Salzkörner

Donnerstag, 22. Dezember 2011

"So ist Er eben ..."

Wer in den Wochen vor Weihnachten mehr als nur "frohe Festtage" wünschen will, greift gerne auf den Frieden zurück. "Ein friedvolles Fest" heißt es dann, und der weihnachtliche Friede soll möglichst lange ins neue Jahr fortdauern.

Aber, was wünscht eigentlich, wer Frieden sagt? "Friede – das bedeutet: Alle Menschen sind Brüder und Schwestern!", jubeln die Enthusiasten. – "Friede , das ist Abwesenheit von Krieg", entgegnen nüchterne Realisten. – "Friede ist, wenn Wolf und Lamm ruhig zusammen wohnen", verkünden die biblischen Propheten. – "Friede ist, wenn jeder ungestört tun und lassen kann, was er will", knurrt der Individualist. – "Friede wäre für mich: endlich einmal ausspannen und Ruhe finden", träumen von Geldsorgen und Alltagsstress geplagte Familienväter und -mütter. – "Eltern müssen ihren Kindern Zeit schenken, und die Hausarbeit muss geschlechtergerecht aufgeteilt werden, damit der Hausfriede nicht schief hängt", mahnen die Familien- und Eheberater. – "Friede braucht Recht und Ordnung und Schutz der traditionellen Lebenskultur", fordern die Konservativen, während die Forderung nach weitgehender "Freiheit für alle" als Vorbedingung für den Frieden ein liberaler Grundgedanke ist. – "Friede beruht auf einem Gleichgewicht der Kräfte", stimmen die Generäle mit den Realpolitikern überein, und: "Friede bedeutet klassenlose Weltgesellschaft!", halten einige Nimmermüde dagegen. – "Option für die Armen, für Gerechtigkeit und Entwicklung – das ist der neue Name für Frieden", formuliert die Katholische Soziallehre. – "Frieden gibt es nur unter Wahrung der Interessen des amerikanischen Volkes", steht dagegen in der außenpolitischen Doktrin der USA. ... Und damit sind wir angelangt – beim Krieg: "Frieden!" sagen die Einen und "Frieden!" die Anderen und können sich nicht einigen und geraten darüber in Streit und schlagen sich die Köpfe ein und bleiben so unfriedlich und so voll unerfüllter Sehnsucht nach Frieden wie zuvor.

Kann ich vor solchem Hintergrund den Friedenswunsch meines Nachbarn eigentlich noch aufrichtig erwidern? Muss ich nicht mutmaßen, dass er mit Frieden möglicherweise etwas ganz anderes meint als ich – vielleicht sogar etwas, das meinem Verständnis davon unversöhnlich entgegensteht? Und enthält so das Streben nach Frieden nicht selbst schon wieder eine Wurzel für unausrottbare Konflikte?

Auch die biblische Weihnachtsbotschaft spricht uns vom Frieden. Aber ist der weihnachtliche Friedensbegriff nur eine weitere Friedens-Definition, über die man erneut in Streit geraten kann, eine ideologische Worthülse, eine leere Sprechblase, gar ein realpolitisches Programm? – Der Weihnachtsfriede ist anders: ein Geschehen, eine Tatsache, eine Wirklichkeit, die noch dazu und eigentlich sehr einfach ist: Gott ist in diese Welt gekommen – nicht um den 150 Definitionen von Frieden eine 151. entgegenzuhalten. Gott ist auch nicht in die Welt gekommen, um hier endlich Ruhe und Ordnung zu schaffen und der Welt endlich sein Verständnis von wahrem Frieden beizubringen und aufzuzwingen.

Nein – Gottes In-die-Welt-kommen geschieht in einer ganz anderen Weise – und es ist die einzige Weise, wie Friede geboren werden kann: Gott nimmt diese Welt in Liebe an, so wie sie nun einmal ist. Er wartet nicht zu, bis alle Wege bereitet, bis alle Hügel und Täler eingeebnet sind und alles Seinen Vorstellungen entspricht. Nein, Gott stellt keine Bedingungen. Wenn in der Herberge kein Platz ist, dann ist Ihm der stinkende Stall gut genug. So ist sie eben – diese Welt, die Gott so sehr liebt. Wenn sich sonst niemand für Ihn interessiert, ist Ihm die Gesellschaft armer Hirten, der "underdogs" der damaligen Gesellschaft, gerade recht.

So ist sie eben – diese Welt, die Gott so sehr liebt. Und wenn Er – als Säugling noch – fliehen muss vor einem machtbesessenen Herrscher, und wenn Er als Sohn eines einfachen Zimmermannes aufwachsen und dann unstet umherwandern muss, und wenn Er statt Dank und Anerkennung für Seine heilvollen Worte und Taten nur Unverständnis und Feindschaft erntet – und so fort bis ans Kreuz – wir kennen kein Wort des Hasses und keine Tat der Rache und der Vergeltung von Ihm, ja nicht einmal ein Anzeichen davon, dass es Ihn gereut hätte, in diese Welt gekommen zu sein und sie zu lieben – sie, die nun einmal so ist. – So ist eben Er – Gott, der diese Welt trotz allem so sehr liebt: bedingungslos, allem Desinteresse und aller Feindschaft, aller Banalität und allem Anderssein, aller Erfolglosigkeit und allem Hass zum Trotz.

Ja, das müssen wir zuerst einmal sehen: So ist die Welt, in die Gott gekommen ist: desinteressiert und feindlich, banal und egoistisch mit sich selbst beschäftigt. Und machen wir uns nichts vor: So ist unsere Welt immer noch, und wir sind unbestreitbar ein Teil von ihr – ängstlich und in uns selbst verschlossen und insgesamt wenig vertrauenswürdig – und dennoch voll Sehnsucht nach Frieden. – Und genau dieser Welt – uns – wird (wurde) in der Heiligen Nacht Frieden zugesagt, weil Gott Frieden mit uns geschlossen hat und schließt – einseitig und bedingungslos. Aber nur so ist Frieden möglich: Gott hat uns nicht zuerst Seine Vorstellungen präsentiert und verhandelt und alles davon abhängig gemacht, ob wir als Seine Friedenspartner auch so denken wie Er. – Nein, Er vertraut sich einfach den Menschen an – als Kind, als Flüchtling, als einfacher Arbeiter, als Lehrer, als Heiler, als Weggefährte in Leiden und Tod. Und Er vertraut sich allen Menschen an – ob wir nun "Frieden" oder "Salam", "Shalom" oder "Pax", "Peace", "Pace" oder "Pokój" sagen und jeweils eine vielleicht ganz eigene Vorstellung damit verbinden.

Denn Gott geht es nicht um Worte. Ihm geht es um den ersten, bedingungslosen Schritt, und Er tut ihn: Sein Friedenswort wird Fleisch – wehrlos, verletzbar, auf die wohlwollende Antwort einer rauen, feindlichen und zerstrittenen Welt angewiesen. Gewiss, das kann schief gehen. (Und tatsächlich darf auch aus der Weihnachtsbotschaft das Kreuz als Zeichen des Scheiterns nicht ausgeklammert werden.) Aber Gott war es dieses Risiko wert, weil nur so Friede werden kann: im bedingungslosen Ja zum Anderen und im Voraus geleisteten Vertrauen, dass dem angebotenen Friedenswort eine entsprechende Antwort zuteil wird. Und genau so: bedingungslos, als eine vertrauensvolle Vorausleistung möge auch unser Friedenswort für diese Welt Fleisch und Wirklichkeit werden: für den Partner oder die Nachbarin, für die Arbeitskollegin oder den Fremden – ob wir nun "Frieden" oder "Pokój", "Salam" oder "Paz" sagen.

 

 

 

 

Autor: Stefan-B. Eirich Rektor im ZdK

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