Salzkörner

Mittwoch, 20. Dezember 2017

"Eine Kirche in vielen Sprachen und Völkern"

Katholiken anderer Muttersprache in der deutschen Ortskirche

Seit 2015, als zum ersten Mal ein Zugang zu den statistischen Daten der ausländischen Katholiken in Deutschland möglich war, ist die Zahl der gemeldeten Katholiken mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit zum 30. Juni 2017 sowohl in absoluten Zahlen (von 3,2 Mio. auf 3,52 Mio.) als auch prozentual von 13,4 Prozent auf nunmehr 15 Prozent aller deutschen Katholiken angestiegen. Und in den großstädtischen Ballungszentren liegt diese Quote noch deutlich höher. Von den 3,5 Millionen ausländischer Katholiken in Deutschland sind mehr als 3 Millionen Europäer.

In derzeit ca. 450 muttersprachlichen Gemeinden in 35 verschiedenen Sprachgruppen versuchen die deutschen Diözesen, den katholischen Migranten die Möglichkeit zur Pflege ihrer eigenen religiösen Tradition und zugleich die Beheimatung unter dem Dach der deutschen Ortskirche zu geben. In diesem Arbeitsfeld sind ca. 500 Priester aus aller Welt tätig, zum Teil auch nebenamtlich. Die größten Sprachgruppen sind die polnisch-, italienisch-, kroatisch-, spanisch- und portugiesischsprachigen Katholiken. Die deutschen Bistümer reagieren mit der Errichtung dieser Gemeinden auf eine pastorale Herausforderung wie auch auf Aufträge aus Kirchenrecht und vatikanischen Texten.

 

Die Instructio "Erga migrantes caritas Christi" (Die Liebe Christi zu den Migranten) des Päpstlichen Rates der Seelsorge für Migranten und Menschen unterwegs (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 165) vom 3. Mai 2004, die die Errichtung muttersprachlicher Gemeinden fordert, misst der Muttersprache der Migranten eine große Bedeutung bei, "in der sie ihre Mentalität, die Formen des Denkens und der Kultur sowie die Eigenarten ihres spirituellen Lebens und der Traditionen ihrer Ursprungskirchen zum Ausdruck bringen" (Nr. 38).

Leitlinien für die Seelsorge an Katholiken anderer Muttersprache

Unter dem Titel "Eine Kirche in vielen Sprachen und Völkern" haben die deutschen Bischöfe Leitlinien für die Seelsorge an Katholiken anderer Muttersprache (Arbeitshilfe Nr. 171 vom 13. März 2003) formuliert. Ihre Kernaussagen gelten auch im Prozess der Fortentwicklung von der homogenen Mission für Gastarbeiter hin zur Gemeinde von Katholiken anderer Muttersprache mit heterogenen Herkünften und ganz unterschiedlichen sozialen Situationen weiterhin:

  • Die fremdsprachigen Gemeinden sind Teil der Ortskirche mit einem eigenen Auftrag.
  • Als lebendige und aktive Gemeinden stellen sie einen hohen Wert und einen festen Bestand innerhalb der Ortskirche dar.
  • Sie erinnern die katholische Kirche daran, dass sie keine Nationalkirche ist und Migranten selbstverständlich zu ihr gehören.
  • Die katholische Kirche als ganze hat weiterhin eine diakonisch-advokatorische und eine seelsorglich-missionarische Doppelaufgabe.

Die allermeisten deutschen Pfarreien zeigen sich sehr gastfreundlich und stellen den Gemeinden und Gemeinschaften ausländischer Katholiken Kirchen und Gemeinderäume zur Verfügung. Aber der an sich sehr schöne Begriff der Gastfreundschaft verdeckt und benennt zugleich die grundlegende Problematik: Ausländische Katholiken anderer Muttersprache sind eben keine Gäste, sondern als getaufte und gefirmte Katholiken vollwertige und gleichberechtigte Glieder der deutschen Ortskirche. Sie haben sich als römisch-katholisch angemeldet, sie zahlen Kirchensteuern, sie sind nur nicht in dem Maße, wie es nötig wäre, in den Kirchenvorständen vertreten. Die gut gemeinte Rede von Gastgeber und Gast kann ein Statusgefälle implizieren, das es nach kirchlicher Lehre nicht geben dürfte und das bei den sogenannten Gästen zu dem kränkenden Gefühl führen kann, Katholiken zweiter Klasse zu sein.

Gottesdienst der Nationen

In der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) sind seit 2013 drei Delegierte des Bundespastoralrats der Katholiken anderer Muttersprache vertreten. Derzeit nehmen Dr. Emeka Ani aus Nigeria, Slavko Kessler aus Slowenien und Dr. Pero Jurišić aus Kroatien diese Aufgabe wahr. Beim Katholikentag in Münster werden die muttersprachlichen Gemeinden erstmals in größerem Maßstab ihre Tätigkeit vorstellen. In St. Antonius, einer Kirche mit einem Gemeindezentrum, das überwiegend von der polnischen und der spanischsprachigen Mission genutzt wird, soll es neben Informationsständen und einem "Café International" Gottesdienste und Andachten in verschiedenen Sprachen und Riten geben. Auch der traditionelle "Gottesdienst der Nationen" unter Leitung des Vorsitzenden der Migrationskommission wird dort stattfinden.

 

Für Menschen, die länger oder dauerhaft in Deutschland leben möchten, ist es selbstverständlich sinnvoll, gute Kenntnisse der deutschen Sprache zu erwerben. Dabei verläuft die Integration in die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche oder Subsysteme in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Während die Systeme Arbeit, Schule, Gesundheit eine zügige Eingliederung erwarten und erfordern, sind in den Systemen Freizeit und gerade auch Kirche/Religion andere Geschwindigkeiten angezeigt: Der Übergang von alter zu neuer Heimat – und ihre Verbindung – braucht Zeit. Und Kirche ist gut beraten, an dieser Stelle keinen unnötigen Druck aufzubauen. Man zählt, träumt und betet in seiner Muttersprache, weiß das Bonmot.

Ziel nicht aus den Augen verlieren

Grundsätzlich gilt: Seelsorge in der Muttersprache ausländischer Katholiken ist weiterhin notwendig und geboten. Die Zahl der ausländischen Katholiken in Deutschland nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Die beständige Zuwanderung neuer erster Generationen hebt die Argumentation auf, nach 20 oder 30 Jahren müssten nun eigentlich Integration erreicht und besondere Formen der Seelsorge obsolet sein. Gleichzeitig kann es natürlich nicht muttersprachliche Seelsorge in Form eigener Gemeinden für alle mehr als 200 unter den ausländischen Katholiken in Deutschland vertretenen Staatsangehörigkeiten geben. Eine zahlenmäßige Grenze, ab wann in einem Bistum eine Mission zu errichten ist, ist nirgends festgelegt; klugerweise muss auch Spielraum bleiben, um auf lokale Besonderheiten wie auch auf die spezifische Situation von Zielgruppe, Sprache oder Ritus eingehen zu können. Über den konkreten Ort, die Form und den Beitrag muttersprachlicher Seelsorge in den neuen Pastoralstrukturen ist in den Sprachgruppen und in der Ortskirche ein intensiver Dialog zu führen.

 

Da die Kinder der Migranten in den Schulen verstärkt Deutsch sprechen und die Sprache(n) ihrer Eltern in vielen Fällen erst als Zweit-Sprache(n) erlernen, empfiehlt es sich, bei der Sakramenten-Katechese, besonders bei Erstkommunion- und Firm-Vorbereitung, viel stärker auf sprachgruppen-übergreifende Zusammenarbeit und interkulturelle Katechese zu setzen. Die Initiative dazu muss klugerweise von der deutschsprachigen Territorialstruktur ausgehen und auch die Einladung an Katechetinnen und Katecheten der muttersprachlichen Gemeinden beinhalten, sich an diesem gemeinsamen Katechese-Prozess zu beteiligen, um das Ziel einer "gemeinsamen Ortskirche in vielen Sprachen und Völkern" nicht aus den Augen zu verlieren.

Moralischer Appell

Faktum und Erfahrung der Migration werden erstaunlicherweise bislang in der wissenschaftlichen theologischen Reflexion wie auch in der Verkündigung sowohl in den muttersprachlichen Gemeinden als auch in den deutschen Pfarreien zu wenig beachtet. Migranten lesen die Bibel anders als Sesshafte. Für Einheimische etwa ist die bekannte alttestamentliche Passage "Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen" (Lev 19,34) ein moralischer Appell, wie er vielfach in der Bibel wahrgenommen wird; für Migranten sind solche Texte unmittelbarer Ausdruck ihrer eigenen Wirklichkeit und Erfahrung der Migration, der Flucht, der Fremdheit, der Ungewissheit, des Ausgeliefertseins.

 

Wir leben in einem Einwanderungsland mit hoher Fluktuation und Mobilität und lassen uns als Kirche auf die damit verbundenen Herausforderungen, Lernmöglichkeiten und Chancen ein.

Autor: Stefan Schohe | Nationaldirektor für die Ausländerseelsorge Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz

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