Samstag, 16. November 2013

Werkstattgespräch "LEIB – RAUM – KIRCHE. Über profane und sakrale Räumlichkeit" vom 14. bis 16. November 2013 in der Abtei Maria Laach

Eröffnungsansprache Robert Zollitsch

Sehr geehrte Damen und Herren,

verehrter Vater Abt,

liebe Mitbrüder im bischöflichen Amt!

 

Es ist mir eine Freude, Sie zu unserem Werkstattgespräch über profane und sakrale Räumlichkeit begrüßen zu dürfen. Um dem experimentellen, praxisnahen Charakter der „Werkstatt“ gerecht zu werden, schlüpfen wir diesmal in die Rolle von Teilnehmern an Kirchenführungen: Wir lassen uns mehrfach durch die Basilika dieses Klosters führen. Aber es wird ganz anders sein als alle Kirchenführungen, die Sie bisher erlebt haben. Eine Flut historischer Jahreszahlen wird nicht auf uns herabstürzen, wohl aber manch unvermuteter Geistesblitz. Unsere Kirchenführer werden eine Schriftstellerin sein, ein Spieleautor, eine Architektin und ein Persönlichkeitsbildner. Sie werden den Kirchenraum je auf ihre eigene Weise „lesen“. Viermal derselbe Kirchenraum, vier individuelle Deutungen – ich bin sicher, dass das unser Gespräch sehr befruchten wird.

 

Auf dem Einladungsflyer, der Ihnen zugegangen ist und auch der Tagungsmappe beiliegt, ist eine Collage zu sehen, die die Thematik unseres Werkstattgespräches einfängt: Da hängt in einem Bilderrahmen das berühmte Heinrich-Zille-Zitat an der Wand: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung genauso erschlagen wie mit einer Axt.“ Und da steht die Reiseschreibmaschine des Philosophen Martin Heidegger; darin eingespannt ein Blatt Papier mit der Formel „Wohnraum ist gleich Schonraum“. Je mobiler, globaler der Mensch wird, desto mehr sucht er den besonderen Raum und desto mehr sehnt er sich nach dem Schonraum. Im Urlaub sucht er am „Kraftort“ – den er mittels GPS-Navigation angesteuert hat – ganzheitliche Wellness und trotzdem sagt er noch immer: „My home is my castle.“ Mitten in der Vernetzung der Orte in einer globalisierten Welt mit stetig wachsendem Transportwesen versucht der Mensch, mittels „Feng shui“ und anderer metaphysisch orientierter Raumgestaltungs-Konzepte, sich ein Stückchen Paradies auf Erden zu schaffen. Er macht das eigene Heim zur Bühne der Selbstprojektion – und merkt allzu oft, dass dieses schöne Bühnenbild nicht hält, was es verspricht. Hinter den Kulissen lauert so manches Mal die Dunkelheit des Schnürbodens. Und das gilt nicht nur im Privaten, sondern es gilt auch für Hotellobbies, Kaufhäuser oder Oval-Offices in Bankenzentralen mit ihrer Erhabenheits- und Überwältigungsästhetik. Aber schauen wir, was auf unserer Collage noch zu sehen ist: Das Display eines Smartphones mit der Webpräsenz eines Online-Friedhofs, der damit wirbt „… jederzeit, von überall sofort zugänglich“ zu sein. In der Tat: Die Räume, in denen wir uns aufhalten, virtualisieren sich zunehmend. Viele Menschen verbringen in den simulierten 3D‑Welten von Computerspielen genauso viel – oder mehr – Zeit wie im richtigen Leben. Was macht das mit uns? Finden wir uns in diesen Räumen oder verlieren wir uns darin?

 

Und dann zeigt die Collage noch drei Dinge, die ganz konkret mit dem Kirchenraum zu tun haben: den Brief des jüdischen Schriftstellers Joseph Roth, in dem er tief beglückt vom Besuch des Halberstadter Doms berichtet; ebenso den unverhofft begeisterten Eintrag eines zwölfjährigen Jungen im Gästebuch der Bruder-Klaus-Kapelle von Peter Zumthor und das Ortseingangsschild mit Gottesdienstzeiten, die jemand mit Edding durchgestrichen und darunter geschrieben hat: „Gott ist schon weg!“ – Es gibt sie damals wie heute, jene Menschen, die im Kirchenraum – oft für sie selbst überraschend – eine bereichernde Erfahrung machen. Aber „Gott wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind!“, so hat der Apostel Paulus beim Anblick der antiken Kult-Stätten gerufen. Ist die Sakralität architektonisch aufwändiger Kirchen etwa nur eine ästhetische Behauptung? Wie lässt sich diese Behauptung inhaltlich bewahrheiten? Und was tun, wenn Kirchen zunehmend leer stehen? Viele sagen heute: Wenn ich schon mal eine Kirche betrete, dann muss es bitte schön auch eine besonders „mystische“ sein. Die formal asketischen „Betonkirchen“ der 1950er bis 1990er Jahre – spöttisch auch „Sprungschanzen Gottes“ genannt – werden vulgo nicht dazu gezählt. Trauungen werden fast nur noch in Kirchen aus der Zeit vor 1900 gefeiert. Auch diesem Thema wollen wir uns stellen.

 

Meine Damen und Herren, es ist eine Collage unterschiedlicher Themen, die ich Ihnen vorgetragen habe. Ziel unseres Werkstattgespräches ist es, diesen Zeitphänomenen im Zusammenhang mit Raum und Religiosität nachzuspüren. Und wir wollen sie so miteinander in Beziehung setzen, dass sich ein Erkenntnisgewinn ergibt. Denn wer wie Sie, liebe Werkstatt-Teilnehmerinnen und -teilnehmer, täglich für Räume Verantwortung trägt – im kirchlichen wie im weltlichen Bereich –, für den ist es unabdingbar, sich damit zu beschäftigen, wie Räume wirken und wie Menschen sich Räume aneignen und sie gestalten. Haben doch Räume, Architekturen, Behausungen heute eine lebensgestalterische Bedeutung wie selten zuvor. Aber diese Feststellung allein genügt nicht. Sie will diskursiv durchdrungen werden. Und das kann angesichts ihrer hohen Komplexität nur transdisziplinär gelingen. Ich bin mir sicher, dass alle Seiten viel voneinander lernen, wenn es darum geht, Räume ansprechend zu erschließen, sie mit echter Bedeutung, wirklichem Sinn und realem Leben zu erfüllen – jenseits reiner Behauptung. Jeder und jede bringt da die eigenen wertvollen Erfahrungen mit, die ausgetauscht werden wollen.

 

Wertes Auditorium, „Leib – Raum – Kirche“, so haben wir diese Veranstaltung betitelt. Als leibgeistiges Wesen hat der Mensch den Urtrieb, vorgefundene Räume metaphysisch, symbolisch, bedeutungsüberschüssig aufzuladen; dem Raum Seele zu geben und der Seele Raum zu geben. Zweifellos können bestimmte Erfahrungen des materiellen Raumes – wie z. B. die Faszination des gänzlich Anderen, das Erlebnis von Geborgenheit, Sicherheit, Beeindruckung – zu einer metaphysischen Anmutung führen oder sogar den Weg zu echter Religiosität bahnen. Um in der Fülle der Fragestellungen nicht heillos unterzugehen, haben wir das Werkstattgespräch in vier große thematische Blöcke strukturiert, die ich in der Reihenfolge des Tagungsverlaufs nenne:

  1. Räume schaffen“ – Räume können Menschen beflügeln, bergen, unterstützen. Sie können sie aber auch seelisch wie körperlich krank, größenwahnsinnig, unsicher, engstirnig oder unsozial machen – wenn sie dem Humanum nicht entsprechen. Wie sieht ein humaner Raum aus? Was tun mit Bauerbe aus inhumaner Zeit? Wie den vielen unterschiedlichen Sehnsüchten, Geschmäckern und Lebenssituationen der Menschen räumlich gerecht werden?
  2. Räume (er)leben“ – Unsere Gegenwart lässt uns Räume vielfältiger leben und erleben als jemals zuvor: der Pluralismus an räumlichen Stilen und Settings ist schier endlos; die Möglichkeit, sich räumlich selbst zu verwirklichen, ist größer denn je. Was machen die Räume mit uns und was machen wir mit den Räumen? Wie verändert, ja manipuliert der Raum den Menschen? Welche Auswirkungen hat das – individuell und kollektiv?
  3. Räume beseelen“ – Der große Religionsphilosoph Romano Guardini hat darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, dass die Menschen nicht einfach nur ihre Räume nutzen, sondern dass sie sie „durchwohnen“, ihnen „Seele“ geben. Nach Guardini gilt das in besonderem Maß für den liturgischen Raum. Welche Wohnformen entsprechen einem Raum, welche konterkarieren ihn? Wie geschieht das im weltlichen Raum, wie im liturgischen? Wo sind Querverbindungen?
  4. Räume erschließen“ – „Zeige mir, wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist.“ Indem wir Menschen unsere eigenen Räume zeigen, sie hindurchführen, ihnen das Fremdheitsgefühl nehmen, teilen wir ihnen mit, was uns ausmacht und uns bewegt. Wie erschließt man Fremden seine persönlichen Räume? Wie erkundet man Räume kundig? Wie gelingt es, über Räume – weltliche wie liturgische – Botschaften und Werte zu vermitteln?

 

Diese vier Hauptblöcke werden heute Abend flankiert durch einen gemeinsamen Gottesdienst mit dem Thema „Räume übersteigen“ und morgen Abend durch eine musikalisch-literarische Soiree unter dem Titel „Räume hören“. Diese beiden Programmpunkte wollen zwischen den Kirchenführungen und Diskussionsrunden ein wenig zum Stillwerden und Innehalten einladen.

 

Zugegeben, ein Kindergeburtstag ist das nicht, was wir uns da insgesamt vorgenommen haben. Das klingt schon nach einem Stück Arbeit. Aber wenn ich auf die Teilnehmerliste schaue, dann bin ich sehr optimistisch, dass wir gemeinsam Antworten finden. In diesem Raum sitzen heute Philosophen, Stadtplaner, Religionslehrer, Architekturkritiker, Bischöfe, Germanistinnen, Wahrnehmungspsychologen, Locationscouts, Bühnenbildner, Kirchenraumpädagoginnen, Architekturkritiker, Kunsthistoriker, Architekten und Architektinnen, Theologinnen und Theologen, Wohn- und Mobilitätsforscherinnen, Touristenseelsorgerinnen und noch viele mehr. Das beweist, dass es bei dem „Mega-Thema“ Raum – Behausung – Architektur eine große Schnittmenge zwischen Kirche und weltlichem Bereich gibt. Dazu gehört, Fremdheit wechselseitig abzubauen und einander näher kennen- und verstehen zu lernen. Deshalb versteht sich dieses Werkstattgespräch auch als Sym-posion im griechischen Wortsinn, wo man sich beim „sym-pothein“, beim gemeinsamen Trinken eines Kaffees oder guten Weines, menschlich begegnen kann. Dafür ist zwischen den einzelnen Arbeitseinheiten genügend Gelegenheit.

 

Ich möchte meine Begrüßung nicht schließen, ohne ein Wort des Dankes zu sagen: Die Entwicklung und Realisierung des Tagungsprogrammes verdankt sich der Kreativität von sieben Personen, die sich während des letzten Dreivierteljahres mehrfach zur Programmgestaltung trafen. Es sind: Monsignore Professor Wolfgang Bretschneider, Privatdozent Holger Dörnemann, Professor Albert Gerhards, Dr. Jakob Johannes Koch, Professorin Hilde Léon, Dr. Sabine Schößler und Professor Thomas Sternberg. Ihnen sage ich ein herzliches „Vergelt’s Gott“.

 

Herzlich danke ich auch den Kooperationspartnern der Deutschen Bischofskonferenz für die Mitausrichtung dieser Tagung: Dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dem Team aus dem Bonner Generalsekretariat. Ebenso danke ich dem Konvent der Abtei Maria Laach, namentlich Ihnen, verehrter Vater Abt. Ihre Abtei ist ein auch von der Deutschen Bischofskonferenz sehr geschätzter Ort der Gastlichkeit und der Einkehr.

 

Und nicht zuletzt danke ich allen, die unser Werkstattgespräch als Referenten, Moderatoren, Kirchenführer und Künstler mitgestalten. Mit Blick auf meine begrenzte Redezeit kann ich Sie leider nicht alle namentlich erwähnen, was der Herzlichkeit meines Dankes aber keinen Abbruch tut. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

 

Meine Damen und Herren, die Menschen glauben, was sie sehen – das dürfen wir nicht verleugnen, auch wenn natürlich ein Glaube, der ausschließlich auf Sehen beruht, theologisch fragwürdig ist. Gleichwohl ist es Jesus selbst, der darauf verweist, dass Glaube nicht nur vom Hören, sondern auch vom Sehen kommt: Im Johannesevangelium lauten die ersten Worte, die Jesus über die Lippen kommen: „Kommt und seht!“ (Joh 1,39) Deshalb ist es richtig und wichtig, dass wir über das Sichtbare, Begreifbare und seine Verbindung zum Unsichtbaren, Unbegreifbaren sprechen: Die Räume, in denen wir wirken und leben. An Thomas von Aquin und Bonaventura kann man sich vorbeidrücken, am Freiburger Münster nicht, denn das steht mitten auf dem Markt. Oder wie es die Lyrikerin Hilde Domin gesagt hat: „Wir essen das Brot, aber wir leben vom Glanz.“ In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein glanzvolles Werkstattgespräch.

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch