Salzkörner

Montag, 30. Juni 2014

1914 – Wo blieb der Friedensfürst?

Eine Veranstaltung in Regensburg

Noch Ende Juli 1914 hatten sich in Lourdes Katholiken vieler Länder zum 25. Internationalen Eucharistischen Kongress versammelt, wo sie die Verbundenheit in dem einen Glaubensbekenntnis feierten. Eine Woche später brach der Krieg aus. An die Stelle des übernationalen Zusammengehörigkeitsgefühls trat überall in Europa, auch bei den Katholiken, die Solidarität mit den kriegführenden Regierungen.

Wieso wurde der Universalismus des biblischen Heilsversprechens und das christliche Friedensgebot so bereitwillig preisgegeben? Welche Haltung nahmen die Bischöfe ein? Welche Rolle spielte die Religion in den Schützengräben? Und was tat der Papst?

Ein "gerechter Krieg"?

Drei Historiker und ein Bischof bemühten sich um Antworten: Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf, die Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin Monique Scheer, der Neuzeithistoriker Siegfried Weichlein und der Präsident von Pax Christi Bischof Heinz-Josef Algermissen. Das Gespräch ergab, dass sich die Katholiken als Reaktion auf die Vorwürfe, national unzuverlässig zu sein, besonders loyal gegenüber dem Kaiser zeigten, zumal dieser keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass die Deutschen die Angegriffenen waren.  So wurden die Soldaten von den katholischen Theologen in dem Glauben, dass dies ein "gerechter Krieg" sei, an die Front geschickt.

Trost in religiöser Praxis

Dort spielten katholische Praktiken eine zentrale Rolle, schon weil sie halfen, die übermächtige Angst in den Griff zu kriegen. Diese dürfte ein Grund dafür gewesen sein, dass die Bevölkerungen Europas schlagartig wieder fromm zu werden schienen. Die Soldaten errichteten Altäre in den Schützengräben, hatten allzeit den Rosenkranz bei sich. Auf den ersten industriellen Massenkrieg reagierten die Soldaten mit einer Zuflucht zu höchst traditionellen Zeichen und Symbolen,

Vergebliche Mahnungen

Nun versuchte die Kriegstheologie, das Leiden im Krieg als Möglichkeiten von Bußleistung und Christusnachfolge darzustellen, wodurch offenbar vielen Sterbenden und Hinterbliebenen das Gefühl vermittelt wurde, dass der Opfertod einen Sinn habe. Diesen Sinn konnten einige wenige Feldgeistliche immer weniger erkennen. Der Dominikaner Franziskus Stratmann und der Priester Max-Joseph Metzger, die sich zunächst freiwillig für den Fronteinsatz gemeldet hatten, wandelten sich zu entschiedenen Pazifisten. Vorerst aber fanden die Stimmen, die nach Frieden riefen, kein Gehör. Selbst nicht die des Papstes. Benedikt der XV. war am 3. September 1914 zum Papst gewählt worden und hatte unmittelbar danach begonnen, den Regierenden ins Gewissen zu reden. Kein anderer hat dermaßen deutlich den Krieg als "Blutbad" und "Gemetzel", bzw. als "Selbstmord Europas" verurteilt. Aber niemand wollte ihn hören. Nicht die Regierenden, aber auch nicht die deutschen oder französischen Bischöfe, die damit beschäftigt waren, die "wahre Katholizität" der eigenen Kriegspartei  herauszustreichen. Erst im Sommer 1917, als Unruhen in ganz Europa die Kriegsmüdigkeit unterstrichen, schien sich ein Fenster für eine Friedensinitiative zu öffnen. Benedikt XV., bzw. sein Nuntius in München, Eugenio Pacelli (der spätere Pius XII.), und Matthias Erzberger versuchten zunächst, auf die deutsche Regierung einzuwirken, danach erging die offizielle Friedensnote des Papstes vom 1. August 1917 an alle kriegführenden Nationen. Aber alle, allen voran Hindenburg und Ludendorff, waren überzeugt, den Krieg noch gewinnen zu können, und deshalb nicht zu Kompromissen bereit.

Natürlich sind es Spekulationen, aber es lohnt doch, sich zu fragen, was passiert wäre – oder besser: was vielleicht nicht passiert wäre – wenn es 1917 zu dem vom Papst so ersehnten "gerechten und dauerhaften" Frieden gekommen wäre. Hätte die russische Novemberrevolution noch aufgehalten werden können? Hätte der Nationalsozialismus dann noch einen so fruchtbaren Boden in Deutschland gefunden?

Eines aber ist klar: Die deutschen Katholiken, Kleriker wie Laien, haben vor und während des Ersten Weltkrieges nicht genug für den Frieden getan.

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Prof. Dr. Birgit Aschmann Prof. für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität, Berlin, Mitglied des ZdK

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