Salzkörner

Mittwoch, 16. Dezember 2015

"Sehschule" Weihnachten

Die persönliche Vorbereitung für den 100. Katholikentag beginnt mit dem Blick in die Krippe. Nicht nur Kinder mit bestimmten Sehstörungen sind auf die Trainingsangebote sogenannter "Sehschulen" angewiesen. Gleiches lässt sich auch für die Augen des Glaubens sagen. Es bedarf einiger Übung, um der Aufforderung des Leitwortes für den Katholikentag in Leipzig "Seht, da ist der Mensch" gerecht werden zu können. Hierfür braucht es einen geübten, kritischen Blick auf das eigene Sehen. Daher schlage ich als Hauptfach für die weihnachtliche Sehschule "Genaues Hinschauen" vor.

Es geht um das schwierige Unterfangen der selbstkritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern. Mit aller Demut muss ich immer wieder anerkennen, dass sie ursächlich mit meiner Beschränktheit und Fehlbarkeit in Zusammenhang stehen. Erst dann kann ich, wie die Hirten, das Kind in der Krippe finden. Folgte ich nur meinen Sehgewohnheiten, würde es mir wahrscheinlich wie Touristen ergehen, die so sehr auf die Bilder ihres digitalen Guides hinabgebeugt sind, dass sie die Sehenswürdigkeit selbst im wahrsten Sinn des Wortes übersehen.

Zum ständigen Lehrplan der weihnachtlichen Sehschule gehört die kritische Auseinandersetzung mit Allgemeinplätzen, Verallgemeinerungen und Gruppenzuweisungen. Für Christen, gerade für die aus ihrem Glauben ehren- oder hauptamtlich Engagierten, stellt der kategorisierende Blick auf den Menschen eine besondere Versuchung dar. Weihnachten ist der Anlass, um prüfend in Schubladen hineinzuschauen, die mit Beschriftungen wie "kirchlich/gesellschaftlich Marginalisierte", "Flüchtling", "bedürftig" oder "auf Verständnis angewiesen" versehen sind. In diesen Ablagen der persönlichen Hilfsbereitschaft werde ich Menschen mit der Einmaligkeit ihrer Biographie, ihren Bedürfnissen und Begabungen entdecken. Das heißt: Erst die selbstkritische Distanz ermöglicht mir eine umso herzlichere Zuwendung. Der Kirchenlehrer Clemens von Alexandrien setzt dieses erkennende Sehen des "Bruders" (selbstverständlich auch der Schwester!) und das Sehen Gottes in eins (Stromateis I). Er ist davon überzeugt: "Wo einer dem anderen zuhört, da ist Gott! Wo eine mit der anderen teilt, kommt Gott! ins Spiel! Wo die einen für die anderen beten, zeigt sich Gott! Und: Wo Menschen einander vorbehaltlos anblicken: Gott!"

An Weihnachten geht es in besonders drängender Form um die Frage: "Wer oder was ist der Mensch? Welchem Schicksal ist er ausgesetzt oder wozu berufen? Und wie sollte man sich einen Gott – wenn es ihn denn gibt – vorstellen?" (Bischof Gerhard Feige). Ich möchte diese Frage umdrehen: Wie stellt Gott sich den Menschen vor, wie schaut er ihn an? Sein Blick auf uns gibt den Übungen in der weihnachtlichen Sehschule erst ihren Sinn. Gott schaut uns mit den Augen Jesu an, also mit unseren Augen, und dennoch ist und bleibt es sein Blick, sozusagen "Theooptik". Unter diesem Titel beschreibt der österreichische Autor Thomas Schlager-Weidinger im folgenden, auszugsweise zitierten Gedicht (in: sperrige nächte, gedichte zu advent und weihnachten, Würzburg 2012), was dieser Blick bewirken könnte:

"absehen

vom wegsehen

 

hinsehen

statt runtersehen

 

ansehen

durch ansehen:

 

würde

würde

so sichtbar

 

und alles andere

käme von selbst."

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen erfolgreiche und folgenreiche Sehübungen!

 

 

 

Autor: Lic.theol. Stefan-B. Eirich Geistlicher Rektor im ZdK

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