Salzkörner

Mittwoch, 28. Februar 2018

Arbeitszeiten, die zum Leben passen

Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit

Nicht zuletzt mit dem Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie ist die Frage nach mehr Flexibilisierung der Arbeitszeit verstärkt in die öffentliche Diskussion gekommen. Gerade die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit verlangt nach neuen politischen und gesellschaftlichen Antworten.

Arbeitszeitrealitäten

Yunus Dinc ist Mitglied der IG Metall. Er ist Schichtarbeiter bei Bosch in Stuttgart. Der Samstag ist für den 43-jährigen Vater von drei Kindern längst ein Regel-Arbeitstag.  Ab und zu hat er eine Woche frei, doch darauf würde er verzichten, wenn er samstags frei hätte – dann, wenn auch seine Familie zu Hause ist. Ein anderer Metaller berichtet, er habe seine Arbeitszeit um zehn Prozent reduziert, um Zeit für seine Tochter zu haben. Doch er musste dafür kämpfen, bis der Arbeitgeber sich darauf eingelassen hat. Und weniger Arbeit bedeutet auch weniger Geld.

Die beiden Metallarbeiter sind keine Einzelfälle. In den vergangenen Jahren sind die Arbeitszeiten immer flexibler geworden – vor allem im Sinne der Arbeitgeber. So arbeitet inzwischen rund die Hälfte der Beschäftigten im Organisationsbereich der IG Metall zumindest gelegentlich samstags und ein Viertel gelegentlich sonntags. Das zeigt die große IG Metall-Beschäftigtenbefragung, an der sich im vergangenen Jahr mehr als 680.000 Menschen beteiligt haben. 20,8 Prozent der Beschäftigten gaben zudem eine Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeit an und immerhin 11 Prozent eine Unterschreitung der Mindestruhezeit – beides klare Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz. Und nicht alles, was technisch möglich ist – wie die Ausweitung orts- und zeitungebundener Arbeit durch die zunehmende Digitalisierung – wird dem Menschen per se gerecht. Das Recht auf Feierabend muss deshalb stärker betont werden!

Die IG Metall-Befragung zeigt: Viele Beschäftigte arbeiten länger, als es vertraglich vorgesehen ist – zumindest aber oft deutlich länger, als es ihren Wünschen entspricht. So wollen 16,6 Prozent gern 21 bis 34 Stunden pro Woche arbeiten. Aber nur für gut 5 Prozent gilt auch eine solche Arbeitszeit. Zwei Drittel aller Beschäftigten wollen 35 Stunden oder weniger arbeiten, bei SchichtarbeiterInnen beträgt dieser Wert sogar 74 Prozent. Doch nur für 55 Prozent gilt auch eine solche Arbeitszeit.

Arbeitszeit-Realitäten passen oft nicht zum Leben der Beschäftigten. Hinzu kommt, dass sich in den Familien die Rollenverteilung verändert hat. Mehr als zwei Drittel der Mütter minderjähriger Kinder sind erwerbstätig. Frauen wollen nicht mehr "Hinzuverdienerinnen" sein, sondern Männer und Frauen wünschen sich eine gleichberechtigte Aufteilung von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit. Dabei geht es nicht nur um Kindererziehung, sondern auch um Pflege: Von den knapp drei Millionen Pflegebedürftigen leben über 2 Millionen zu Hause – die Mehrheit davon wird ausschließlich durch Angehörige gepflegt. Und das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung prognostiziert für 2030 bis zu 3,5 Millionen Pflegebedürftige.

Erzielter Tarifkompromiss Metall- und Elektroindustrie

Vor dem Hintergrund der Belastungen der Beschäftigten, gerade von SchichtarbeiterInnen, veränderter Rollenbilder und differenzierter Arbeitszeitwünsche, die in der großen Beschäftigtenbefragung genannt wurden, hat die IG Metall das Thema Arbeitszeit in den Mittelpunkt gerückt. Es geht um stärker selbstbestimmte Arbeitszeiten für die Beschäftigten, wobei auch diejenigen berücksichtigt werden, die vorübergehend nicht kürzer, sondern länger arbeiten wollen. Als zentraler Einstieg in das zunehmend wichtiger werdende Arbeitszeitthema zeigt sich der am 06.02.2018 erzielte Tarifkompromiss in Baden-Württemberg. Er gilt als wegweisender Pilotabschluss.

Laut dieses Tarifabschlusses können Beschäftigte ab 2019 ihre Arbeitszeit für mindestens sechs Monate und maximal 24 Monate befristet auf eine verkürzte Vollzeit bis zu 28 Wochenstunden absenken – um mehr Zeit für die Familie zu haben, um bei Bedarf eine zusätzliche Freischicht nehmen zu können oder um mehr Zeit für ehrenamtliche Arbeit zu haben. Eine Wiederholung ist möglich. Dabei gilt: Jede/r kann, keine/r muss!

Insgesamt umfasst das Ergebnis eine Einkommenssteigerung von 4,3 Prozent für 2018, ab 2019 erhalten alle Beschäftigten zusätzlich einen Festbetrag von 400 Euro (Auszubildende 200 Euro) und ein "tarifliches Zusatzgeld" in Höhe von 27,5 Prozent eines Monatsentgelts im Jahr. Für diesen Baustein können Beschäftigte, die Kinder erziehen, Angehörige pflegen oder in Schicht arbeiten, wählen, ob sie statt des tariflichen Zusatzgelds lieber acht freie Tage nehmen wollen. Zwei dieser Tage finanziert dann der Arbeitgeber. Dabei gibt es Voraussetzungen, wie ein Höchstalter der Kinder von 8 Jahren, Mindestzeiten bei der Betriebszugehörigkeit oder eine gestaffelte Berücksichtigung unterschiedlich belastender Formen von Schichtarbeit. Mit diesem Modell konnte die IG Metall einen Einstieg in den Ausgleich von besonderen Belastungen der Beschäftigten durchsetzen und zudem Freiräume für wichtige gesellschaftlich relevante Aufgaben schaffen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben erleichtern. Die tarifliche Befristung stellt sicher, dass es ein Rückkehrrecht in die Vollzeit gibt.

Nachholbedarf seitens der Politik

Eine gesetzliche Verankerung des Rechts auf Rückkehr von Teilzeit in Vollzeit hatte sich die Politik bereits für die letzte Wahlperiode vorgenommen und in den aktuellen GroKo-Verhandlungen wiederholt. Das muss jetzt endlich auch kommen! Mit dem Elterngeld-Plus und dem Partnerschaftsbonus hat auch der Gesetzgeber Anreize für eine partnerschaftliche Aufteilung von Familienarbeit und Erwerbsarbeit gesetzt. Und auch die Familienpflegezeit schafft den Rahmen für eine Reduzierung der Arbeitszeit bei der Pflege von Angehörigen – Pflegende sind zudem in der Rentenversicherung abgesichert. Doch trotz dieser Regelungen haben Beschäftigte mit einem massiven Einkommensausfall zu kämpfen, wenn sie ihre Arbeitszeit zugunsten von Pflegezeit reduzieren. Die staatlichen Leistungen sind bisher völlig unzureichend. Wer die Familienpflegezeit in Anspruch nimmt, kann ein Darlehen in Anspruch nehmen – Pflege auf Pump also!

Gemeinsamkeiten von Kirchen und Gewerkschaften

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken fordert in einer Erklärung von Juni 2017, die "Angehörigenpflege sollte ähnlich und in vergleichbarem Umfang wie die Versorgung und Erziehung kleiner Kinder gefördert werden." Das ZdK verweist dabei auf Konzepte einer reduzierten Vollzeiterwerbstätigkeit beider Partner im Bereich Kinderziehung und fordert eine solche Förderung auch für pflegende Angehörige. Dabei wird auch eine Verantwortung der Tarifparteien betont. Insofern verfolgen IG Metall und ZdK in diesem Bereich das gleiche Ziel.

Ganz grundsätzlich zielt die IG Metall darauf ab, mit den erreichten arbeitszeitpolitischen Verbesserungen Familien zu stärken. Und Kirchen und Gewerkschaften eint darüber hinaus die Auffassung, dass das Wochenende und erst recht der Sonntag nicht Regel-Arbeitszeit werden sollen.

Auch grundlegende Wertvorstellungen, wie die Hervorhebung des Prinzips der Solidarität im gesellschaftlichen Zusammenleben, zeigen weitere Gemeinsamkeiten zwischen Gewerkschaften und Kirchen auf. Die katholische Soziallehre betont zudem eindeutig den Vorrang der menschlichen Arbeit und dass die Wirtschaft dem Menschen zu dienen hat – nicht umgekehrt. In diesem Sinne sind selbstbestimmte Arbeitszeiten, wie die IG Metall sie fordert, auch Ausdruck der Würde des arbeitenden Menschen.

Im gemeinsamen Aufruf der Vorsitzenden von Deutscher Bischofskonferenz und EKD zu den Betriebsratswahlen 2018 heißt es: "Damit Erwerbsarbeit nicht das ganze Leben bestimmt, braucht es auch Grenzen der Arbeit: Grenzen der Belastungen, Grenzen der zeitlichen Verfügbarkeit und Grenzen der Ökonomisierung."

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass gesellschaftlich zunehmend relevante Themen, wie das umfassende Thema "Arbeitszeiten, die zum Leben passen", eine noch breitere Unterstützung seitens der Kirchen in der weiteren öffentlichen Diskussion erfahren. Denn die vielen betroffenen Menschen, für die sich Gewerkschaften und Kirchen dabei einsetzen, leben und arbeiten gemeinsam in unserer Gesellschaft.

 

 

 

 

Autor: André Arenz Erster Bevollmächtigter der Geschäftsstelle Olpe und ehrenamtliches Vorstandsmitglied der IG Metall, Mitglied des ZdK

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