Salzkörner

Montag, 29. August 2011

Aussöhner zwischen Deutschen und Polen

Zum 70. Todestag von Maximilian Kolbe

Eine jahrhundertelange wechselvolle Geschichte zeichnet das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. Dass die beiden Länder heute im freundschaftlichen Verhältnis zueinander stehen, ist nicht selbstverständlich. Vor allem die grausamen Verbrechen Nazideutschlands an Millionen Polinnen und Polen, Vertreibung und der Eiserne Vorhang zogen einen tiefen Graben zwischen die beiden Nachbarländer. Unter den Gräueltaten Nazideutschlands hatte auch Rajmund Maksymilian Maria Kolbe (geb. 08.01.1894 in Zduńska Wola) zu leiden. Er starb 1941 im Hungertodbunker des Konzentrationslagers (KZ) Auschwitz durch eine Phenol-Injektion. Kolbe ging freiwillig in den Hungerbunker, um dies einem Mithäftling und Familienvater zu ersparen. Der polnische Franziskanerpater erfuhr im KZ den menschenverachtenden Terror der Nazi-Diktatur. Am 14.08.2011 jährt sich sein Todestag zum siebzigsten Mal.

Um "das Leben und die moralische Haltung dieses
herausragenden Polen und Priesters, eines Verteidigers der Menschenwürde und Vorbilds der Tugenden, einer moralischen Autorität, eines Helden mit heroischem Mut, eines Erziehers und für die Allgemeinheit tätigen Menschen, aber auch eines Weltbürgers" zu ehren, hat der polnische Senat das Jahr 2011 zum Maximilian-Kolbe-Jahr ausgerufen. Auch das Maximilian-Kolbe-Werk, mit Sitz in Freiburg, würdigt das Gedenkjahr, indem es anlässlich des Todestages eine Bildungsfahrt auf den Lebensspuren Maximilian Kolbes unternimmt. Die Maximilian-Kolbe-Stiftung bringt zudem junge Menschen aus ganz Europa zu einem Workshop in Auschwitz zusammen.
Als "Märtyrer der Versöhnung" bezeichnete einst Kardinal Döpfner Maximilian Kolbe. Für mich ist er daran anknüpfend das Symbol für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen. Aussöhnung und somit auch Beziehungen zwischen Ländern und Völkern sind nie etwas Abstraktes und schon gar nicht mit Beziehungen politischer Eliten zu verwechseln. Es sind immer konkrete Menschen, die Beziehungen aufbauen und pflegen.

Das Maximilian-Kolbe-Werk

Von großer Bedeutung für die deutsch-polnische Aussöhnung war eine Gruppe deutscher Christen der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. 1964 kamen sie nach Auschwitz, um Buße für das Unrecht zu tun, das Deutsche dem polnischen Volk und den unzähligen Opfern in KZs angetan hatten. Der Besuch in Auschwitz und die Begegnung mit Überlebenden vor Ort führte zur sogenannten "Solidaritäts-Spende" für ehemalige Häftlinge. Sie mündete 1973 in der Gründung des Maximilian-Kolbe-Werks, das bis heute diese Arbeit für ehemalige Häftlinge, Lagerinsassen und Menschen aus den Ghettos fortführt.

Briefwechsel

Dass der Märtyrer Maximilian Kolbe verbindet, drückt sich im gemeinsamen Bittgesuch polnischer und deutscher Bischöfe aus. 1993, in einer Zeit, als an Versöhnung kaum zu denken war, baten sie in einem gemeinsamen Schreiben um die Seligsprechung von Maximilian Kolbe. Im November 1965, ebenfalls im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils, ergriffen polnische Bischöfe die Initiative und wandten sich direkt an ihre deutschen Amtskollegen, um Aussöhnung zu suchen. Zum wichtigsten Leitmotiv wurde der Satz "Wir strecken unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung", den die polnischen Bischöfe formulierten und der von den deutschen Bischöfen in ihrem Antwortschreiben aufgegriffen wurde.
Dennoch war die Antwort der deutschen Bischöfe auf den national anmutenden, wenngleich aus moderater polnischer Perspektive geschriebenen, Hirtenbrief alles andere als einfach. Glaubten die deutschen Bischöfe doch, auf die zahlreichen aus den heutigen polnischen Westgebieten und dem ehemaligen Ostpreußen vertriebenen Deutschen Rücksicht nehmen zu müssen, während von polnischer Seite eine klare Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze erwartet wurde. Auch wenn die Antwort nicht von derselben prophetischen Weite gekennzeichnet war wie das Schreiben der polnischen Bischöfe, hatten die Bischöfe beider Länder einen hoffnungsvollen Impuls der Annäherung gegeben. Mit der gegenseitigen Vergebung war und sind die Briefe ein wegzeichnendes Dokument der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen geworden.

Politische Entwicklung

Bei den Versöhnungsbemühungen darf die Wechselseitigkeit der Initiativen aus Kirche und Politik nicht unterschätzt werden. Die kommunistische Führung Polens versuchte, jedwede Annäherung an die so bezeichnete kapitalistische westdeutsche Bundesrepublik Deutschland zu verhindern und sie als größten Feind Polens hochzustilisieren. Auf politischer Ebene herrschte bis Anfang der 1970er Jahre eine Atmosphäre der 'Sprachlosigkeit', wenngleich die Bundesrepublik Deutschland die Annäherung der Kirchen in Folge des Briefwechsels begrüßte. Das politische Klima änderte sich mit dem Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt am Ehrenmahnmal des ehemaligen Warschauer Ghettos. Einen weiteren Fortschritt in der deutsch-polnischen Beziehung brachte der Versöhnungsgottesdienst mit dem polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki und dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl im November 1989 in Kreisau. Der Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer sowie die Beendigung des Sozialismus in Polen – bei dem Johannes Paul II. eine maßgebliche Rolle zugeschrieben werden kann – brachte der Versöhnung weiteren Aufwind.
2011 jährt sich nicht nur der siebzigste Todestag Maximilian Kolbes. Vor wenigen Wochen konnten Polen und Deutschland auch den zwanzigsten Jahrestag des "Vertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" – kurz den "deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag" – feierlich begehen. Nachdem im November 1990 Deutschland und Polen die zwischen ihnen bestehende Grenze völkerrechtlich bestätigten, unterzeichneten Bundeskanzler Helmut Kohl, der polnische Ministerpräsident Jan Bielecki und die Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Krzysztof Skubiszewski am 17.06.1991 den Nachbarschaftsvertrag.

Aufarbeitung

Trotz der partnerschaftlichen und friedlichen Zusammenarbeit beider Staaten, fiel und fällt es beiden Seiten mitunter schwer, die Geschichte von Polen und Deutschland aufzuarbeiten und gemeinsam zu interpretieren. Es braucht die Erinnerung an die Vergangenheit, die schonungslose Aufdeckung von Verbrechen und Verletzungen, aber auch die Entdeckung der vielen Gemeinsamkeiten.
Die polnischen und deutschen Bischöfe standen einander ein, dass beide Länder Schuld trugen. Ihnen mag es, aufgrund der Eigenschaft der katholischen Kirche als Weltkirche, leichter gefallen sein, über die nationale Herkunft hinaus zu blicken und erste Schritte aufeinander zuzugehen. Leicht war dies allerdings nicht angesichts der Spaltung Europas in Folge des Zweiten Weltkriegs. 1986, als sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 50sten mal jährte, gaben prominente Katholiken aus Polen und Deutschland eine Erklärung "Für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in Europa" ab. Von großer Bedeutung war auch das erste "Gemeinsame Wort" deutscher und polnischer Bischöfe von 1995, in dem vom Unrecht auf beiden Seiten gesprochen wurde. 2005 folgte ein zweites "Gemeinsames Wort".
Zur Versöhnung bedarf es der Aufarbeitung und Bewusstmachung unserer Geschichte mit allen negativen, aber auch positiven Seiten. Zur Versöhnung gehört auch, nach vorne zu schauen, auf der neuen Beziehung aufzubauen und sie weiterzuentwickeln, sodass Freundschaften entstehen, die stärker sind als Verbitterung und Feindseligkeit. So wie das Maximilian-Kolbe-Werk dies praktiziert. Es beschränkt sich nicht auf die humanitäre und finanzielle Unterstützung von KZ- und Ghettoüberlebenden, sondern bietet durch Begegnungen, Jugendaustausch, Zeitzeugenveranstaltungen und ehrenamtliches Engagement Projekte für Menschen unabhängig von Alter und Herkunft an. Damit trägt es zur Verständigung und Versöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk und mit anderen Ländern Mittel- und Osteuropas bei.
Dank des Einsatzes von engagierten Christen, Bischöfen und Politikern ist es gelungen, die neue Realität eines in Frieden und Freiheit geeinten Europas zu erlangen. Daran muss ständig weitergearbeitet werden.

Autor: Peter Weiß MdB Präsident des Maximilian-Kolbe-Werks und Vorsitzender der Maximilian-Kolbe-Stiftung, Mitglied im ZdK und Sprecher des Sachbereichs "Weltkirchliche Solidarität und Entwicklungszusammenarbeit"

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