Salzkörner

Dienstag, 25. Februar 2014

Bischof in dieser Zeit

Wesentliches und Zeitbedingtes unterscheiden

Derzeit sind - und werden in naher Zukunft - in Deutschland zahlreiche Bischofsstühle neu zu besetzen sein. In der Öffentlichkeit wird in diesem Zusammenhang viel über Verfahren und Namen diskutiert. Zu wenig wird darüber gesprochen, welche Voraussetzungen jemand mitbringen sollte, der dieses Amt übernimmt.

Nach katholischer Überzeugung bilden die Bischöfe unter der Leitung des Bischofs von Rom den kollegialen Führungskern der Kirche, der in der Nachfolge des von Jesus Christus berufenen Apostelkollegiums steht. Dieser Gedanke, der vom II. Vatikanischen Konzil in der Kirchenkonstitution Lumen gentium bekräftigt wurde, steht im Einklang mit frühen Entwicklungen in der alten Kirche. Das Bischofsamt ist also zugleich eine Stiftung Jesu Christi und ein Phänomen der Kirchengeschichte. Tatsächlich haben das Verständnis, die Gestalt und die Praxis des Bischofsamtes im Verlauf der Geschichte mancherlei Wandel erfahren. So wie das Evangelium sich bei seiner Verkündigung mit der Kultur unterschiedlicher Zeiten und Völker verbindet, so steht auch die Art, wie die Kirche lebt und sich als Gemeinschaft ordnet und gestaltet, im Zusammenhang mit den zeitbedingten Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens und staatlicher Ordnung. Da auch Christen Kinder ihrer Zeit sind, kann die Versuchung übermächtig sein, den Unterschied zwischen Wesentlichem und Zeitbedingtem nicht zu sehen oder gar nicht sehen zu wollen. Dabei bietet uns die Kirchengeschichte eine Überfülle von Beispielen dafür, wie notwendig eine solche Unterscheidung ist und wie verhängnisvoll die Konsequenzen sein können, wenn man deren Notwendigkeit nicht begreift.

Glaubwürdige Persönlichkeit

Gewiss ist dies auch eine rechtliche und strukturelle Angelegenheit. Vor allem aber ist es eine Frage nach der persönlichen Einstellung und dem mitmenschlichen Umgangs. Im Kern lebt die Antwort auf diese Frage für Christen aus unserem Glauben, in Bezug auf die konkreten Ideale und Leitbildern jedoch aus dem, was wir in unserer Zeit und Umwelt erfahren. Auch wenn unsere westliche Gesellschaft keine homogene Größe ist, so entfalten doch ihre Ideale der Freiheit, der Gleichheit und der Geschwisterlichkeit eine prägende Wirkung. Das gilt in besonderem Maße für Inhaber öffentlicher Ämter, weil von ihnen ein gutes Beispiel erwartet wird. Im allgemeinen Verständnis ist der Bischof eine solche öffentliche Führungspersönlichkeit. Was ihn von diesen unterscheidet, ist, dass man in ihm – innerkirchlich wie außerkirchlich - vor allem den Seelsorger, den Prediger und den Theologen sieht. Das bedeutet nicht, ein Bischof müsse in diesen drei Rollen mit Spitzenleistungen glänzen. Auch andere öffentliche Führungspersönlichkeiten genügen ihren Anforderungen als Menschenkenner, Fachleute und Redner mit gleich hohem Niveau eher selten. Entscheidend ist vielmehr für diese wie für die Bischöfe, dass man ihnen das ehrliche Bemühen für ihre Sache abnimmt und sie für glaubwürdige Persönlichkeiten hält.

Vorsteher der Ortskirche und Mitverantwortlicher der Weltkirche

Eine Persönlichkeit steht zunächst einmal für sich selbst. Eine Führungspersönlichkeit steht zugleich für andere und für das Wohl der ihr anvertrauten Gemeinschaft. Die Geschichte kennt höchst unterschiedliche Arten von Führung. Auch das Amt eines katholischen Bischofs ist schon sehr unterschiedlich praktiziert worden, so als geistlicher Monarch und als päpstlicher Statthalter. Auch als weltlicher Fürst. Die Geschichte ist gewiss ein wertvolles Lehrbuch, doch manche Seiten zeigen, wie man es heute auf keinen Fall machen darf. Der katholische Bischof steht im Kreuzungspunkt zweier Verantwortungen: Der als Vorsteher seiner Ortskirche und der als Mitverantwortlicher der Weltkirche. In beiden Richtungen ist er als jemand gefordert, der zusammen mit anderen führt und entscheidet.

Überzeugend, gewinnend, bewegend, ermutigend

In einer dem Freiheitsgedanken zugewandten Gesellschaft kann niemand seinen Führungsanspruch allein auf Glaubenssätze und Rechtstitel gründen. Das gilt auch für Bischöfe, was immer die theologischen und kanonischen Argumente für ihre Amtsautorität sein mögen. Vielmehr muss der Bischof willens und in der Lage sein, Menschen dadurch zu führen, dass er sie überzeugt und gewinnt, bewegt und ermutigt. Dazu bedarf es vor allem einer verständlichen und verständnisvollen Kommunikation – nach innen wie nach außen. Gemeinsames Verstehen dessen, was richtig und notwendig ist, führt zur gemeinsamen Entscheidung und zum gemeinsamen Handeln. Wer das erreichen will, muss zugleich selbstbewusst und zugänglich sein. Die Gefahr jedes Amtes ist die Einsamkeit. Gewiss gibt es für jeden Amtsträger, nicht nur für Bischöfe, Situationen, in denen er vor seinem Gewissen Entscheidungen allein treffen und auch gegen Widerstand durchstehen muss. Ein Normalzustand kann das nicht sein, jedenfalls nicht innerhalb der Kirche.

Gesprächsbereit

Wer Entscheidungen trifft, sollte von Grundsätzen bestimmt sein. Ohne Grundsätze führt eine bequeme Straße rasch in den Abgrund des Opportunismus. Dennoch muss ein Bischof, wie jeder Amtsträger, stets bedenken, was seine Entscheidungen praktisch bewirken. Denn die Realität kann nur mit realistischen Mitteln verändert werden. Die gute Absicht allein bewirkt wenig bis nichts. Und taugt nicht einmal als Entschuldigung von Misslingen. Auch ein einsamer Entschluss, der zwingend sein kann, sollte am Ende eines Weges abwägender Gespräche stehen. Es ist wahr, dass Gespräche belasten können, weil sie sinnlos erscheinen. Doch nichts ist verheerender in dieser Gesellschaft und für die Kirche als die Unfähigkeit und der Unwillen zum Gespräch, sei es vertraulich oder öffentlich.

Lernen wollen und vertrauen

Eine alte Beschreibung für den Dienst eines Bischofs ist der eines Brückenbauers, eines Pontifex. Auch wenn die sprachgeschichtliche Herleitung umstritten ist, so trifft doch dieses Bild das Wesen des Bischofsamtes: Brücken zu bauen zwischen der Glaubensbotschaft und dem konkreten Leben der Menschen, zwischen Ortskirche und Weltkirche, zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen den Erfahrungen der Vergangenheit, den Herausforderungen der Gegenwart und den Chancen und Risiken der Zukunft. Dafür braucht der Bischof Offenheit und Festigkeit, Kreativität und Grundsatztreue, Mut und Augenmaß. Und wie jeder Amtsträger, der seiner Aufgabe über längere Zeit gerecht werden will, benötigt er nicht nur ein umfassendes und vielgestaltiges Wissen, sondern er muss auch fähig und bereit sein, dieses ständig zu erweitern und zu erneuern. Jedenfalls braucht er mehr, als ein Mensch allein aus sich heraus zu leisten vermag. Darum muss sich ein Bischof um seine Mitchristen und Mitmenschen bemühen, er muss Menschen mögen und mit ihnen können. Denn er ist auf ihr Vertrauen und auf ihren Rat angewiesen. Auch auf ihr kritisches und widersprechendes Wort. Ja, er muss von ihnen lernen wollen. Wer meint, ein Bischof könne auf den Rat anderer und auf das Vertrauen gewählter Gremien verzichten, weil ihn das geltende kirchliche Gesetzbuch dazu nicht verpflichte oder weil er vom Heiligen Geist persönlich berufen sei, ist auf dem Holzweg, wenn nicht sogar auf dem Weg in die Katastrophe. Denn die Zusage des Heiligen Geistes wirkt auch für den Bischof vor allem im geschwisterlichen Miteinander.

Im Dialog mit Eheleuten

Ein altes und gern verwendetes Bild für den Bischof ist das eines Vaters. Das ist gewiss ein schönes Bild, aber es kann auch gründlich missverstanden werden. Denn die meisten Menschen in einem Bistum sind lebenserfahrene, vielfältig gebildete, fachlich kompetente und berufstätige Erwachsene. Einige haben auch solide Kenntnisse in Theologie und Kirchengeschichte. Wer sie wie Söhne und Töchter behandelt, wird sich den Zugang zu ihnen eher verstellen als eröffnen. Auch ist zu bedenken, warum der erste Timotheusbrief (3, 1-7) fordert, dass der Bischof "ein guter Familienvater" sei: Weil er damit über die gleichen Einsichten und Erfahrungen verfügt wie die anderen Familienväter in der Gemeinde. Es ging Paulus also um "gleiche Augenhöhe". Wenn katholische Bischöfe heute aus guten Gründen ehelos leben, bedürfen sie in besonderem Maße des Austausches mit lebensklugen Eheleuten und Eltern. Denn deren Haltungen und Ansichten erschließen ihnen einen spannungsvollen und widersprüchlichen Teil unserer Wirklichkeit.

Das sind meine zwölfjährigen Erfahrungen als weltlicher Amtsträger. Mögen die meisten Bischöfe, die ich kenne, sie als Bestätigung dessen lesen, was sie tun und denken.

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Prof. Dr. Hans Joachim Meyer Mitglied des ZdK, ehemaliger Präsident

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