Salzkörner

Freitag, 19. Dezember 2014

Ausgebucht!

Meditation zum Weihnachtsfest 2014

Wer auf einem der einschlägigen Reiseportale im Internet nach einem Hotel sucht, gerät schnell unter Druck: „25 Personen schauen sich in diesem Moment ebenfalls diese Unterkunft an“, heißt es da oder „die letzte Buchung erfolgte vor vier Minuten“. Schon Anfang Dezember muss ich befürchten, im nächsten Sommerurlaub ohne die passende Urlaubsherberge in einem Zelt am Straßenrand zwischen Ravenna und Ferrara campieren zu müssen …

Im Chaos gegenwärtig werden

Natürlich handelt es sich bei der im Weihnachtsevangelium erwähnten katalyma (Lk 2,7) um kein Hotel. Bei den Übersetzern ist von „Herberge“, „Wohnraum“ und „Einkehr“ die Rede. Ich möchte gerne „Karawanserei“ hinzufügen. Der Begriff mag wohl, weil nicht ganz zutreffend, zunächst in die Irre führen. Aber er hilft mir für ein erstes Verständnis dessen, was Lukas sagen möchte. Als Jesus geboren wurde, so der Evangelist, war die ganze Welt auf den Beinen und daher selbst Betlehem heillos überfüllt, ausgebucht. So kommt Jesus draußen zur Welt, vielleicht unter einem notdürftig errichteten Zelt, dort wo die Reittiere der Reisenden stehen, nahe bei Tränke und Futtertrog. Erst wir haben den Neugeborenen samt Maria und Josef in einen Stall gesperrt. Ein Stall, wahlweise auch eine Grotte ausgepolstert mit Moos und einer Handvoll Heu, beflügelt unsere Weihnachtsfantasie und macht den Gedanken erträglich, dass er letztlich kein Dach über dem Kopf hatte. Wir singen „Stille Nacht, heilige Nacht“, schauen auf Engelchen mit Geigen in den Händen, stellen uns freundliche Hirten vor, die kuschelige Schaffelle und warme Milch bringen. Diese Jahr für Jahr manchmal so mühsam heraufbeschworenen Bilder zerfallen spätestens am ersten Werktag nach den Feiertagen. - Ausgebucht!: Die ganze Welt, heute mehr denn je eine Karawanserei überfüllt mit Reisenden aller Art, hat weder ein Zimmer noch einen Termin für ihn frei. Der Ort seiner Geburt ist zugleich seine erste Botschaft: er will im Chaos, mitten in der lärmenden Karawanserei unserer Welt und der meines Lebens gegenwärtig sein.

Gott beherbergt sich bei den Herbergslosen

Doch der eigentliche Kern dieser Mitteilung ist ein anderer: es war überhaupt kein Platz mehr frei für Mutter, Vater und Sohn, denn „die Seinen nahmen ihn nicht auf“(Joh 1,11). Es gab und gibt überhaupt keinen menschenwürdigen Ort für ihn, für Maria und Josef. Die kleine Familie erlebt, was dem Sohn zeitlebens bevorsteht: haus- und heimatlos zu sein. Die drei gehören damit zum heutigen „Heer“ der Menschen ohne bergende Bleibe. Syrien, Irak und die Ukraine stehen Ende 2014 beispielhaft für das Zusammenbrechen von Herbergen in der Welt, stehen für massenhafte Ungeborgenheit. Die erste Reaktion ist ebenso verständlich wie ernüchternd. In der ganzen Weihnachtsgeschichte kommt lediglich an einer einzigen Stelle eine Verneinung vor: dort wo es um die Herberge geht. Alles andere erzählt vom Ja Gottes zum Menschen. Der Mensch aber erwidert mit einem „Nein, ausgebucht!“. Dem Nein der abgeschotteten Herberge steht das Ja Gottes gegenüber. Und so beherbergt Gott sich bei denen, die selber keine Herberge haben.

Zimmer frei

Beim unsentimentalen Blick zur und dann in die Krippe erahne ich es: auch bei mir beherbergt er sich. Die Tradition der Feier des Immer-Gleichen wird sich selbst zur Störung. Das Fest schützt mich nicht vor dem Andrängen Dessen, der die Gegenwart, in der ich lebe, vermenschlichen will, - der mich vermenschlichen will! Meine Weihnachtsseligkeit kommt ins Stocken: Bin ich inmitten der ach so sicheren Einrichtung meines Lebens ein Herbergsloser? Der Tod eines nahen Freundes kurz vor dem Ersten Advent erinnert mich nachdrücklich: auch ich bin nur „Gast auf Erden“ und wandere ohne vorgebuchte Bleibe. Die Blickrichtung kehrt sich um: feste Herberge gibt nur ER. Weihnachten sichert er mir beispielhaft sein „ZIMMER FREI“ zu. Höchste Zeit, ihn einzulassen, den unbeherbergten Beherberger und die, inmitten derer er sich berherbergt, inmitten derer, die Hilfe brauchen, inmitten derer, die eine Heimat suchen.

Autor: Stefan-B. Eirich, Rektor im ZdK

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