Salzkörner

Mittwoch, 24. April 2013

Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland

Meilenstein in der Entwicklung unserer Hospiz- und Palliativversorgung

Ein Schwerpunkt der Beratungen der ZdK-Vollversammlung am 26. April in Münster ist das Thema "Leben bis zuletzt – Sterben in Würde". Ausdrücklich sollen damit auch die Ziele der "Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland" unterstützt werden.


Hintergründe, Ziele und Arbeitsweise im Charta-Prozess


Entstanden ist die Initiative für dieses nationale Projekt vor dem Hintergrund einer internationalen Vereinbarung, die als die so genannten "Budapest Commitments" auf dem 10. Kongress der European Association for Palliative Care (EAPC) 2007 getroffen wurde. Mit dem Ziel, die Betreuung Schwerstkranker und Sterbender zu verbessern, wurden fünf Bereiche weltweit fokussiert und in ihrer Entwicklung als förderungswürdig eingestuft: Aus-/Fort- und Weiterbildung, Forschung, Politik, Qualitätsmanagement, allgemeine Zugänglichkeit der Versorgung mit Arzneimitteln. Inzwischen beteiligen sich Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Griechenland, Großbritannien, Irland, Israel, Italien, Kroatien, Litauen, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Rumänien, Schweden, Schweiz, Spanien, Tschechien und Ungarn an diesem Prozess. Der EAPC-Kongress in Wien im Mai 2009 zeigte eindrucksvoll das weltweite Interesse am Ausbau der Initiative und an internationaler Kooperation. Beim EAPC-Kongress in Prag im Mai 2013 wird über die Umsetzungserfolge in den einzelnen Ländern berichtet werden.

Die Entwicklung der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland nahm am 3. September 2008 mit einer Auftaktveranstaltung in der Katholischen Akademie in Berlin, zu der die drei Initiatoren – der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV), die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) und die Bundesärztekammer (BÄK) – zahlreiche Fachleute aus Landes- und Bundespolitik, Wissenschaft und Forschung, Haupt- und Ehrenamt in der Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen, Kostenträger, Wohlfahrtsverbände und viele mehr eingeladen hatten, ihren Anfang.
Mit dem Charta-Prozess wurde ein bundesweiter, die Bundes-, Landes- und kommunale Ebene und die verschiedenen gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Sektoren übergreifender Diskussionsprozess in Gang gesetzt. Das zentrale Entscheidungsgremium des Charta-Prozesses ist der Runde Tisch der sich aus Vertretern von rund 50 Organisationen und Institutionen, die in diesem Bereich gesellschaftliche und gesundheitspolitische Verantwortung tragen, zusammensetzt.  


Die Ziele der Charta


Die Ziele der Charta sind dabei die Förderung des internen Dialogs aller gesellschaftlich und gesundheitspolitisch relevanten Gruppen, die Förderung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema, Verankerung im öffentlichen Bewusstsein, Orientierung und Perspektiven für die weitere Entwicklung der Palliativ- und Hospizversorgung in Deutschland aufzuzeigen, Grundlagen für politische Weichenstellung und Realisierung zu legen, die Beteiligung am internationalen Prozess (Budapest Commitments).

Die Auseinandersetzung mit den existenziellen Phänomenen Sterben, Tod und Trauer ist vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung chronisch unheilbarer Erkrankungen, des demografischen Wandels sowie sich ändernder gesellschaftlicher Strukturen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Der Charta-Prozess soll dazu beitragen, diese Aufgabe im öffentlichen Bewusstsein präsent zu machen, zu verankern und zugleich Perspektiven für die Entwicklung in der Zukunft aufzuzeigen.

Dieses inhaltliche Ziel erfordert eine klare Struktur
des Charta-Prozesses, die zusammengefasst lautet:
Ist-Soll-Commitment. Auf Grundlage einer Ausgangssituation (Ist) – beispielsweise bezüglich der Ausbildung der entsprechenden Berufsgruppen – wurde eine Bestandsaufnahme vorgenommen und nachfolgend Ziele und Forderungen (Soll) hinsichtlich notwendiger Änderungen beispielsweise in den Versorgungsstrukturen formuliert.


Arbeitsweise


Am Prozess beteiligten sich zwischen 2008 und 2010 im Rahmen von fünf Arbeitsgruppen 150 Experten, überwiegend benannt von rund 50 gesellschaftlich und gesundheitspolitisch relevanten Institutionen. Ihre Aufgabe war es, eine Bestandsaufnahme zur derzeitigen Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland vorzulegen, daraus Ziele, Strategien, Forderungen abzuleiten und abschließend Ansätze/Pläne zur Umsetzung und Realisierung zu entwickeln, die zukünftig nicht nur für die beteiligten Institutionen handlungsleitend sein könnten.

In fünf Arbeitsgruppen wurden Leitsätze zu folgende Schwerpunkten entwickelt: Gesellschaftspolitische Fragen – Ethik, Recht, Öffentliche Kommunikation, Bedürfnisse der Betroffenen – Anforderungen an die Versorgungsstrukturen, Anforderungen an die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter – Aus-, Weiter- und Fortbildung, Entwicklungsperspektiven und Forschung – Internationale Dimension.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden am Runden Tisch von ihren Sprechern vorgestellt und durch die beteiligten Institutionen konsentiert. Konsens bedeutete dabei, dass alle Entscheidungen und Vereinbarungen einvernehmlich getroffen wurden. Die Verabschiedung einer entsprechend konsentierten Charta verbindet sich mit der Selbstverpflichtung der Beteiligten, die Ergebnisse auch umzusetzen. Vor diesem Hintergrund hatte der Runde Tisch in der ersten Projektphase (2008 – 2010) als Konsensusgremium im Charta-Prozess für die Ausgestaltung des Prozesses, die Einrichtung und Strukturierung der Arbeitsgruppen sowie die Konsentierung der vorgelegten Ergebnisse eine zentrale Bedeutung. Auch in der zweiten Projektphase (2011 – 2013), in der die Verbreitung der Charta, die Umsetzung der Charta-Leitsätze in Form von Projekten sowie die Weiterentwicklung der Charta zu einer Nationalen Strategie im Mittelpunkt stehen, hatte der Runde Tisch die Funktion der zentralen Entscheidungsinstanz.

Für einen solchen Konsensusprozess stellte nicht nur die Komplexität des Themas eine besondere Herausforderung dar, sondern auch die föderalen Strukturen in Deutschland mit den unterschiedlich verteilten Aufgaben und Kompetenzen von Politik und handelnden Personen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene sowie das gegliederte Gesundheitssystem mit der in hohem Maße auf die Selbstverwaltungskörperschaften übertragenen Verantwortung hatten hierfür besondere Bedeutung.


Die Umsetzung der Charta – Konkretisierung in der Praxis


Im Herbst 2010 konnte die "Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland" der Öffentlichkeit vorgestellt werden. In der sich anschließenden Umsetzungsphase geht es nun darum, sich den erarbeiteten Zielen durch entsprechende Maßnahmen Schritt für Schritt zu nähern und für eine breite öffentliche Unterstützung der Charta durch ihre Unterzeichnung zu werben und die Weiterentwicklung der Charta hin zu einer "Nationalen Strategie" voranzutreiben. So haben bereits einzelne Bundesländer, zahlreiche Trägerorganisationen, Persönlichkeiten aus Politik und Verwaltung, aber auch in der Hospiz- und Palliativversorgung haupt- oder ehrenamtlich Tätige die Charta unterzeichnet und damit ihre Selbstverpflichtung zur Mithilfe bei der Verwirklichung ihrer Ziele dokumentiert. Im März 2013 haben 609 Institutionen sowie 2140 Einzelpersonen die Charta unterzeichnet.

Jüngst unterzeichneten das Katholische Altenwerk und der Familienbund der Katholiken im Bistum Aachen die Charta. Der Diözesanfamilienrat des Familienbundes der Katholiken macht dabei deutlich, dass gerade Familien eine Hauptlast bei der Pflege Schwerstkranker tragen und besonderen Beistand in der Sterbephase brauchen.

Das Katholische Altenwerk wird deshalb im Oktober dieses Jahres eine Fachtagung zur Charta durchführen und will so dazu beitragen, dass die Charta von einer Absichtserklärung in kirchlichen wie in gesellschaftlichen Bereichen zu Projekten weiterentwickelt wird, welche die Hospiz- und Palliativversorgung sowie die Sterbebegleitung in Deutschland verbessern.


http://www.charta-zur-betreuung-sterbender.de/

 

Autor: Dr. Erich Rösch, Geschäftsführer des Bayerischen Hospiz- und Palliativverbandes

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