Salzkörner

Donnerstag, 30. Juni 2016

"Kinder" des Katholikentages

Vereine, Organisationen, Institutionen und Aktivitäten

Katholikentage sind und waren stets Nährboden, Anstoß, Triebfeder und Motor für eine Vielzahl von Initiativen, Institutionen, Organisationen, Aktivitäten, welche in Gesprächen, Diskussionen, streitbaren und konstruktiven Auseinandersetzungen und Anregungen angedacht, weiterentwickelt, gegründet und installiert wurden und werden. Bis heute sind jene Einrichtungen im kirchlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben aktiv und besitzen eine nationale, teilweise internationale bis globale Reichweite und Relevanz. Der Artikel skizziert exemplarisch vier Initiativen und ihre Gründungsumstände in Zusammenhang mit den jeweiligen Katholikentagen.

Jeder Katholikentag steht unter einem bestimmten Motto bzw. thematischen Schwerpunkt, welcher aktuelle Anliegen, Fragestellungen, Problematiken und Aspekte in Welt und Kirche aufgreift und bearbeitet. Diese Leitthemen geben den jeweiligen Katholikentagen ihre inhaltliche Ausrichtung und Kontextuierung. Dies lässt sich anhand des Programmes eines Katholikentags ablesen, in welchem in Vielfalt, Breite und Tiefe das Leitmotto in unterschiedlichen Themenbereichen und die dabei auftretenden Fragenstellungen, Aspekte und Problematiken be- und erarbeitet wurden und werden. So erwuchsen und erwachsen aus der Verantwortung für Kirche und Welt heraus mit der Kraft und dem Engagement jedes Einzelnen Initiativen, Aktivitäten, Aktionen, Ideen und Lösungsansätze, den jeweiligen Angelegenheiten und Problematiken entgegenzutreten. Handlungsbedarf wurde und wird erkannt, Gespräche und Diskussionen geführt, Ideen geschmiedet und Ergebnisse kurz-, mittel- oder langfristig umgesetzt. Es sind herausragende Persönlichkeiten in Kirche, Politik und Gesellschaft sowie Gruppierungen oder Zusammenschlüsse, die sich für eine Sache stark machen und mit Nachdruck dafür engagieren. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als Veranstalter der Katholikentage nimmt dabei einen bedeutungsvollen Anteil ein und ist seit seinem Bestehen an den Gründungen beteiligt. Beispielhaft seien genannt:

Die Entwicklungsgeschichte und schlussendliche Gründung des Katholischen Akademischen Ausländer-Dienstes (KAAD) am 8. Mai 1958 hatte ihren Ausgangspunkt im Kontext des Fuldaer Katholikentags 1954 und dem sich dort entwickelnden Wunsch, die Ausländerarbeit zentral steuern zu wollen. Die Leiterin des Außenamtes des ZdK, Maria Alberta Lücker, trug maßgeblich dazu bei, dass am 18. November 1955 eine "Aktionsgruppe" KAAD eingerichtet wurde. Es sollte zunächst "um eine Koordination der 'Betreuung' nach Deutschland kommender Ausländer"[1] gehen. In einer sechsseitigen "Denkschrift", die sich im Archiv des KAAD befindet, schildert Frau Lücker den Hergang. "Mit der Vereinseintragung im Mai 1958 tritt der KAAD dann als eigenständige Institution in Erscheinung. Vorsitzende wird Maria Alberta Lücker, Stellvertreter sind Prälat Gottfried Dossing und Heinrich Dietrich Thiel (KDSE)."[2]

Das Bischöfliche Werk Misereor wurde 1958 gegründet. Wer Hauptinitiator von Misereor war, ist schwer auszumachen. Hintergründe bieten die Katholikentage 1952 in Berlin und 1956 in Köln. Zum einen wurde, durch die Anwesenheit und Teilnahme von Studenten aus den Missionsländern, die "Dritte Welt" verstärkt sichtbar und in das Bewusstsein der Gläubigen gehoben.[3] Zum anderen fanden im Vorfeld der Gründung der Initiative zahlreiche Aktionen zum Thema "Hunger in der Welt" und Entwicklungshilfe statt. Unterstützt wurde dies durch eine Vielzahl von Publikationen, die sich mit der gleichen Thematik beschäftigten. Die Zusammenarbeit und der Austausch zwischen der Fuldaer Bischofskonferenz, dem damaligen Bundesinnenministerium, der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und vieler Hilfsorganisationen machte immer spürbarer, sodass die Gründung eines Werkes wie Misereor (...) "in der Luft" lag.[4]

Parallel dazu gab es vom ZdK und der Bischofskonferenz Überlegungen und Äußerungen bezüglich des Themas Hilfe für die Dritte Welt. Norbert Trippen stellt diesen Entwicklungsprozess detailgenau dar und zeigt, wie Dr. Paul Becher beim Durchforsten der Gremienprotokolle des ZdK zu dem Schluss kommt:

"Der erste Hinweis [auf die Fastenaktion 1959] findet sich im Protokoll der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 9./10. Mai 1958 in Essen." .... "Der Präsident [Karl Fürst zu Löwenstein] gibt eine Anregung des Hochw. Herrn Clemens Tilmann-München bekannt, der zufolge das Zentralkomitee sich um die Bekämpfung des Hungers in der Welt insbesondere auch auf dem Katholikentag bemühen möge."[5]

In diesem Zusammenhang ist Alfons Erb zu erwähnen. Ihm, der Journalist und Mitarbeiter des Caritasverbandes in Freiburg war, war die Gründung von Misereor ein besonderes Anliegen. Er hatte laut Trippen von Seiten des ZdK den entscheidenden ersten Anstoß für Misereor gegeben.[6]

 

Der Gesprächskreis geistlicher Gemeinschaften und Bewegungen wurde im Jahr 1985 gegründet. Wobei von einer Gründung im juristischen Sinne mit urkundlichem Beleg nicht die Rede sein kann. Vielmehr handelt es sich um die Weiterführung eines Vorbereitungstreffens zum Aachener Katholikentag, wozu der damalige geistliche Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, der Aachener Bischof Dr. Klaus Hemmerle, Vertreter von geistlichen Gemeinschaften eingeladen hatte.

Im November desselben Jahres trafen sich "aufgrund einer Eigeninitiative Leiter von zehn Gemeinschaften und Bewegungen in Schönstatt/Vallendar und beschlossen regelmäßige Treffen".[7] Als Ergebnis des intensiven Austauschs wurde 1994 unter dem Titel "Christ werden – Kirche leben – Welt gestalten" das Selbverständnis des Gesprächskreises formuliert. Im ZdK wurde 1988 ein ständiger Arbeitskreis "Geistliche Gemeinschaften" eingerichtet, der den Dialog zwischen geistlichen Gemeinschaften sowie den im ZdK vertretenen Verbänden, Diözesanräten, Institutionen des Laienapostolates und Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft voranbringen sollte. 1995 konnte das viel beachtete Arbeitspapier "Miteinander auf dem Weg – Einladung zum Dialog zwischen Gemeinden, Verbänden und geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen" veröffentlicht werden, das gleichzeitig die Integration der geistlichen Gemeinschaften in die Strukturen des ZdK im Jahr 1996 mit vorbereitete[8].

Der Ausgangspunkt für die Initiative Christen für Europa (IXE) lag im Gefüge des großen europa- und weltpolitischen Ereignisses der Wiedervereinigung Deutschlands und der Öffnung nach Osteuropa. Im Zuge dessen gelangten in den 90er Jahren repräsentative Organisationen im sozialen Katholizismus in Europa zu der Überzeugung, dass über Lösungen für soziale und gesellschaftliche Probleme zukünftig nur im europäischen Kontext nachzudenken und zu diskutieren sei. Als fest installiertes und etabliertes Laientreffen in Engagement und Verantwortung für Kirche und Welt bot der 90. Katholikentag 1990 in Berlin eine gute Plattform dafür und fungierte als Motor für das weitere Vorgehen. In der Veranstaltungsreihe "Christen in Ost und West arbeiten am gemeinsamen Haus Europa" lieferten mehrere Vorträge im kirchlichen, politischen und soziokulturellen sowie intellektuellen Kontext wichtige Grundlagen dafür.

So "suchten die Semaines Sociales des France (SSF) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken 1999 die Zusammenarbeit und veröffentlichten im Mai 2000 ein gemeinsames Manifest mit dem Titel 'Für ein europäisches Bewusstsein'"[9]. In dieser Partnerschaft sollten "Christen verschiedener Länder zu regelmäßigen Treffen auf europäischer Ebene"[10] zusammengerufen werden. Nach zwei solcher Zusammenkünfte im Januar 2001 in Brüssel und im Februar 2002 in Berlin gründet sich im Juni 2002 "eine Europäische Arbeitsgruppe, die sich im März 2006 den Namen 'Initiative Christen für Europa' (IXE) gab"[11].

Das generelle Anliegen der IXE-Mitglieder besteht darin, "in die jeweiligen nationalen Debatten ein lebendigeres Bewusstsein für Europa einfließen zu lassen bzw. gesellschaftliche Probleme im europäischen Kontext zu sehen"[12]. Sie verfolgen die vier Hauptziele: (1) Förderung der Begegnung von Christen in Europa, (2) Formulierung von Stellungnahmen zu europäischen Zukunftsthemen, (3) Reflexion über die Entwicklung des europäischen Einigungsprozesses und (4) Mitwirkung an der Organisation europäischer Veranstaltungen.

 



[1]       PDF-Dokument: Überblick, unter: http://kaad.de/fileadmin/kaad/pdf/Ueberblick_Geschichte.pdf (heruntergeladen am 06.12.2011), S.10.

 

[2]       Ebd., S.12.

 

[3]       Vgl. Trippen, Norbert: Josef Kardinal Frings (1887-1978). Bd.I, Sein Wirken für das Erzbistum Köln und für die Kirche in Deutschland, Schöningh, Paderborn, 2003, S.106f.

 

[4]       Vgl. ebd., S. 109.

 

[5]       Ebd., S. 111.

 

[6]       Ebd., S.109

 

[7]       Ebd..

 

[8]       Reihe Berichte und Dokumente Heft 99, http://www.zdk.de/veroeffentlichungen/erklaerungen/detail/Miteinander-auf-dem-Weg-Einladung-zum-Dialog-zwischen-Gemeinden-Verbaenden-und-geistlichen-Gemeinschaften-und-Bewegungen-169K/

 

[9]       Internetseite: IXE Initiative of Christians for Europe, IXE – Wer wir sind: http://www.initiative-ixe.eu/About-us/Artikel-1-a (Aufgerufen am 07.06.2011).

 

[10]     Ebd.

 

[11]     Ebd.

 

[12]     Ebd.

 

 

Autor: Oliver Hartmann Diplomtheologe und Master of Library and Information Service

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