Salzkörner

Montag, 29. Februar 2016

"Seht, da ist der Mensch!"

Groß angelegte Kunstausstellung spannt Bogen zwischen Katholikentag und Reformation

Mit der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch" erwartet Katholikentagsbesucher und Leipziger ein Höhepunkt der ganz besonderen Art. Das Projekt, das den Bogen vom 100. Deutschen Katholikentag zum Reformationsjubiläum 2017 schlägt, zeigt die Perspektiven von Künstlerinnen und Künstlern auf das Leitwort des Katholikentags und ihre damit verbundenen Assoziationen. Die Kunstausstellung wird mit unterschiedlichen Schwerpunkten vom 30. April  bis 12. Juni 2016 in der Baumwollspinnerei in Leipzig und vom Mai  bis November 2017 im Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg gezeigt.

Die Geschichte der Bilder vom Menschen in der christlich-abendländisch geprägten Kunst ist über Jahrhunderte hinweg die Geschichte der religiösen Bilder. Christus- und Marienbilder, Heiligen- und Stifterbildnisse; ihre Existenz ist eingebettet in die Überlieferungen der christlichen Lehren und Glaubenspraktiken. "Du sollst dir kein Bildnis machen" heißt es bei Moses (Ex 20,1-6); so predigt später der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux und so predigen es die Calvinisten und Reformatoren. Dennoch bleibt das Bild vom Menschen über lange Zeit eng mit dem Christentum verbunden und die Darstellung des Menschen ist – anders als im Judentum, Zoroastrismus und Islam, die weder Darstellungen von Menschen noch Tieren in den Synagogen und Moscheen kennen – über Jahrhunderte hinweg im Zentrum der Aufmerksamkeit geblieben.

Noch heute ist das Bild des Menschen ein zentrales Thema der bildenden Künstlerinnen und Künstler. "Seht, da ist der Mensch", das Leitwort des Katholikentags 2016 soll deshalb als Anlass dienen, in zwei groß angelegten Kunstausstellungen in Leipzig anlässlich des Katholikentags und in Magdeburg zum Reformationsjubiläum im darauffolgenden Jahr die Sicht der Künstler der Gegenwart auf den Menschen unserer Zeit zu thematisieren. In mehreren Kapiteln, die sich den unterschiedlichen Facetten des Menschseins widmen, werden in Fotografie, Malerei, Skulptur, Video und Installation der Mensch, seine Be- und Empfindlichkeiten, das Unsagbare, das Unaussprechliche seiner Existenz und seines Handelns dargestellt.

Emotional und Anrührend

Seht, so ist der Mensch. Schwach wie Pilatus, ängstlich wie Petrus, ungläubig wie Judas, ausgeliefert wie Jesus; aber seht, auch so ist der Mensch: gütig, liebend und allzeit hoffend. Das Bild dieses vielansichtigen Menschen unserer Zeit, der immer anders ist, nie gleich, der viele Facetten hat, der mal verletzlich und mal brutal ist, der ein anderes Mal staunend und erkennend Gutes tut: Das ist das Bild, das uns Künstlerinnen und Künstler heute vom Menschen zeigen.

Es sind die Bilder von uns selbst, die wir nicht unbedingt gern sehen, und es sind jene, die uns immer wieder begegnen und die sich einspannen in das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod. Es sind Bilder, die emotional und anrührend, anklagend und versöhnend sind, die immer wieder der Frage nachgehen: Was macht den Menschen zum Menschen?

Bleibt der Mensch nach seinem Ableben im Datennetz erhalten? So könnte zum Beispiel die aktuellste Frage nach dem Menschenbild lauten. Besteht der Mensch heute aus Bildern und Botschaften, Zellen, Mikroben, Codes oder Pixeln? Haben digitale Netzwelten nicht nur neue Realitäten geschaffen, sondern auch das Menschenbild profund verändert? [1]

Angesichts dieser aktuellen medialen Debatte soll die Ausstellung einen Diskurs vorstellen, der den Fokus auf das christliche Menschenbild richtet, das heute längst zum Leitsatz eines sozialen Humanismus geworden ist. Als Legitimationsinstanz ist das christliche Menschenbild geschätzt, auch wenn sein Inhalt bei näherer Nachfrage oft vage bleibt.

Evangelische und Katholische Kirche sind sich einig: "Der Mensch ist Person. Das ist die Grundlage für alle ethischen Aussagen." [2] 

Eine neue Dimension

Während die christlich-abendländische Tradition den wahren Menschen in Christus erkennt und ein Menschenbild beschreibt, das der Imitatio-Christi verpflichtet ist, was sich in vielen mittelalterlichen Bildwerken widerspiegelt, sind heute Christus- und Menschenbilder in der Kunst weit entfernt von religiösen Festlegungen und Bestimmungen. Sie sind vielmehr Zeugnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem neuen Bild des Menschen, wie es seit der Reformation Verbreitung gefunden hat. Gerade in der heutigen Situation der Migrations- und Flüchtlingsdebatte gewinnt die Frage nach dem Verbindenden im Menschenbild der unterschiedlichen Religionen, die Frage nach dem Menschen an sich, eine neue Dimension, die gerade von den Kunstschaffenden der Gegenwart immer neu aufgegriffen wird. Es ist die Diskussion um Martin Luthers Verständnis vom Menschen, welches das Bild vom Menschen bis in unsere Zeit maßgeblich prägt. Die in unserer Zeit so selbstverständliche Verantwortlichkeit des Menschen vor sich selbst ist für Künstlerinnen und Künstler heute mehr denn je Ausgangspunkt ihrer Beschäftigung mit dem Menschen. Gerade in der heutigen Gesellschaft, die den Wert eines Menschen weithin in dem begründet, was er leistet, wird die Frage nach dem Umgang mit den Defiziten menschlicher Natur, mit Krankheit, Niederlage und Misserfolg, die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens zum zentralen Thema.

Dass gerade bildende Künstler sich in den letzten Jahren mehr und mehr diesen zentralen Fragen des Menschseins in all ihren Eigenheiten zugewandt haben, macht das Thema – unabhängig von konfessionellen Überlegungen – zu einem sehr anschaulichen und wertvollen Beitrag in der Frage nach den grundsätzlichen Werten des Menschen. Eine Diskussion, die konfessions- und religionsübergreifend unser Wertesystem bestimmt, wird durch die bildende Kunst in unserer Zeit abbildbar, lesbar und verständlich. Wenn Künstler wie Ansgar Frerich und Grit Bümann in ihrer Bild-Toninstallation "Fluchtpunkt-Perspektiven" zwölf Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, nach ihren Hoffnungen und Träumen, nach ihren Ängsten und nach ihren seelischen Verwundungen befragen, und eine eindrückliche Bild-Tonfolge entsteht, ist dies nur ein Beispiel, das zeigt, wie Künstler heute die vielfältigen Facetten des modernen Menschenbildes in der Verantwortlichkeit des Einzelnen beschreiben. Das Ringen um ein wahres und gelingendes Menschsein wird zum konfessionsübergreifenden Beispiel, dem viele Künstler – ob Christen oder Nichtchristen – folgen, wenn es um die Frage nach dem Innersten, die Frage nach dem Stellenwert des Individuums in der Gesellschaft und die persönlichen Bekenntnisse zu einem humanen Miteinander geht.

Die besondere Chance des Projektes liegt in der Möglichkeit, ausgehend von Johannes 19,5, das Thema in Hinblick auf die beiden großen Jubiläen, "100. Katholikentag" in Leipzig 2016 und "500 Jahre Reformation" in 2017, ökumenisch zu denken und ausgehend von den ethischen Dimensionen des christlichen Menschenbildes das gemeinsame christliche Erbe in seiner Bedeutung für die gegenwärtige Gesellschaftsproblematik anhand künstlerischer Werke darzustellen. Eine zukunftsgerichtete, ökumenisch verantwortete Lehre vom Menschen ist für viele bildende Künstlerinnen und Künstler längst zum Ausgangspunkt ihrer Beschäftigung mit dem Menschenbild geworden.

Das vom Kunstmuseum Magdeburg kuratierte Projekt wird gefördert von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Frau Prof. Grütters, dem Deutschen Katholikentag, dem Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Magdeburg im Rahmen der Ausstellung im Kunstmuseum Magdeburg.

 



[1]                      Fragen, die Belinda Grace Gardner anlässlich einer Ausstellung mit dem Titel "InHuman" im Fridericianum in Kassel aufwarf; siehe: Kunstzeitung, Juni 2015, S. 15.

 

[2]                      Rat der EKD und DBK (1997): "... und der Fremdling, der in deinen Toren ist." Gemeinsames Wort der Kirchen zu den Herausforderungen von Migration und Flucht (= Gemeinsame Texte 12), Hannover / Bonn, Nr. 97, S. 115. Vgl. auch Dokument eines gemeinsamen Verständnisses 1999.

 

 

Autor: Dr. Annegret Laabs Direktorin Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg

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