Salzkörner

Donnerstag, 12. Mai 2011

40 Jahre Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK

Rückschau und Positionierung
Dialog, Zusammenarbeit und Begegnung zwischen Juden und Christen gibt es fast überall in Europa und Amerika. Aber nirgends gibt es eine feste Einrichtung wie den Gesprächskreis "Juden und Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, der in diesen Tagen vierzig Jahre alt geworden ist.

Katholiken und Juden erarbeiten im Gesprächskreis seit Jahrzehnten Stellungnahmen zu grundlegenden und aktuellen Themen und veröffentlichen sie im eigenen Namen. Das Präsidium des ZdK stimmt lediglich der Veröffentlichung zu, die Autorschaft liegt beim Gesprächskreis. Unsere Diskussionsbeiträge beanspruchen keine Autorität, sie wiegen nur so viel wie die Argumente. Die Texte, die immer auf Deutsch und Englisch, manchmal auch in anderen Sprachen erscheinen, fanden bislang im In- und Ausland, auch in Fachkreisen und bei kirchlichen Autoritäten erfreuliche Beachtung und hohe Wertschätzung.

Jüngste Kontroversen

Jedoch lösten wir erstmals eine heftige öffentliche Kon-troverse aus mit unserer Kritik an Papst Benedikt wegen seiner neu formulierten Karfreitagsfürbitte "Für die Bekehrung der Juden" im vorkonziliaren Ritus, den er weit großzügiger als sein Vorgänger gestattet. Das wurde zu einem Hauptthema auf dem Osnabrücker Katholikentag 2008. Noch viel heftiger war bekanntlich im folgenden Jahr der Widerspruch gegen die jüngste Erklärung des Gesprächskreises "Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog". Die Wogen haben sich zwar wieder geglättet, auch dank Kardinal Lehmanns Intervention, aber diese wichtige Frage muss offengehalten und theologisch weiter bearbeitet werden. Es geht ja schließlich um den "von Gott nie gekündigten Alten Bund", wie Papst Johannes Paul II. prägnant zu formulieren pflegte. Auf ihm ruht nicht nur die religiöse Identität Israels, sondern auch die Existenz der Kirche. Denn wenn auf das Jawort Gottes kein Verlass ist, dann ist es auch um seinen Bund mit der Kirche schlecht bestellt.

Arbeitsweise

Angeregt durch das Votum eines Arbeitskreises auf dem Trierer Katholikentag 1970 wurde vom Präsidium der Gesprächskreis unter Leitung des Geistlichen Direktors, Prof. Dr. Klaus Hemmerle, im folgenden Jahr ins Leben gerufen. Seit 1974 bin ich zum Leiter des Kreises bestellt. Heute gehören ihm 12 jüdische und 15 katholische Mitglieder an, dazu eine protestantische Professorin für Judaistik. In der Regel treffen wir uns dreimal jährlich im Generalsekretariat des ZdK auf der Hochkreuzallee. Etwa alle drei Jahre veranstalten wir in Zusammenarbeit mit der Katholischen Akademie Bayerns in München eine zweitägige Klausurtagung mit geladenen Gästen zur Diskussion einer grundlegenden Thematik. Im November wird es um die unterschiedlichen Positionen zum Lebensanfang gehen, insbesondere um die theologische Argumentation, zumal sich Juden und Christen (nicht zuletzt) auf das "Alte Testament" berufen.

Seit der Gründung sind weitere Vorhaben die Vorbereitung und Durchführung des christlich-jüdischen Programmteils der Katholikentage und der Ökumenischen Kirchentage sowie zusammen mit dem Präsidium des ZdK Reisen nach Israel, USA, Polen und in andere Länder zum Austausch über die christlich-jüdischen Beziehungen. Für 2013 ist wieder eine Reise nach Israel geplant.

Eine Sternstunde

Eine Sternstunde in der Geschichte des ZdK, wie der Präsident damals sagte, war in der Frühjahrsvollversammlung 1988 die bewegende Aussprache über unsere Erklärung "Nach 50 Jahren – wie reden von Leid, Schuld und Versöhnung?". Dieser Text hat die bei weitem größte Nachfrage gefunden und wurde in etlichen öffentlichen Reden in diesem Gedenkjahr an die Reichspogromnacht zitiert. Erstmals ergriffen auf der Vollversammlung auch zwei jüdische Mitglieder des Gesprächskreises das Wort, Rabbiner Marcel Marcus aus Bern und Prof. Dr. Ernst Ludwig Ehrlich aus Basel, der 2007 verstorbene Mitbegründer des Gesprächskreises, der nur bei einer einzigen Sitzung oder Reise gefehlt hat – weil er krank war.

Themen

Unsere Arbeit lässt sich etwas schematisch nach sechs Themenkreisen gliedern:

Nie wieder Auschwitz!
Nach der Schoa galt natürlich das primäre Interesse der jüdischen Mitglieder der Bekämpfung der Judenfeindschaft, auch ihren geistigen Wurzeln wie der "Lehre der Verachtung" während der ganzen Kirchengeschichte. Uns Christen ging Schritt um Schritt auf, dass wir unsere Identität, ohne es zu merken, auf Kosten der Juden formuliert hatten, als hätten wir eine bessere Ethik, einen radikaleren Glauben, eine größere Hoffnung.

Dialog verlangt Zeitgenossenschaft
Seit der bahnbrechenden Konzilserklärung "Nostra aetate" Nr. 4 war uns keine Frage, dass das Christentum im Judentum der biblischen Zeit und seiner Geschichte bis in die Gegenwart verwurzelt bleibt, während Juden das Christentum nicht zur Bestimmung ihrer Identität benötigen. Doch die Asymmetrie warf das Problem auf: Sind wir nicht beide, wenngleich auf völlig unterschiedliche Weise, "um Gottes willen" aufeinander verwiesen? Diese These erörterten wir in unserer bis heute grundlegenden Erklärung von 1979 "Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs". Nach 25 Jahren erfolgte in der Erklärung "Juden und Christen in Deutschland" die Fortschreibung dieses Dokuments.

Das Ärgernis der Judenmission
1981 stellte Edna Brocke die provozierende Frage in die Runde: Was hofft ihr Christen, um was betet ihr im Blick auf unser Heil? Müssen wir – spätestens am Ende der Geschichte (aber das wäre nur ein zeitlicher Aufschub) – "durch Christus" zu Gott kommen? Wir wiederholten zunächst unsere Aussage von 1979: Keiner darf den anderen vom Ja zu dem an ihn ergangenen Ruf Gottes abbringen. Neu fügten wir hinzu: Das gilt auch angesichts der Messiasfrage, in der nicht Unglaube gegen Glaube, sondern Glaube gegen Glaube steht. Diese alte These, die wir in den beiden jüngsten Erklärungen wiederholten und vertieften, stieß vor zwei Jahren zu unserem Erstaunen plötzlich auf den energischen Widerspruch der Bischöfe.

Der Dekalog als Fundament einer Menschheitsethik
Eine hochrangig besetzte internationale Expertentagung im Jahr 1983 zeigte, dass die Übereinstimmung in der Ethik nicht weniger aufregend und nicht weniger bedeutsam für unser Handeln ist als die Bearbeitung kontroverser Glaubensfragen. Hier müssen wir uns weit mehr als bisher mühen, uns zur Verantwortung für die Zukunftsfragen der Menschheit von Gott in Pflicht nehmen lassen.

Auschwitz – auch ein christliches Problem
Dieses Thema, 50 Jahre nach der "Reichskristallnacht", der Ouvertüre zur Schoa, riss solche Wunden auf, dass einige unter uns ihre Mitarbeit aufkündigten. Auch wenn wir uns nicht selbstgerecht über unsere Vorfahren erheben wollten, konnten wir Christen uns einfach nicht damit abfinden, man hätte halt nichts machen können. Denn die logische Konsequenz hätte gelautet: Dann mussten halt die Juden "dran glauben". Mit dieser zynischen Feststellung konnten wir unmöglich leben. Wenngleich Juden und Christen über die Geschichte trauern, so unser Fazit, trauern sie sehr verschieden. Denn die jüdischen Opfer haben ihr Leben, die (meist getauften) deutschen Täter ihre Würde verloren. Das eine wie das andere Trauma wirkt bis heute nach und verlangt dringend nach Bearbeitung. Sonst bleibt die dunkle Erinnerung wie ein Schwelbrand, der die Atmosphäre weiterhin verpestet.

Selbstkritische Aufarbeitung der Geschichte
"Mehr als die Theologie trennt Christen und Juden die lange Geschichte der Entfremdung und Feindschaft der Kirchen gegen die Juden." Um diese These von E. L. Ehrlich kreisen seit 15 Jahren etliche Stellungnahmen, weil offizielle kirchliche Verlautbarungen meist die Schuld der Täter, vor allem die Schuld der Kirche verharmlosen. Das bewegende Schuldbekenntnis von Johannes Paul II. an der Jerusalemer Klagemauer im Jahr 2000 weist die Richtung.
Dass es heute in Schule und Gesellschaft um das Verhältnis zwischen Juden und Christen ruhiger geworden ist, ist nicht nur beruhigend. Es kann auch ein Zeichen von Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit sein, wenn die einzigartige Verwiesenheit dieser beiden Weltreligionen nicht mehr ernsthaft bedacht wird.

Autor: Prof. Dr. Hanspeter Heinz Vorsitzender des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim ZdK

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