Salzkörner

Montag, 9. März 2015

Auseinandersetzung mit Sterben und Tod

Die letzte Entwicklungsaufgabe im menschlichen Leben

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hatte im Oktober 2014 an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages appelliert, jede Form der organisierten Beihilfe zum Suizid ausnahmslos und strafbewehrt zu verbieten. Zudem forderte das ZdK den Bundestag auf, zeitgleich die palliative Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen umfassend zu verbessern und strukturell abzusichern. Voraussichtlich im Herbst 2015 wird der Bundestag über die dann vorliegenden Gesetzentwürfe abstimmen. Professor Doktor honoris causa Ursula Lehr beleuchtet in dem folgenden Artikel die unterschiedliche Auseinandersetzung mit der Todesproblematik.

"Jeder Mensch hat seinen eigenen Tod" (Rilke), jeder Mensch hat seine ihm ureigene Art, den letzten Weg seines irdischen Daseins zu gehen. Der Tod ist die letzte "developmental task", die letzte Entwicklungsaufgabe, die jedes Individuum für sich zu meistern hat. Wir können uns vielleicht auf diese Entwicklungsaufgabe vorbereiten, indem wir diese Situation antizipieren und nicht als "Unangenehmes" von vorneherein verdrängen. Der Theorie nach müsste eine Antizipation der Situation die Auseinandersetzung mit dieser in der konkreten Situation erleichtern. Doch: Über das Sterben reden oder das eigene Sterben bis in alle Einzelheiten zu antizipieren, das ist zweierlei.

Die Formen der Auseinandersetzung mit der Todesproblematik sind jeweils andere, je nachdem, ob es sich noch um relativ rüstige Menschen, selbst sehr hohen Alters, oder um Patienten handelt, die an einer schweren Krankheit leiden. In der Auseinandersetzung nicht akut erkrankter Hochbetagter mit der Thematik "Tod und Sterben" fand man eine starke Realitätsorientierung, d. h. eine geradezu forcierte Unterstreichung der Selbstverständlichkeit der Tatsache, dass alle Menschen einmal sterben müssen. Den Tod nimmt man hin, den Sterbeprozess, das Leiden, fürchtet man. Und das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Für die Annahme geschlechtsspezifischer – d.h. durch das Geschlecht bestimmter - Unterschiede in der Auseinandersetzung mit dem Sterbeprozess gibt es keine Belege.

Einstellung zum Tod

Zweifellos gilt: eine reale Sicht der Lebenssituation im höheren Alter sollte auch die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Daseins nicht scheuen. Die Zahl psychologischer Literatur zum Todesproblem ist in den letzten 30 Jahren sehr angestiegen. Die meisten Untersuchungen gehen allerdings der Frage der Einstellung zum Tod nach oder dem Verhalten der Umwelt gegenüber den Sterbenden.

Methodisch abgesicherte Untersuchungen an Menschen in ihrer allerletzten Lebensphase verbieten sich zumindest jenen verantwortungsbewussten Forschern, die mit Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben stehen. Hier sollte sich die empirische Wissenschaft ihre Grenzen eingestehen – auch im Zeitalter von "Big Brother"! Der Sterbende selbst als Gegenstand psychologischer, experimenteller Untersuchungen, Befragungen, Testungen oder gar Video-Aufnahmen und Tonbandprotokollen übereifriger methodenbewusster Forscher – das lehne ich ab. Das Sterben eines Menschen ist etwas so Einmaliges, dass sich jede Generalisierung verbietet. Der Sterbeprozess in seiner Endphase entzieht sich – Gott sei Dank – dem strengen wissenschaftlichen Zugriff.

Vergangenheitsaspekt

Vielleicht lässt sich aber auch eine andere Erkenntnis aus der "developmental- task"-Forschung in gewisser Weise übertragen: Jedes kritische Lebensereignis, das zu unserer weiteren Entwicklung beiträgt, wird von jedem Individuum unterschiedlich erlebt:

  • je nach der eigenen Vergangenheit, nach biografischen Gegebenheiten, nach Persönlichkeit,
  • je nach den gegenwärtigen situativen Bedingungen
  • je nach Zukunftsorientierung

Das heißt: die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben wird einmal mit bestimmt vom bisherigen Leben (von Todeserfahrungen, aber auch von Lebenserfahrungen: dem Gefühl, seine Lebensaufgaben erfüllt zu haben, einen "geordneten" Haushalt zu hinterlassen), zum anderen auch von der konkreten gegenwärtigen Situation: den krankheitsbedingten Umständen, aber auch von familiären-sozialen Beziehungen; schließlich von der Zukunftsorientierung, dem Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. – "Sterben lernen" heißt eigentlich "Leben lernen". Das hat der Tübinger Psychiater SCHULTE klar ausgedrückt, wenn er sagt: "Belastend für den Alternden ist nicht so sehr, dass er gelebt hat und mit der Zeit auf dieses Leben verzichten muss, sondern belastend für den Einzelnen ist, dass man gerade nicht gelebt hat, nicht richtig, nicht ernst genug, nicht erfüllt genug, dass man überhaupt nicht gelebt hat und das Angebot des Lebens vertan ist, bevor es sich überhaupt erst hat entfalten können". Auch das macht den Vergangenheitsaspekt deutlich.

Das Sterben erleichtern helfen heißt auch, bei einem Rückblick dem Sterbenden klar werden zu lassen, dass er gelebt hat, dass sich sein Leben gelohnt hat. Es heißt, ihm bei einer positiven Bilanzierung zu helfen. Es heißt, ihm zu zeigen, dass in der gegenwärtigen Situation alles geregelt ist, – oder wenn nötig – ihm bei dieser Regelung zu helfen, sodass er getrost Abschied nehmen kann in eine andere Zukunft.

Familiensituation

Untersuchungen weisen darauf hin, dass der Sterbende oft eher bereit ist, den Tod anzunehmen, dass er selbst darüber reden möchte, dass aber die Familie oft nicht zu einem Akzeptieren dieser Situation zu bringen ist. Dem bei einem längeren Sterbeprozess zu Hause stets anwesenden Partner – häufiger ist es die Partnerin – wird einiges abverlangt. Und sie braucht Unterstützung durch die Umwelt. Sie braucht jemanden, mit dem sie ihre einmaligen Erfahrungen in der Situation, die Reaktionen des vielleicht sogar verwirrten Sterbenden, bespricht, um diese selbst "zu verarbeiten" und so für die nächsten Stunden gerüstet zu sein. Oft spricht der Sterbende in Phantasien, in Traumbildern, die es zu deuten gilt und auf die man vielleicht reagieren sollte. Der Angehörige braucht Hilfe für eine realistische Antizipation des Todes. Der Angehörige braucht vor allem aber Beistand, wenn das – auch erwartete – Ereignis eingetreten ist und man jetzt erst merkt, in wie vielfältiger Weise sich das eigene weitere Leben ändert.

Es ist mit ein Verdienst der Hospiz-Bewegung, die Thematik der Sterbebegleitung stärker in den Vordergrund der Diskussion gerückt zu haben. STAPPEN und DINTER arbeiten sehr deutlich Aufgaben der Sterbebegleitung heraus, wobei sie die Individualität des Sterbens immer wieder betonen. Es gilt,

  • die Autonomie des Sterbenden zu achten,
  • ein würdevolles Leben bis zuletzt zu ermöglichen,
  • den Sterbenden und seine Angehörigen als Mitglieder einer Familie zu sehen,
  • die bewusste Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens zu fördern,
  • Gefühle des Sterbenden zu akzeptieren und zu klären,
  • ein vertieftes Anteilnehmen zu erlernen,
  • Sozialberatung zu vermitteln und
  • in spirituellen und religiösen Fragen zu begleiten.

die Ängste des Sterbenden zu verstehen die sehr vielseitig sein können und nach Möglichkeit helfen, sie zu mindern

Vor allem aber kommt es darauf an, Schmerztherapie und Palliativmedizin auszubauen und sie einem jeden zugänglich zu machen, um so dem Wunsch nach einem assistierten Suizid zu begegnen. Hier wird das Ende des Lebens von außen herbeigeführt, abgebrochen, ohne dass es sich von innen vollenden konnte. "Denn auch das Alter ist Leben... Wohl bedeutet es die Annäherung an den Tod; aber auch der Tod ist ja noch Leben. Er ist nicht nur ein Aufhören und Zunichtewerden, sondern trägt einen Sinn in sich. Denken wir an die Doppelbedeutung, die das Wort ,Enden’ hat, und die in der Verbindung mit dem Eigenschaftswort ‚voll’ zutage tritt. ‚Voll-enden’ heißt wohl, zu Ende bringen, aber so, dass sich darin das erfüllt, worum es geht. So ist der Tod nicht das Nullwerden, sondern der Endwert des Lebens – etwas, das unsere Zeit vergessen hat. Die Alten haben von der ‚ars moriendi’ gesprochen, von der Kunst des Sterbens, und damit sagen wollen, es gäbe ein falsches und ein richtiges Sterben: das bloße Ausrinnen und Zu-Grunde-Gehen - aber auch das Fertig- und Voll-Werden, die letzte Verwirklichung der Daseinsgestalt." (Guardini)

 

 

 

 

 

Autor: Prof. Dr. Dres. h. c. Ursula Lehr Bundesministerin a. D.

zurück zur Übersicht