisse Überlebender sammeln, die im Archiv unserer Geschäftsstelle lagern – eine Fundgrube für zukünftige Forscher.

Das sind unsere Aufgabenbereiche Helfen, Begegnen und Erinnern. Sie werden vielleicht  fragen, welche Wirkungen, welche Ergebnisse unser Bemühen erzielt. Versöhnung als Auftrag heißt es in der Überschrift. Die können wir aber nicht erledigen wie einen beliebigen Auftrag. Wir sprechen lieber von Versöhnungsarbeit, denn wir als Deutsche können die Überlebenden der NS-Verbrechen nur um Versöhnung bitten, sie niemals selbst anbieten oder gar erwirken wollen. Versöhnung ist immer ein Geschenk, wenn sie gelingt.

Und wir machen die Erfahrung, dass sie vielfach gelingt. Unsere Gäste teilen uns manchmal in Briefen ihre Eindrücke mit. Und so möchte ich Betroffene selbst sprechen lassen.

Stefan aus Zoppot, Häftling in Sachsenhausen und Bergen-Belsen, schreibt nach einem Zeitzeugenaufenthalt in Paderborn: "Während des Krieges und besonders während des Aufenthaltes in den Lagern kam es mir nie in den Sinn, dass es irgendwann einmal zu solchen Begegnungen kommen könnte. Damals war jeder von uns erfüllt von Rache- und Vergeltungsgelüsten. Glücklicherweise stellte es sich heraus, dass die Zeit Wunden heilt, dass wir in Eintracht leben können wie gute Nachbarn, obwohl es unmöglich ist, die durchgemachte Hölle zu vergessen." Und Norbert aus Posen bedankt sich nach einem Aufenthalt in Paderborn für die liebenswürdige Gastfreundschaft und freundschaftliche Atmosphäre und schreibt: "Einige von uns assoziieren bei dem Wort Deutschland Gewalt, Erniedrigung, Verletzung der Menschenwürde, denn jene Zeit hat sich tief in unsere Psyche eingegraben. Heute dagegen betrachten wir die Dinge anders und es ist gut, dass die gegenseitigen Begegnungen zu einem gemeinsamen Weg der Versöhnung, Verzeihung und Festigung der Freundschaft hinführen." Eine etwas andere Betrachtungsweise hören wir in einem Gespräch mit einer Holocaust-Überlebenden bei einem Zeitzeugenprojekt. Sie sagt: "Versöhnung ist ein Begriff, mit dem ich nicht viel anfangen kann, wenn ich mit Deutschen an einem Tisch sitze. Zunächst muss ich feststellen, dass wir Hitler bereits besiegt haben, wenn wir heute hier zusammen sind. Mit den Jugendlichen muss ich mich nicht versöhnen, weil sie an den schrecklichen Verbrechen nicht beteiligt waren. Und die Erwachsenen? Wenn sie mir und anderen kein Leid zugefügt haben, muss ich mich mit ihnen auch nicht versöhnen. Es bleiben also die Täter, die direkt an den Verbrechen beteiligt waren, übrig. Ob ich mich mit denen, die in meinem Beisein meine Eltern erschossen haben, versöhnen könnte? Ich glaube eher nicht."

Ja, mit wem geschieht sie denn, die Versöhnung, wenn wir von ihrem Gelingen sprechen? Ich denke mit uns heutigen Deutschen, die an den Verbrechen nicht beteiligt waren, aber doch Vertreter des Tätervolkes sind, auf die sich die von Stefan erwähnten Rache- und Vergeltungsgelüste sicher auch zunächst bezogen haben, die aber durch die Begegnung von Mensch zu Mensch in den Hintergrund getreten sind.

Deshalb sind mir solche Begegnungen außerordentlich wichtig. Wir Ehrenamtlichen setzen uns ein, schenken unsere Zeit, unsere Zuwendung, unsere Wertschätzung den ehemaligen Häftlingen gegenüber, sind mit ganzem Herzen dabei. Wir erhalten aber noch viel mehr zurück. Ich erlebe Dankbarkeit, Vertrauen wird mir geschenkt, Herzlichkeit entgegengebracht, sogar Freundschaft, eben Versöhnung, und ich fühle mich bestätigt in meiner Arbeit, empfinde sie als sinnvoll und fruchtbringend. Das hilft mir, meine über lange Zeit empfundene Scham, zum Volk der Täter zu gehören, zu überwinden.

Wie sieht nun die Öffentlichkeit das Maximilian-Kolbe-Werk? Ich erlaube mir die Feststellung, dass das MKW sowohl in Deutschland wie in Polen hohe Anerkennung gefunden hat. Das Werk hat eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, von denen ich nur einige nennen möchte. Für sein Engagement im Bereich Verständigung und Versöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk ist das MKW 2004 mit dem "Marion Dönhoff Förderpreis für internationale Verständigung und Versöhnung" ausgezeichnet worden. 2014 folgten mehrere Preise für einzelne Projekte, so z.B. der Aggiornamento-Preis der Deutschen Katholikentage für das Projekt "Demokratieerziehung an sächsischen Schulen durch Zeitzeugengespräche mit Überlebenden des NS-Regimes". Darüber hinaus haben im Laufe der Jahre mehrere deutsche aber auch polnische Ehrenamtliche das Bundesverdienstkreuz erhalten. Durch einige Bundesländer sind Ehrungen erfolgt und auch kirchliche Orden verliehen worden. Auch in Polen sind Auszeichnungen vergeben worden. Bereits 1994 erhielt die damalige Geschäftsführerin Elisabeth Erb, Nachfolgerin ihres Vaters Alfons Erb, die hohe Auszeichnung "Kommandeurkreuz des Verdienstordens der Republik Polen" und einige Ehrenamtliche das "Kavalierskreuz des Verdienstordens". Im Jahre 2000 wurde dem Maximilian-Kolbe-Werk der von der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen gestiftete "Deutsch-Polnischen Preis für besondere Verdienste um die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen" verliehen, den der damalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski in seiner Ansprache als "Preis für die Heilung der Seelen" bezeichnete. Anlässlich des 40. Jahrestages der MKW-Gründung stellte der deutsche Botschafter in Polen von Fritsch fest: "Das Maximilian-Kolbe-Werk war für die Versöhnung zwischen Polen und Deutschland der Vorreiter, sowohl im politischen als auch im kirchlichen Kontext." Wir können also mit Fug und Recht sagen, wir leisten einen Beitrag zur Versöhnung zwischen den Völkern, der auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen und gewürdigt wurde.

Nun werden manche von ihnen vielleicht fragen – gibt es denn heute überhaupt noch Überlebende, das ist doch schon so lange her? Ja, die gibt es noch – geschätzt 15000 – obwohl wir immer häufiger von Krankheit und Sterben hören. Wir sind uns im MKW bewusst, dass das Werk in wenigen Jahren seine humanitäre Aufgabe erfüllt haben wird. Nun soll es aber nicht sang- und klanglos die Pforten schließen und in Vergessenheit geraten. Vor allem ist es uns ein Anliegen, dass die ehemaligen Häftlinge und ihre Geschichten nicht in Vergessenheit geraten. Vor 10 Jahren ist die Maximilian-Kolbe-Stiftung gegründet worden, die die Traditionen des Werkes weiterführt. Beide Einrichtungen – Werk und Stiftung – haben in einer Arbeitsgruppe Gespräche aufgenommen mit dem Ziel, die Zukunftsperspektiven zu erörtern und Vorschläge für einen gemeinsamen Weg zu erarbeiten. Ich darf in dieser Gruppe mitarbeiten und bin optimistisch, dass wir zu einem guten Ergebnis kommen werden.

Zum Schluss soll noch einmal eine Überlebende zu Wort kommen. Ich habe von polnischen ehemaligen Häftlingen eine Reihe von Gedichten erhalten und sie ins Deutsche übersetzt. Eins davon, geschrieben von Janina, die an einem Erholungsaufenthalt in Paderborn teilgenommen hat, Häftling in Auschwitz und Bergen Belsen war, bewegt mich ganz besonders und damit möchte ich meinen Beitrag schließen. Es heißt:

 

Ein Rätsel

Ein Rätsel – großartig und unerhört.

Ich erwache – und kann es nicht glauben –

In einem weiß gestrichenen Zimmer.

Und gestern begrüßten mich Deutsche.

Sie hatten mir doch die Jugend gestohlen,

meinen Vater getötet, meine Gesundheit geraubt.

Und nun auf dem Bahnhof Begrüßung,

Empfang mit Brot, ihr Bett stellten sie mir zur Verfügung?

Das ist das Rätsel der Liebe Gottes:

 Ein Akt der Reue und des Verzeihens

Wandelt Herzen aus Stein.

Heut‘ sind wir betend eine Gemeinschaft.

 

 

 

Dr. Ursula Fox Ehrenamtliche, Mitglied der Mitgliederversammlung des Maximilian-Kolbe-Werkes und der Mitgliederversammlung der Maximilian-Kolbe-Stiftung