Salzkörner

Samstag, 15. September 2012

Bürgersinn

Editorial

Parteiabend einer Volkspartei im Rheinland. Auf Kreisebene hat der Vorstand die Mitglieder eingeladen. 80 Menschen im Saal. Auf dem Podium die Bundestags- und Landtagsabgeordneten, der Landrat. Konzentrierte Atmosphäre. Ein älterer Herr redet zu lang.

Es geht an diesem Abend um große und kleine Themen des öffentlichen Lebens: Schule, kindgerechte Erziehung, Finanzkrise, Steuern, Schutz von Ehe- und Familie, Europa, soziale Marktwirtschaft, Inklusion, islamischen Religionsunterricht, um das Verhältnis von Bund, Land und Kommune. Viel Detailwissen, manches Biographische. Der ältere Herr, der jetzt spricht, redet zu lang.

Doch jenseits der konkreten politischen Themen geht es auch um Tiefgründiges, um Gerechtigkeit, um Gemeinsinn und Ehrlichkeit, um die Menschenrechte und – ja auch wenn nun ein älterer Herr an der Reihe ist, der viel zu lange redet –, um Glaubwürdigkeit und Verantwortung. Und wenn ich das Unprofessionelle an einem solchen Abend übergehe, das Nervende und das Besserwisserische, dann beeindrucken mich das Verantwortungsbewusstsein dieser Menschen, ihr Einsatz für das Gemeinwohl, ihre Nähe zu den Nachbarn. Sie, die sie dem Gemeinderat oder örtlichen Vorstand angehören, fühlen sich als "Mittler" zwischen den großen Politikern und "dem Mann und der Frau auf der Straße". Sie ärgern sich über Fehler der Parteiführung und artikulieren das deutlich. Aber ihr Wunsch, begründet und verantwortlich vor Ort zu handeln, ist größer als ihr Ärger. Da ist ein ungebrochenes Interesse für die großen Themen dieser Welt. Da will man wertbezogen bewahren, verändern und gestalten.

Gegen Ende spricht die einzige Frau, eine ältere Dame, und sie redet zu lang. Aber sie, wie alle anderen, nötigen mir Respekt ab: Respekt vor so viel Bürgersinn.

 

 

 

Autor: Stefan Vesper

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