Donnerstag, 4. November 2010

Wo steht die Kirche heute? (Erzbischof Dr. Robert Zollitsch)

Arbeitstagung von Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 4./5.November 2010 in Bensberg
Impuls des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz,
Erzbischof Dr. Robert Zollitsch,
zu Beginn der erweiterten Sitzung der Gemeinsamen Konferenz
Bensberg, 4. November 2010

Bereits in der Gemeinsamen Konferenz im Juni hatten wir verabredet, uns heute hier in einem größeren Teilnehmerkreis zu treffen. Nach meinem Verständnis ist unser Austausch auch einer der ersten Schritte im Rahmen der Dialoginitiative, die ich im September in Fulda angeregt habe und die unsere Bischofskonferenz beschlossen hat. Unsere Aussprache im Juni habe ich als sehr dicht und verbindlich empfunden. Sie hat mich in der Überzeugung bestärkt, dass unsere Kirche in Deutschland nicht nur einen neuen Aufbruch benötigt, sondern dass ein mutiger Schritt nach vorne auch wirklich möglich ist. Denselben Eindruck hatte ich schon im vergangenen Jahr, als wir in Würzburg in einer Begegnung des Ständigen Rates und des Hauptausschusses Ihres Zentralkomitees erfolgreich zusammen waren. Möglich ist der Schritt nach vorn:
– wenn wir Bischöfe mehr und offener miteinander sprechen,
– wenn die Gläubigen in Wahrnehmung ihres allgemeinen Priestertums mit uns, den Bischöfen als für die Leitung der Kirche Verantwortlichen, über den Weg der Kirche in Deutschland verstärkt sprechen können
– und wenn die Kirche von sich aus mehr als bisher auf die vielen Menschen in unserer Gesellschaft zugeht, die für ihr Leben Orientierung und eine religiöse Beheimatung suchen.
Das sind die drei Dimensionen, in denen sich unsere Dialoginitiative erfolgreich entfalten kann.

Unsere Gemeinsame Konferenz bringt Menschen zusammen, die – das meine ich, ohne Vereinnahmung sagen zu dürfen – überzeugte und lebendige Katholiken sind; Menschen, die in der Gemeinschaft des Glaubens viele sehr positive und erfüllende Erfahrungen gemacht haben und zugleich sorgenvoll die Hindernisse wahrnehmen, die die Kirche auf ihrem Weg in die Zukunft belasten und behindern. Beides darf und soll in unserem Gespräch einen Platz haben: das, was wir an der Kirche schätzen und lieben wie auch das, was uns in ihr schwer aushaltbar und hinderlich für ihre Glaubwürdigkeit und die Weitergabe der Botschaft des Evangeliums erscheint. Das betrifft auch Schwierigkeiten, die wir – die Bischofskonferenz und das Zentralkomitee – wechselseitig miteinander haben und die nicht ausgeklammert werden dürfen. Allerdings sollen diese nicht im Vordergrund stehen. Zudem halte ich – wie Sie wissen, vertrete ich diese Ansicht auch in der Bischofskonferenz, – einen Austausch von Schuldzuweisungen gegenüber der jeweils anderen oder einer dritten Seite wie z.B. allgemein gegenüber „den“ Medien oder „der“ modernen Gesellschaft für zu billig, zu undifferenziert und schon gar nicht zukunftsweisend.

Es sollte zwischen uns keine Tabuthemen geben und wir Bischöfe werden uns bemühen, in Bezug auf die Behandlung der besonders sperrigen Themen eine Vorgehensweise ins Gespräch zu bringen, die wir für verantwortbar halten, die klärungsorientiert ist und Blockaden möglichst verhindert. Das wird bei Ihnen bestimmt nicht anders sein.

Gestatten Sie mir, kurz von der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz zu berichten. Einen ganzen Tag – wir haben das einen Reflektionstag genannt – haben wir uns mit den evidenten, aber auch den tiefer liegenden Gründen des Vertrauens- und Ansehensverlustes beschäftigt, die unsere Kirche besonders in diesem Jahr hat hinnehmen müssen. Natürlich auch mit der Frage nach den Lehren, die wir ziehen sollten und über die zu sprechen ja ein Hauptziel auch unsers hiesigen Treffens ist. Als Erstes und besonders Wichtiges kann ich sagen: Wir haben mit großem Ernst, großer Offenheit und ohne Angst voreinander die verschiedenen Erfahrungen ins Wort gebracht. Das ist nicht selbstverständlich im Wettstreit der Ansichten und Bewertungen.

Für uns in der Konferenz sind einige Themen besonders wichtig gewesen. Fünf von ihnen möchte ich benennen.

• Das Verhältnis zwischen den Bischöfen und ihren Priestern: Natürlich hat die Aufdeckung von schlimmem Versagen einzelner Priester das Vertrauensverhältnis zwischen Bischöfen und Priestern belastet. Es hat auch die selbstkritische Frage aufgeworfen, ob und wie wir verantwortungsbewusst die Priester in ihrem Dienst – auch in der Einlösung des Zölibatsversprechens – fördern, aber auch ein klares Zeugnis von ihnen einfordern, wie es ja von den Gläubigen erwartet wird. In diesem Zusammenhang scheint mir das Schreiben von Papst Benedikt, das er im Oktober an alle Seminaristen versandt hat, gute und wichtige Impulse zu geben.

• Ein zweites Thema heißt Versagen und Schuld: Wir haben darüber gesprochen, dass uns oft eine Vorstellung vom kirchlichen Amt und seiner Heiligkeit bestimmt, die das Versagen, die Tragik des Lebens und das Böse in der Welt allen Beteuerungen zum Trotz zu wenig gelten lässt. Von daher konnten Vertuschung, Lüge Unwahrhaftigkeit und Machtmissbrauch leichter gedeihen – Wunden, die uns jetzt umso tiefer schmerzen.

• Kirche und Sexualität: Zu Recht, glaube ich, haben wir uns dagegen gewehrt, dass die Sexualmoral der Kirche auf grobe Weise als Nährboden für schlimmes Fehlverhalten von Priestern denunziert wird. Dennoch dürfen wir der Frage nicht ausweichen, wie die Kirche eine zeitgemäße Orientierung gerade auch in Bezug auf die Sexualität der Menschen geben kann. Denn wir wissen alle, dass uns diesbezüglich viele Gläubige und überhaupt viele Menschen nicht mehr die Kompetenz zuerkennen, die sie sich eigentlich von uns wünschen.

• Die Versuchungen der Macht: Die Unterscheidung zwischen Oben und Unten bringt auch in der Kirche die Gefahr von Distanz und wechselseitiger Verschließung mit sich. Sie sind weder innerkirchlich kompatibel mit der fundamentalen Gemeinsamkeit und Verbundenheit der getauften Brüder und Schwestern des Herrn noch gesamtgesellschaftlich mit der Sendung der Kirche in die Welt. Die Demut derer, die einander und der Welt im Namen Christi helfen wollen, muss in der Kirche den Ton angeben. Sie ist mitnichten ein billiger Verzicht auf das angemessene Selbstbewusstsein und die jeweils eigene Verantwortung.

• Das Verhältnis zwischen den Bischöfen und den Laienchristen: Dieses Thema ist ja Ausgangspunkt auch unseres heutigen Zusammenseins. Uns ist klarer zu Bewusstsein gekommen, welch große und fruchtbare Zusammenarbeit mit den Laien unsere tägliche Arbeit prägt. Wir können stolz sein auf die vielfältigen Traditionen in der deutschen katholischen Kirche, die ja eine starke Laienaktivität kennt. Wir spüren aber auch manche Fremdheit und Ferne zwischen uns, die wir überbrücken wollen.

Nicht alle Themen sind zur Ausgestaltung unsers Dialogs geeignet. Andere wichtige kommen hinzu, die naturgemäß im Rahmen der Herbstvollversammlung nicht so wichtig waren. Ich bin mir darüber im Klaren, dass die Krise, die von den Missbrauchsfällen ausgelöst wurde, eine ganze Menge von Verwerfungen aufgedeckt und ans Tageslicht gebracht hat. Eines aber ist mir klar: Uns muss hier an derselben Offenheit und Angstfreiheit gelegen sein, die auch den Erfolg der Fuldaer Begegnung möglich gemacht hat.
Damit dies gelingt, braucht es stärker das Bewusstsein dafür, dass die Kirche nicht fertig und unbeweglich ist, sondern sich wie die Emmausjünger auf der Pilgerschaft befindet – und dabei wie die Zwei von Emmaus immer auch vom unerkannten Christus begleitet wird. Ich habe davon ausführlich in meinem Eröffnungsreferat bei der Herbstvollversammlung gesprochen und gesagt, die Kirche solle mehr noch als bislang eine hörende Kirche sein und eine Kirche, die wirklich dient (und nicht die Attitüde der besserwisserischen und belehrenden Herrscherin einnimmt). Ich glaube, dass unsere Herbstvollversammlung in ihrem Reflektionstag sowohl bestätigt wie auch konkretisiert hat, was das alles bedeuten kann.
Allerdings: Es ist zu wenig, immer nur von den Desideraten und Defiziten zu sprechen. Wir leben doch in einer Zeit, zu deren Signatur es gehört, dass viele Menschen ein klares Gespür für die religiöse Frage haben:
– für die Suche nach dem Größeren, das die Atomisierung überwindet, in die uns eine enggeführte Idee von Freiheit führt;
– das aus der Banalität eines vordergründigen Glücksstrebens befreit;
– das den Menschen mit seinem Glanz und mit seinem Elend und seiner Endlichkeit zur Geltung kommen lässt und nicht die jeweils andere Hälfte vergisst.
Wir leben in einer Kirche, die – nicht zuletzt dank des Einsatzes unzähliger freiwillig Mithelfender – ein großartiges Zeugnis von Nächstenliebe und konkreter Hilfe für Notleidende gibt. Die mit ganz großer Sensibilität den Menschen am Rande begegnet, auch den Menschen an den Rändern menschlichen Lebens – an seinem Anfang und Ende. Wir sind eine Kirche, auf die trotz allem die Gesellschaft große Stücke hält und von der sich so viele Zeitgenossen erhoffen, dass sie klare und starke Wertaussagen trifft und glaubwürdig an deren Umsetzung arbeitet, – weil so viele andere gesellschaftlichen Kräfte diesbezüglich keinerlei Anlass zur Hoffnung geben.
Eine Kirche, die Vorbilder anbieten möge, an denen man sich ausrichten kann. Eine Kirche, die vorlebt, wie man Freiheit und Verantwortung in einen Ausgleich bringen kann. Nach meiner Erfahrung können wir auf Vieles in der Kirche und auf viele in der Kirche stolz sein – oder besser: Wir können dankbar dafür sein, dass es uns geschenkt wurde, auf eine gelungene Weise für den Glauben Zeugnis zu geben. Nicht zuletzt ist es die kirchliche Bedeutung auch Ihres Zusammenschlusses – des Zentralkomitees der deutschen Katholiken –, dass in ihm Initiativen und Dienste zusammengefasst werden, die der Kirche wirklich Ansehen verleihen.

Dabei ist Eines besonders wichtig: Niemals kann es bloß äußerlich um Verbesserungen der Professionalität gehen, mit denen wir Bischöfe oder überhaupt die Kirche ihre Arbeit tut. Der Geist ist entscheidend, der alles Bemühen um gute Arbeit prägt: In allem ist der Glauben daran unsere Grundlage, dass Gott uns zu sich gerufen hat, dass er voller Liebe unseren Weg begleitet und dass er diese Welt und ihre Menschen stärken und füreinander öffnen will. In Jesus Christus hat sich Gott uns offenbart. In seiner Kirche und durch seine Kirche reicht er den Menschen auf vielfältige Weise die Nahrung, die sie bewahrt zum Leben. Deshalb ist es wichtig, dass auch unser hiesiges Zusammensein und die weiteren Schritte, die aus ihm erwachsen, eine evidente und spürbare geistliche Dimension haben. Um es in der Analogie menschlicher Beziehungen zu sagen: Gott will sich unserer vergewissern und wir wollen uns seiner vergewissern, wenn wir uns gemeinsam in den Dienst der Kirche der Zukunft stellen. Deshalb ist auch das betende Innehalten und die Feier der Heiligen Messe mehr als eine liebgewonnene Übung während unserer Treffen.
Deshalb ist es auch eine schöne Fügung, dass wir uns gerade heute, am Gedenktag des heiligen Bischofs Karl Borromäus der Frage nach der Zukunft der Kirche stellen. Es gibt wohl nur wenige Menschen, für deren Werdegang und Wirken die Weichen von vorneherein so festgelegt sind, wie dies bei Karl Borromäus der Fall war. Aber es gibt noch weniger Menschen, die die Vorgaben ihres Lebens so aktiv ergriffen und so viel aus ihnen gemacht haben wie er. Als zweiter Sohn des Grafengeschlechtes der Borromei war er von der Familie von Anfang an für die geistliche Laufbahn, die Laufbahn in der Kirche, bestimmt. Das war die erste entscheidende Vorgabe seines Lebens. Die zweite kam aus der Zeit, in die Carlo Borromeo durch die Geschichte hineingestellt wurde: das Konzil von Trient und die damit verbundene Reform der Kirche. Die dritte Vorgabe war die innere Tradition der Borromei, wie sie sich im Familienwappen, dem Wappenspruch Humilitas, niedergeschlagen hatte. All das war Karl Borromäus vorgegeben, ohne dass er dazu hätte beitragen können. All das hat er sich aber aktiv zu eigen gemacht. Und so ist er zu dem geworden, als den wir ihn schätzen und verehren: der große Reformer, der markante Heilige, das faszinierende Bild eines Seelsorgers und Bischofs, der voller Glaubenskraft immer wieder neu einen Aufbruch wagte.
Sein Leben und Wirken zeigt uns, wie Gott ganz eigene Wege führen kann, wenn wir uns auf ihn einlassen und mitgehen. Er klopft an, schickt Herausforderungen, zeigt Perspektiven und Ziele – und bezieht uns selbst mit ein, weil es ihm um jeden einzelnen von uns geht. Dieser Weg mit Gott ist spannend, ein Abenteuer und auch ein Liebesweg mit Gott. Es gilt, die gesetzten Vorgaben ernst zu nehmen und zugleich die Zeichen der Zeit, das werbende Anklopfen Gottes wahrzunehmen und das Leben der Kirche entsprechend zu gestalten. So wie es Karl Borromäus aufgegriffen und vorgelebt hat.

Wenn wir uns in der Bischofskonferenz entschieden haben, die von mir angeregte Dialoginitiative zu ergreifen, dann geht es genau darum: wahrnehmen und gestalten; auf Gott und die Menschen hören und entsprechend handeln. Ich sagte eingangs, dass ich unser Zusammensein in diesem Zusammenhang sehe. Wir haben vor, zur Adventszeit – zu Ende des Kalenderjahres und zu Beginn des neuen Kirchenjahres – einen „Brief der Bischöfe an die Gemeinden“ zu richten. Er soll weiter konkretisieren, worin wir die nächsten Schritte sehen, und so ebenfalls die Dialoginitiative starten. Förmlich werden wir in der Frühjahrsvollversammlung ein Startzeichen geben, zuvor aber in einer Geste der gemeinsamen Buße und Neuausrichtung in Paderborn uns dem Herrn anvertrauen. Vielleicht finden wir ja auch für unser Zusammenwirken, das wir hier beginnen, gelegentlich ein schönes und passendes äußeres Zeichen, das wir in Ruhe besprechen und vorbereiten können.

Ich will mit zwei Bemerkungen schließen, die mir am Herzen liegen.
Erstens: Wir sind hier als Gemeinsame Konferenz in erweiterter personeller Zusammensetzung tätig. Gemeinsam mit den anwesenden Mitbrüdern werde ich dem Ständigen Rat am 21. November einen Bericht geben. Heute haben wir aufs erste zu beachten, dass wir hier keine Entscheidungen für die Bischofskonferenz treffen können, wohl aber Entscheidungen für die Gemeinsame Konferenz treffen wollen.
Zweitens: Ich sehe mögliche gemeinsame Schritte vor allem im Kontext der Jubiläen des Zweiten Vatikanischen Konzils, die wir ab 2012 aus Anlass der 50jährigen Wiederkehr seiner Entscheidungen begehen werden. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Bereitschaft, Sorge zu tragen für die Zukunft der Kirche und des christlichen Glaubens in unserem Land.