Freitag, 3. Mai 2002

Voraussetzungen für den Dialog mit Muslimen in Europa

Vollversammlung am 3. Mai 2002 in Bonn-Bad Godesberg
Die Präsenz der Muslime in Europa ist in den letzten Jahrzehnten sowohl zu einem religiösen als auch zu einem politischen Faktor geworden. Dieser Entwicklung stehen die Europäer etwas ratlos gegenüber. Im Christentum kennen sie sich in etwa aus. Beim Islam ist das nicht der Fall. Es gibt keine höhere autorisierte islamische Einrichtung, die die Muslime vertritt und die über den Islam informieren könnte.

In den islamischen Ländern ist der Islam zuerst Orthopraxie und wurde hier über Jahrhunderte eingeübt. In Europa leben die Muslime allerdings in einer Diaspora, in der sie ihre religiöse, kulturelle, rechtliche und soziale Tradition nicht in dem Maße leben können, wie ihnen dies in traditionell islamischen Ländern möglich war und bis heute möglich ist. Muslimische Wissenschaftler haben sich diese Situation der Vergangenheit nicht vorstellen können. Sie hatten ein klares Weltbild : Das «Haus des Islam», das von den Muslimen gelebt wird, hat sich vom «Haus des Krieges» abzugrenzen.

Heute leben auf dem Gebiet des «Rates der (34) europäischen Bischofskonferenzen» (CCEE) 80-100 Mio. Muslime. Zu diesem Gebiet gehört allerdings auch die Türkei und Russland. In diesem für sie fremden Kulturraum sind die Muslime auf der Suche nach einer eigenen Position. Auf der anderen Seite steht die europäische Gesellschaft vor der Herausforderung, sie zu integrieren.

In meinen Ausführungen werde ich mich auf die Situation in den 15 Ländern der EU beschränken.

1. Die rechtliche Stellung der Muslime in den EU-Ländern

1.1. Bisher haben nur drei Staaten, Belgien, Österreich und Spanien den Muslimen einen den Kirchen und der jüdischen Gemeinde vergleichbaren Rechtsstatus gewährt und bekommen eine vergleichbare Behandlung von staatlicher Seite. Zu einer befriedigenden Zusammenarbeit kam es bisher allerdings noch nicht.
1.2. In den anderen Staaten der EU organisieren sich die islamischen Verbände und Organisationen privatrechtlich. Sie sind aber bestrebt, den gleichen Rechtsstatus wie die Kirchen zu bekommen.

2. Der islamische Pluralismus in Europa

Die islamische Tradition und die muslimische Gesellschaft kannte immer einen kulturellen, rechtlichen und theologischen Pluralismus. Er wurde allerdings durch das Symbol der Einheit (Kalifat) oder durch die Tatsache, dass der Islam Staatsreligion ist, verdeckt. In der Diaspora wird er sichtbar und seit dem 11. Sept. 2001 auch von den Muslimen akzeptiert (Tarik Ramadan : Le Nouvel Observateur, 4. Okt. 2001), damit die eigene Interpretation des Islam im Integrationsprozess klarer hervortritt.

In der EU tritt der Islam heute in folgenden Formen auf :

2.1. Der traditionelle Islam
Er kam mit der ersten Generation der Migranten. Sie sind bestrebt, den Islam so zu leben, wie sie ihn in der Heimat gelernt haben. Dieser gelebte Islam beschränkt sich meistens auf den familiären Bereich. Zur Förderung ihrer Religion eröffneten die Männer die ersten Gebetsräume, um gemeinsam das Gebet zu verrichten und um sich gegenseitig zu helfen.

2.2. Der reformierte Islam
Seit dem letzten Jahrhundert versuchen muslimische Gelehrte, Erklärungen dafür zu finden, warum der kulturelle und wissenschaftliche Abstand zu Europa so groß geworden ist, obwohl es doch im Koran heißt : «Ihr (Gläubigen) seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist.» (3,111). Sie interpretieren die Quellen (Koran und Sunna) mit den wissenschaftlichen Methoden ihrer Vorgänger und kommen zu gleichen Ergebnissen. Neu ist allerdings, das sie die Rationalität des Islam betonen. So kommen sie dann doch zu einer gewissen zeitlichen Anpassung islamischer Traditionen, um dem geschichtlichen und sozialen Wandel gerecht zu werden. In den meisten Moscheen in der EU wird dieser reformierte Islam als der (eigentliche) Islam gelehrt.
Die «Islamische Charta» des Zentralrates der Muslime in Deutschland ist der Versuch, diese reformierte islamische Interpretation in die Diasporasituation zu übertragen.

2.3. Die säkularisierten Muslime
Man kann auf unterschiedlicher Weise «Muslim» sein. Seit Kemal Atatürk gehören sie zur muslimischen Gesellschaft. Sie trennen zwischen Religion und Politik, d.h. die Religion kann nicht die Politik bestimmen. Vertreter dieser Form des Islam finden wir vor allen unter den Intelektuellen.

2.4. Die Islamisten
Sie sind eine Fortentwicklung des «Reformierten Islam», in dem sie die islamische Tradition mehr zu einer politischen Ideologie umfunktioniert haben. Ihr Ziel ist es, eine islamische Gesellschaft, die sich von anderen Gesellschaften unterscheidet, zu schaffen. Ihre Redeweise ist: Der Islam sagt! Die shari'a schreibt vor!

2.5. Der militante Islamismus
Er ist die Weiterentwicklung des Islamismus. Ihre Vertreter sind der Meinung, dass sie die politische Macht übernehmen müssen, um der Gesellschaft das islamische Modell aufzuzwingen. Wenn man es politisch nicht erreicht, kann man auch Gewalt einsetzen. Die Vertreter dieser Interpretation sind der Meinung, der «djihâd» ist integraler Bestandteil des Islam. Von Europa aus agieren sie zuerst gegen islamische Länder. Der Occident wird allerdings als Zielscheibe nicht ausgeschlossen.

2.6. Der spirituelle oder europäische Islam
Junge Muslime, in Europa geboren und erzogen, sind auf der Suche nach einem Islam, der in der Diaspora gelebt werden kann. Sie sind nicht mehr am Islam ihrer Eltern interessiert. Er ist zu weit von der europäischen Realität entfernt. Sie suchen nach einer islamischen/koranischen Spiritualität, die ihnen hilft, ihrem Leben einen Sinn zu geben.
Diese Form, den Islam zu leben, ist noch sehr verschwommen, doch ist er sichtbar.

2.7. Der staatliche Islam
Staaten (Marokko, Tunesien, Türkei) wollen ihre Vorstellungen des Islam über ihre Religions- und/oder Kulturbeauftragte durchsetzen. Das erleichtert die Arbeit der Beamten in Europa, da sie einen Ansprechpartner haben. Es fördert aber die Islamisten, da sie überzeugt sind, dass es z. Z. keinen islamischen Staat oder islamische Regierung gäbe.
Bei den Türken fördert die staatliche Islampolitik des Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten die Schaffung von Opposition. Dafür stehen in Europa z.B. die «Islamische Gemeinschaft Milli Görüs» und der «Verband Islamischer Kulturzentren».


3. Die Herausforderungen für die Muslime in den westeuropäischen Ländern kann man beispielhaft an drei Bereichen festmachen

3.1. Die Familie
Die Familie ist die soziale Gruppe, in der der einzelne Muslim lebt und sich bewegt. Das ist bedingt durch das koranische Familienrecht, das eine patriarchalische Struktur festschreibt. Hier wird zuerst der Islam eingeübt und sie sichert die Mitglieder materiell ab. Das Rollenverständnis wurde über Jahrhunderte eingeübt.
In der europäischen Diaspora kommt es zum Konflikt zwischen den Generationen. Die Eltern halten die islamische Tradition für richtig. Die Kinder die Lebensweise der europäischen Umgebung. In manchen islamischen Organisationen wird deshalb diskutiert, ob es nicht besser sei, das islamische Eherecht in der toleranten europäischen Gesellschaft anzuwenden.

3.2. Die Erziehung
Die islamische Gesellschaft macht den einzelnen zum Muslim. Das geschieht heute noch in den meisten Gesellschaften. In der Schule und in der Moschee lernte man zuerst die islamischen Wissenschaften (Koran, Exegese, Geschichte, das Leben Muhammads und das Recht). Man lernte das Wissen auswendig, man lernte nicht, sich kritisch damit auseinander zu setzen.
In der Diaspora stehen sie vor der doppelten Herausforderung: Wie gebe ich den Islam weiter und wie gehe ich mit den Erziehungsvorstellungen der Gesellschaft um.
Für die religiöse Erziehung läuft das klassische Modell der Sozialisation nicht mehr. Die Familie ist dafür zu schwach. In der Moschee versucht man über den «Korankurs» korrigierend einzugreifen. Der Imam soll den Islam vermitteln, dass geschieht dadurch, dass man den Koran auswendig lernt. Er muss sich zugleich mit den Fächern der Schule auseinander setzen, wenn z. B. die Kinder ihm von Sexualkunde, Evolutionstheorie und gemeinsame sportliche Erziehung erzählen.

3.3. Gesellschaftspolitische Herausforderung
Muslime diskutieren wie sie ihre soziale und rechtliche Tradition und ihre politische Kultur in Europa weiterleben können. Das kann banal klingen, wenn z. B. in einer islamischen Zeitschrift in Frankreich, darüber diskutiert wird, ob man ein Abonnement für eine Zeitschrift abschließen kann? Schließlich ist Gott der Schöpfer und weiß ich, ob die Herausgeber noch die Dezembernummer fertigstellen können? Aktuell und politisch brisant ist die Diskussion um das Kopftuch. Ist es eine religiöse Pflicht oder eine Politik, um islamische Lebensformen durchzusetzen? Die Muslime selbst sind sich in der Frage des Kopftuches nicht einig. Noch schwieriger wird es, wenn ethische Fragen wie z.B. Organverpflanzungen beantwortet werden müssen.
Die Muslime wissen, dass sie politisch aktiv werden müssen, wenn sie im demokratischen System ihre Interessen vertreten wollen. Die Frage ist nur, geht das, wenn sie in existierende politische Parteien eintreten oder müssen sie eine islamische Partei gründen. Die politische Diskussion fördert die Bereitschaft, die Nationalität des neuen Landes zu übernehmen, denn sie haben erkannt, das sie als Wähler eine gesuchte Gruppe sind.

Pater Dr. Hans Vöcking, COMECE Brüssel