Salzkörner

Mittwoch, 31. August 2016

"Fair"wandel Landwirtschaft und Klima

Wie Landwirtschaft und Klimawandel sich gegenseitig bedingen und beeinflussen

Im Rahmen des Dialogprozesses zum Klimaschutzplan 2050 des Bundesumweltministeriums wurden insgesamt 14 verschiedene Maßnahmen für das Handlungsfeld "Landwirtschaft und Landnutzung" erarbeitet. Viele Vorschläge daraus finden sich nun auch im Entwurf des Bundesumweltministeriums wieder, der sich derzeit in der Ressortabstimmung befindet. Innerhalb der Bundesregierung wird die darin geforderte "Agrarwende" erwartungsgemäß zur Disposition gestellt. Grund genug, sich einmal genauer den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Landwirtschaft anzuschauen.

Dass der Klimawandel in der Landwirtschaft eine entscheidende Rolle spielt, ist bekannt. Dass die Landwirtschaft aber ebenso entscheidenden Einfluss auf das Klima ausübt, ist weniger verbreitet. Im fünften Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPCC) – nachzulesen auf www.Klimafakten.de – werden diesbezüglich folgende Kernergebnisse zusammengefasst:

1.   Der Klimawandel hat in Teilen der Welt bereits die Ernteerträge sinken lassen

Diese Nachricht spiegelt sich bisher in unseren Lebensmittelpreisen und vollen Supermarktregalen noch nicht wider. In Zukunft wird eine Bedrohung der Ernährungssicherheit durch eine Kombination aus klimatischen Extremereignissen aber zunehmen. Erwartet wird, dass der Klimawandel Ökosysteme zerstören wird, die für die landwirtschaftliche Produktion unerlässliche Dienstleistungen erbringen (beispielsweise die Verbreitung von Samen, Abbau von Abfallstoffen, Bereitstellung von Nährstoffen in natürlichen Kreisläufen). Wasserbindevermögen und Bodenfruchtbarkeit werden beeinflusst und durch den weltweiten Rückgang der Bestäuberinsekten entsteht eine große Gefahr für die landwirtschaftliche Produktion.

2.   Die Anpassungsgrenze der Landwirtschaft beträgt maximal 3° C

Landwirtschaft findet in lebendigen Anbau- und Ökosystemen statt. Diese können Schwankungen nur bis zu einer bestimmte Grenze kompensieren und das komplexe System von Anbau, Bodenfruchtbarkeit und Wasserverfügbarkeit gerät spätestens bei einer Temperatursteigerung von 3° C an diese Grenze. Das heißt auch, dass – wenn wir das ambitionierte Ziel der Klimakonferenz in Paris von max. 2° C verpassen –, weitere Konflikte um Nahrungsmittel und Wasser entstehen werden. Die absehbaren und allein durch den Klimawandel verursachten künftigen Flüchtlingszahlen werden von der UN auf mind. 50 Millionen Menschen im Jahr 2050 geschätzt.

3.   Weltweit stammten 10 bis12 Prozent der Treibhausgase aus der Landwirtschaft

Verlässliche Zahlen gibt es nur für das Jahr 2010. Dabei gehen zurückhaltende Schätzungen von ca. 10 bis 12 Prozent an Treibhausgasen aus landwirtschaftlicher Produktion aus. Nach Angaben des Bauernverbandes sollen die Emissionen aus der Landwirtschaft in Deutschland bei nur 7,5 Prozent liegen, weltweit liegen die Schätzungen aufgrund von Landnutzungsänderungen höher. Rechnet man die Umnutzung von Wald, Steppen oder anderen Flächen für landwirtschaftliche Nutzung hinzu, so ist der Treibhausgasanteil aus der Landwirtschaft möglicherweise doppelt so hoch. Es gibt Schätzungen, bei denen bis zu einem Viertel der Treibhausgase auf die Landwirtschaft zurückgehen. Nicht nur die Menge, sondern auch die Art des Treibhausgases ist entscheidend. So ist die Landwirtschaft eine der größten Quellen von Methan und Lachgas. Gerade das durch künstliche Düngung erzeugte Lachgas wirkt hunderte Male schädlicher als CO2. Der Methanausstoß aus Tierproduktion und Gülledüngung macht schätzungsweise die Hälfte der landwirtschaftlichen Emissionen aus. Methan wirkt ebenfalls klimaschädlicher als CO2. Dagegen ist die Produktion von Reis – als Hauptnahrungsmittel der Armen in dieser Welt – mit einem Anteil von knapp 11 Prozent an den landwirtschaftlichen Treibhausgasen eher klimafreundlich.

4.   Es gibt die Möglichkeit des Agrarsektors, Emissionen zu mindern

Durch veränderte klimagerechte Bodenbearbeitung, wie z. B. eine schützende Pflanzendecke beim Ackerbau, kann die Landwirtschaft nicht nur Treibhausgase vermeiden, sondern zusätzliches CO2 aufnehmen und als dringend benötigte CO2-Senke fungieren. Das Potential des klimafreundlichen Anbaus wird als sehr hoch eingeschätzt. Diese Maßnahmen kosten meist weniger als teure technische Lösungen, sind schnell und ohne Nebenwirkungen durchführbar. Allerdings verursachen sie bei den Landwirten Kosten, die nicht durch zusätzliche Einnahmen gedeckt werden. Ihre durchschnittlichen Einkommen sind, betrachtet man den hohen Kapitalaufwand, ohnehin im Vergleich zu anderen Selbstständigen niedrig. Ob ein Ausgleich für Klima- und Ökosystemleistungen über teurere Lebensmittel oder ein Ausgleich für die Bindung von CO2 in Böden erfolgen soll, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

5.   Verändertes Verbraucherverhalten hat mehr Senkungspotential als technologische Lösungen

Nicht nur Landwirte haben es in der Hand. Wir alle können mit einem bewussteren Lebensstil schon heute anfangen und einen bedeutenden Beitrag leisten. Somit weist der 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates auch große Parallelen zur päpstlichen Enzyklika Laudato si‘ auf. Technologie ist wichtig und weitere Forschung unabdingbar, aber man sollte nicht glauben, dass der technische Fortschritt die sozialen und ökologischen Probleme von alleine löst.

Bäuerliche Landwirtschaft, Ernährungssicherung und das Recht auf Nahrung

Landwirtschaft ist für uns alle lebensnotwendig. Im Gegensatz zu vielen anderen Produkten kann niemand auf Nahrungsmittel verzichten. Eine Lösung kann somit nur in einer klimafreundlichen Veränderung der Produktionsmethoden und des Konsums liegen. Dies geht aber nicht kostenlos. Wenn Landwirten durch klimafreundliche Produktionsmethoden Kosten entstehen, müssen entweder Verbraucher oder die Gesellschaft dafür zahlen. Landwirte müssen von ihrer Produktion leben können und ein Einkommen erzielen, das ihnen und ihren Familien ein würdiges Leben ermöglicht. Der Blick auf die ressourcenschonenden bäuerlichen Betriebe weltweit, ihr Schutz und ihre Förderung – in Bezug auf Einkommen und klimafreundliche Produktionsweise – kann den größten Effekt erzielen.

Stattdessen treiben wir im Süden ein industrielles Agrarmodell voran, welches kleinbäuerliche Betriebe zur Hofaufgabe und Landflucht treibt und sich ebenso wie die Abwanderung der Menschen in die Megacities destabilisierend auf Politik und Wirtschaft auswirkt.

Zugleich ist der Klimawandel nach Meinung vieler ein wirtschaftliches Problem, weil es uns im internationalen Wettbewerb nicht ausreichend gelingt, Umweltgüter zu schützen. So auch im komplexen System der landwirtschaftlichen Produktion, in dem langfristige Umweltgüter wie Boden, Wasser und Klima kurzfristigen Renditeerwartungen wirtschaftlicher Investitionen untergeordnet werden. Der Zeithorizont wirtschaftlicher Renditeerwartungen ist mit den Erfordernissen eines langfristigen nachhaltigen Umgangs mit Böden und komplexen Ökosystemen oft nicht vereinbar. Obwohl es anbautechnische Lösungen zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen gibt, wissen wir noch zu wenig über die komplexen Wirkungen der einzelnen Produktionsmethoden auf Bodenfruchtbarkeit, Wasserbindevermögen, CO2-Bindevermögen und Klimaresilienz. Zur Sicherung des Nahrungsmittelbedarfs und des Klimas ist noch viel Forschung nötig. Bäuerliche Familienbetriebe haben dabei traditionell sehr nachhaltige Strukturen, weil das Land in Familienhand bleiben und bebaut werden soll. Sie reagieren sehr flexibel und bauen eine Vielfalt von Nutzpflanzen an, was die Agrobiodiversität fördert.

Was wir schon heute berücksichtigen können, ist die einfachste und zugleich schwerste Lösung: eine Änderung zu bewussterem Lebensstil.

Agrarpolitik ist mehr als Ressortpolitik, sie ist ein Teil der Welthandels- und Friedenspolitik. Klimawandel und Landwirtschaft stehen in einem engen, sich gegenseitig bedingenden Verhältnis. Hieraus ergeben sich heute mehr Fragen als Antworten. An den Lösungen sind viele beteiligt, zuvorderst die Landwirte selbst, aber auch jeder Einzelne von uns mit seinem Konsumverhalten. Wichtig ist, dass die Politik, die Landwirtschaft nicht mehr als altmodisches und rückständiges Stiefkind wirtschaftlicher Entwicklung behandelt, deren Anliegen wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden können. Landwirtschaftspolitik ist Teil von Weltinnenpolitik.

 

 

 

 

 

Autor: Nicole Podlinski | Bundesvorsitzende der Katholischen Landvolkbewegung Deutschlands

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