Salzkörner

Mittwoch, 9. Mai 2012

Arm dran ist, wer arm ist

Armut in Deutschland

Nach dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2008 sind 13 % der Bevölkerung in Deutschland arm. Bestimmte Risikogruppen sind besonders häufig von Armut betroffen. Die Einkommensverteilung ist ungleicher geworden. Wie will unsere Gesellschaft damit umgehen?

Berlin ist die Hauptstadt der Politik, Medien und zunehmend auch der Mode. Aber sie ist auch die Hartz-IV-Hauptstadt. Jedes dritte Kind unter 15 Jahren lebt in einer Familie im ALG II-Bezug. Die Kontraste zwischen edlen Modeboutiquen und heruntergekommenen Straßenzügen sind in Berlin vielleicht krasser als in manchen anderen Städten. Weniger direkt sichtbar ist die ländliche Armut im Land Brandenburg. Eine zunehmende Armutsrisikogruppe sind hier Menschen mit Mindestrenten. Eine Beobachtung aus der Alltagsempirie: Bei der 14-tägigen Seniorenerholung, die die Caritas in Brandenburg anbietet, waren bis vor wenigen Jahren die Hälfte der Senioren auf öffentliche Zuschüsse angewiesen, um den sowieso nicht üppigen Teilnehmerbetrag zahlen zu können. Jetzt sind es fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

13 % der Bevölkerung sind arm

Nach dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2008 sind 13 % der Bevölkerung in Deutschland arm. Arm im Sinne der hier verwandten Definition ist jeder, dessen Nettoeinkommen weniger als 60 % des Mittelwerts (Median) beträgt. Ein Alleinstehender ist demnach arm, wenn er netto weniger als 781 Euro pro Monat hat. Eine Familie mit zwei Kindern gilt als arm, wenn sie über weniger als 1640 Euro verfügt. Den Anteil der Bevölkerung, der unterhalb dieser Werte liegt, wird als Armutsrisikoquote bezeichnet. Die Armutsrisikoquote von 13 % bezieht sich auf die Einkommensverteilung nach Sozialtransfers. Dies können z. B. Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe, Kindergeld, Kinderzuschlag oder die Grundsicherung im Alter sein. Ohne diese Transfers würden 26 % der Bevölkerung als arm gelten.

Entscheidend dabei ist, in welcher Lebensphase die Menschen von Armut betroffen ist und ob dieser Zustand anhaltend ist. So ist es problematisch, Studierende, die weniger als 781 Euro zur Verfügung haben, zu den Armen zu zählen. Für sie mag im Einzelfall ihr Einkommen zwar prekär sein, jedoch handelt es sich zumeist um einen vorübergehenden Zustand. Denn ihre Chancen als Akademiker arbeitslos zu sein und ein geringes Einkommen zu haben, sind deutlich geringer als bei einer Person ohne Berufsabschluss.

Die Armutsrisikoquote ist gestiegen

Trotz mancher Fortschritte wie z. B. einem Rückgang der Arbeitslosigkeit, deutet alles darauf hin, dass die Armutsrisikoquote in den letzten zehn Jahren gestiegen und die Einkommensverteilung ungleicher geworden ist, auch wenn über das genaue Ausmaß des Anstiegs sehr gestritten wird. Nach den Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) stieg die Quote von 12 % 1998 auf 18 % 2005. 11 % haben ein dauerhaftes Armutsrisiko. 5 % sind von sog. dauerhaft strenger Armut betroffen. Sie haben dauerhaft ein Einkommen von weniger als 50 % des mittleren Einkommens. Diese Gruppe ist nahezu konstant geblieben.

Wenig Fortschritte bei den verfestigten Risikogruppen

Bestimmte Risikogruppen sind besonders häufig von Armut betroffen. Arbeitslosigkeit ist die bei weitem häufigste Ursache für Armut. Menschen ohne Berufsausbildung haben ein Armutsrisiko von 19 %. Dies ergibt sich daraus, dass Menschen ohne Berufsausbildung ein etwa dreifach höheres Risiko haben arbeitslos zu sein und weit häufiger in schlecht bezahlten Jobs arbeiten. Zudem hat die Gruppe der Alleinerziehenden mit 24 % eine deutlich höhere Armutsrisikoquote. Wenn Alleinerziehende langzeitarbeitslos sind, haben sie damit auch ein Einkommen unter der Armutsrisikoschwelle. Wenn sie Teilzeit arbeiten und auf ergänzendes Arbeitslosengeld II angewiesen sind, ist das häufig ebenfalls so. 40 % der Alleinerziehenden in Deutschland leben von Arbeitslosengeld II. Besonders problematisch ist die Wirkung von Armut auf Kinder. Kinder aus armen Familien haben deutlich schlechtere Bildungschancen, weniger Zugangsmöglichkeiten zum Arbeitsmarkt und vor allem höhere Gesundheitsrisiken.

Armut macht krank – jeder verdient Gesundheit

Menschen in anhaltender Armut tragen ein höheres Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall, Diabetes mellitus oder eine chronische Bronchitis zu bekommen. Kinder aus armen Familien leiden weit häufiger am Übergewicht. Sie haben häufiger Defizite in der Sprachentwicklung. Kinder aus armen Familien beginnen häufiger und früher zu rauchen. Auch bei Erwachsenen gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Suchtkrankheit und Armutsrisiken.

Die Praxisgebühr muss abgeschafft werden

Wer von Arbeitslosengeld II lebt, überlegt jede Ausgabe genau. So werden notwendige Arztbesuche aufgeschoben, um die Praxisgebühr zu sparen. Auch die Zuzahlungen und Eigenbeteiligungen, die in den vergangenen Jahren eingeführt bzw. ausgeweitet wurden, schrecken viele Menschen ab. Die Praxisgebühr wurde eingeführt, um medizinisch nicht notwendige Arztbesuche einzuschränken. Diese steuernde Wirkung hat die Praxisgebühr nicht erreicht. Deshalb fordert die Caritas die Abschaffung der Praxisgebühr.

Benachteiligte Menschen haben teilweise nicht die gleichen Zugangschancen zum Gesundheitswesen. Ein häufiges Bild, das von Vertreterinnen und Vertretern einer eher liberal geprägten Position vertreten wird, ist die Vorstellung von einem relativ mündigen, souveränen Patienten, der seine Entscheidungen rational im Gesundheitswesen trifft. In Analogie zu dem Gerechtigkeitstheoretiker John Rawls ist ein System, das der Verteilung von (existenziellen) Gütern dient, jedoch auch stets aus der Perspektive des am schlechtest Gestellten zu betrachten. Für das Gesundheitswesen bedeutet dies, dass wir die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens auch stets aus der Perspektive von Menschen mit geringem Einkommen, z. B. Hartz-IV-Empfängern, Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen sowie Menschen mit Demenz oder anderen Einschränkungen bewerten müssen.

Das Gesundheitswesen könnte allerdings noch so gut mit Ressourcen ausgestattet werden. Es wird diese Zusammenhänge zwischen Armut-Bildung-Gesundheit-Benachteiligung nur begrenzt verändern. Im Gegenteil, das Gesundheitswesen ist häufig Auffangbecken für soziale Nöte von Menschen – sei es Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, fehlende Beheimatung oder das Risiko, abgeschoben zu werden. Da hilft keine Medizin, sie kann höchstens Symp-tome lindern. Es besteht im Gegenteil sogar die Gefahr, dass solche Nöte medikalisiert werden. Deswegen plädiere ich für eine Demedikalisierung von Lebenslagen. Wir brauchen hingegen einen übergreifenden Ansatz im Sinne der Verhältnisprävention. Im Vordergrund steht dabei die Stiftung von Solidarität im Nahraum zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Familien und soziale Netze zu stärken ist das oberste Gebot.

Statt Castingshow Kinderoper in Berlin-Lichtenberg

Genau hier setzt die Arbeit der Caritas im Erzbistum Berlin an. So verwandelt sich das Caritas-Kinder- und Jugendfreizeitzentrum Steinhaus im Stadtteil Frankfurter Allee Süd, einem sozialen Brennpunkt, in Berlin-Lichtenberg jeden Donnerstag zu einem Kinderopernhaus im Kiez (www.caritas-berlin.de). Die Räume des Jugendfreizeitzentrums werden zu einer Probebühne, einem musikalischen Studio, einer Bühnenbildwerkstatt, einer Medienzentrale und einem "Opernkasino". Hier entstehen, in bewährter Zusammenarbeit mit der Staatsoper im Schiller-Theater, neue Produktionen, die sogar in den Spielplan der Oper aufgenommen wurden. Die Neugier und die Kreativität der Kinder für die Welt der Oper werden gefördert. Begleitet von erfahrenen Theaterpädagogen, Sozialpädagogen und Künstlern erarbeiten die Kinder in Teamwork neue künstlerische Werke und erweitern ihre sozialen Kompetenzen. Statt unwahrscheinliche Hoffnungen in entwürdigende Castingshows zu setzen, lernen sie ihre Talente in der Kinderoper kennen. Und das Beste ist, dass der ganze Stadtteil – einschließlich der katholischen Pfarrgemeinde – mitanpackt und viele Zuschauer aus ganz Berlin magisch angezogen werden. Das ist eine Initiative für Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt!

 

 

 

 

Autor: Dr. Ulrike Kostka, Diözesancaritasdirektorin des Erzbistums Berlin und Moraltheologin

zurück zur Übersicht